Viele sehen ja bis zum heutigen Tag dieses Gleichnis von Jesus so an, als wenn es sich um eine moralische Lesebuchgeschichte handeln würde. Dem aber hat der Berichterstatter Lukas vorgebeugt. Er hat dieses Gleichnis dort in seinen fortlaufenden Bericht eingeklinkt, wo von Jesus das Stichwort gefallen war – sogar gleich zweimal: „Gott wird Recht schaffen“. Dort heißt es: „Jesus sprach: Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze“ (Luk. 18,7+8).
Das also wollte Jesus „ein für allemal geklärt“ haben: So ist das, wenn Gott Recht schafft! Deshalb hat Jesus auch das ungewöhnliche, von uns so gar nicht erwartete Stichwort „gerechtfertigt“ benützt. „Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener!“
1. Atem anhalten!
Denn die Sache mit der Gerechtigkeit ist doch ein Menschheitsthema. Heute sieht sich die Christenheit weltweit dazu gerufen, sich für gerechte Verhältnisse ebenso zu verkämpfen wie für „Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ oder den „Klimaschutz“. Es ist jedoch schwer, für solche Gerechtigkeit zu sorgen, mit der alle einverstanden sein können. Jede Erbschaftsgeschichte ist ein Beispiel dafür. Schon die alten Römer waren skeptisch, ob man es wirklich allen recht machen kann.
Die Bibel reißt uns aber noch einmal einen ganz anderen Horizont auf. „Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?“ (Hiob 4,17) Der Psalmbeter ruft: „Geh nicht ins Gericht mit mir; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht“ (Ps. 143,2). Am erschreckendsten hat es der Prophet Nahum ausgedrückt: „Vor Gott ist niemand unschuldig, wer kann vor ihm bestehen?“ (Nah. 1,3f)
Wie kann ich denn vor Gott bestehen? Das müsste die eigentliche Menschheitsfrage sein, wenn es um „Gerechtigkeit“ geht. Eigentlich müsste die ganze Welt den Atem anhalten, dass Jesus uns dies hier „ein für allemal“ mitgeteilt hat: Sogar der in Schuld und Gemeinheit verstrickte Mensch konnte „gerechtfertigt“ heimkommen in sein Haus. „Gerechtfertigt“ konnte er von der Gegenwart Gottes im Tempel, zurückkommen.
Wenn überhaupt etwas „Evangelium“ sein soll – also „gute Nachricht“, eine „begeisternde Sondermeldung“ -, dann doch dies: Gott kann und will Sünder gerecht machen (vgl. Röm. 3,23.24)! Das ist doch nicht zu fassen! In unsere menschlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit würde gerade noch hineinpassen, dass dieser Tunichtgut auf Bewährung hätte freikommen können. Da hätte Gott schon seine grenzenlose Güte erweisen können und alle Augen zudrücken müssen, den Kerl so ohne Bestrafung einfach laufen zu lassen. Aber „gerechtfertigt“ werden, als makellos bestätigt, mit dem unwiderruflichen Urteil „Freispruch“ ausgestattet? Sollte das Jesus wirklich gemeint haben?
Ja. Weil es so schwer in unseren Kopf hineingehen will, hat Jesus nicht verklausuliert eine dogmatische Aussage gelehrt. Sondern er hat eine anschauliche Geschichte erzählt. Damit wir jedoch dieses Gleichnis nicht als Story mit Unterhaltungswert missverstehen, hat sich der Apostel Paulus zum Spezial-Erinnerer in dieser Sache machen lassen: Gott schafft Recht! Gott macht Sünder gerecht! „Da wir nun durch den Glauben gerechtfertigt sind, haben wir Frieden mit Gott.“ (Röm. 5,1f) Denn er hat begriffen, worauf Jesus mit seinem „Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner“ hinaus wollte.
Jesus wollte doch mit solchen Sätzen nicht die Schraube noch mehr anziehen. Menschen sollten doch nicht den Eindruck haben, sie müssten sich noch mehr mühen, um noch heiliger, noch vollkommener, noch ernsthafter, noch gottähnlicher zu werden. Jesus wollte nicht noch mehr Druck machen, als die Pharisäer ohnehin machten. Er wollte auch nicht, wie das oft geschehen ist, die Pharisäer verdammen.
Vielmehr klang es traurig, als Jesus sagte: Nicht der Pharisäer, „nicht jener“ ging gerechtfertigt weg. Er blieb ein Knecht Gottes, der sich abrackerte mit Selbstzucht und Nächstenliebe – und hoffte, Gott werde ihn einmal wegen seiner Treue annehmen. Der Sünder jedoch, der an den gnädigen Gott appelliert hatte, der war „rechtmäßig“ angenommen, gerechtfertigt, mit einem ewig „okay“.
„Ein für allemal geklärt“: Jetzt tritt mit Jesus das in Kraft, was die Propheten Gottes seit langer Zeit als das eigentliche Wunder angekündigt haben: Gott selbst wird für Gerechtigkeit sorgen bei uns Menschen, die es doch nie zur Vollkommenheit vor Gott bringen können. „Ihre Gerechtigkeit kommt von mir, spricht der Herr“ (Jes. 54, 17).
Für Leute, die wie die Unreinen sind und deren Gerechtigkeit wie ein beflecktes Kleid ist (vgl. Jes. 64, 5), hat Gott seinen Knecht vorgesehen, der „den Vielen Gerechtigkeit schaffen wird; denn er trägt ihre Sünden“ (Jes. 53,11). „Gerechtigkeit“ wird man „im Herrn“ haben können (vgl. Jes. 45, 24). „Dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Der Herr – unsere Gerechtigkeit“ (Jer. 23,6). „Schuld wird gesühnt, und es wird eine ewige Gerechtigkeit gebracht werden“, so lesen wir als Ankündigung voll großer Erwartung beim Propheten Daniel (Dan. 9,18).
All dies ist jetzt „in Kraft“! Jetzt wird „gerechtfertigt“! Der Apostel Paulus hat daran erinnert, dass es schon beim Erzvater Abraham so war: „Er glaubte Gott, und das rechnete ihm Gott zur Gerechtigkeit“ (vgl. 1. M. 15,6, Rö. 4,3-5). Gott ist gerecht und er macht gerecht (vgl. Rö. 3,26) – nämlich er macht die gerecht, die an Jesus glauben (vgl. Apg 13,39; Rö. 3,26). Eigentlich müsste darüber die ganze Welt den Atem anhalten.
2. Weiter atmen!
Die alten Römer pflegten zu sagen: Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Man kann dies an unserm heutigen Evangelium sehen. Da tun auch zwei Menschen am Anfang des Evangeliums ein und dasselbe, und zwischen ihrem Tun ist doch ein himmelweiter Unterschied, wie der Schluss des Evangeliums sagt. Der Zöllner geht hinauf in den Tempel und der Pharisäer geht hinauf; der Zöllner betet und der Pharisäer betet; der Zöllner geht mit leichtem Herzen nach Hause und der Pharisäer auch; und doch welch’ ein Unterschied stellt sich heraus zwischen den beiden: Der Eine ging gerechtfertigt in sein Haus, der Andere ungerechtfertigt; des Einen Gebet hatte Gott mit Freuden gehört und schaute ihn an mit dem Auge seiner Gnade, den Andern wollte er nicht hören und wandte sein Angesicht von ihm; und wenn der Pharisäer, bei seiner Meinung geblieben ist, dann ist er ungerechtfertigt aus dem Tempel in sein Haus gegangen und ungerechtfertigt aus seinem Hause in das Grab und ungerechtfertigt aus dem Grabe in die Hölle gefahren.
„Gerechtfertigt vor Gott“ – das heißt: Gottes Verhältnis zu uns ist juristisch. Wir stehen vor dem allmächtigen Gott in der Rolle des Angeklagten. Und Er ist der Richter. Nicht erst am Jüngsten Tag! Heute schon! Und wir können erst dann aufatmen, wenn der Richter uns frei und gerecht spricht. Dann sind wir „gerechtfertigt“ und im Frieden mit Gott.
Wie wollen das Gleichnis versuchen zu verstehen. Den Pharisäer braucht man nicht in Jerusalem zu suchen, sondern jeder von uns trägt ihn in seiner Brust. Obwohl die Pharisäer, die in Jerusalem so stolz einhergingen in ihren langen Gewändern und den breiten Säumen, auf welchen die zehn Gebote geschrieben waren, längst nicht mehr da sind, so gibt es sie heute in allen möglichen Varianten. Pharisäer gibt es genug in den Städten und den Dörfern, die ihnen heute in allen Stücken auf’s Haar ähnlich sehen.
Ein Pharisäer, was ist das? Die Pharisäer spielen eine große Rolle in den Evangelien. Sie kommen darum in den Evangelien so oft vor, weil sie im Leben so oft vorkommen. Und doch fällt es uns schwer, einen Pharisäer zu finden. Wie kommt das? Wir sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht, oder richtiger: Wir sehen vor lauter Wald die Bäume nicht.
Wir teilen die Menschen nach ihrem Verhalten gewöhnlich in gute und böse ein. Aber von dieser Einteilung weiß Gott und sein Wort nichts. Vor Gottes Angesicht sind sie alle böse, denn sie sind alle Sünder. Gott teilt uns ein in Sünder, nämlich in Pharisäer und Zöllner; oder in selbstgerechte – und bußfertige Sünder; oder in Sünder, welche der Buße nicht bedürfen – und Sünder, welche in der Buße stehen und nach Vergebung oder Gnade verlangen.
Diese zwei Klassen von Menschen malt uns Jesus heute vor Augen. Der Pharisäer und der Zöllner repräsentieren also die ganze Menschheit. Jeder Mensch ist entweder ein Pharisäer, oder ein Zöllner, oder beides zugleich.
3. Durchatmen!
Jesus versucht mit dem Gleichnis den Menschen zu verdeutlichen, dass mit seinem Kommen etwas Neues angebrochen ist. Mit traurigem Herzen hat Jesus feststellen müssen, dass kaum ein Mensch dankbar dafür war, als Sünder von Gott gerecht gemacht zu werden.
Jesus musste eine Geschichte präsentieren, wenn er anschaulich machen wollte: Darum geht es mir doch eigentlich! Ich bin doch der schon lange angekündigte Knecht Gottes, der Gerechte, der den Vielen Gerechtigkeit schafft (vgl. Jes. 53,11).
Wehmut muss Jesus erfüllt haben, als er jenen Pharisäer schilderte. Er hat ihn ja nicht karikiert. Was sucht der Pharisäer droben im Tempel? Was er überall suchte und fand: sich selbst und den Ruhm seiner Frömmigkeit. „Er stellte sich hin,“ wie es im Grundtext heißt, zuversichtlich, mit erhobenem Haupt, wie einer, der sich hier zu Hause fühlt, aber nicht wie ein Kind, sondern wie der Herr im Hause.
Der Pharisäer stand. Er beugte nicht sein Herz, er beugte nicht seine Knie – wozu hätte er auch dies nötig gehabt? — Er tat, seiner Meinung nach, dem Gotteshaus noch eine Ehre an, dass er kam. Wer ihn sah, musste genau so denken, und es ihm noch danken, dass er den Gottesdienst nicht verschmähte. Es gibt Pharisäer, die kommen in den Tempel, um sich einen Verdienst daraus zu machen und um es sich hoch anrechnen zu lassen.
Ja, er stand und betete bei sich selbst. Laut wollte er nicht beten. Die Leute sollten nicht wissen, dass auch er etwas zu beten hat, ohne die Lippen zu bewegen, ohne das Haupt zu neigen, ohne die Hände zu falten. Und was betete er denn? Er betete gerade so, wie es zu seinem äußeren Ansehen passte: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie andre Leute.“ Er preist nicht Gottes Wohltat, sondern seine eigene Guttat. Er hat nicht Gott zu loben, sondern sich selbst.
Was er spricht, klingt wie ein Dankgebet, aber es ist doch im Grunde nichts als ein „Selbstgespräch,“ ein Glückwunsch, an die eigene Adresse gerichtet. Wohl scheint es, als wolle er seinem Gott die Ehre dafür geben, dass er ihn behütet und bewahrt vor Sünde und Schuld. Das Gebet des Pharisäers ist scheinbar ein Dank an Gott, aber wenn du näher hinsiehst, so ist das kein Dank. Man dankt Gott durch Bitten; wer Gott wahrhaft danken will, der muss kommen, seine Hände auftun und von ihm begehren. Wer aber nichts begehrt, der dankt auch nicht. So ist es hier bei dem Pharisäer. Hörst du ihn nicht: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute – ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von Allem, was ich habe.“ Fünfmal ‚Ich‘, einmal Gott!
Was für ein reicher Mann, der nichts mehr zu bitten hat, was für ein armer Gott, der ihm scheinbar nichts zu geben hat. Ja, Gott müsste sich eigentlich bei dem lieben Pharisäer noch bedanken, dass er einen so frommen und vortrefflichen Verehrer an ihm besitzt. Schau, er dankt dafür, dass er nicht ist „wie andere Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner“, dass er von keiner Übertretung des Gesetzes weiß, sondern: Ich faste zweimal in der Woche (nur 1 x gefordert) und gebe den Zehnten von allem, was ich habe (wo der 10. nur von Feldfrüchten geboten war). Also, er hat noch mehr geleistet, als das Gesetz forderte. Gewiss, was wir da vom Pharisäer hören, ist ja aller Ehren wert, man müsste ihm noch einen Orden obendrauf anhängen.
Sein Schluss lautet: „Ich habe noch Überschuss, ich habe von Gott noch herauszubekommen; und wenn noch einmal zehn Gebote wären, ich hätte sie doch alle gehalten.“
Aber das ist das Widerwärtige an diesem Manne, seine Selbstvermessenheit, dass er vor Gott steht und es wagt, ohne zu erröten, seine paar armseligen Tugenden in einen Strauß zusammenzubinden und ihn dem Heiligen vorzuhalten, dass er sich an ihrem Duft erquicke. Vor Gott ist doch all unser Tun nur armes Stückwerk, all unsre Gerechtigkeit nur ein dreckiges Kleid. Er steht vor Gott, und anstatt sich zu messen an dem Heiligen Israels, misst er sich an dem unheiligen Bruder nebenan: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute, oder auch wie dieser Zöllner.“
In dem Augenblick, wo er sich rühmt, kein Räuber oder Mörder zu sein, raubt er dem Nächsten seine Würde, tötet er durch lieblose Verachtung und Hochmut die Seele des Bruders. „Er rechtfertigt sich selbst,“ das heißt: Er nimmt dem ewigen Gott sein Richter-Amt aus den Händen, Ihm, der allein „schuldig“ aber auch freisprechen, verdammen und begnadigen kann.
Das waren seine Fehler, die wir ihm nicht nachmachen wollen: sein geistlicher Hochmut, der seine eigene Sündhaftigkeit nicht kennt, der seinen Bruder neben ihm nicht achtet und der eigentlich Gott nicht braucht und ihn zum Bittsteller degradiert.
„Was sind wir, o Herr, vor dir, dass wir verdammen sollten?“ Das ist es, was Gott uns klarmachen kann, die seine Gegenwart suchen. „Wir liegen (betend) vor dir und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine Barmherzigkeit“, so hatte Daniel gebetet (Daniel 9,18).
4. Aufatmen!
Was für eine Bilanz! Der Pharisäer, wie Jesus ihn uns geschildert hat, meinte, keinen Gott zu brauchen, der ihn gerecht macht. Er hielt sich selbst für gerecht. Und den Zöllner, der Gottes Gnade suchte. Er war ein Mensch, der sich ‚vor Gott’ entdecken ließ, wie es eigentlich um ihn stand. Der hat nicht die Lebensumstände angeklagt, in die er hineingeboren worden ist. Er hat auch nicht Verführer und schlechte Freunde mitverantwortlich gemacht für seine falschen Wege. Mit keinem Wort hat er versucht, sich vor Gott zu „rechtfertigen“.
Ihm war nur noch dies eine bewusst: Eigentlich habe ich absolut kein Recht, vor Gott zu erscheinen. Deshalb blieb er im weiten Tempelbezirk vor Scham und Scheu bewusst „außen vor“ („er stand ferne“). Vielleicht in einem Winkel des Tempels, „dicht an der Kirchtür,“ würden wir sagen; wollte auch seine Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust! Er traute sich nicht, nach Gott die Hände auszustrecken, ja nicht einmal, die Augen zum Himmel zu erheben („aufzuschlagen“).
Was soll sein Tun bedeuten, was sucht er im Heiligtum? Ach, nicht sich selbst. Nein, sich will er entfliehen. Zu Hause, wo er beten könnte, umringen ihn seine Sünden. Da steht der Zolltisch, der sagt ihm: Betrüger! Da liegt das Zollbuch, das schilt ihn: Fälscher! Da ist der Geldschrank mit den erpressten Hellern und den Tränen der Witwen und Waisen. Das ruft ihm zu: Menschenschinder! – Das lässt ihm keine Ruh. Er muss weg, raus aus seinen vier Wänden, die ihn einengen, hinauf zu dem Gott, an dem er gesündigt hat. Der soll ihn heilen.
Aber, als er nun zum Tempel kommt, ach, da fällt’s ihm zuerst doppelt schwer auf die Seele – von fern steht er – er fühlt: Du hast kein Recht, dich deinem Gott zu nahen; wie ein Angeklagter vor dem Richter wagt er den Blick nicht aufzuheben; vor der Heiligkeit Gottes verstummt er, den Glanz kann er nicht ertragen, sein Auge fängt an zu tränen und die Hand fährt an die Brust. Damit zeigt er an, wo es ihn drückt, wo er gefehlt hat. Seine Lippen öffnen sich zu dem Stoßseufzer aus tiefstem Herzen und er stammelt nur noch diese eine Gebetsbitte: Gott sei mir Sünder gnädig!
„Mir Sünder,“ so spricht er. Ach, ihm vergeht alles Vergleichen mit andern Menschen, die etwa noch schlechter waren, als er selbst. Er hätte doch gewiss auch manches sagen können zu seiner Entschuldigung, hätte bei sich selbst sprechen können: „Wenn mein Vater nicht ein Zöllner gewesen, dann wäre ich’s auch nicht; hätte ich eine bessere Erziehung bekommen, so wäre ich auch ein Anderer geworden. Schließlich habe ich doch auch manches Gute getan, manche Witwe errettet, manche Schuld erlassen“ (Luk. 16,1ff), aber nichts von alledem, statt dessen nur das eine große Bekenntnis: „Mir – Sünder“ oder, wie es im Griechischen lautet: mir, dem Sünder!
Wie der Pharisäer sich selbst als den einzig Gerechten hinstellt gegenüber all den Ungerechten, so stellt sich hier der Zöllner mit seinem: „Mir, dem Sünder,“ als den einzigen Sünder hin, gegenüber der großen Zahl von Gerechten. Auch er naht seinem Gott nicht mit leeren Händen. Aber er bringt ihm nicht wie der Pharisäer das, was er hat, sondern das, was er nicht hat; nicht seinen Reichtum, sondern seine Armut bringt er. Er kommt ins Heiligtum um zu opfern, das Opfer eines gebrochenen und zerschlagenen Herzens.
Ist das auch mir möglich, dem standzuhalten und dann gerade deshalb das Größte zu erbitten: „Gott, rechtmäßig bin ich verloren! Aber gewähre mir deine Gnade, deine rettende Gnade!“
Jetzt dringt aus der Tiefe des Zöllnerherzens der Ruf: Gerichtet! Aber aus dem Herzen Gottes: Gerettet! Wer so Gott anflehen kann, der wird auch bis in die Ewigkeit hinein erfahren: „Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden!“ Jesus hat dies ein für allemal geklärt.
Wer war der Gnade und dem Herzen Gottes näher, Pharisäer oder Zöllner? Ich denke, ich brauche die Frage nicht mehr zu beantworten. Aber eines meine ich: Wenn es nun heißt: „Er ging gerechtfertigt hinab“ – wurde er getragen von der Vergebung seines Gottes, dem Frieden im Herzen, um sein Haupt den Sonnenschein göttlicher Erbarmung, auf der Stirn den Glanz der Ewigkeit, der ihn angeleuchtet hat im Heiligtum. Er hat den Seinen, als er in sein Haus kam, den Eindruck gegeben: „Dieser hat mit Gott geredet.“
Der Herr Jesus hat den Zöllner gelobt, weil der Zöllner den rechten Weg zur Rechtfertigung fand. Wie denn? Er breitete die Wahrheit aus vor Gott: „Ich bin ein Sünder.“ Und dann betete er: „Sei mir gnädig!“ Es ist „Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut.“ Der Dichter Woltersdorf singt: „Wer Sünde tut und liebet / Der ist des Teufels Knecht / Wen seine Schuld betrübet / Der ist vor Gott gerecht. / Wer sich beim Richter selbst verklagt / Der wird von seinen Schulden / Auf ewig losgesagt.“
Als der große englische Staatsmann Winston Churchill beerdigt wurde, hat es mich beeindruckt, dass es da gemäß der anglikanischen Bestattungsliturgie hieß: „Allmächtiger Gott und Herr, nun kommt vor dich der arme Sünder Winston Churchill!“ Da war nichts mehr von den großen Verdiensten seines Lebens zu hören, sondern nur dies, dass auch er die Gnade des Gottes braucht, der Menschen erhöht, die sich selbst erniedrigen können.
Jesus hat diese Sache überaus anschaulich ein für allemal geklärt. Darauf kann man bauen.
Amen.
Prädikant Thomas Karker, Stadtwerder Bremen 18.6.26