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Der rechte Glaube im Visier

Kirche: Konservative Christen geraten zunehmend unter Druck / Eine Gruppe von Protestanten wehrt sich nun

Darum ist ein rechter Glaube an Christus ein ganz überschwänglicher Reichtum“, wusste Martin Luther 1520 in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zu verkündigen. Es war nicht weniger als der „rechte“, also richtige Glaube, für den der Reformator vor 500 Jahren im Kampf mit der römischen Kirche stritt.

An dieses Begriffsverständnis dachte der evangelische Theologe Jan Christian Pinckh von der Universität Paderborn allerdings wohl kaum, als er jüngst seine Dissertation zum Thema „Rechter Glaube“ veröffentlichte. Denn Pinckh fragt unter diesem Schlagwort nicht etwa, was im Sinne Luthers der richtige Glaube sei, sondern warnt vor „gefährlichen Schnittmengen (rechts-)konservativer Christ*innen“ aus dem protestantischen Milieu „mit der politischen Rechten“ – „rechter Glaube“ also als falscher, gar gefährlicher oder antidemokratischer Glaube.

Mit dem Thema liegt Pinckh voll im Trend: Seit einigen Jahren geraten „rechte“ Christen in Deutschland zunehmend ins Fadenkreuz. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo im Land eine Veranstaltung zu Themen wie „christlicher Nationalismus“ oder „Christentum und Rechtsextremismus“ stattfindet. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk strahlt Dokumentationen aus, ob über den „Kreuzzug von Rechts“ (ARD) oder „christliche Influencer mit rechter Agenda“ (ZDF). Ende Mai thematisierten die Grünen „mögliche Verbindungen zwischen christlichem Fundamentalismus und Rechtsextremismus“ sogar per Anfrage im Bundestag – nicht ohne konkrete Personen an den Pranger zu stellen, etwa den Youtuber Leonard Jäger oder den freikirchlichen Pastor Tobias Riemenschneider.

Im Zentrum der Kritik stehen dann nicht etwa Rechtsextreme, die das Christentum für ihre Agenda missbrauchen würden, sondern Gläubige, die an den alten Bekenntnissen und der Bibel festhalten. Der Grund für die Entwicklung liegt auf der Hand: Konservative Christen teilen viele Ansichten, die der politischen Linken ein Dorn im Auge sind. Das fängt bei dem Verständnis an, dass das Individuum nicht frei, sondern an objektive, höhere Normen gebunden sei, und prägt sich dann im Konkreten aus, etwa in einem konservativen Familienbild oder einer Gegnerschaft zur vorgeburtlichen Kindstötung.

Angesichts des Aufstiegs der AfD und der zumindest scheinbar möglichen Renaissance konservativer Werte gelten Christen daher nun als Teil der vermeintlich zunehmenden „rechten“ Gefahr – selbst wenn die Motivation hinter den Positionen rechter Politiker und den glaubensbezogenen Positionen von Christen völlig unterschiedlich sein können; ein konservativer Christ noch lange kein AfD-Wähler sein muss, er Inhalte sowie Auftreten der Partei sogar gerade aus konservativ-christlicher Perspektive kritisieren kann. So gibt es denn auch unter den von links attakkierten Gläubigen solche, die auf eine Kooperation mit der AfD setzen (so Pastor Riemenschneider, der von den Grünen attackiert wird) und solche, die nicht minder christlich-konservativ sind, aber eine derartige Kooperation ablehnen (so der „Bibelbund“, den die Dissertation Pinckhs an den Pranger stellt).

Bemerkenswert ist, dass die Amtskirchen im Kampf gegen rechte Christen ganz vorne mitmischen. So organisiert sich unter dem Dach der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ein „Team Demokratie und Frieden“, das „Betroffenen“ unter anderem Beratung zu „rechter Religiosität“ anbietet. Bereits 2010 entstand die „Initiative Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus Niedersachsen“. Diese vertreibt eine „Arbeitshilfe“ mit „Materialien zum Thema Rechtsextremismus und Rechtspopulismus für die Arbeit in Kirchengemeinden“. Darin wird Gemeinden nicht nur empfohlen, sich an Bündnissen „gegen Rechtsextremismus“ zu beteiligen; ihnen werden auch Tips für den Umgang mit Rechten in den eigenen Reihen gegeben.

Pastor Stefan Felber, selbst landeskirchlich ordiniert, schüttelt darüber den Kopf. Im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT wirft der Leiter des 1992 gegründeten konservativ-protestantischen Gemeindehilfsbundes den Kirchenleitungen vor, „den von linken Medien bedrängten Glaubensgeschwistern in den Rücken zu fallen“. Als Beispiel nennt er den Bremer Pfarrer Olaf Latzel, den die Staatsanwaltschaft wegen kritischer Aussagen zu Homosexualität vor Gericht zerrte, worauf die Kirchenleitung eine Disziplinarstrafe gegen Latzel verhängte.

**Eine neue Erklärung geht in die Gegenoffensive**

Der Gemeindehilfsbund veröffentlichte jüngst eine zwanzigseitige Broschüre, die als Aufschlag zu einer konservativen Gegenwehr im kirchlichen „Kampf gegen Rechts“ verstanden werden kann. „Wir fordern dazu auf, mit dem Framing ‚rechts‘ gegenüber denen aufzuhören, die einen kulturellen Niedergang wahrnehmen“, heißt es darin. Und: „Es muß Schluß damit sein, bibeltreue Positionen in eine rechte Ecke zu schieben, wo diese doch am weitesten von totalitären Ideologien entfernt sind!“ Die Hannoversche Landeskirche, in deren Gebiet der Gemeindehilfsbund liegt, distanzierte sich noch am Tag der Veröffentlichung.

Wie kommen die Kirchenleitungen zu dieser Haltung? Sie sähen ihre Daseinsberechtigung immer mehr darin, zu gesellschaftlicher und persönlicher Harmonie beizutragen, erklärt Felber. „Aber wann haben unsere Kirchenpräsidenten und Bischöfe in den letzten 20 Jahren – gerade gegenüber Muslimen – Jesus Christus bekannt als Sohn Gottes und Sohn Davids, als Erlöser, als König und Herrn, dessen ‚kräftigen Anspruch auf unser ganzes Leben‘ wir laut der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 verkünden sollen?“

Dass konservative Christen mangelnde Verfassungstreue unterstellt wird, hält Felber für paradox. Schließlich sei doch gerade aus dem christlichen Glauben die freiheitliche Staatsordnung gewachsen. Der Pastor verweist auf Artikel 6 des Grundgesetzes: den Schutz von Ehe und Familie. Als dieser Passus geschrieben worden sei, habe Homosexualität noch unter Strafe gestanden. „Mit welchem Recht wird denjenigen, die Homosexualität nach wie vor als moralisch fragwürdig einstufen, mangelnde Verfassungstreue unterstellt? Im Grunde verwirft man damit die ethische Haltung der Nachkriegs- und Aufbaugeneration gleich mit.“

Die von Felber initiierte Broschüre gegen den kirchlichen „Kampf gegen Rechts“ haben mittlerweile mehr als 200 Personen, teilweise mit den hinter ihnen stehenden Gemeinden oder Bewegungen, unterzeichnet. Ob sich die Kirchenleitungen selbst noch einmal zum „rechten Glauben“ bekehren lassen? Felber macht nicht viel Hoffnung. Aber er sagt auch: „Die Zukunft weiß und bestimmt Gott.“

SANDRO SERAFIN, JUNGE FREIHEIT, Nr. 33/26 | 7. August 2026

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