Gemeindehilfsbund: Warnung vor der Zerstörung der Ortsgemeinden
Dienstag 30. Juni 2026 von idea e.V.

Der Vorsitzende des Gemeindehilfsbundes Stefan Felber hat beim Mitglieder- und Freundestreffen des Vereins die geplanten Zusammenlegungen von Ortsgemeinden zu Regionalgemeinden in den Landeskirchen scharf kritisiert. Er warnte vor einer wachsenden Entfremdung der Mitglieder und Ehrenamtlichen, wenn man ihnen die Ortsgemeinden nehme.

Der Vorsitzende des Gemeindehilfsbundes, Pastor Stefan Felber, hat die geplante Bildung großer Regionalgemeinden in den Landeskirchen scharf kritisiert. Beim Mitglieder- und Freundestreffen des Gemeindehilfsbundes am 27. Juni im GRZ Krelingen (ehemals: Geistliches Rüstzentrum Krelingen) in Walsrode mit rund 100 Teilnehmern warnte er, dass diese Entwicklung auch die noch geistlich lebendigen Gemeinden in den „Abgrund“ der Zerstreuung zu reißen drohe. Hintergrund ist der dramatische Mitgliederschwund der großen Kirchen. Die Kirchenleitungen griffen zu drastischen Maßnahmen, um auf diese Entwicklung zu reagieren. „Die Axt lag schon lange an der apostolischen Lehre, jetzt liegt sie auch an der sozialen Gestalt der Ortsgemeinde.“
Riesige Regionalgemeinden
Felber schilderte die Lage anhand mehrerer Beispiele: In der bayerischen Landeskirche solle bis 2035 rund ein Viertel der hauptamtlichen Stellen wegfallen; auch der Immobilienbestand solle massiv reduziert werden. Der Dekanatsbezirk München plane die Bildung von zehn Regionalgemeinden mit jeweils 12.000 bis 22.000 Gemeindegliedern. Im badischen Kirchenbezirk Pforzheim seien bereits sämtliche Gemeinden miteinander fusioniert worden.

In der pfälzischen Landeskirche wiederum, die aktuell mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen habe, sollten bis 2032 von den ursprünglich rund 420 Körperschaften des öffentlichen Rechts nur noch fünf übrig bleiben (die Landeskirche und vier Dekanate). In der braunschweigischen Landeskirche würden aktuell sämtliche Gemeinden zu 16 Regionalgemeinden zusammengelegt; die freiwerdenden Pfarrstellen der sächsischen Landeskirche sollten nur noch in Ausnahmefällen wiederbesetzt werden.
Auch die katholische Kirche sei betroffen: In der Diözese Rottenburg-Stuttgart sollten von 1.020 rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden bis 2030 nur noch 50 bis 80 übrig bleiben.
Die Kirche wird zur „Ladenkirche“
Mit dem Anwachsen der Gemeindegröße wachse die Entfremdung der Mitglieder, so Felber. „Kirche wird zur Ladenkirche wie ein Eismann oder Bäcker, der mit seinem Wagen zweimal die Woche ins Dorf kommt und seine Waren anbietet.“ Für das kirchliche Leben sei jedoch die kontinuierliche persönliche Präsenz eminent wichtig. Viele Ehrenamtliche würden wohl nicht mehr bereit sein, für Dörfer zuständig zu sein, in denen sie kaum jemanden kennten. Felber warnte zudem vor den Folgen für das Verhältnis von Kirche und Staat. Eine zentrale Kirchenleitung erleichtere es einem „übergriffigen Staat“ im Zweifel, Einfluss auf die Kirche zu nehmen, ein kleinteiliges Gebilde selbstständiger Ortsgemeinden erschwere das.
Das Geld muss in den Ortsgemeinden bleiben
Als Alternative forderte Felber unter anderem, die Richtung der kirchlichen Finanzströme umzukehren: Was in der Ortsgemeinde übrig bleibe, könne an die überregionalen Dienste abgegeben werden – nicht umgekehrt. Jede Ortsgemeinde müsse sich bemühen, sich vom Kirchensteuersystem zu lösen und eigene Finanzierungsmodelle zu entwickeln. Das sei durchaus möglich. Schließlich seien freikirchliche Gemeinden mit 50 Mitgliedern auch lebensfähig. Auch in vielen Landeskirchen sei es den Gemeinden bereits jetzt möglich, eigene Fonds einzurichten, in denen Spenden eingezahlt werden könnten. Als Vorbild nannte der Theologe die Evangelische Kirchengemeinde Nierenhof im nordrhein-westfälischen Velbert, deren Einnahmen bereits zu 65 Prozent aus Spenden bestünden.
Felber riet zudem dazu, die Gemeinde auch ohne Hauptamtliche zu denken. Pensionierte Pfarrer sollten aktiviert und die Vernetzung in Gemeindebünden vorangetrieben werden. Dennoch sei nicht gesagt, dass sich auf diese Weise jede Ortsgemeinde retten lasse. Das sei der Kirche auch nicht verheißen. Es gelte, notfalls „ja zu einem geordneten Rückzug“ zu sagen – bei gleichzeitigem Kampf für die Selbstständigkeit der Gemeinden.
Neues Mitglied im Bruderrat

Auf der Mitgliederversammlung wurde außerdem mit dem Theologischen Referenten des Geistlichen Zentrums Hensoltshöhe, Pfarrer Thomas Jeromin (Gunzenhausen/Mittelfranken), ein neues Mitglied in den Bruderrat des Gemeindehilfsbundes gewählt. Der Bund wurde 1992 von Pastor Heinrich Kemner (1903–1993) gegründet, der auch das Geistliche Rüstzentrum Krelingen ins Leben gerufen hatte. Er hat rund 1.100 Mitglieder und Freunde.
idea, Daniel Scholaster, 28.06.2026
Fotos: Gemeindehilfsbund/Ina Krause
Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 30. Juni 2026 um 15:39 und abgelegt unter Allgemein.













