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Wie Gott eine Ehe bessermacht

Wenn man sein Diamantenes Ehejubiläum hinter sich hat, gibt es viele frohmachende Erinnerungen, aber auch wehmütige Gedanken wegen mancher Fehler und Versäumnisse. Vor allem aber staunen meine Frau und ich darüber, wie wahr und lehrreich die biblische Sicht der Ehe ist. Wir haben die ersten fünf Jahre unserer Ehe ohne Bezug zur Bibel und ohne Glauben an Jesus gelebt und können nun schon seit mehr als 50 Jahren bestätigen, wie gut und heilsam die biblischen Einsichten und Wegweisungen zur Ehe sind. In diesem Beitrag geht es um das zentrale Bibelwort aus 1. Mose 2,24: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, mit seiner Frau fest verbunden werden, und die beiden werden eins werden“. Wir lesen hier von zwei Voraussetzungen und einer Verheißung für gelingende Ehen. Die drei Stichworte sind „verlassen“, „verbunden werden“ und „eins werden“.

Viele Ehen tragen schwer an zwei Lasten: an ungeklärten Verhältnissen zu Eltern und Schwiegereltern und an der eigenen Unfähigkeit, die Ehe zu erneuern. Beide Problemfelder sind in unserem Bibelwort angesprochen, das man geradezu als einen therapeutischen Leitfaden für krank gewordene Ehen bezeichnen kann.

1.) Das Verhältnis zu Eltern und Schwiegereltern

Auf der Suche nach Ergänzung

Was bedeutet das „Verlassen“ von Vater und Mutter? Wir wollen zunächst die Verse vorher beachten. Da wird geschildert, wie Gott die Frau aus einer Zelle des Mannes („Rippe“ ist keine wörtliche Übersetzung) bildet und formt. Entscheidend ist dabei folgendes: Die Frau wird aus dem Mann genommen (vgl. 1. Korinther 11,12), nicht aus dem Boden der Erde wie der Mann. In der Psychosomatik weiß man längst, wie unlösbar Leib und Seele zusammengehören. Adam verliert hier also nicht nur ein Stück von seiner Körperlichkeit, sondern auch ein Stück von seiner Wesenhaftigkeit. Er wird durch diesen ersten Operationsakt der Menschheitsgeschichte hilfsbedürftig gemacht, und d.h. auf Hilfe und Ergänzung durch seine Frau angelegt. Seitdem ist der Mann auf der Suche nach Ergänzung seines Wesens, und nach Gottes Willen soll er diese Ergänzung bei seiner Frau finden. Hier findet das „Darum“ am Beginn unseres Bibelwortes seine Erklärung. Darum verlässt er sein Elternhaus, darum sucht er sich seine Frau.

Eine neue Gemeinschaft

Was ist mit dem „Verlassen“ gemeint? Der räumliche Aspekt ist untergeordnet. Hier geht es um mehr, nämlich um wichtige und komplizierte psychologische Vorgänge. Wenn der Mann eine Ehe beginnen will – und dies trifft in gleichem Maß auch für die Frau zu – dann muss er sich klarmachen, dass er nun in seiner Frau – und umgekehrt – nächst Gott den wichtigsten Bezugspunkt seines Lebens hat. Mit dem Eintritt in die Ehe treten alle anderen menschlichen Beziehungen in die zweite Reihe und noch weiter zurück. Die Eltern bleiben geachtet, dies gebieten schon die Zehn Gebote, aber sie sind nicht mehr die letzte Orientierung. Die Freunde bleiben geschätzt, aber die Beziehung zum Ehepartner hat nun Vorrang. Der Rat des Seelsorgers bleibt wichtig, aber das, was der Ehepartner sagt, ist wichtiger. Der Schritt in die Ehe markiert den Austritt aus der bisherigen Prioritätenliste des Lebens und den Eintritt in eine neue nun dominierende Gemeinschaft. Viele Eheleute machen sich das leider nicht richtig klar, und so gibt es dann gerade auch in Bezug auf Eltern und Schwiegereltern notvolle Verhältnisse.

Da ist der seit einem halben Jahr verheiratete junge Ehemann. Er wundert sich darüber, dass seine Frau immer aggressiver und zugleich verschlossener wird. Gute Gespräche gelingen kaum noch. Die Ursache der Krise liegt in einer ganz simplen Sache, nämlich bei einer täglichen Tasse Kaffee, die er unmittelbar, nachdem er zur Haustür hereinkommt, bei seiner Mutter trinkt, die ein Stockwerk tiefer wohnt. Dies dauerte immer nur ein paar Minuten, aber seine Frau fühlte sich dadurch – mit Recht – hinter ihrer Schwiegermutter zurückgesetzt. Ein anderes Beispiel: Die Mutter des jungen Ehemanns ist Witwe und wohnt ebenfalls mit im Zweifamilienhaus. Sie besitzt seit dem Hausbau einen Schlüssel zur Wohnung ihres Sohnes. Etwa zweimal am Tag geht sie hinein, um die Schwiegertochter zu besuchen. Sie bringt stets liebe Worte und Hilfsbereitschaft mit („…ich gehe zum Markt, soll ich dir etwas mitbringen?“). Aber der Schwiegertochter wird die ungebetene Präsenz immer lästiger, und es kommt zu einer gefährlichen Ehekrise, nachdem sie merkt, dass ihr Mann nicht willens und fähig ist, das Problem zu lösen. Im Gespräch erklärte uns der Ehemann, dass er sich nicht in der Lage sehe, zwischen Mutter und Ehefrau zu schlichten, und er sagte wörtlich: „Das sollen die beiden unter sich ausmachen, da mische ich mich nicht ein.“ Zwei Beispiele, wo das „Verlassen“ noch nicht gelungen war.

Es lohnt sich, Kraft, Zeit und Liebe in die Klärung und Bereinigung des Verhältnisses zu den Eltern und Schwiegereltern zu investieren. Wir müssen uns ja immer vor Augen stellen, dass der erste Mann im Leben einer Frau ihr Vater und die erste Frau im Leben eines Mannes seine Mutter ist. Was wir an Erbgut, an Maßstäben, an Verhaltensmustern, an Charakterprägungen – im Positiven und Negativen – von unseren Eltern mitbekommen, kann gar nicht wichtig genug genommen werden. Darüber müssen sich beide Ehepartner Rechenschaft ablegen, darüber muss unter vier Augen gesprochen werden, und dann, wenn nötig, auch mit den betreffenden Eltern, und darüber muss gebetet werden. Alles Ungute an Prägungen und alle Altlasten gehören in die Vergebung Christi. Nur dort, nirgendwo sonst, wird es unschädlich gemacht. Nur dann können die Eheleute ihre Ehe frei von innerer Fremdbestimmung gestalten. Nur dann hört das Messen des Ehepartners an Idealen auf, die aus dem Elternhaus stammen, und nur dann kommen die Vorwürfe zum Schweigen, dass der andere ja genauso oder noch schlimmer sei als sein Vater oder seine Mutter.

Die Kinder freigeben

Aber das „Verlassen“ hat noch eine zweite Seite. Nicht nur das Kind muss die Eltern „verlassen“, wenn es in die Ehe eintritt. Auch die Eltern müssen einen ähnlichen Schritt tun: Sie müssen ihr Kind freigeben, sie müssen sich innerlich vom Kind „abnabeln“. Auch dies ist leichter gesagt als getan, und es wird letztlich nur im Glauben und unter Gebet gelingen. Besonders schwer hat es an dieser Stelle die Mutter. Sie hat das Kind unter dem Herzen getragen, es ist ein Teil von ihr. Aber gerade sie muss lernen, die „Entbindung“ zu praktizieren. Ein leuchtendes Beispiel für ein solches Abnabeln ist Hanna, die Mutter Samuels. Getreu ihrem Gelübde gibt sie ihren Sohn im Kindesalter zur Ausbildung in das Priesterhaus Elis ab (1. Samuel 1 und 2), in eine denkbar schlechte Umgebung, wie man schnell feststellen kann, wenn man den Zusammenhang liest. Aber Gott segnet ihr Tun, und aus ihrem Kind wird ein vollmächtiger Gottesmann.

Während unsere Kinder heranwachsen, können und sollen wir als Eltern uns in dieses so wichtige Freigeben einüben, das dann mit der Eheschließung des Kindes endgültig von uns abverlangt wird. Wohl den Eltern, die bis dahin gelernt haben, alle Besitzansprüche (es gibt auch „Erziehungsansprüche“) an ihr Kind zu überwinden. Sie werden ein Geheimnis erleben. Ihr Kind wird, je stärker es die Erfahrung macht, wirklich freigegeben zu sein, desto lieber die Kontakte zu den Eltern pflegen. Die wirklich bewusste Freigabe in die Ehe ist im Grunde das wichtigste Hochzeitsgeschenk, das Eltern ihrem Kind geben können.

Auch dazu ein Beispiel. Auf einem Gemeindetag hörte ich von Frau Irmela Hofmann (zusammen mit ihrem Mann in früheren Jahren in der Leitung der „Offensive junger Christen“ tätig) einen Bericht über Konflikte, die sie als junge Ehefrau mit ihrer Schwiegermutter durchzustehen hatte. Die Schwiegermutter kam öfters zu Besuch, brachte viele Ratschläge mit und sparte auch nicht an wohlgemeinten kritischen Worten gegenüber der Schwiegertochter. Die junge Ehe war bald belastet. Da fasste sich ihr Mann ein Herz. Beim nächsten Besuch, als wieder die Ratschläge und kritischen Bemerkungen kamen, stand er wortlos auf, holte den Autoschlüssel und legte ihn demonstrativ auf den Tisch vor seine Mutter. Dann gab er ihr liebevoll, aber bestimmt zu verstehen, dass sie ein willkommener Gast sei, dass er sie aber, wenn sie weiterhin in seine Ehe so hineinregiere wie bisher, leider zum Bahnhof bringen müsse. Die Lektion hat geholfen. Die Mutter entschuldigte sich, und das Verhältnis zum Sohn und zur Schwiegertochter wurde deutlich besser.

2.) Unlösbar verbunden

Wir beschäftigen uns jetzt mit der zweiten Voraussetzung für eine gelingende Ehe. „Der Mann wird seiner Frau anhangen“, so übersetzt Luther; im hebräischen Urtext heißt es „er wird angeklebt werden“. Wir stehen hier vor einem tiefen Geheimnis.

Göttliche Stiftung

Die Ehe ist mehr als ein menschlicher Vertrag. Ein Vertrag wird zwischen Menschen geschlossen. Er kann aufgelöst werden, wenn sich eine Partei nicht an die Abmachungen hält. Aber die Ehe ist eine Stiftung, eine Stiftung Gottes, und zwar für die ganze Menschheit, für alle Menschen, ob Heiden, Christen oder Juden. Alle sollen am Schöpfungssegen bzw. am Stiftungssegen der Ehe teilhaben. Ein Stück Geborgenheit, Heimat, Freude am Lastenteilen, Freude aneinander und an den Kindern – dies kann in jeder Ehe erfahren werden, auch von den Gottlosesten. Wie groß und großzügig ist doch unser Gott! Aber die Ehe birgt noch viel mehr in sich. Im tiefsten ist sie eine Vorschattung der ewigen Gemeinschaft des Auferstandenen mit seiner Gemeinde. Dies kann allerdings nur der Christ mit Hilfe des Heiligen Geistes verstehen.

Jede Stiftung empfängt ihren Charakter, ihren Sinn und Zweck vom Willen des Stifters. Wer sich also über das Wesen der Ehe Klarheit verschaffen will, der muss im Wort Gottes studieren. Einen anderen Weg gibt es nicht. Wenn zwei Menschen, Mann und Frau, eine Ehe beginnen, treten sie also in eine göttliche Stiftung ein – ob sie es wissen oder nicht, ob sie es wollen oder nicht. Ab dem Zeitpunkt, wo ihre Ehe beginnt, ist der Wille des Stifters maßgeblich, der Wille Gottes. Wer diesen Willen nicht achtet, wird es in seiner Ehe immer schwer haben. Wer ihn aber kennenlernt und tut, wird reich gesegnet.

Wann beginnt die Ehe?

Zunächst fragen wir, wann eigentlich die Ehe beginnt. Hier bekommt man recht unterschiedliche Antworten. Manche meinen, dass die Ehe mit dem Intimverkehr beginnt. Diese Auffassung muss aus biblischen und seelsorgerlichen Gründen zurückgewiesen werden. Intimverkehr vor der Ehe ist biblisch gesehen Unzucht und gehört in die Beichte und Vergebung, begründet aber keine Ehe. Andere meinen, die Ehe beginnt vor dem Traualtar. Dazu ist folgendes zu sagen: Die kirchliche Trauung spricht den Segen Gottes persönlich zu. Sie ist Zeugnis vor der Gemeinde und Gelöbnis vor Gott. Aber ehebegründend ist sie nicht. Nach den biblischen Berichten, die wir direkt und indirekt von Eheschließungen haben, beginnt die Ehe mit dem gegenseitigen, öffentlichen und lebenslangen Treueversprechen. Wo diese vier Voraussetzungen erfüllt sind, sprechen wir von Ehe (Gegenseitigkeit, Öffentlichkeit, lebenslange Dauer, Treueversprechen). Wo auch nur eine Voraussetzung fehlt, liegt keine Ehe nach der biblischen Vorgabe vor. Eine Ehe muss immer öffentlich geschlossen werden, sie muss immer auf Gegenseitigkeit beruhen, sie ist immer lebenslang angelegt, und sie hat immer ein bedingungsloses Treueversprechen zur Voraussetzung. Damit ist klar, wann die Ehe beginnt: Vor dem Standesbeamten, der die Öffentlichkeit vertritt. Im Standesamt werden die genannten Bedingungen eingelöst, und deswegen kann man mit Fug und Recht sagen, dass zwei Menschen, die sich vor dem Standesbeamten das Ja-Wort geben, in die göttliche Stiftung der Ehe eintreten.

Die sogenannten „Ehen ohne Trauschein“ sind keine Ehen. Sie sind – biblisch gesehen – „Unzucht“. Seelsorgerlich und psychologisch gesehen sind sie Ausdruck einer Bindungsschwäche und beruhen auf dem Missverständnis, die tieferen Vorteile der Ehe, nämlich Geborgenheit, Heimat und Treue bekommen zu können, ohne diese Werte auch dem anderen zu geben. Solche letztlich unverbindlich geführten Partnerschaften wirken sich – wie die Eheseelsorge zeigt – oft als Belastung für eine spätere Ehe aus. Unzucht muss vor Gott bereinigt werden. Wer dies erkennt und praktiziert, darf dann aber auch froh die Vergebung Gottes empfangen.

Wann endet die Ehe?

Nach Römer 7,2 und 1. Korinther 7,39 endet die Ehe – als Stiftung Gottes verstanden – mit dem Tod eines Ehepartners. Gegen die Auffassung, dass Ehebruch oder Ehescheidung eine Ehe beenden, müssen Bedenken vorgebracht werden. Dann wäre der Stifterwille Gottes für die Ehe, dass sie nämlich eine unlösbare Verbindung der Ehegatten bis zum Tod eines Partners sein soll, von Menschen außer Kraft zu setzen. Das ist schwer vorstellbar. Als die Pharisäer Jesus in ein Streitgespräch über eventuelle Scheidungsgründe verwickelten und dabei auf die Erlaubnis zur Ehescheidung durch Mose hinwiesen, antwortete Jesus klar und eindeutig, dass die Scheidung von Gott nicht gewollt ist (Matth 19,1-9). Auch Paulus vertritt durchgehend diese Überzeugung (vgl. 1. Korinther 7,10 und 11). Daraus kann es für Christen, die sich an Gottes Wort gebunden wissen, nur die Schlussfolgerung geben, dass sie – auch in Krisen – im Blick auf Gottes Beistand an ihrer Ehe festhalten und nicht in der Scheidung einen Ausweg aus ihren Problemen suchen. Wenn Jesus Christus der Weg ist, dann hat er in jeder Not einen Weg, auch in scheinbar hoffnungslosen Lagen. Auch dort, wo ein Ehepartner eine außereheliche sexuelle Verbindung aufgenommen hat, ist zur Vergebung und nicht zur Scheidung zu raten.

Eine unlösbare Verbindung

Damit ist aber noch nicht alles über das „Anhangen“ gesagt. Wir halten fest: Gott klebt Mann und Frau unlösbar aneinander, wenn sie in die Ehe eintreten. Damit ist aber die Ehe noch nicht gleich das, was sie nach Gottes Verheißung werden kann. Dem Ja-Wort im Standesamt müssen nämlich nun noch viele weitere Ja-Worte folgen. Es ist wie bei einer Bekehrung. Wenn wir unser Leben in die Hand des guten Hirten Jesus Christus legen, dann ist das nur der Anfang des neuen Lebens. Täglich müssen wir uns bekehren, wie Luther sagte, denn das Leben stellt uns täglich vor Entscheidungen, die wir entweder aus Glauben und Liebe oder aus Unglauben und Eigennutz treffen können. So ist es auch in der Ehe: Das erste Ja ist angelegt und angewiesen auf viele weitere. Nichts stabilisiert eine Ehe so sehr wie tägliche Aufmerksamkeiten, gute Worte und Zärtlichkeiten.

An dieser Stelle haben besonders wir Männer einiges zu lernen. Wir sind mit unserem Naturell eher prinzipiell ausgerichtet. Wenn wir zu unseren Frauen einmal „Ich liebe dich“ gesagt haben, dann meinen wir, das reiche nun wieder eine lange Zeit. Da empfindet die Frau ganz anders. Sie lebt viel stärker als der Mann im Hier und Heute. Was sie gestern gehört hat, nützt ihr heute wenig. Sie will heute die Bestätigung der Liebe ihres Mannes. Wir Männer müssen hier umdenken, damit es uns nicht so geht wie jenem norwegischen Bauern, über den es folgende Geschichte gibt. Er hat lange Jahre treu seine Arbeit getan und seine Familie versorgt. Aber das tägliche „Anhangen“ hat er nicht praktiziert. Seine Frau und die Ehe verkümmerten. Der Termin der Silberhochzeit kommt heran. Seine Frau freut sich sehr auf diesen Tag, und sie hofft von Herzen, dass ihr Mann wenigstens an diesem Festtag ihr wieder einmal sagt und zeigt, dass er sie liebt. Aber der Mann setzt sich wie an jedem Tag an den besonders schön gedeckten Frühstückstisch und kommt nicht auf die Idee, seine Frau in den Arm zu nehmen, ihr für die gemeinsame Wegstrecke zu danken und sie seiner Liebe zu vergewissern. Die Frau beobachtet ihn eine Zeit lang. Dann bricht sie in Tränen aus und äußert ihre Betroffenheit. Da sagt er ihr die klassischen Worte: „Vor 25 Jahren habe ich dir erklärt, dass ich dich liebe. Wenn sich daran etwas geändert hätte, dann hätte ich es dir mitgeteilt.“

Wer in seiner Ehe in Gottes Schule geht und das nachvollzieht, was Gott vormacht, wird merken, wie die Ehe aufzublühen beginnt. Gott fügt uns zusammen, und er „klebt“ uns zusammen. So sollen auch wir uns gegenseitig täglich in Wort und Tat dokumentieren, dass wir zusammengehören und zusammenstehen und zusammenbleiben. Dann ist die Unlösbarkeit der Ehe keine Fessel mehr, sondern im Gegenteil eine Quelle der Geborgenheit und ein Kraftgeber für den Alltag.

3.) Wir sind eins

Wir kommen zum dritten Teil von 1. Mose 2,24. Zwei Voraussetzungen für das Gelingen der Ehe haben wir bisher bedacht: die Klärung des Verhältnisses zu Eltern und Schwiegereltern und das tägliche gelebte Ja zum Ehepartner. Nun folgt die Verheißung „Sie werden ein Fleisch sein.“ Was ist damit gemeint?

„Ein Fleisch“

Es wäre eine unglückliche inhaltliche Verkürzung dieser Aussage, wollte man sie nur auf die körperliche Vereinigung in der Ehe beziehen. Hier geht es um viel mehr. „Ein Fleisch“ – das meint im Hebräischen „eine Person“, „ein Wesen“, „eins sein“. Wenn wir in unseren Ehen die beiden Schritte nachgehen, die Gott vorangeht, wenn wir uns also erstens innerlich lösen von der Priorität der Eltern und unseren Ehegatten als den wichtigsten Bezugspunkt auf dieser Welt ernst nehmen, und wenn wir zweitens jeden Tag mit Gesten und Worten der Liebe das einmal gegebene Ja wiederholen, dann wird sich diese Verheißung erfüllen, die Gott der Ehe geschenkt hat. Zwei Menschen, total verschieden im Geschlecht, im Aussehen, in der Herkunft, im Charakter, im Wesen und in manch anderer Beziehung, werden „eins“. Mit dem Eintritt in die Ehe sind die beiden in Gottes Augen eine neue Einheit geworden, und im Verlauf ihrer Ehe dürfen sie nun diese Einheit als immer beglückender erfahren. Diese Einheit ist wohlgemerkt keine Angleichung der Ansichten, Meinungen und Temperamente aneinander. Das würde die Ehe langweilig machen. Die Ehe ist und bleibt ein Zusammenklang unterschiedlicher Töne, kein Gleichklang derselben Töne! Vielmehr wird diese Einheit erfahrbar durch die Erkenntnis, dass ich dem anderen einmalig wichtig bin, dass ich ihm Lebensmut, Glück und Frieden vermitteln darf, und dass ich das gleiche durch ihn empfange, und schließlich dass beide hinter allem die liebende Hand Gottes spüren. Einheit trotz Unterschiedlichkeit, das ist – so paradox es klingt – das Geheimnis einer gelingenden Ehe.

Es ist der Wille Gottes, dass jede Ehe unter der Verheißung des „Einsseins“ steht. Gott gibt seinen Segen nicht geizig und nicht parteiisch, sondern phantastisch großzügig. Jedes Paar, dass in die Stiftung der Ehe eintritt, kann diesen Segen empfangen, was auch immer für Voraussetzungen die beiden mitbringen. Es gibt nur eine Bedingung: dass wir unsere Ehe auf den Leitlinien Gottes aufbauen, dass wir unsere eigene Unfähigkeit dazu erkennen und zugeben und uns Gottes Hilfe erbitten. Die Ehe ist nach meiner Überzeugung die größte Missionsanstalt Gottes weltweit. Nirgendwo sonst kommt der Mensch so schnell ans Ende mit seinen Möglichkeiten, nirgendwo sonst ist aber auch die Chance so groß, dass er Gottes Hilfe zu suchen beginnt.

Vom Nebeneinander zum Füreinander

Nachdem meine Frau und ich zum Glauben an Jesus gefunden hatten, dauerte es noch lange, bis wir begannen, Gott an unsere Ehe heranzulassen. Es war auf einer Freizeit mit Christen, der ersten, an der wir teilnahmen. Eines Abends begann meine Frau zu weinen. Ich verstand erst gar nicht warum. Warum weinte sie jetzt? Ich fand die Leute, das Wetter, das Gästehaus vorbildlich. Endlich sagte sie mir den Grund: „Merkst du nicht, dass die anderen Ehepaare anders miteinander umgehen? Wir leben nebeneinander, sie leben füreinander.“ Ich weiß noch, wie mir die Worte, die ich entgegnen wollte, im Hals steckenblieben. Ich spürte, dass meine Frau recht hatte. In jener Nacht haben wir dann zum ersten Mal gemeinsam um eine Erneuerung unserer Ehe gebetet, und sie wurde uns zum Beginn einer Neuorientierung, die bis heute andauert.

„Himmlischer Gruß“

Im Abschnitt Epheser 5,22-33 wagt Paulus eine Tiefenschau der Ehe, die unüberholt ist. Er vergleicht sie mit der Gemeinschaft des Auferstandenen mit seiner Gemeinde. So wie der Mann das Elternhaus verlässt, um mit seiner Frau eine neue Gemeinschaft zu gründen, so hat Christus den Vater verlassen und sich durch den Heiligen Geist mit seiner Gemeinde vereinigt. So wie Mann und Frau in der Ehe eine Einheit sind, so bildet Christus mit seiner Gemeinde eine geistliche Einheit. So wie die Ehe von der beiderseitigen Treue lebt, so hält auch Christus seiner Gemeinde in Ewigkeit die Treue und sie ihm. So wird die Ehe eine Vorschattung, eine Vorbereitung auf die ewige Gemeinschaft der Gemeinde mit ihrem Herrn und Heiland.

An dieser Stelle ist noch ein Wort an die „Singles“ angebracht. So sehr man die Ehe als Stiftung Gottes auch rühmen sollte, so entschieden muss man sich vor ihrer Verklärung hüten. Sie ist und bleibt ein „irdisch Ding“ (Luther). Wenn ein Ehepartner stirbt, ist sie beendet. Die Ehepartner sind auch keine Glücksbringer füreinander. Damit wären sie überfordert. Heimat-, Treue- und Geborgenheitserfahrungen kann letztlich nur Gott selbst vermitteln, durch die Ehe, aber auch ohne Ehe.

Das Schönste, was uns die Ehe vermitteln kann, nämlich Geborgenheit, Heimat, Freude, Angenommen- und Geliebtsein, ist doch nur ein kleiner, schwacher Abglanz der Existenz in der Herrlichkeit Gottes. Wer das erkennt, empfängt die richtige Sicht der Ehe. Er wird sie dankbar schätzen als Himmelsgruß Gottes, aber er wird sie nicht vergöttlichen. Das ist wohl das Größte und Schwerste: Eins zu sein, ganz dem anderen zu gehören, sich ganz von ihm geliebt zu wissen, und dennoch gleichzeitig an ihm nicht festzuhalten, das Herz immer ungeteilt Gott selbst zu schenken. Ehe schenkt Heimat, das stimmt. Aber es ist eine irdische Heimat, und die verlassen wir. Die größere und schönere Heimat wartet auf uns. Das gibt Kraft, das Irdische loszulassen.

Quelle: „Aufbruch“ – Informationen des Gemeindehilfsbundes Heft Juni 2026.
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