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Ethik Marke Eigenbau

Noch ein Elend der postevangelikalenTheologie – Vortrag vom 28. März 2026 auf der Tagung des „Netzwerks Bibel und Bekenntnis Schweiz“ in Winterthur-Seen

1976, vor fünfzig Jahren, erschien Francis Schaeffers Wie können wir denn leben? Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur. Die Schaeffers, Missionare aus den USA, hatten Mitte der 50er Jahre in der Schweiz die L‘Abri Fellowship gegründet. Francis, Edith und ihre Mitarbeiter halfen zahlreichen jungen Menschen, den christlichen Glauben anzunehmen, zu durchdenken und zu leben. Durch die Veröffentlichung von Büchern, angefangen mit The God Who Is There aus dem Jahr 1968, erreichte Schaeffer ein breites Publikum und prägte die weltweite evangelikale Bewegung. Ob im persönlichen Gespräch, durch Vorträge oder seine Schriften – Schaeffer verwies immer auf den Gott, der wirklich da ist. 1984 erlag Schaeffer einem Krebsleiden.

Wie können wir denn leben? ist eines der letzten Werke aus der Feder des Presbyterianers. Darin zeichnet Schaeffer die Geschichte der westlichen Zivilisation nach, spannt einen großen Bogen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Er zeigt in Bereichen wie Philosophie, Religion und Kunst, welche Rolle Weltanschaungen in der kulturellen Entwicklung spielten. Ideen haben Konsequenzen, so seine Überzeugung – im persönlichen Leben bis hin zum Aufstieg und Niedergang ganzer Kulturen. Schaeffer analysiert die Folgen, wenn Kulturen das christliche Weltbild hinter sich lassen. Entfernt man sich von Gott, der existiert und geredet hat, treten Vernunft und Glaube immer mehr auseinander und ist keine umfassende und Einheit stiftende Schau der Wirklichkeit mehr möglich.

In Schaeffers Ausführungen ist sein Lehrer Cornelius Van Til (gest. 1987) oft herauszuhören. Der in den Niederlanden geborene reformierte Theologe und Philosoph unterrichtete Jahrzehnte am Westminster Theological Seminary in den USA. Von Van Til übernahm Schaeffer den Grundgedanken von der Wichtigkeit der Denkvoraussetzungen. Die wichtigste ist dabei die Vorstellung von Gott, die das menschliche Handeln entscheidend beeinflußt. Das christliche Gottesbild konnte er mit zwei Worten zusammenfassen, die sich auch vielfach in Schaeffers Werken finden: „absolute Personality“, absolute Personalität. Damit ist gemeint, dass Gott ein personales Wesen ist: Er handelt, spricht, liebt und hat Gemeinschaft. Außerdem ist er ein absolutes Wesen, d.h. nicht fehlbar und endlich wie Geschöpfe, vielmehr allmächtig, allwissend, allgegenwärtig und völlig souverän.

Diese Traditionslinie der Konzentration auf Gott führt zu Johannes Calvin zurück, dessen Genfer Katechismus von 1545 mit dieser Frage beginnt: „Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?“ Antwort: „Die Erkenntnis Gottes unseres Schöpfers.“ Der Reformator führt anschließend aus, dass wahre Erkenntnis Gottes darin besteht, dass wir Gott die „angemessene und geschuldete Ehre“ erweisen; recht geehrt wird er, „wenn wir all unser Vertrauen auf ihn setzen“, ihm dienen, willig gehorchen und „in allen Nöten anrufen“ (Fr. 6–7).

Damit ist schon klar, dass Gott auch in der Ethik im Mittelpunkt stehen muss. Laut dem Heidelberger Katechismus sind nur solche Werke wirklich gut, „die aus wahrem Glauben [an Gott], nach dem Gesetz Gottes ihm [Gott] zur Ehre geschehen“ (Fr. 91). Christliche Ethik geht von Gott aus, erfolgt in der Kraft Gottes und ist auf Gott ausgerichtet. Was will Gott von uns, dass wir tun? Das ist die Haupfrage der christlichen Ethik. Und die grundlegende Antwort finden wir schon im Alten Testament: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.“ (Lev 19,2) Die ewige Natur Gottes ist die Grundlage unserer moralischen Verpflichtung.

Kommen wir nun zu den beiden bisher vorliegenden Bänden der „Transformativen Ethik“ des Autorenduos Thorsten Dietz und Tobias Faix. Dietz war viele Jahre Dozent der Ev. Hochschule Tabor in Marburg und ist seit einigen Jahren bei „Fokus Theologie“ der Reformierten Kirche Zürichs tätig; Faix ist Rektor der CVJM-Hochschule in Kassel. Der Band Wege zum Leben. Einführung in eine Ethik zum Selberdenken erschien 2021, im vergangenen Jahr kam Wege zur Liebe. Eine Sexualethik zum Selberdenken heraus. Was schreiben beide auf rund 800 Seiten über Gott? Welche Rolle spielt er in ihrer Ethik?

Dietz und Faix wollen zeigen, „wie das transformierende Handeln Gottes zum Maßstab christlicher Ethik wird“ (Wege zum Leben, S. 73). Ein paar Seiten weiter: „Christliche Ethik verkündigt nicht einfach einen zeitlosen Gotteswillen. Christliche Ethik handelt von der großen Transformation Gottes“ (S. 77). Zwar heißt es: „Ohne Gott ist der Mensch nicht zu denken“ (S. 148). Betont wird aber immer wieder: „Die großen Transformationen Gottes in der Geschichte werden Grund und Anstoß zu einer Ethik der Transformation […]“ (S. 250). Die Orientierung an diesem Handeln Gottes steht eindeutig im Zentrum.

Wer ist dieser Gott? „Er ist ein lebendiger Gott, der in Bewegung ist und Transformation bewirkt“ (Wege zur Liebe, S. 27). Mehrfach wird auf den „Gott, der Liebe ist“ (Wege zum Leben, S. 219) und die Liebe als „Zusammenfassung des göttlichen Wesens“ (S. 251) hingewiesen – so viel oder genauer: so wenig zum Charakter Gottes. An einer Stelle heißt es, dass Gott „das Urbild der Vollkommenheit [ist], auf die hin der Mensch verwandelt werden soll“ (S. 76). Doch über das Wesen dieses Urbildes erfahren wir in zwei umfangreichen Büchern – außer der Liebe – so gut wie nichts. Der oben zitierte Leviticus-Vers wird zwar an einer Stelle zitiert, doch zum heiligen Gott oder auch einem Gott, der Gehorsam einfordert, finden sich keinerlei Ausführungen.

Das Wesen Gottes ist den beiden Büchern stark verblasst. Dies allein sollte jedem zu denken geben. Schon vor zehn Jahren meinte Torsten Hebel, ein anderer Postevangelikaler und Autor von Freischwimmer, in einer ERF-Fernsehsendung: „Gott ist für mich kein Substantiv, sondern ein Verb. Es ist ein Lebensgefühl, dass ich begriffen habe, im Hier und Jetzt, jetzt, wo wir hier sitzen, in diesem Moment […], jetzt und hier ereignet sich Gott“ („Gott sei Dank“, 8. Juli 2016). In Freischwimmer kommt auch Christina Brudereck zu Wort, mit der Hebel 2007 als Evangelistin bei „Jesus House“ sprach. Obwohl sie sich für ein Leben mit Gottvertrauen entschieden hat, meinte sie darin provozierend: „Ob es Gott gibt? Keine Ahnung.“

Wie kommt es zu so einem verblichenen, aufgeweichten und wahrlich mangelhaften Gottesbild? Echte Gotteserkenntnis von Menschen ist nur möglich, weil Gott sich offenbart hat. Weil Gott ein personales Wesen ist, besteht die Denkmöglichkeit der Offenbarung durch Rede. Gott offenbart sich bzw. spricht (in weiterem Sinne) dabei auf vielerlei Weise. Traditionell wird unterschieden zwischen allgemeiner Offenbarung in Natur und Geschichte und spezieller Heilsoffenbarung. Der reformierte Theologe John M. Frame unterscheidet zwischen Offenbarung durch Ereignisse, Personen und Worte. Die Reformatoren waren sich einig, dass Gott in seinem inspirierten Wort, der Heiligen Schrift, klar und verständlich gesprochen und darin sein Handeln selbst autoritativ gedeutet hat.

Wie halten es Thorsten Dietz und Tobias Faix mit der Bibel? Ihren pietistisch-evangelikalen Wurzeln entsprechend finden sich bei ihnen Sätze, die eine echte Hochachtung der Bibel vermuten lassen: die Bibel habe „maßgebliche Autorität in ethischen Fragen“ (Wege zum Leben, S. 131); sie sei „wichtiger Orientierungspunkt […] auf der Suche nach dem richtigen Weg“ (S. 26). Und auf karte-und-gebiet.de: „Für uns ist sie [die Bibel] die vertrauenswürdige Landkarte unserer Lebensreise.“ Das alles klingt gut und beruhigt das Gemüt evangelikaler Christen. Betrachten wir aber die grundlegende Metapher der beiden von „Karte und Gebiet“ näher, verschwimmt alles ein weiteres Mal.

Danach ist das Gebiet die menschliche Lebenswirklichkeit mit all ihren Problemen und Herausforderungen. Die christliche bzw. biblische Ethik ist die Karte, auf der Ziele, Wege und unwegsames Gelände eingezeichnet sind. Wie Karten Wandernden bei der Orientierung helfen, so ist es die Aufgabe der christlichen Ethik, Nachfolger Jesu auf ihrem Jüngerschaftsweg anzuleiten. Ich halte diesen Vergleich im Grunde für hilfreich. Das Problem bei Faix und Dietz ist nur: Was genau ist die Karte? Und welche Autorität besitzt sie? Es ist bezeichnend, dass ihre Leitmetapher Verwirrung stiftet.

Die Autoren bezeichnen einerseits „die Bibel als ‘Karte’“ (Wege zur Liebe, S. 32) – Karte im Singular (s. auch o. „die […] Landkarte“). Mehrfach wird die Bibel aber auch als „bewährter Wanderatlas“ bezeichnet; ein „großer Wanderatlas“, hinter „dem ein großer Gott steht“ (Wege zum Leben, S. 25-26). Ein Atlas enthält definitionsgemäß viele Karten. So heißt es dann auch, die Bibel sei „unser Wanderatlas, der verschiedene Karten der letzten Jahrhunderte gesammelt und vielen Generationen Orientierung gegeben hat. Er gibt die Richtung an und zeigt die Wege zum Ziel.“ (S. 142) Eine Karte oder viele?

Was sind die „verschiedenen Karten der letzten Jahrhunderte“? Etwa die Bibel? Am Ende von Wege zum Leben klingt die Zusammenfassung noch gut: „Christliche Ethik erwächst im Hören auf das Wort Gottes.“ Doch eine Seite zuvor liest man, „die reflektierte ethische Urteilsbildung“ beginne mit dem „Gespräch über die bisher benutzten Karten und möglicherweise die Arbeit an einer neuen“ (S. 376–377). Die verschiedenen, „bisher benutzten Karten“, die Karten „der letzten Jahrhunderte“, sind also offensichtlich die ethischen Modelle, Deutungen und Anwendungen, die Christen im Verlauf der Kirchengeschichte aufgrund der Bibel formuliert haben. Natürlich sind diese fehlbar, denn das Wort Gottes und dessen Normen werden von sündigen Menschen interpretiert.

Der entscheidende Fehler von Dietz und Faix bei der Füllung des Bildes der Karte scheint mir also dieser zu sein: Die unvollkommene ethische Interpretationsgeschichte der Bibel in der Christenheit und das vollkommene geschriebene Wort Gottes selbst werden vermischt. Unsere theologischen Ethikansätze können sicher zum Teil veralten, unsere Deutungen der biblischen Normen müssen unter Umständen neu formuliert werden; sie können immer weiter verbessert werden. Warum aber sollte das ewige Wort Gottes veralten? Über die Karten, über die Inhalte der Ethik- und Moralgeschichte, sollten wir tatsächlich ins kritische Gespräch kommen; der Karte der Bibel sollen wir uns im Leben und auch in diesen Diskussionen unterordnen. Dieser so entscheidende Unterschied ist bei Dietz und Faix nicht erkennbar, was in der Folge fatal und außerdem manipulativ ist: die notwendige Kritik von Sätzen der Theologie und Ethik, die Menschen formuliert haben, geht elegant in Bibelkritik über, die es zu meiden gilt.

Damit verbunden ist eine weitere Grundüberzeugung der Autoren. Schon vor zehn Jahren meinte Faix in einem Vortrag: Wir leben „in soziokulturellen Umbrüchen von ganz großer Tragweite“. Mehrfach gebrauchte er darin das Bild eines „großen Sturms, der über die Welt geht“ und diese tatsächlich „in ihren Strukturen verändert“. Auch in den beiden Büchern gehen Dietz und Faix „von einem starken Verständnis kulturellen Wandels aus“ (Wege zum Leben, S. 109). Die Begründung fällt jedoch dünn aus, und ich teile ihre Einschätzung dieses Wandels nicht. Faix und Dietz  brauchen aber dieses starke Verständnis, um ihre Kernthese glaubhaft zu machen: „Neueste Entwicklungen im Gebiet sind [in den Karten] noch nicht enthalten“ (S. 143). Die starke Veränderung des Gebietes, d.h. der Wirklichkeit, habe „bisherige Karten überholt“. Karten können daher „veralten. Sie bedürfen der beständigen Erneuerung.“ (S. 132–133)

Sicher ist es richtig, wie die Autoren schreiben, die Bibel und heutige Herausforderungen aufeinander zu beziehen. Natürlich sollen wir die heutige Wirklichkeit genau wahrnehmen und studieren. Doch der Autoritätsschwerpunkt ist bei Dietz und Faix klar vom biblischen Text zur heutigen Situation hinübergewandert. So heißt es z.B. in Wege zur Liebe eindeutig: „Der Wortlaut der biblischen Anweisungen trifft unsere Lebensrealität von Ehe und Beziehungen nicht mehr“ (S. 342). Punkt. Oder auch: „Mit der Entdeckung der homosexuellen Orientierung in der Neuzeit hat sich das Gebiet so signifikant verändert, dass eine Übertragung biblischer Einzelaussagen auf die heutige Zeit in keiner Weise mehr zu rechtfertigen ist.“ (S. 234) Durch die einst „umfangreichen Sperrzonen“ auf alten Karten wie z.B. „Körperliche Liebe hat allein in der heterosexuellen Ehe ihren Ort“ (Wege zum Leben, S. 102-103) lassen sich heute – dank des starken Wandels angeblichWege finden.

Es müsse eben jeder selbst seinen eigenen Weg suchen und finden. Damit ist es dann der Mensch heute, der sich auch mal souverän gegen die Bibel entscheidet: „Und manchmal verändert sich das Gebiet so nachhaltig, dass es auch die Freiheit zu Wegen geben muss, die völlig neu sind oder vor denen einst [selbst in der Bibel] gewarnt wurde“ (Wege zum Leben, S. 312). Immer wieder lesen wir Sätze wie diese: „Wenn sich die Landschaft verändert hat“, wenn alte Regeln, eine „moralische Landkarte“, die sich früher bewährt hat, „in einer bestimmten Situation der Wirklichkeit nicht gerecht wird“, dann machen wir uns neue Karten. Hinter einem Wust an Worten steht letztlich ein Prinzip: Ethik Marke Eigenbau.

Um solche Bibelkritik eingängig zu machen, betonen die Autoren wieder und wieder, man dürfe die Bibel nicht „als eine Art zeitlose Landkarte verstehen“ (S. 133); eine „allgemeine und zeitlose Autorität für unser Handeln“ (S. 351) habe sie nicht; man dürfe nicht nach den „absoluten und überzeitigen Anweisungen“ der Bibel fragen (S. 132). Natürlich ist Gottes Offenbarung vielfältig und auch geschichtlich; natürlich müssen wir die alten Worte Gottes jeweils neu im Heute anwenden. Warum aber sollte der absolute Gott nicht mit absoluter Autorität gesprochen haben? Warum sollte der ewige Herr nicht auch ewige Wahrheiten verkündet haben? Warum dürfen wir nicht nach immer geltenden Geboten und Verboten fragen? Die Logik ihrer Thesen will sich mir nicht erschließen.

Was ist dann laut Dietz und Faix noch in der Bibel zu finden? Nur noch „grundsätzliche Orientierungslinien“ oder der „Richtungsssinn der Selbstmitteilung Gottes“ (S. 143). Der Bibeltext sei ein „unverzichtbares Lernfeld moralischen Urteilens“ (S. 133) – alles doch wieder sehr verschwommen. An zahlreichen Stellen betonen sie die „inspirierende Kraft der biblischen Texte“ (S. 350, 197), ihre „inspirierende Autorität“ (S. 351); die Bibel soll „uns zu eigener ethischer Urteilsfindung inspirieren“ (S. 83).

Schon vor acht Jahren hatte Thorsten Dietz in Weiterglauben die traditionelle, reformatorische Lehre von der Schrift vom Tisch gefegt. Dem Schriftverständnis der lutherischen (und reformierten) Orthodoxie wird er darin keinesfalls gerecht. Dietz hat gar keine Inspirationslehre mehr außer die, dass die biblischen Text auch heute noch inspirieren (s.o.). Der Bibeltext selbst ist nicht mehr von Gott inspiriert, er wirkt nur noch inspirierend auf Menschen. Diese entscheiden aber selbst darüber, wann sie sich inspirieren lassen.

Im Hinblick auf die biblische Urgeschichte schreibt Dietz in Weiterglauben: „Diese Texte sind noch mehr als Dichtung, es handelt sich um theologische Verdichtung von Menschheitserfahrungen.“ Für die beiden Ethik-Bände gilt Entsprechendes: In der Bibel finden die Autoren, so scheint es doch, ebenfalls nur verdichtete ethische Erfahrung von Menschen, also ethische Interpretationen. Von Offenbarung von oben durch Gott kann eigentlich keine Rede mehr sein.

Dies führt dann im Ergebnis zu der schrecklichen Ausgewogenheit in Wege zur Liebe bei Fragen wie Pornographie, Prostitution und Polyamorie (an der „Purity Culture“ wird jedoch kein gutes Haar gelassen). Das Thema Schwangerschaftsabbruch wird in dem Band gar nicht behandelt. Aber in zwei Podcast-Folgen von „Karte und Gebiet“ widmeten Dietz und Faix der Abtreibungsproblematik immerhin fast drei Stunden. Doch der verbale Eiertanz der beiden ist nur schwer auszuhalten.

Francis Schaeffer gab seinem allerletzten Buch, das nur einige Monate vor seinem Tod erschien, einen dramatischen Titel: The Great Evangelical Disaster (dt. Die große Anpassung). Schaeffer betonte immer die umfassende Autorität der Bibel. Er warnte darin noch ein letztes Mal eindringlich davor, das Schriftverständnis aufzuweichen. Sein Buch war eine prophetische Weckruf. Das Unheil ist nun eingetreten. Was in Wege zum Leben eher euphemistisch die „Fortführung des biblischen Skripts“ (S. 209) genannt wird, zeigt regelmäßig sein ganzes Vergiftungspotential in Podcast-Formaten wie „Hossa Talk“ („Jay, Marco und Gofi erklären die Welt“), „Movecast“ (Martin Benz), „Wort und Fleisch“ (von „Worthaus“) oder „Geist.Zeit“ (von „RefLab“), „FCK PURITY“ (Nana Myrrhe) und „Karte und Gebiet“ (Dietz/Faix).

Wenn Gott nicht im Mittelpunkt steht und wenn sein geschriebenes Wort nicht mehr mit absoluter Autorität konfrontiert, dann geht dies einher mit einem aufgeweichten Sündenverständnis. Was ist Sünde? Im Kapitel von Wege zum Leben über die biblische Story oder Heilsgeschichte ist viel von „Gebrochenheit“ die Rede; der Mensch sei daher ein „gefährdetes Wesen“; außerdem müsse Ethik auf die „Unvollendbarkeit bzw. Nicht-Perfektibilität“ des Menschen eingestellt sein (S. 150-151). Alles klar? Die Verständlichkeit ist hier und an anderen Stellen wahrlich unvollendet.

Und in Wege zur Liebe wird gefragt: „Was ist Sünde angesichts einer christlichen Sicht des Menschen?“ Es ist vielsagend, dass die biblische Lehre geradezu auf den Kopf gestellt wird. Wir lesen nichts von Rebellion gegen Gott, von einem Angriff auf seine Heiligkeit, kein Wort von Ungehorsam und Unglaube. Sünde bedeute vielmehr dies: die „Entwicklungsoffenheit des Menschen nicht respektieren“; „das Geheimnis des Menschseins einseitig auflösen“. Schließlich heißt es, dass „Sünde das Zurückbleiben hinter der hohen Bestimmung des Menschen ist. Sündenlehre muss herausgelöst werden aus dem Zusammenhang einer negativen Anthropologie, die den Menschen wesensmäßig als böse essentialisiert.“ (S. 87-88) Ihnen zufolge verfehlt der Mensch also in erster Linie sich selbst; dass der Kern der Sünde die verfehlte Gottesbeziehung ist, gerät weitgehend aus dem Blick. Diese Sündenlehre, die den Ernst des Bösen im Menschen nicht erkennt, muss daher als verfehlt gelten. Damit schließt sich der Kreis. Im postevangelikalen Ethikansatz der beiden ist es letztlich der Mensch, nur noch „inspiriert“ von groben biblischen „Orientierungslinien“, der die Wirklichkeit autoritativ deutet und letztlich auto-nom (sich selbst Gesetz!) entscheidet: das ist gut für mich; und es mache mir ja keiner irgendwelche Vorschriften! Versucht man es doch mit seinen alten Regeln, wird man von Postevangelikalen mit einer Kaskade von Begriffen wie Kontrolle, Macht, Missbrauch, Traumata, Erpressung usw. eingeschüchtert. So meinte bspw. Leonie Preck, Co-Autorin der SCM-Sexualitätssudie, jüngst im „Hossa Talk“ (#270) in ermahnendem Ton: „Wenn ich den Menschen sage, sie sollen keinen Sex haben, dann ist das eine ganz schöne Machtausübung über ein Leben, und man mus sich bewusst sein, was das eben machen kann“ – ganz böse Dinge natürlich.

Die Ethik à la Dietz und Faix „traut dem Menschen viel zu“ (Wege zur Liebe, S.213) – viel zu viel. Da das geschriebene Wort Gottes seine normative Kraft entscheidend eingebüßt hat, bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Damit überfordern sie aber den sündigen Menschen. Denn sie unterschätzen, wie stark die Sünde gerade das Denken und unsere Erkenntnisfähigkeit in Mitleidenschaft gezogen hat. Gott ist in Schöpfung und Geschichte erkennbar. Doch seit dem Sündenfall wird diese Gotteserkenntnis „durch Unwissenheit und Bosheit unterdrückt und verderbt“. So formulierte es Calvin in seiner Institutio (I,4, Kapitelüberschrift). Der Reformator spricht von „unserem großen Stumpfsinn“, von großem „Hang zu Eitelkeit und Irrtum“. „Einem jeglichen ist sein Verstand wie ein Labyrinth“, aus dem ein „Schlamm von Irrtümern“ quillt (I,5). Genau aus diesem Grund brauchen wir unbedingt die Hl. Schrift zum Leiter und Lehrer, ihre Normen und Prinzipien.

Francis Schaeffer erläutert den Titel Wie können wir denn leben? erst ganz am Ende seines Buches. Es ist ein Zitat aus Hesekiel 33, Vers 10. Die Israeliten klagen: „Unsere Vergehen und unsere Sünden lasten auf uns, in ihnen siechen wir dahin. Wie sollen wir da am Leben bleiben?“ (EÜ) Gott läßt ihnen zurufen: „Kehrt um, kehrt euch ab von euren bösen Wegen!“ (V. 11) Das war auch Schaeffers Anliegen: Er setzte sich dafür ein, dass sündige Menschen Jesus als Herrn annehmen und unter den moralischen Absoluten leben. Es ging ihm um eine Rückkehr zur Offenbarung Gottes in der Bibel, um das Nachdenken der Gedanken Gottes, wie er sich in Schöpfung und Wort offenbart hat. Ich bin mir sicher: eine „Ethik zum Selbstdenken“ hätte er, ein großer Denker, als Selbstüberschätzung des humanistischen Geistes betrachtet, der kein Siechen in Sünde, keine wirklich bösen Wege und keinen dringenden Ruf nach Umkehr kennt.

Damit wäre im Grunde alles gesagt. Doch warum ist diese Beschäftigung mit Ethik überhaupt wichtig? Schaeffer bringt auf den letzten Seiten seines Buches wie auch im 10. und abschließenden Teil der gleichnamigen Filmserie die politische Dimension ins Spiel (s. „How Should We Then Live?“ auf Youtube). Kurz gesagt: nur eine absolute Ethik kann sich einer absolut gebärdenden Macht in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft entgegenstellen. Schaeffers Warnung vor einer autoritären Elite, die die Medien manipulativ nutzt, mit Technologien kontrolliert und der Gesellschaft willkürliche Absolute auferlegt, hat sich wieder als prophetisch erwiesen. Die ach so wirklichkeitsaffinen Dietz und Faix schauen hier nur zu gerne in die falsche Richtung.

Schon vor vielen Jahren stimmte Faix in den Chor derer ein, die die Überwindung der „drei großen Diskriminierungen“, nämlich Rassismus, Sexismus und Kapitalismus, anstreben. So ziemlich jeden Unsinn, den in der Regel linksorierntierte Regierenden heute wo auch immer im Geiste dieser Überwindung ausbrüten, tragen Dietz und Faix mit. Wenn sie das politische Feld betreten (wie in einer ganzen Staffel von „Karte und Gebiet“), ist klar, woher in ihren Augen Gefahr droht: Meloni, Milei, Musk & Co. sind die üblichen Verdächtigen. In ihrer Ethik steht der Band zur Umweltethik aus. Wir dürfen gespannt sein, welcher Umerziehung sie dort das Wort reden, um die ökologische Transformation voran zu bringen.

Anders als Schaeffer, der in der Tradition der reformierten, hugenottischen Widerstandstheorie stand, werden Dietz und Faix sicher nichts gegen staatliche Zwangsmaßnahmen, also Gesetze, haben – wenn es z.B. darum geht, „umfassende soziale Wertschätzung [der verschiedenen Lebensweisen und sexuellen Identitäten] zu gewährleisten“. Schließlich gibt es noch „erhebliche Widerstände gegen die Anerkennung sexueller Vielfalt“ (Wege zur Liebe, S. 394–395). Ein bisschen autoritäre Hilfe bei der großen Transformation kann gewiss nicht schaden. Das letztinstanzliche Urteil des Obersten Gerichtshof Finnlands im Fall von Päivi Räsänen am 26. März zeigt, wohin die Reise geht, die schon Schaeffer vorhersah. – Mir würde all das Angst machen, doch auch die Postevangelikalen können einen großen Gott nicht klein machen.

Holger Lahayne, Vortrag vom 28. März 2026 auf der Tagung des „Netzwerks Bibel und Bekenntnis Schweiz“ in Winterthur-Seen

Quelle: https://lahayne.lt/2026/05/11/ethik-marke-eigenbau/ [1]