Die Kirche soll sich nicht mit politischen Anliegen „gemein machen“, sondern sich auf die Verkündigung des Evangeliums konzentrieren. Diese Ansicht vertrat der Theologieprofessor Armin Wenz (Wethautal bei Naumburg) am 21. März beim diesjährigen Kongress des Gemeindehilfsbundes [1] zum Thema „Was ist Kirche?“. Er fand vom 20. bis zum 22. März mit mehr als 230 Teilnehmern im GRZ Krelingen [2] (ehemals: Geistliches Rüstzentrum Krelingen/Walsrode) statt.
In der Aussprache nach seinem Vortrag betonte Wenz, der an der Lutherischen Theologischen Hochschule [3] der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche [4] (SELK) in Oberursel lehrt, es sei für Vertreter der Kirche ratsam, politische Positionierungen und Polarisierungen zu meiden. Er erinnerte daran, dass wenig von den Reformatoren so stark bekämpft worden sei wie die Vermischung von Kirche und Staat. Bis zum Jüngsten Tag regiere Gott die Welt auf zwei verschiedene Weisen: Im „Machtreich“ habe er die Obrigkeit eingesetzt, die mit „dem Schwert“ regiere. Die Kirche hingegen regiere mit dem Wort. Der Kirche sei es vorbehalten, sich um das Seelenheil der Menschen zu kümmern, während die weltliche Obrigkeit sich um Gesundheit, Sicherheit und Frieden kümmern solle. Abzulehnen sei daher jede Form der Theokratie, also eines Gottesstaates. Ebenso hätten die Reformatoren Versuche bekämpft, das Reich Gottes gewaltsam auf Erden herzustellen.
Wenz unterstrich, dass die Kirche nicht eine Gemeinschaft von Menschen gemeinsamer Gesinnung oder Abstammung sei. Man suche sich die Kirche nicht aus, sondern werde von Christus in sie hineingerufen. In der Kirche seien Gläubige und Heuchler miteinander vereint, wie es das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13, 24–30) verdeutliche. Die Kirche in einem weiten Sinn umfasse also auch Menschen, die sich mit ihrem Mund zu Christus bekennten, aber nicht in ihrem Herzen.
Sollen Frauen Pfarrerinnen werden?
In einem Seminar sprach Wenz zudem über die Frage, ob Frauen laut der Bibel zum Pfarramt zugelassen werden sollten. „Die Frage ist nicht, ob Frauen das Pfarramt ausüben können, sondern ob sie es ausüben sollen.“ Er räumte zwar ein, dass er selbst Frauen kenne, die ihr Pfarramt besser ausübten als viele Männer. Entscheidend sei jedoch, dass Christus das Amt der Verkündigung nur Männern übertragen habe, obwohl es auch Frauen unter seinen Nachfolgern gegeben habe. Auch das Argument, die Urkirche habe damit lediglich dem Zeitgeist entsprechend gehandelt, greife nicht: Im ersten Jahrhundert habe es durchaus Priesterinnen gegeben – dass die frühe Kirche dennoch nur Männer zu Geistlichen berief, sei eine bewusste Entscheidung gewesen.
Neben den beiden häufig angeführten Bibelstellen (1. Korinther 14,33-36 und 1. Timotheus 2,11-12), in denen Frauen untersagt werde, in der Gemeinde zu lehren, lasse sich die Ablehnung der Frauenordination auch mit der biblischen Schöpfungsordnung begründen: So wie der Vater innerhalb der Dreifaltigkeit das Haupt sei, dem Christus als Sohn zugeordnet sei, werde Christus als Haupt die Gemeinde zugeordnet und dem Mann wiederum die Frau. Diese Ordnung müsse man auch in einer Welt verteidigen, die sie ablehne. Dass die Kirche die Welt von den biblischen Wahrheiten überzeugen werde, sei ihr ohnehin nicht verheißen. „Wohl haben wir aber als Christen für diese Wahrheiten einzustehen.“ Dies gelte besonders dann, wenn diese Wahrheiten auch innerkirchlich angefragt oder abgelehnt würden.
Der Protestantismus zerfällt
Der Theologe Bernhard Kaiser äußerte die Ansicht, dass sich der Protestantismus im Zerfall befinde. „Und wenn nicht der Herr der Kirche hilft, dann wird der Protestantismus nur an einzelnen Hotspots überleben“, sagte der Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Reformatorische Theologie [5] (Reiskirchen bei Gießen). Bei Gott gelte „null Toleranz gegenüber falscher Lehre“, betonte er mit Verweis auf den Apostel Paulus, demzufolge Gott jeden verflucht, der ein falsches Evangelium verkündigt (Galater 1,9). Die liberale Theologie diene „ganz offen der Zerstörung der Kirche“; eine feministisch oder queer (mit Rücksicht auf sexuelle Minderheiten) gelesene Bibel habe nichts mehr mit christlicher Lehre zu tun.
Die wissenschaftliche Theologie habe sich „einem methodischen Atheismus unterworfen“ und arbeite so, „als ob es Gott nicht gäbe“; sie rede deshalb vom Menschen. Das Evangelium als einziger Trost im Leben und Sterben sei in Vergessenheit geraten. Stattdessen bemühe sich die Kirche um gesellschaftliche Relevanz, indem sie sich die vorherrschenden Werte der Gesellschaft zu eigen mache. Kirchliche Publikationen nähmen kaum noch Bezug auf Jesus Christus, „höchstens am Rande“. Ohne diesen Bezug würden die Kirchen jedoch nicht glaubwürdiger.
Viele Ungläubige, die der Kirche „beigemischt“ seien, müssten heute nicht einmal heucheln, sondern könnten offen ihre „glaubenslosen Anschauungen“ vertreten. Das sei auch eine Folge davon, dass die lutherischen Kirchen die Kirchenzucht vernachlässigt hätten. Als Abhilfe erteilte Kaiser menschengemachten Gemeindebauprogrammen – „auch aus Amerika“ – eine Absage. Im Übrigen sei der Individualismus auch unter bibeltreuen, konservativen Christen sehr verbreitet. Sie neigten deshalb dazu, sich immer weiter zu zersplittern. Helfen könne allein „die Predigt des reinen Evangeliums“. Es gehe darum, die Menschen „hin zu Jesus Christus“ zu führen. Eine rechte evangelische Gemeinde solle sich als Gemeinschaft von Sündern begreifen, und der Pastor solle auf den Gekreuzigten hinweisen. „Da ist dann rechte Kirche, auch wenn sie sich in einem Privathaus versammelt, unter freiem Himmel oder im Kirchengebäude.“
Der Kongress wird vom 27. bis 29. März in Bad Teinach-Zavelstein erneut stattfinden (Tagungsprogramm Zavelstein [6]). Der Gemeindehilfsbund wurde 1992 von Pastor Heinrich Kemner (1903–1993) gegründet, der auch das Geistliche Rüstzentrum Krelingen ins Leben gerufen hatte. Er hat über 1.000 Mitglieder.
IDEA, 23.3.2026