Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Das „Nur“ des triumphierenden Glaubens (Ps. 62)

Samstag 7. März 2026 von Prädikant Thomas Karker


Prädikant Thomas Karker

Vorbemerkungen zu Psalm 62:

L. Harms sagt dazu: „In diesem Psalm wird uns gelehrt eine über alle Maßen wichtige Kunst, welche aber sehr schwer zu lernen ist. Das ist die Kunst, stille zu sein zu seinem Gott. Der Psalm hebt an mit den Worten: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Wer diese Kunst gelernt hat, der hat die schwerste Kunst gelernt, die ein Christ lernen kann.“

H. Lamparter: „Das Stillesein, von dem der Psalmist redet, ist kein passives, sondern ein aktives Verhalten, dem Hoffen aufs Engste verwandt. „Halte still dem Herrn und hoffe auf ihn!“ Es ist Frucht des Glaubens, der alle Sorgen und Ängste auf die Macht und Weisheit Gottes warf und sich ganz in seines Gottes Hand weiß.“

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen, für Jedutun. 2 Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. 3 Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht wanken werde. 4 Wie lange stellt ihr alle einem nach, wollt alle ihn morden, als wäre er eine hangende Wand und eine rissige Mauer? 5 Sie denken nur, wie sie ihn von seiner Höhe stürzen, sie haben Gefallen am Lügen; mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie. Sela. 6 Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung. 7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde. 8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, / der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott. 9 Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, / schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht. Sela. 10 Aber Menschen sind ja nichts, große Leute täuschen auch; sie wiegen weniger als nichts, so viel ihrer sind. 11 Verlasst euch nicht auf Gewalt und setzt auf Raub nicht eitle Hoffnung; fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran. 12 Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört: Gott allein ist mächtig, 13 und du, Herr, bist gnädig; denn du vergiltst einem jeden, wie er’s verdient hat. (Psalm 62)


Vers 1:
Der Psalm ist von David. Jedutun ist der Gesangsmeister.

è         „Nur“ kommt 6x im Text vor. Das Wörtlein „nur“ ist auf zweierlei Arten benutzbar:

1.          Anzeige eines Mangels: Bei J.tr.f.Olympia in Berlin: „Wir haben nur den 14. Platz belegt.“ Oder (hier 2x „nur“ in diesem Sinne)

2.          Es deutet die Einschränkung auf etwas Exklusives, Ausschließliches an: Nur das brauche ich um glücklich zu sein. Oder die Werder Bremen Fans singen: Nur der SVW! (Hier 4x „nur“ in diesem Sinne)

è         Die Zahl 6 bedeutet „die Zahl des Menschen“. Der Mensch braucht nichts anderes als die Stille vor Gott. 4x in Bezug auf Davids Vertrauen, 2x in Bezug auf seine Feinde.

è         Elohim (Vers 2, 6, 8, 8, 9, 12, 12) kommt 7x vor. Es bedeutet: der allmächtige Schöpfergott.

è         Adonai (Vers 13) kommt 1x vor. Es bedeutet der „HERR.“

Hier wird ersichtlich, dass es vom Schöpfergott letztendlich zum persönlichen Du, als dem Herrn kommen muss.

è         Meine Hilfe (Vers 2, 3, 7) 3x = Mein Heil (Vers 2, 6, 7) = jeschuah

è         Mein Schutz: (Vers 3, 7, 8, 9) 4x. je nach Übersetzung: Schutz, Zuflucht, Burg, sichere Höhe

è         Mein Fels: Vers 3, 7, 8 = 3x (auch Hort)

è         Meine Ehre: Vers 8 = 1x

Einleitung:

„Meine Seele ist stille zu Gott.“ „Sei nur stille zu Gott, meine Seele.“ Zweimal steht das Wort von der Stille hier. Die Dopplung bedeutet immer: Das ist etwas Wichtiges! Für uns heute ist Stille weitgehend eine unbekannte Größe. Man erträgt die Stille nicht mehr. Deswegen darf es nirgends still sein. Beim Einkaufen dudelt es aus dem Lautsprecher, auf dem Weihnachtsmarkt überlagern sich die verschiedenen Weihnachtsmusiken, man kann nichts mehr verstehen, das Handy mit Kopfhörer verhindert die Stille, selbst am Fahrrad wird ein tragbares Radio montiert. Ja keine Stille. Stille ist langweilig, Stille ist unmodern, Stille ist out! Und doch reden alle von Stille, weil der Lärmpegel stressig ist, der Flugzeuglärm die Scheiben klirren lässt, selbst der Straßenlärm will um 24 Uhr kein Ende nehmen. Das ist Sache der Nerven. Man sollte doch eine Lärmbekämpfungs-AG’s gründen. Das ist es: eine wirksame „Lärm­bekämpfungs-AG.“

Dann sagen die Leute: „Ab in den Urlaub, ausspannen, die Stille genießen.“ Im Schweigen des Waldes? Am See? Am Meer oder in den Bergen? Ist es dann still, wenn man „zu sich selber kommt?“ Aber gerade in den Ferien wollen wir nicht „zu uns selber kommen“, sondern von uns weg. Den Alltag vergessen, nicht Einkehr und Sammlung, sondern Auskehr und Zerstreuung. Wir wissen: Bei mir selber ist es ja gerade nicht still. Wie wenn man Ferien machen könnte! Gegen das lärmende Herz aber kommt keine Lärmbekämpfungs-AG an.

Und was ist, wenn uns Gott eine Sonderpause im Bett gönnt? Wird man da still, wenn man krank ist? Fängt dann nicht der innere Lärm, der Lärm der Gedanken, an zu rumoren? Knirscht mancher dann nicht mit den Zähnen! Und unter der Decke ballt sich die Faust. Es gibt eben auch eine Stille ohne Gott, eine ungeheuerliche Stille.

David betet: „Meine Seele ist stille zu Gott.“ Er weiß offenbar etwas Besseres. Sei nur stille zu Gott, meine Seele. Stille zu Gott: „Du hast uns zu dir hin geschaffen, o Gott, und unruhig ist unser Herz, bis dass es Ruhe gefunden hat in dir“ (Au­gustinus).

Ja, es ist etwas Köstliches um die Stille, aber eben darum auch etwas Seltenes und Schweres. Wer es einmal so weit gebracht hat, dass er in Wahrheit sagen kann: „Meine Seele ist stille vor Gott,“ der ist ein geläuterter Christ. Wenn das Gold, das der Schmelzer im Schmelztiegel läutert, endlich aufhört, zu sprudeln und zu brodeln und ganz still wird, so dass der Schmelzer in der Oberfläche des flüssigen Goldes sein Antlitz wie in einem glatten Spiegel schauen kann, dann ist’s ein Zeichen, dass der Läuterungsprozess vollendet, dass das Gold rein ist. Und wenn eine Seele, die der große Schmelzer Jesus in seinem Schmelztiegel im Feuer der Trübsal läutert, wenn die endlich aufhört, zu sprudeln und zu brodeln, zu murren und zu klagen und still wird, ganz still vor Gott, dann spiegelt sich sein Antlitz auf der Goldoberfläche. Dann kann sich sein Bild in ihr verklären, dann hat das Feuer seine Schuldigkeit getan, dann ist die Seele lauter und rein, viel köstlicher als das vergängliche Gold, das durchs Feuer bewährt wird.


1.          Die Kraft des Glaubens.

Stille ist ein Wunder, ein Gottesgeschenk. David bezeugt, dass dies Wunder an ihm ge­schehen ist. Es war offenbar nötig. Dieser Mann ist nämlich alles andere als in den Ferien. Er ist einer der Angefochtenen, wie sie uns in den Psalmen so häufig begegnen.

Gottes Werk fängt immer da an, wo mein Werk aufhört, und das ist die Kunst, das eigene Werk aufzugeben und Gott wirken zu lassen. Darum sagt Gott schon im Alten Testament durch den Propheten Jesaja: O dass ihr stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein (Jes. 30,15). Aber bis man das lernt, stille zu sein: Was für Kämpfe gehören dazu. Und viele Menschen scheinen es nie zu lernen, so gern sie auch wollen. Immer geht die Ungeduld und das eigene Werk wieder mit ihnen durch. Es ist in ihnen eine Unruhe, die sie nicht zu diesem Stillsein kommen lässt. Die Christen im 18. Jh., die Anhänger von Gerhard Tersteegen, hat man „die Stillen im Lande“, genannt, sie haben die Kunst, stille zu sein, gelernt.

Wir können uns 10x sagen: „Sei stille dem Herrn,“ es hilft doch nichts. Ganz besonders schwer ist das Stillesein, wenn man die Hilfe Gottes angerufen hat und Gott uns auf seine Hilfe warten lässt. Da fangen wir an zu zappeln, wie ein Fisch an der Angel. Ja, wenn Gott gleich in dem Augenblick uns das geben würde, um was wir bitten, dann wollten wir wohl stille sein. Aber wenn Gott uns auf das Warten verpflichtet, so meinen wir, er habe die rechte Stunde verpasst. Was doch Gott für Geduld mit der Ungeduld der Menschen haben muss, das ist nicht auszusprechen. Oft geht es so, wie Kohlbrügge es sagt: Verheißt er ihnen Raum, so werden sie eingeengt; verheißt er den Frieden, so wird die Seele in uns, ach, so unruhig; … dennoch ist es Gottes Weg mit ihnen.

Ein Abraham, ein Jakob, ein Mose – oh wie haben sie das Warten und Stillwerden vor Gott lernen müssen in der Abgeschiedenheit, über 20, 25, ja 40 Jahre.

G.D. Krummacher zeigt uns, was Jesus mit uns vorhat: „dass das die höchste Stufe des Glaubens ist, zu der uns Gott führen will: Wenn man, wie Abraham, glaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist, ja wider die Hoffnung, wider die Empfindungen. Das ist das Höchste im Glauben.

„Meine Seele, sei stille zu Gott!“ Da gibt es auch keine Vollendung, sondern es ist eine ständige Übung und Vorbereitung. Luther sagt dazu: „Es ist noch nicht das Ende, aber wohl der richtige Weg, wir sinds noch nicht, aber wir werdens aber.“

Es ist der stete Kampf zwischen dem „Schon“ der Verheißung und dem „Noch nicht“ der Erfüllung der Verheißung. Das 4-fache „Nur“ soll und die Dringlichkeit des Feststehens zu Jesus verdeutlichen. So wie es Johannes bestätigt hat: Wohin sollen wir gehen, (nur) du hast Worte des ewigen Lebens. Das ist das Bekenntnis Davids und des Johannes zum Alleinstellungsmerkmal von Jesus.

2.          Die Geduld des Glaubens.

David hat erfahren, dass Gott sein Hort, Hilfe und Schutz ist, dass ihn kein Fall, im irdischen, wie im geistlichen, stürzen kann, wie groß er auch gewesen ist.

Œ   Im Irdischen kann es doch keinen größeren Sturz geben, als vom Königsthron gestoßen zu werden und als ein Flüchtling davon müssen in die Verbannung. Seht das an David. Sein ungeratener Sohn Absalom hat ihn vom Thron gestoßen. Hat David das geschadet? Nein, er lernte vielmehr daraus still zu sein und auf Gott zu harren.

   Die zweite Begebenheit ist ein geistlicher Sturz. Das hat der Mann erlebt, der ein Mann nach dem Herzen Gottes genannt wird. So steht er auf einmal als ein bluttriefender Mörder und als ein schmutziger Ehebrecher da. Und doch ist es wahr, was er sagt: Es wird mir kein Fall schaden; denn er hat sich wieder aufrichten lassen von der Hand seines treuen Gottes. Seine Buße ist ernster, sein Glaube ist stärker und seine Liebe ist inniger geworden. Seine Sünde war eine Schwachheitssünde. Daher konnte er still bleiben in der Zeit, als alles sich von ihm abwandte und er allein stand.

Ž          Hier im Psalm leidet er an seiner Umgebung. Diese benimmt sich ihm gegenüber nicht gerade nobel. Sie betrachten ihn als eine bereits aufgegebene Existenz. Um ihn herum wird gemunkelt und getuschelt; man redet von einer „hängenden Wand,“ von einer „stürzenden Mauer.“ Morsche Wand, ein leiser Druck und – „was stürzen will, das soll man gleich noch stoßen“ (Nietzsche). So ist er ein einsamer Mensch, der niemanden mehr hat. Alle gegen einen: „Wie lange stellt ihr alle einem nach?“ Er ist an dem Punkt angelangt, wo man verzweifelt ausruft: „Hat sich denn alles gegen mich verschworen? Steht denn alles gegen mich?“ Alle gegen einen. Und nun müssten ihm ja die Nerven reißen, er müsste den Kopf verlieren, er müsste durchdrehen, verzweifeln. Aber seltsam, der Nervenzusammenbruch tritt nicht ein, er muss nicht verzweifeln. Zwar geht nichts mehr, aber schau, es geht doch gerade noch etwas: das Got­tesgeschenk der Stille ist als Wunder zu ihm gekommen: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Sei nur stille zu Gott, meine Seele.“

G. Brinke sagt: „Inneres Zur-Ruhe-Kommen wird allen zuteil, die dem Herrn vertrauen. Damit schwindet die Furcht. David war immer noch von Feinden und Neidern umgeben, die ihn vom Thron stürzen wollten, ihm den Tod wünschten. Er selbst aber war in tiefem Frieden, geborgen in Gott. Innere Stille redet laut zu andern. Pilatus sprach zu Jesus: „Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen?“ Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort, so dass sich der Statthalter sehr verwunderte‘ (Matth.27, 13.14). Die Stille Jesu brachte Pilatus zum Staunen. Er begriff nicht, dass ein Verurteilter schweigen kann angesichts der vor ihm liegenden Qualen. Bei Jesus kommt das sonst so unruhige Herz zur Ruhe.“

3.          Die Erwartung des Glaubens

Diese Stille des Gottvertrauens ist nicht zu verwechseln mit stoischer Ruhe nach dem Motto: „Ich lasse mich durch nichts aus dem Gleichgewicht bringen,“ oder „Ich bin die Ruhe selber.“ Es ist keine na­türliche Gelassenheit. Die versagt nämlich im wirklichen Ernstfall. Die Stille zu Gott hat nichts mit Gemüt oder mit Idylle zu tun. Sie ist von der Nähe aus besehen ein Kampf. Es ist ein getroster, guter Kampf des Glaubens. Das merkt man David an. Es ist einigen Auslegern aufgefal­len, wie wortreich David Gottes Beistand, Gottes hilfreiche Eigenschaften be­schreibt. „Mein Hort“, „Meine Hilfe“, „Mein Schutz“, „Mein Heil“, Meine Ehre“, Mein Fels“, „Meine Stärke“, „Meine Zuversicht“, „Meine Hoffnung.“ Ist das Geschwätzigkeit? Johannes Calvin hat es richtiger gesehen. „So,“ sagt er, „ist die Sprache des Bedrängten, die Ausdrucksweise des Glaubenskampfes. Jedes einzelne dieser Worte kommt ihm vor wie ein Schild, das dieser Angefochtene da in seiner äußersten Not dem Teufel entgegenstemmt. Es sind Anrufungen Gottes, es ist Kampfhandlung, er pariert damit die Schläge seiner Feinde, die ihn umringen. Benutzen doch auch wir diese ‚Schilde‘, um in ihrer Geborgenheit still zu werden, still in Kampf und Sturm! Sagen doch auch wir es ihm nach, getrost und unverzagt: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Sei nur stille zu Gott, meine Seele.“ Gerade durch die Fülle dieser verschiedenen Ausdrucksweisen wird die Erwartung Davids auf Gottes Hilfe erst recht offenbar.

Unter all den aufgezählten Eigenschaften Gottes fallen uns zwei besonders auf. „Bei dir ist mein Heil – bei dir ist meine Ehre.“

Hier ahnen wir nun erst recht die ganze Größe der Not, aber gleichzeitig auch die ganze Herrlich­keit der Hilfe, die ihm zuteilwird. Ja, bei dieser Gelegen­heit werden nun erst die eigentlichen Hintergründe und Ursachen des Lärms in dieser Welt aufgedeckt.

Œ          W. Lüthi sagt: „Aller Lärm kommt schließlich aus dem friedlosen Innern der Menschen, das heißt, aus der unvergebenen Schuld. Darum ist die kleine und die große Weltgeschichte so laut und lärmig, weil sie so voll unvergebener Schuld, so voll Heillosigkeit ist.“ Dieser tiefsten Ursache allen Lärms ist nun allerdings kein noch so ruhiges Temperament gewachsen; eine Lärmbekämpfung anderer Art kommt hier ans Ziel. „Stille zu Gott“ ist eben nicht eine unbestimmte, mystische Sache, sondern etwas ganz Klares und Deutliches. Stille zu Gott ist Vergebung der Schuld, ist Heilsgewissheit. Wo diese in einem Menschenleben Einzug hält, da wird es still: „Bei dir ist mein Heil.“ Mein Heil ist nicht bei mir selber, im Gegenteil. Sein Heil ist gleichsam bei Gott deponiert. So wie die Men­schen, wenn es brenzlig wird, ihre Kostbarkeiten, früher im Garten unter einem Strauch vergruben, heute in den Safe ihrer Bank tragen, so weiß David sein Köstlichstes, sein Heil, bei Gott deponiert. Dort am Kreuz für mich erworben. Und nun mag kommen, was will, „Bei dir ist mein Heil.“ „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“

Œ          Und „Bei dir ist meine Ehre.“ Meine Ehre ist nicht bei mir, da ist nichts als Schande. Meine Ehre ist auch nicht bei den Menschen. Menschen, die ihr Maul aufreißen und über ihn lästern. Die Unruhe rührt oft daher, dass man hört, was über einen geredet und gar geplant wird. „Alle gegen einen!“ Sie planen, wie sie David stürzen können, entwickeln Mordpläne, Lügen und Heuchelei! „Die Zunge des Menschen ist mein täglicher Schmelzofen,“ sagte Augustinus. Da hilft nur die stille Zuflucht zu Gott.

Ja, wenn mein eigenes Herz das Maul aufreißt und mich verdammt – meine Ehre ist bei Gott, weil Gott der Vater Jesu Christi ist. Bei Gott ist mein Heil, bei Gott ist meine Ehre. So ist’s gemeint mit der „Stille zu Gott.“ Sei es an gesunden oder kranken Tagen, sei es in der Hektik der Arbeit oder im Genuss der Ferien – da ist Stille, wo Vergebung ist, da ist der Lärm wirksam bekämpft, wo Gott selber vom Himmel herunter die Lärmbekämpfung in seine Hand genommen hat. Und das ist am Kreuz ge­schehen. „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Das Wort zielt auf Jesu Kreuz hin.

Stille zu Gott, das ist der Ort, wo ich mein Herz ausschütten darf in Buße und Vertrauen. „Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus. Gott ist unsere Zuversicht und Stärke.“ Martin Luther sagt zu diesem Vers: „Gott bleibt fest, also verlasst euch auf ihn, zu beiden Zeiten, es sei Glück oder Unglück. Fehlt euch etwas – wohlan, da ist guter Rat: ,Schüttet euer Herz vor ihm aus‘, klaget nur frei, verberget ihm nichts. Es sei, was es wolle, so werft’s mit Haufen heraus vor ihn, wie ihr einem guten Freund euer Herz ganz und gar öffnet. Er hört’s gern, will auch gern raten und helfen. Scheuet euch nicht vor ihm und denkt nicht, es sei zu groß oder zu viel. Er ist größer und vermag und will auch mehr tun, als unser Mangel ist. Nur heraus damit, und wenn es Säcke voller Mängel wären, nur heraus, Gott ist größer als unsere Gebrechen.“

Durch Ausschütten des Herzens vor Gott kom­men wir zur Stille. Gott heißt hier zwar auch „der Fels.“ Das will aber nicht sagen, dass Gott ein Herz aus Stein habe. Nein, sag es deinem Gott, der ist ein Fels und hat ein Herz, ein Vaterherz, und „er tröstet, wie einen seine Mutter tröstet.“ „Nur heraus damit!“

4.          Die Abhängigkeit des Glaubens.

Im letzten Teil des Psalms steht noch etwas Bedeut­sames. Wer zu dieser Stille gekommen ist, der wird frei von falschen Abhängigkeiten. Wie geneigt ist doch unser törichtes Herz zu falschen Vertrauensverhältnissen! Gewalt und Besitz sind nicht an sich selbst böse, aber sie haben die gefährliche Tendenz, dass sie zu einer falschen Sicherheit verleiten und die Furcht Gottes aus dem Herzen verdrängen. Die Warnung Davids ist im Sinn des ersten Gebots: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Gott allein kann mein Fels und meine Errettung sein. Durch Vertrauen auf ihn ist das Herz befestigt.

Es ist nicht schnöde Menschenverachtung, nein, es ist nüchterne Men­schenkenntnis, wenn er sagt: „Menschen sind ja nichts, große Menschen versagen auch; sie sind weniger als nichts.“ Wenn es drauf ankommt, kann kein Mensch dir helfen. So sehr Menschenbeistand in dieser und jener Verlegenheit des Alltags helfen kann, in der ent­scheidenden Not, in der Not des sündigen Herzens, da hilft dir kein noch so bedeutender Mensch. Auch auf die Sachen, die man besitzt, auf den Reichtum, der einem zufällt, ist kein Verlass: „Fällt euch Reichtum zu,“ wörtlich: „Sprosst euch Reichtum,“ dann, warnt er: „Hängt euer Herz nicht daran!“ Wer sein Vertrauen auf Besitz gründet, dessen Herz wird nicht still, es bleibt in der Unruhe, es kann nicht anders als ruhelos bleiben. Es gibt nur eine Stille. Ein in der Ursprache winziges Wörtlein kehrt im Verlauf des Psalms nicht weniger als 4x wieder, es heißt „nur,“ „allein.“ Allein zu dir ist meine Seele still.

Was bedeutet dieses „nur“ für mich? Es schließt anderes aus! „Nur auf Gott vertraut still meine Seele. Nur er ist mein Fels und meine Hilfe.“ Auf keinen anderen bin ich ausgerichtet. Von keinem anderen kann ich die wesentliche Hilfe erwarten. Nur – ganz allein – er! Einzig der Glaube ist echt, der in Jesus allein ruht. Ein Vertrauen, das sich nur zum Teil auf ihn gründet, hilft nichts. „Nur zu Gott ist meine Seele still!“ Meine Seele senkt sich in Gottes Herz und Hände. Nur die Gegenwart Gottes konnte die Unruhe Davids beschwichtigen, sodass er ruhig wurde in stillem Warten und Vertrauen. Das ist göttliche Gnade, die unseren Willen so zum Gehorsam neigt und das Herz so stillt, dass das ganze Gemüt offen vor dem Herrn ist. Bereit, sich von Jesus führen zu lassen, ohne innere Aufregung, frei von dem Einfluss anderer Mächte. Nur Jesus allein! – „Verlasst euch nicht auf Gewalt. Nimmt das Vermögen zu, so hängt euer Herz nicht daran.“

So kommt David zu dem Schluss: Harre auf Gott, den lass dein Ein und Alles sein, denn der hilft dir und du wirst erfahren, dass Er dich nicht in der Not umkommen lässt, dass Er dich errettet aus der Hand aller deiner Feinde. Denn Er ist nicht bloß dein Helfer, sondern auch dein Richter.

In der Stille zu Gott leuchtet sein Wort auf. „Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört: Gott allein ist mächtig, und du, Herr, bist gnädig.“ Mit dieser strahlenden Gewissheit wird David in der Stille zu Gott gesegnet. Diese triumphierende, frohe Botschaft hat er den Menschen zu sagen.

Aus der Stille zu Gott wird uns das Zeugnis geschenkt, eine hilfreiche Botschaft für andere, weil Jesus zu uns redet. Im Neuen Testament ist mir eine Frau begegnet, die die Bedeutung der „Stille zu Gott“ erkannte. Maria in Bethanien. Sie ist uns allen bekannt. Sie hat uns für unser Problem „Stille im täglichen Leben“ etwas zu sagen.

Jesus kommt ins Haus. Marta nahm ihn auf. „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta beschwert sich bei Jesus über Maria. „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not: Maria! hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden.“ Jesus spricht für Maria und korrigiert Marta. Maria hat das gute Teil erwählt, sie hat Jesus zugehört.

„Eins ist Not!“ Maria hörte Jesu Rede zu. Eigenartig, dass uns der Inhalt der Rede Jesu nicht gesagt wird. Ob Marta die Korrektur Jesu angenommen hat?

Aber wie sieht die Stille zu Gott in unserem Werktag aus? Die Stille zu Gott ist von unserem Herrn geschützt, und sie befähigt zum Dienst.

Maria wurde durch das stille Sitzen und Hören nicht passiv, nicht tatenlos. Sie war brennend am Weg Jesu beteiligt. Von niemand sonst lesen wir in der Bibel, dass er die Leidensankündigungen so ernst nahm und Jesu nahen Tod kommen sah. Wenn wir heute von ihr hören, dann lasst uns wie Maria die Stille suchen, um Jesu Rede zu hören. Und lasst uns das Werk der Liebe tun, wie Maria, als sie ihren kostbarsten Besitz an Jesus verschwendete.

Amen

Prädikant Thomas Karker, Bremen, Februar 2026

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 7. März 2026 um 9:39 und abgelegt unter Predigten / Andachten.