Sind die evangelischen Landeskirchen noch zu retten?
Mittwoch 26. November 2025 von Die Tagespost
Die Bewegung „Crossbearers“ will die evangelischen Landeskirchen von unten her reformieren. Doch kann das gelingen? Jorge Monsalve meint: Ja, mit 95 neuen Thesen und dem Kreuz. Kürzlich fand in Wittenberg, der Wiege der Reformation, die Konferenz „Echoing Wittenberg 2025“ statt. Dabei wurden 95 neue Thesen der Öffentlichkeit präsentiert, die zu einer Erneuerung der evangelischen Landeskirchen beitragen sollen. Der Veranstalter „Crossbearers“, zu deutsch „Kreuzträger“, will die Kirchen von innen her zur eigenen Tradition zurückführen. Im Interview spricht Jorge Monsalve, Sekretär des Leitungsteams von „Crossbearers“, über die Krise in der protestantischen Verkündigung, 95 neue Thesen mit dem Kreuz Christi im Mittelpunkt sowie über das Verhältnis von Glaube und Politik.
Sie sehen sich in Ihrer Bewegung namens „Crossbearers“ weder als Vereinigung von Pfarrern noch als theologische Institution, sondern als Netzwerk von Einzelpersonen aus verschiedenen evangelischen Kirchen. Gleichzeitig betonen Sie, dass Sie keine freikirchliche Bewegung, sondern eine Initiative innerhalb der protestantischen Landeskirchen lutherischer, reformierter und anglikanischer Tradition sind. Was sind die Gründe für diese bewusste Positionierung?
Zum einen wollen wir unsere Kirchen für das Fundament des Glaubens zurückgewinnen. Wir lieben unsere Kirche und wollen in ihr bleiben. In diesem Sinne sind unsere Thesen kein Scheidebrief, sondern ein Reformprogramm, bei dem wir mit diesen 95 Punkten wieder das Kreuz ins Zentrum stellen wollen. Wir sind zudem kein Netzwerk von Pfarrern, sondern von Laien – unter anderem, weil wir ein „Rückenwind“ für Pfarrer sein wollen. Denn über mehrere Jahrzehnte gab es Fälle von Pfarrern, die klar die Wahrheit ausgesprochen haben und trotzdem abberufen oder angegriffen wurden. Und: Seit den 1970er-Jahren ist insbesondere durch die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa eine Verbindung zwischen den Vertretern der lutherischen, reformierten und anglikanischen Traditionen entstanden. Wir haben entdeckt, dass es sinnvoll wäre, unsere Stärken zu bündeln. Mit einer Online-Community von Gleichgesinnten in unterschiedlichen Ländern wurde die Zusammenarbeit begonnen. So können wir unterschiedliche Talente nutzen.
In den von Ihnen veröffentlichten „95 Thesen“ bekennen Sie sich im Sinne der Bekenntnisse der protestantischen Tradition zu zentralen Themen des Glaubens – u. a. zum Glauben an den dreifaltigen Gott, an Jesus Christus als einzigen Mittler des Heils, an die Heilige Schrift als einzige unfehlbare Norm für Lehre und Verhalten der Kirche sowie zu grundlegenden christlichen Werten wie Ehe und Lebensschutz. Wie erklären Sie sich, dass öffentliche Reaktionen von Vertretern der Landeskirchen auf Ihre 95 Thesen oder auf die Veranstaltung „Echoing Wittenberg 2025“ bislang ausgeblieben sind?
Es gab schon Reaktionen, aber nicht in den offiziellen Medien. Warum das so ist, kann ich nicht beurteilen. Insgesamt kann man sagen: Wir sind wahrgenommen worden. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) hat bereits einen kritischen Artikel über uns geschrieben. Dass die EZW das in die Hand nimmt, bedeutet, dass wir als eine „Stimme vom Rand“ gesehen werden. Ursprünglich wurden wir sogar als Rechtsextremisten eingestuft, was aber nicht stimmt. Diese Missverständnisse haben wir ausgeräumt. Aber wir werden von der EZW dafür kritisiert, dass wir das Bekenntnis unseres Glaubens predigen: dass Jesu Tod ein stellvertretendes Sühneopfer ist, und dass das dadurch erworbene Heil allein in ihm zu finden ist. Ich weiß, dass die EZW theologisch liberal ist, aber wenn sie so einen zentralen Lehrsatz nicht nur ablehnt, sondern scharf kritisiert, welche Weltanschauung vertritt sie dann? Da entsteht ein klarer Unterschied zum historischen, apostolischen christlichen Glauben.
„Wir befinden uns in einer ähnlichen, wenn nicht schlimmeren Krise als vor 500 Jahren.“
Was war das Ziel der Konferenz „Echoing Wittenberg 2025“ und wie wurde dieses Ziel auf der Konferenz verfolgt?
Wir haben bewusst Wittenberg als Ort und den Namen „Echoing Wittenberg“ gewählt, um zu betonen, dass wir uns in einer ähnlichen, wenn nicht schlimmeren Krise als vor 500 Jahren befinden. Damals drehte sich der Streit um die Rechtfertigungslehre und um Machtmissbräuche. Aber was uns heute schadet, ist eine Leugnung des Bekenntnisses, die zu immer mehr Verwirrung und Missständen führt. Unser erstes Ziel war es, mit der Konferenz friedlich Präsenz zu zeigen und eine klare Botschaft zu vermitteln. In Vorträgen wurde dazu ermutigt, das Recht auf Religionsfreiheit tatsächlich auszuüben, den christlichen Glauben zu bekennen und unsere Gesellschaft an das Wort Gottes zu erinnern. Ein zweites Ziel war es, die ganze Christenheit über den theologischen Grund der Verwirrung in der evangelischen Kirche zu informieren. Wir wollen sie warnen, damit in den anderen Kirchen nicht dasselbe passiert. Deswegen haben wir uns gefreut, dass auch Interessenten von der römisch-katholischen Kirche und den Freikirchen dabei waren.
Diesen theologischen Grund für die Verwirrung in der Kirche sehen Sie in einem politischen und theologischen Liberalismus. Was genau verstehen Sie darunter?
Seit mehreren Jahrzehnten ist die Verkündigung in den evangelischen Kirchen verflacht: Die Predigten sind ohne Lebenskraft, haben eine flache Botschaft. Das hat dazu geführt, dass heute sogar Politiker oder Aktivisten auf den Kanzeln predigen. Damit gehen wir von einer verflachten Botschaft zu einer aktivistischen Botschaft für eine politische Partei über. Ursache ist die liberale Theologie, wie sie besonders von Friedrich Schleiermacher und später von Rudolf Bultmann vorangetrieben wurde. Im Kern geht es um die Ablehnung der Schrift als Offenbarung Gottes. Die Bibel wird nicht mehr als Wort Gottes verstanden, sondern als eine Reflexion von Menschen über Gott. Theologen nehmen sich die Freiheit, zu unterscheiden, was „Gottes Wort“ sein könnte. Damit öffnet man die Tür für kirchenfremde Philosophien, z. B. für die Existenzphilosophie, die großen Schaden in unserer Kirche angerichtet hat. Sie besagt: Ich bestimme, wer ich bin. Dadurch wurde die Botschaft auf den Kanzeln komplett verdreht: weg von Jesus Christus, hin zu den Menschen, zur Subjektivierung. Und später öffnete man die Tür für parteipolitische Botschaften.
„Es muss beim Einzelnen beginnen, der sagt: Nicht ich bin das Zentrum des Universums – Christus ist das Zentrum meines Lebens.“
Als Lösungsansatz sprechen Sie sich dafür aus, das Kreuz Christi wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Wie kann das konkret aussehen? Und ist das Kreuz in der heutigen Gesellschaft, die auf Luxus und Komfort schaut, nicht eher ein Stein des Anstoßes?
Das kann nicht „top down“ geschehen, sondern nur „bottom up“: Durch Personen, die das Kreuz auf sich nehmen, mit den Werten der Schrift und in Loyalität zu Christus Familien aufbauen, dann Gemeinden prägen und schließlich Synoden gewinnen. Dafür braucht es eine klare Botschaft. Deswegen haben wir die 95 Thesen so formuliert und den Fokus auf das Wort vom Kreuz gelegt. Für die heutige Gesellschaft ist das anstößig, weil sie glaubt, dass der Mensch im Mittelpunkt ist. Es muss beim Einzelnen beginnen, der sagt: Nicht ich bin das Zentrum des Universums – Christus ist das Zentrum meines Lebens. Dann bin ich frei zu lieben, dann falle ich im Alltag auf. Durch eine andere Lebensweise wecken wir den Durst der Gesellschaft – besonders im Hinblick auf Gebote Gottes, die in unserer Gesellschaft stark angefochten werden: Dann können unsere Mitmenschen z. B. Personen treffen, die in Enthaltsamkeit oder in der Ehe ein keusches Leben führen und voller Freude sind, und so einen Anstoß zum Glauben an Jesus Christus erhalten. Darüber hinaus kann der Durst für den Herrn Jesus Christus auch dadurch geweckt werden, dass wir bereit sind, unserem Nächsten zu dienen. Die Möglichkeiten dazu entstehen im Alltag immer mehr.
Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Vernetzung unter gleichgesinnten Pastoren und Gemeinden. Wie wird das angenommen und welche Spannungen sind damit bisweilen verbunden?
Das geschieht über zwei Kommunikationskanäle. Zum einen haben wir seit Jahrzehnten bestehende regionale und nationale Bekenntnis-Netzwerke als Verbündete gewonnen, die von Pfarrern geleitet werden, und das nicht nur in Deutschland. Unser Ziel als Crossbearer ist stärker kirchenpolitisch: die Kirche zurückzugewinnen. Das Ziel dieser anderen Gruppen ist eher, die heilsame Lehre durch ihre Schriften zu verbreiten. Zum anderen suchen wir Gemeinden, die wir, auch mithilfe einer Karte auf unserer Webseite, weiterempfehlen können. Wenn in der Gemeinde eine der „roten Flaggen“ vorhanden ist, empfehlen wir sie nicht weiter. Die „roten Flaggen“ sind die vorsätzliche Vernachlässigung der Heiligen Schrift zugunsten einer gesellschaftspolitischen Agenda, die Leugnung der verbindlichen Autorität der Heiligen Schrift, eine offene Bejahung der sexuellen Unmoral, ein Universalismus oder Synkretismus mit anderen Religionen und die Leugnung der Jungfrauengeburt, der leiblichen Auferstehung Jesu, der Dreifaltigkeit oder der zwei Naturen Christi. Wir wissen, dass die Initiative mit unserer Kirchenkarte für die Kirchenleitung unangenehm ist. Es gibt aber auch Gemeinden, die unser Anliegen unterstützen und unseren 95 Thesen zustimmen. In dem Fall markieren wir nach Absprache mit dem Pfarrer die Gemeinde als „unterstützt“.
„Jesus bleibt auf dem Thron, unabhängig von Regierungssystem oder -parteien.“
Sie stellen sich bewusst nicht auf eine politische Seite, sondern vertreten eine begründete, christliche Position und wollen keinen Einfluss auf politische Wahlen nehmen. Gleichzeitig wollen Sie als Kirche das Gewissen der Gläubigen bilden und daran erinnern, dass es einen unsterblichen und allmächtigen Gott gibt, was zumindest indirekt politische Entscheidungen von Einzelnen beeinflusst. Wie kann der Weg auf diesem schmalen Grat konkret aussehen?
Unsere politische Botschaft lautet zuerst: Jesus bleibt auf dem Thron, unabhängig von Regierungssystem oder -parteien. Bei gesellschaftlichen Themen, die direkt die Zehn Gebote betreffen, wie z. B. der Lebensschutz oder die Definition der Ehe, können wir Christen einträchtig für diese Positionen eintreten. Seine Zehn Gebote sind gut – für uns als Personen und als Gesellschaft. Aus dieser Perspektive heraus können wir die Parteien nüchtern betrachten. Die Frage der Partei wird so mehr zu einer Frage der Übereinstimmung als der Identität. Wir stehen für unverhandelbare, klare Werte. Jeder Einzelne kann dann die Politiker identifizieren, die an diesem Ziel ausgerichtet sind. Aber der Punkt sind die Werte, nicht der Politiker oder die Partei. Die Übereinstimmung mit den Parteien wird immer unvollständig sein. Deshalb können Wahlen als subjektiv und privat behandelt werden – anders als der christliche Glaube: Er ist objektiv und sollte öffentlich sein. In diesem Sinne sind wir auch anders als z. B. der Islam, der versucht, ein Scharia-Gesetz aufzuzwingen. Das wollen wir als Christen nicht. Wir predigen die Botschaft Christi und dadurch profitieren auch andere davon. Aber die Nicht-Christen sind nicht gezwungen, diese Botschaft anzunehmen und müssen sich letztendlich vor Gott verantworten. Zuletzt kann man als Christ Besonnenheit bewahren. Verzweiflung oder Angst führen zu schlimmen Auseinandersetzungen mit den Menschen, die anders wählen. Als Christ kann man nüchtern sein und sagen: Selbst wenn die böseste oder inkompetenteste Partei gewinnen würde, bleibt Jesus Christus auf dem Thron und würde Gutes tun.
Blicken wir noch in die Zukunft. Gibt es neue Projekte?
Nächstes Jahr wollen wir am Reformationstag die „Echoing Wittenberg“-Konferenz in den Niederlanden veranstalten. Außerdem wollen wir mehr Verbündete in ganz Europa gewinnen, die unsere Thesen gutheißen, z. B. die Kirchen von Lettland und Litauen oder Netzwerke in den Niederlanden. So können wir Schritt für Schritt ein starkes Zeugnis ablegen. Und auch die Kommunikation mit der römisch-katholischen Kirche und den Freikirchen wollen wir pflegen, um auch dort eine Hilfestellung gegen die Philosophien anzubieten, die uns geschadet haben.
Mit freundlicher Genehmigung der Tagespost.
Zivilcourage – Die Reformation muss weitergehen. Vortrag von Pastor Dr. Stefan Felber auf der „Echoing Wittenberg“-Konferenz in Wittenberg (1.11.2025).
Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 26. November 2025 um 14:00 und abgelegt unter Interview, Kirche, Theologie.













