Was lehrt uns das Nizänische Glaubensbekenntnis?
Dienstag 29. Juli 2025 von Dr. Jonathan Schneeweiß

Wenn Jubiläen gefeiert werden, dann geschieht das aus zwei Gründen. Es wird sich zurückerinnert an ein erfreuliches Ereignis, aber es wird zugleich aktualisiert. Dieses Jahr feiert die Kirche 1700 Jahre Konzil von Nizäa. Sie denkt also zurück an das erste Konzil ökumenischer Tragweite. Aber dieses Erinnern ist kein Selbstzweck, sondern sie fragt zugleich nach den Erträgen für ihre eigene Gegenwart. Andernfalls bleibt Nizäa eine geschichtliche Größe und wir können nicht anders als uns wundern, warum im frühen 4. Jahrhundert die ganze Kirche im römischen Reich so heftig um die Person Jesus von Nazareth stritt.
Aber nicht nur ihre Würdeträger stritten. Auch das einfache Volk nahm lebhaft an den Diskussionen teil. Bischof Gregor von Nyssa schilderte 383 die aufgeheizte Stimmung: „Da sind Leute, die ihr schlichtes Handwerk vernachlässigen, sie haben Zeit, stehen herum und warten darauf, was es Neues zu hören gibt oder zu reden gibt […]. Kleiderhändler, Geldwechsler, Gemischtwarenhändler werden zu Philosophen. Wenn man Kleingeld haben will, beginnt dir so einer über das ‘gezeugt‘ und ‘ungezeugt‘ zu philosophieren, erkundigt man sich nach dem Preis des Brotes, antwortet er zerstreut: ‘Der Vater ist größer, der Sohn ist ihm untergeben.‘ Und fragt man, ob das Bad schon bereitet ist, dann entscheidet er, dass der Sohn aus dem Nichtseienden, d. h. also nicht aus dem Vater entstanden ist.“[1]
Die Heftigkeit erklärt sich nur daher, dass die Kirche sich um die Tragweite dieses Streits im Klaren war. Christus stiftet die Kirche als Verkünderin des Heils, dass Gott Mensch wurde, um die Menschheit von Hölle, Tod und Teufel zu retten. Kein Mensch wird selig aus eigener Gerechtigkeit und Tugend, sondern durch das Aufsehen auf Jesus, der für uns ans Kreuz genagelt wurde. Dieser Kernbestand des kirchlichen Glaubens stand in Gefahr, darum stritt die Kirche wie ein Löwe und legte sich nicht eher zur Ruhe, als bis sie ihre Feinde niedergerungen hatte. Halten wir uns den Zweck und Verkündigung der Kirche aber nicht vor Augen, gut, dann müssen wir mit Goethe so über diesen Streit urteilen: „Zwei Gegner sind es, die sich boxen, die Arianer und die Orthodoxen.“[2] Mehr wusste er zum Kirchenstreit nicht zu sagen, kümmerte ihn doch die Erlösung des Menschengeschlechts herzlich wenig.
An den Verdienst der Kirche des 4. Jahrhunderts erinnern wir uns heute und wollen für unsere eigene Gegenwart lernen. Das wollen wir dadurch erreichen, indem wir erstens nach dem Auslöser des Streits fragen. Danach schauen wir uns zweitens das Konzil von Nizäa und sein Glaubensbekenntnis an. Schließlich müssen wir drittens der Frage nachgehen, warum die Kirche nach dem Konzil nicht zur Ruhe kam, sondern weiterkämpfen musste, viertens, einige Ideen, wie wir das Nizänum heute wieder wertschätzen können.
1. Der Auslöser des Streites
Die Anfänge des christologischen Streits liegen in Alexandrien. Die Metropole und Hafenstadt war eine der bedeutendsten Städte im Römischen Reich und als geistiges Zentrum zu dieser Zeit Athen weit überlegen. Nach dem Urteil des Kirchenhistorikers Eusebius von Caesarea brach hier ein Streit aus, der wie ein kleiner Funke ein großes Feuer entfachte.[3] Es war der Presbyter Arius, der den Funken entzündete. Er stammte wohl aus Libyen, war theologisch gebildet und ein beliebter Priester in Alexandrien. Seit dem Jahr 318 verbreitete er Thesen, die eine Unterordnung des Sohnes unter den Vater propagierten. Der Sohn war für Arius ein vollkommenes Geschöpf und eben nicht ewiger Sohn Gottes, gezeugt aus dem Wesen des Vaters.
Arius ging es mit seinen Thesen insbesondere darum, das monotheistische Erbe des Judentums zu bewahren und den christlichen Glauben an den Zeitgeist anschlussfähig zu machen. Um die Gottheit des Vaters im vollen Wortsinn zu erreichen, ordnete Arius den Sohn dem Vater unter. Es ist die Lehre des Subordinatianismus, der an der Unterscheidung von Vater und Sohn festhält, ohne die Göttlichkeit des Sohnes bestreiten zu wollen – dies aber de facto tut. Denn hier ist der Sohn ein Gott zweiter Klasse. Gleichzeitig geriet Arius in einen Widerspruch. Denn wie kann Gott sich Gott unterordnen? Folgenschwer war auch der Versuch, die christliche Rede von Gott an die philosophischen Denkvoraussetzungen seiner Zeit anzuschließen. Noch nie bekam es der Theologie gut, dies zu wagen. Jeder Versuch gleicht einem Ausverkauf ihrer Ware, nachdem das Geschäft wegen Konkurs aufgegeben werden muss. Die herrschende Philosophie war der Mittelplatonismus. Einheit galt ihr als göttlich, Vielheit dagegen war Zerfall der Einheit, also grundsätzlich unvollkommen. Nach Fiedrowicz deutete Arius die biblische Rede vom „Sohn Gottes“ allenfalls als Metapher oder Bildwort. Deswegen reduzierte er ihn auf die Stufe der Geschöpfe. Er ist Gottes vollkommenes Geschöpf, aber er bleibt kreatürlich, gehört auf die Seite der Menschen.[4] Solche Entwürfe sind nicht neu. Sie entspringen einem Bedürfnis, das Wort vom Kreuz beiseitezuschieben, dessen man sich schämt. Es folgt ein Christentum ohne Fähigkeit, den Menschen zu erlösen. Der Mensch bleibt Gefangener der Sünde. Der Himmel bleibt ihm verschlossen. Angst und Furcht vor dem Tod bestimmen sein Leben. Um die Reinheit des Gottesbegriffs zu wahren, verramschte Arius die Kernbotschaft der Kirche an die Welt. Christus wurde zum Mittelwesen, dessen sich Gott bediente, da er keinen Kontakt zur materiellen Welt haben kann, so sehr wurde er in die Transzendenz entrückt. Gott inkarnierte sich nicht mehr. Joseph Ratzinger urteilte dazu: „Der eigentliche Kernpunkt der Irrlehre des Arius besteht im Festhalten jener Vorstellung einer absoluten Transzendenz Gottes, die er von der spätantiken Philosophie gelernt hatte. Dieser Gott kann sich nicht mitteilen; er ist zu groß und der Mensch zu klein, eine Berührung beider gibt es nicht.“[5]
Gegen diese Verweltlichung des Glaubens musste die Kirche aktiv werden. Bischof Alexander exkommunizierte Arius auf einer Synode von Alexandrien im Jahr 319. Etwa 100 Bischöfe aus Ägypten und Libyen nahmen daran teil. Aber anstatt das der Streit abkühlte, entstand ein Flächenbrand. Dazu Dallmayr: „Was nun einsetzte, gleicht einer geistigen Mobilmachung: Jeder der Kontrahenten wendet sich an seine Freunde, schreibt Briefe, Bücher und Bekenntnisse. Synoden tagen und mischen sich in die Angelegenheit fremder Bischofssitze.“[6]
Als der Streit wie ein Flächenbrand das ganze römische Reich erfasst, wurde auch der Kaiser Konstantin darauf aufmerksam. Seit seiner Zeit als Herrscher über das weströmische Reich stand er dem Christentum freundlich gegenüber und gewährte ihm einen Platz im öffentlichen Raum. Was zunächst positiv war, sollte sich aber sehr schnell als Dilemma für die Kirche herausstellen. Denn wenn die Politik das Christentum fördert, fordert sie eine Gegenleistung. Konstantins religionspolitisches Handeln war ganz durchdrungen von der römischen Tradition, Religion und Staatswesen miteinander zu verschmelzen. Er sah sich selbst als oberster Priester aller Religionen im Staat. Um das Reich zu stabilisieren, baute er auf die Kirche. Mehr die Reichseinheit als theologische Probleme interessierten ihn. Aus politischem Kalkül suchte er also die theologischen Differenzen zu minimieren. Unter welches Bekenntnis die Kirche sich einigt, war ihm belanglos. Hauptsache sie einigt sich.
2. Das Konzil von Nizäa und sein Glaubensbekenntnis
Politik handelt pragmatisch, die Kirche geistlich, wenn sie an ihrem Selbstverständnis festhält. Den Theologen konnte die Haltung Konstantins nicht genügen, stand hier zu viel auf dem Spiel. Nur ein Konzil von ökumenischer Tragweite konnte die Glaubensstreitigkeiten lösen, dass die Kirche ein einheitliches Bekenntnis zur Stellung Jesu Christi formulierte. Dieses Konzil trat 325 in Nizäa zusammen, einberufen von Kaiser Konstantin wohl auf Anraten seines theologischen Beraters Bischof Hosius von Cordoba. Ökumenisch heißt hier, dass dem Anspruch nach der gesamte Episkopat der damaligen Welt zusammentreten sollte, um eine Entscheidung zu treffen. Zuvor traten Regionalsynoden zusammen, um Lehrfragen zu klären, disziplinarische Probleme durch Kanones zu lösen und Irrlehrer auszuschließen.
Dem Kaiser ging es um Einheit. So erklärte er in seiner Eröffnungsansprache, „dass alle durch die Verbindung ihrer Seelen zu einer gemeinsamen Meinung finden, die für alle Eintracht in Frieden bestimmt […].“[7] Selbstverständlich ging es auch den Bischöfen um Einheit. Aber, darauf wies der Patrologe Fiedrowicz hin, „Wahrheit ist keine Mehrheitsfrage. Sie existiert oder sie existiert nicht.“[8] Nur weil ein Konsens gefunden wurde, ist nicht zugleich die Wahrheit offenbar geworden, wie moderne Diskurstheorien suggerieren. Weiter Fiedrowicz: „Nicht der Konsens begründet die Wahrheit, sondern die Wahrheit den Konsens. Die Einmütigkeit so zahlreicher Personen galt immer als etwas, das rein menschliches Vermögen grundsätzlich übersteigt.“[9]
Nizäa zeichnet aber noch ein weiteres Merkmal aus. Nicht nur der Konsens auf der synchronen Ebene wurde gesucht, sondern auch der auf der diachronen. Es musste gezeigt werden, dass hier der Glaube der Apostel aufscheint. Denn nur so kann das Konzil sicherstellen, dass hier Wahrheit gesprochen wird. So schrieb der syrische Bischof Severian von Gabala um 400: „Die ganze Ökumene stimmte überein, weil der Glaube dem apostolischen Gut entstammte.“[10] Das bedeutet: Kein synchroner Konsens ohne diachronen. Erst die Apostolizität bürgt dafür, dass die Einheit der Bischöfe vom Geist Gottes gestiftet wurde. Andernfalls liegt ein fauler Kompromiss zugrunde.
Das Schwergewicht eines Menschen erkennen wir am Umfang des Bauches. Je schwerer der Mensch ist, desto größer der Bauch. Ebenso sehen wir im Glaubensbekenntnis das Schwergewicht der Kirche. Es ist die Christologie. Die Konzilsväter nahmen ein altes römisches Taufsymbol und aktualisierten es mit anti-arianischen Zusätzen.[11] Dort heißt es jetzt: „Wir glauben […] an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt, das heißt aus dem Wesen des Vaters […], wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich (ὁμοούσιος) mit dem Vater.“
Der Patrologe Fiedrowicz erläuterte die Zusätze sehr überzeugend.[12] Um die biblischen Ausdrücke „Sohn Gottes“ und „Einziggeborener“ zu vereindeutlichen, verwendeten die Konzilsväter einen nicht-biblischen Begriff „Wesen“ und schrieben: „Aus dem Wesen des Vaters“. Eingeleitet wird die Phrase mit „das heißt“. Hier zeigt sich das Wesen des Dogmas. Es übersetzt biblische Aussagen in die aktuelle Zeit, um Eindeutigkeit zu schaffen.
Weiter heißt es im Glaubensbekenntnis: „Licht vom Licht, Gott von Gott“. Auch hier präzisierten die Konzilsväter. Denn die Arianer verstanden es, gegen sie verwendete biblische Ausdrücke in ihrem Sinn zu interpretieren. Ohne Probleme konnte sie den Sohn Gott nennen, obwohl er ihrer Meinung nach ein Geschöpf war. Denn in Psalm 82,6 heißt es doch: „Götter werdet ihr (Richter und Herrscher) genannt, ihr alle Söhne des Höchsten“. Darum kann auch der geschaffene Sohn Gott genannt werden. Der Zusatz „wahrer Gott aus wahrem Gott“ „wollte diese abschwächende Deutung verhindern.“
Dann die Formel: „Gezeugt, nicht geschaffen“. Diese Antithese war die Antwort auf Arius‘ Behauptung, dass der Logos ein Geschöpf Gottes ist. Zeugung schafft Gleiches, Schöpfung Niedrigeres. Eine Zeugung ist vom gleichen Wesen, gleicher Natur wie der Erzeuger. Beispielsweise zeugen Eltern ein Kind. Es ist von gleicher Natur wie die Eltern. Etwas Erschaffenes hingegen ist von einer anderen Natur als sein Schöpfer. Es gehört einer niedrigeren Seinsstufe an. Ein Tischler stellt einen Tisch her. Der Tisch ist aber nicht von gleicher Natur wie sein Erschaffer, sondern dinglich-materieller Natur. Das „gezeugt, nicht geschaffen“ stellt also den Sohn auf die gleiche Seinsstufe wie den Vater.
Dieses Thema behandelt auch das folgende: „wesensgleich mit dem Vater“. Mit diesem philosophischen Begriff gelang es, die Eindeutigkeit des biblischen Begriffs „Sohn“ abzusichern. Der Sohn gehört zur selben Seinsstufe wie der Vater. Das Homousios ließ also keine Abschwächung oder übertragene Bedeutung des Ausdrucks „Sohn“ mehr zu. Entweder die Arianer akzeptierten diesen Begriff oder verwarfen ihn. An ihrer Haltung dazu wird offenbar, wer für sie Jesus von Nazareth ist: Ein vergöttlichter Mensch, ein Geschöpf, oder der ewige Sohn Gottes, wahrer Gott, der um der Menschen willen Fleisch wurde.
Was können wir aus der Formulierung des Glaubensbekenntnisses mitnehmen? (1) Der bekannte Kirchenhistoriker Adolf von Harnack plädierte angesichts der Übernahme philosophischer Termini wie dem Homousios als Paradebeispiel dafür, das Christentum zu enthellenisieren, das heißt von seinem griechisch-philosophischen Ballast zu befreien. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich, dass gerade dieser Begriff ein Bollwerk gegen eine Verweltlichung des Glaubens ist. Es bewahrt die wahre Sohnschaft Christi vor einer bloß allegorischen Deutung. Nicht Hellenisierung war also die Frucht von Nizäa, sondern das genaue Gegenteil. Es enthelleinisierte den Glauben von einer griechischen Gottes- und Weltvorstellung, wie sie Arius propagierte.
(2) Der Kirchenvater Augustinus bemerkte zu Nizäa: „Denn vieles, was zum katholischen Glauben gehört, wird, sobald es der hitzige und ruhelose Geist der Häretiker anficht, zwecks ihrer Abwehr sorgfältiger erwogen, klarer erkannt und nachdrücklicher verkündet.“[13] Ferner: „Vieles blieb zunächst in den Schriften dunkel; als dann Häretiker sich lostrennten, bedrängten sie die Kirche Gottes mit ihren Fragen; so wurde eröffnet, was verborgen war, und der Wille Gottes verstanden. […] Oder hat man etwa in vollkommener Weise über die Trinität gehandelt, bevor die Arianer dagegen anstürmten?“[14] Luther hat es später so formuliert: „Sekten sind die Insekten am toten Holz der Kirche.“
(3) Die Väter von Nizäa haben uns gezeigt, dass der Glaube eindeutig und präzise formuliert werden muss, ungeachtet der Gegnerschaft, die daraus entstehen kann. Die vielen Konzilien nach Nizäa versuchten, das nizänische Bekenntnis durch vermeintlich konsensfähigere Formeln zu ersetzen.[15] Sie riefen ihren Zeitgenossen mit ihrem schriftlich-fixierten Glauben in Erinnerung, was die Apostel gelehrt haben. Die Konsens-Formeln führen zu einem Traditionsbruch. Sie ersetzen den wahren Sohn Gottes mit einer vagen Ähnlichkeit des Sohnes mit dem Vater. Ist das noch der Sohn, wie ihn die Heilige Schrift verkündet? Schlimmer noch: Die Verwerfung der Tradition führt dazu, dass spätere Generationen sich das gleiche Recht herrausnehmen, mit der Tradition zu brechen, sie zu ändern und dem Zeitgeist anzupassen. Das heißt aber, den christlichen Glauben aufzugeben und ein menschengemachtes Evangelium an seine Statt zu setzen. Er rettet nicht mehr. Er kann uns nicht von der Sünde erlösen. Das kann nur das göttliche Evangelium, nicht ein erneuert-verbessertes Evangelium. Wissen wir es denn besser als Gott, wie wir erlöst werden? Ein zum Bischof geweihter Mönch, Dracontius, in der Mitte des 4. Jahrhunderts hatte hierauf eine eindeutige Antwort: „Es ist nicht geziemend, dem Zeitgeist zu dienen, sondern dem Herrn.“
3. Der Streit danach
Die Nachgeschichte von Nizäa ist ein Lehrstück allerersten Güte. Sie zeigt, welche Gefahr zu allen Zeiten der Glaube ausgesetzt ist. Kaiser Konstantin berief das Konzil ein und sorgte für seine Durchsetzung im römischen Reich. Die Väter von Nizäa ruhten sich auf die politische Macht aus, die auf ihrer Seite stand. Wie gefährlich aber dieses Ruhen war, sollten sich schnell zeigen. Der Kaiser hat als seinen theologischen Berater Hosius von Córdoba an seinen Hof geholt. Er riet dem Kaiser zum Konzil. Er stand ihm vor und er darf als ein Mitautor des Glaubensbekenntnisses gelten.[16] Der Kaiser selbst handelte als „Gestalter des Kultwesens,“ wie Pedro Barceló ihn nannte, eine Rolle, die ihre traditionelle Wurzel in der Einheit von Kult und Staat hatte.[17] Er selbst war theologisch desinteressiert und wollte lediglich Ruhe im Reich haben.
Nach dem Konzil kehrte Hosius wieder in seine Diözese zurück. Damit verlor das theologische Schwergewicht der Westkirche seinen Einfluss auf den Kaiser. Bischof Eusebius von Nikomedien besetzte diese Leerstelle und führte eine Wende herbei, „die für fast ein halbes Jahrhundert zu Richtungskämpfen und dogmatischen Zerklüftungen in der Kirche führten.“[18]
Eusebius hatte zwar am Konzil teilgenommen, unterzeichnete das Glaubensbekenntnis, wurde aber vom Kaiser verbannt, da er sich für die Aufhebung des Anathema gegen Arius einsetzte. Er stand im brieflichen Kontakt mit ihm und war wie Arius Schüler eines gewissen Lukian von Antiochien. 328 kehrte Eusebius stillschweigend in sein Amt zurück, ohne dass er die Beschlüsse von Nizäa anerkennen musste. Sowohl theologische Differenzen zwischen Ost- und West, da gerade der Osten eine Unterordnung des Sohnes unter den Vater vertrat, sowie persönliche Rachegelüste ließen ihn zum entscheidenden Gegner der Nizäner werden.
Durch Eusebius von Nikomediens prominente Stellung am Hof, kam Kaiser Konstantin unter den Einfluss des Bischofs. Arius wurde rehabilitiert. Athanasius, Nachfolger von Bischof Alexander von Alexandrien, wurde das Leben schwergemacht. Denn sein Vorgänger bewirkte seine Absetzung. Eusebius‘ Zorn richtete sich jetzt gegen seinen Nachfolger. Durch seinen Einfluss auf Kaiser Konstantin erreichte er es zweimal zu seinen Lebzeiten, Athanasius ins Exil zu verbannen. Er agierte gegen nizänisch-gesinnte Bischöfe, vertrieb sie von ihren Bischofssitzen und setzte stattdessen arianisch-gesinnte ein.
Ein gewonnener Kampf ist kein endgültiger Sieg. Die Feinde der Kirche schlafen nicht. Die Kirche auf Erden muss in ihrem Wesen ecclesia militans, die kämpfende Kirche bleiben, will sie nicht ihren Gegnern unterliegen. Es ist dem kämpfenden Athanasius zu verdanken, dass die Kirche sich wieder aus der Umklammerung des Staates, der mit aller Macht versuchte, „Glaubensfragen einem politischen Kalkül zu unterwefen,“[19] und des Zeitgeistes, der den apostolischen Glauben mit einer menschlichen Religion ersetzen wollte, lösen konnte. Er erlebte noch unter Kaiser Diokletian die letzte und schwerste Christenverfolgung im Reich. „Die Standhaftigkeit der Blutzeugen prägte sich ihm zutiefst ein.“[20] In seinem Gewissen gebunden, kämpfte er gegen Kompromissformeln, die unter Einfluss von Eusebius der Kaiser versuchte durchzusetzen. Nizäa wurde ihm im Laufe seines Wirkens zum suffizienten Ausdruck des Glaubens. John Henry Newman beschrieb die Schlüsselrolle, die Athanasius im vierten Jahrhundert zukam, derart: „In der Geschichte des Christentums hat es einmal eine Zeit gegeben, in der Athanasius gegen die Welt und die Welt gegen Athanasius stand. Die Not und Bedrängnis der Kirche war groß gewesen, und ein Mann zu ihrer Errettung erweckt worden.“[21]
Dr. theol. Jonathan Schneeweiß
Quelle: CA Confessio Augustana – Das lutherische Magazin für Religion, Gesellschaft und Kultur II/2025
[1] Gregor von Nyssa, deit. (PG 46, 557B-c).
[2] Goethe, Zahme Xenien, Nr. VI.
[3] S. Eusebius, vita Constantinii 2,61,4.
[4] S. Fiedrowicz, Ein Bollwerk gegen die Verweltlichung (Die Tagespost).
[5] Ratzinger, Jesus Christus heute, 980.
[6] Dallmayr, Konzilien, 29.
[7] Eusebius, v. C. 3,12,4-5.
[8] Fiedrowicz, Theologie der Kirchenväter, 295.
[9] Ebd.
[10] Severian von Gabala, hom. in Gen. 24,2.
[11] S. Michael Fidrowicz, Ein Bollwerk gegen die Verweltlichung (Die Tagespost).
[12] Die folgende Analyse zur Christologie des nizänischen Bekenntnisses lehnt sich eng an Fiedrowicz, Ein Bollwerk an.
[13] De civ., 16,2.
[14] En. Ps., 54,22.
[15] S. Michael Fiedrowicz, Athanasius von Alexandrien. Die Säule der nizänischen Orthodoxie (Die Tagespost).
[16] S. Hosius von Córdoba: Architekt des Glaubens (Die Tagespost).
[17] S. Barceló, Hosius von Córdoba.
[18] Dominik Heringer, Eusebius: Grenzgänger zwischen Häresie und Konzil (Die Tagespost).
[19] Fiedrowicz, Athanasius von Alexandrien.
[20] Fiedrowicz, Athanasius von Alexandrien.
[21] Zitiert nach Fiedrowicz, Athanasius von Alexandrien.
Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 29. Juli 2025 um 8:46 und abgelegt unter Kirche, Kirchengeschichte, Theologie.













