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Was im letzten Gericht zählt: Predigt zum Ewigkeitssonntag aus Mt 25,31-46

Lieder: Wachet auf, ruft uns die Stimme; Wir warten dein, o Gottes Sohn

Lesung aus Mt 25,31-46:

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.

44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

 

Wir beten:

Zeig uns dein königliches Walten,
bringt Angst und Zweifel selbst zur Ruh;
du wirst allein ganz Recht behalten.
Herr, mach uns still, und rede du.

Amen.

Predigt

Liebe Gemeinde, liebe Freunde!

Das Kirchenjahr endet mit dem Monat November. Das Kirchenjahr liegt in unseren Breiten so im Kalenderjahr, daß es dann endet, wenn die Tage dunkler, kälter, und nasser werden. Die letzten Blätter werden von den Bäumen geblasen, kühler Wind macht das Rausgehen ungemütlich, wenn es überhaupt möglich ist. Viele empfinden: Schade, daß es so bald am Tag wieder dunkelt. Doch genau diese Zeit, die einem die Freude an der Natur und an der Welt schwer macht, ist dazu bestimmt, unseren Blick in die Ewigkeit zu heben. Das Werden und Vergehen in der Natur erinnert uns Jahr für Jahr daran, daß unser irdisches Leben endlich ist. Viele Menschen schieben aber beiseite, daß es ihnen gesetzt ist zu sterben, danach aber das Gericht.

Wir leben wie auf einem Förderband, das sich immer nur in einer Richtung bewegt: vorwärts immer, rückwärts nimmer. Man kann sich allenfalls zur Seite bewegen, aber die Richtung bleibt gleich. Das Ende bleibt gleich. Es ist dem Menschen gesetzt zu sterben, danach aber das Gericht (Hebr 9,27).

Wer regelmäßig zum Gottesdienst geht, bekommt durch das Wort Gottes den Blick geweitet. Die Jahreszeiten werden mit der Geschichte Gottes verbunden. So erfüllt sich erst die Sehnsucht unseres Lebens nach mehr, nach Sinn und Tiefe. Das tut das Wort Gottes, dem die Gemeinde im Jahreslauf folgen soll. In den Jahren, in denen die Predigttexte vor allem aus den Evangelien geschöpft sind, wirkt in besonderer Weise das Leben des Herrn Jesus auf unser eigenes Leben.

Am Ende des Kirchenjahres, heute und nächsten Sonntag, wird unser Blick ans Ende dieser Welt geführt. Das Ende dieser Welt ist zugleich der Anfang der Ewigkeit. Wenn der Menschensohn, Jesus Christus, der Herr, erscheinen wird, wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker sind vor ihm versammelt. Und wir, liebe Freunde, werden alle dabei sein! Jeder einzelne von uns. Und Jesus wird wie ein Hirte die Schafe von den Ziegen scheiden, die Gläubigen von den Ungläubigen, und sein Gericht wird in jeder Hinsicht vollkommen gerecht sein, ja er wird es sogar allen begründen, in Rede und Gegenrede. Schon bei den beiden vorangehenden Gleichnissen – das Gleichnis von den fünf törichten und den fünf klugen Jungfragen und das Gleichnis von den anvertrauten Zentnern – gibt es Rede und Gegenrede, Scheidung unter den Jungfrauen („ich kenne euch nicht“, V. 12), Scheidung unter denen, die ihre Gaben zum Dienst des Herrn eingesetzt haben, und denen, die es nicht taten („wer da hat, dem wird gegeben werden …“, V. 29).

Jesus schließt seine lange Predigt (ab Mt 23) ab mit einigen Gleichnissen. Die Rede über das Weltgericht ist allerdings kein Gleichnis mehr. Es enthält zwar noch das Bild von der Herde, wo der Hirte und König zwischen Schafen und Ziegenböcken scheidet. Jesus stellt aber prophetisch dar, was am Ende der Zeit geschehen wird. Es ist seine letzte Rede, die Matthäus feierlich beschließt mit „Und es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte“ (Mt 26,1), als die Passionsgeschichte einsetzt. Die Jünger werden also mit dem ausführlichen Unterricht ausgerechnet über das Gericht in Mt 23 bis 25 vorbereitet auf das Leiden und Sterben Jesu.

Nun wollen auch wir uns durch Gottes Wort zubereiten lassen auf die Tage der Buße und des Advents, bevor wir wieder neu die Geburt unseres Retters feiern dürfen. Drei Dinge wollen wir dazu besonders bedenken:

  1. Die Tatsache des Gerichts.
  2. Was im letzten Gericht zählt
  3. Die Frage an uns.

 

1. Die Tatsache des Gerichts

Daß das letzte Gericht nicht gerade das Lieblingsthema von evangelischen Pfarrern ist, können Sie sich denken. Wer möchte nicht lieber das süße Evangelium und das Angenehme weitergeben? Schon die Propheten des Alten Testaments, die das Volk auf das Gericht des Exils vorbereiten sollten, hatten große Mühe damit, wenn andere selbsternannte Propheten auftraten und sich mit ihren Heilsbotschaften bei König und Volk beliebt machten. Wie kann die unangenehme Wahrheit in den Herzen Raum gewinnen, wenn andere das verkünden, was man lieber hört?

Auch bei uns sind in den letzten Jahren immer wieder Leute aufgetreten und haben vollmundig Erweckungen angeblich prophezeit. Das erregte Aufsehen und Erwartungen – und hat dann doch enttäuscht. Andere wollen auf die Predigt von Gesetz und Gericht ganz verkündigen, aber wundern sich, daß damit die Kirche auch nicht voller, sondern immer leerer und belangloser wird.

Jesus aber hat seinen Jüngern die Botschaft vom Weltgericht anvertraut, nicht nur für sie selbst, sondern natürlich auch, daß sie es weitersagen, wie es Matthäus hier in seinem Evangelium tut. Dieses Gericht ist absolut unvermeidlich; das Urteil, das dann ergeht, ist absolut gerecht, denn es sind dort ausdrücklich alle Völker versammelt, groß und klein, reich und arm – einfach alle, die ganze Menschheit. Es muß allen gesagt werden! Als Paulus auf dem Areopag Gelegenheit hatte, den Athenern die Erstverkündigen des Evangeliums zu geben, sagte er ihnen genau dies:

30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet (!) er den Menschen, daß alle an allen Enden Buße tun. 31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Das war die Erstverkündigung an die Athener. Es war alles drin: das Evangelium, das Gesetz – und das Gericht über den Unglauben, der sich trotz der Auferweckung Jesu frech der Wahrheit Gottes widersetzt.

„Es ist dem Menschen gesetzt zu sterben, danach aber das Gericht“, sagt der Hebräerbrief. Jeder: Jude oder Heide, schwarz und weiß, Mann oder Frau – alle werden versammelt werden, wenn der Menschensohn, der König, wiederkommt. Er wird sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit. Mit sicherem Urteil wird er wie ein Hirt die Schafe von den Ziegen scheiden, die vorher noch gemischt auf der Weide grasten. Er wird denen zur Rechten und denen zur Linken das gerechte Urteil sprechen. Da er selbst vollkommen gerecht und allwissend ist, ist weder Verteidiger und noch Staatsanwalt nötig. Christus ist alles: König, Hirte, Richter. Sein Urteil ist absolut gerecht und unfehlbar. Er wird offenbar machen, was in den Herzen ist, wie Paulus schreibt: „… richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden“ (1. Kor 4,5). Ein verstocktes und unbußfertiges Herz hingegen häuft sich Zorn an „auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes“ (Röm 2,5).

Dieser Teil der biblischen Botschaft mag nicht in jeder Situation das sein, was angezeigt ist, aber die Wahrheit, die sich damit verbindet, ist so wesentlich, daß wir nicht auf sie verzichten können. Es ist bloß ein billiges Schlagwort, wenn gesagt wird, wir sollten nur eine Froh- und keine Drohbotschaft predigen. Denn gerade für die Armen und Benachteiligten, für die bedrängte und verfolgte Gemeinde in der islamischen oder sozialistischen Welt ist es ganz wesentlich zu wissen, daß Gott das Recht liebt (Jes 61), daß er die Wahrheit liebt (1. Kor 13), daß er ein Gott der Vergeltung ist (unser Psalm 94), und daß sich sein Reich nicht nur auf dem Weg der Gnade, sondern auch des Gerichts durchsetzen wird (so Delitzsch zu den Rachestellen im Psalter). Wer die Psalmen als sein Gebetbuch nutzt, betet mit ihnen um das Kommen des Reiches so, daß zuletzt alle, auch die Feinde der Gemeinde, ihre Knie vor dem Herrn beugen müssen; in solchen Psalmen überlassen wir Gott das Gericht, damit wir nicht selbst uns erheben vor der Zeit.

Doch da melden sich besorgte Stimmen: wäre es nicht attraktiver, nur das Evangelium zu verkündigen? Wie soll ich einen Gott lieben, der nach seinem Gutdünken die einen ins Paradies hinaufhebt, die anderen aber – was für ein schrecklicher Gedanke – in einem ewigen Feuer quält? Wie soll ich ihm vertrauen, ihn lieben, wenn am Ende eine solche Abscheulichkeit möglich ist? Verbietet nicht die biblische Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes, ja von seinem Wesen als Liebe, daß er am Ende nach dem Buchstaben des Gesetzes Gericht hält und Unzählige in namenloses Elend stößt?

Unter dem Druck dieser Fragen hörte ich vor wenigen Jahren einen Pfarrer sagen (über Mt 25): Hier müsse sich Matthäus geirrt haben, der echte Jesus könne so nicht gesprochen haben. Dieser Pfarrer hat vermutlich einen liberalen Hintergrund. Doch auch fromme Kreise, die theoretisch daran festhalten, daß Jesus selbst diese Worte gesprochen hat, tun sich schwer damit. Manche sind zur Überzeugung gelangt, es müßten am Ende doch alle gerettet werden, denn die Herrlichkeit des Schöpfers vertrage sich nicht mit der Aura eines Vernichters.

Der Ausblick aufs Weltgericht, liebe Gemeinde, sprengt unser Vorstellungsvermögen. Und doch sind wir auf diese Weitung, Erweiterung unserer Zukunftshoffnung zwingend angewiesen. Es hätte weitreichende Konsequenzen, wenn wir dem Zeitgeist nachgeben und der Gottesvorstellung der Aufklärung anhängen würden. Voltaire sagt von Gott, „pardonner c‘est son métier“, „Vergeben ist sein Beruf“. Der Apostel Paulus hat mit vielen Bibelzitaten gezeigt, daß man ohne Verdienst selig wird, und daß die Gnade durch Christus viel mächtiger geworden ist als die Sünde. Aber er hat an dieser Stelle sofort die Gefahr gesehen, daß man unter dieser Botschaft lieber bequem in den liebgewordenen Sünden verharrt, als in dem neuen Leben zu bleiben.

Röm 6:
1 Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde?  2 Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind? 3 Oder wißt ihr nicht, daß alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?

Gegen die Frivolität, bequemer Sünder zu bleiben, weil die Gnade so sicher sei, setzt Paulus die Taufe als Bild des christlichen Lebens: der Sünde gestorben, lebendig aber, um gute Früchte zu bringen.

Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, daß ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben. Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn (6,22f.).

Die Taufe, und zwar nicht die einmalige, sondern die immer neue Rückkehr des Gläubigen in die Taufe durch Buße und Neuanfang – das ist die Rettung aus dem ewigen Tod und die Rettung zum ewigen Leben. Gibt es diese Rettung nicht, weil man die Möglichkeit des Verlorengehens schon immer ausgeschlossen hat, dann verliert die Taufe letztlich ihren Sinn, und das ganze Leben, das des Christen wie des Nichtchristen verliert seine Tiefe. Denn wenn wir alle sowieso selig werden, gibt es dann nicht bessere Mittel, unseren Spaß zu haben, als zum Gottesdienst zu gehen?

Wenn es am Ende kein Gericht gibt, oder wenn am Ende doch alle gerettet werden: Warum sollte ich dann immer die Wahrheit sagen? Warum sollte ich meinem Nächsten beistehen, wenn ich keinen Vorteil davon habe? Warum sollte ich mich zusammenreißen und mit unangenehmen Nachbarn, Ehepartner und Familie durch dick und dünn gehen?

Es liegt auf der Hand: Wo die Überzeugung vom letzten Gericht Schwindsucht leidet, verliert auch die christliche Ethik ihre Dringlichkeit. Zwar ist die Liebe und Gnade Gottes ihre Quelle und ihr Motiv, nicht die Angst vor der Hölle, aber die Gnade ist nach dem Zeugnis Jesu und der Apostel immer eine Gnade, vom Tod zum Leben rettet, vom Zorn Gottes zum liebenden Vater führt – und nicht bloß vom schlechteren zum besseren Leben in dieser Welt!

Der Aufklärer Immanuel Kant meinte, die Religion habe früher mit ihrem Gerichtsgedanken die Aufgabe erfüllt, daß die Menschen ehrfürchtig das Gesetz einhielten. Wenn alle genügend aufgeklärt seien, könnte die Aufgabe der Religion auch von der Vernunft erfüllt werden (Habermas nannte das „funktionale Äquivalenz“). Er ging so weit zu sagen, daß selbst ein Volk von Teufeln ein Staatswesen bilden könnten.

Doch kann die Kraft unseres Verstandes mit der gleichen Kraft zum guten Leben führen, wie es der Glaube kann? Die letzten 200 Jahre haben das Gegenteil bewiesen; kaum jemand wird den Niedergang der Sitten in der westlichen Welt bestreiten. Wollen wir uns von den Philosophen über unsere Weisheit belehren lassen oder von den inspirierten Evangelisten und Aposteln?

Ergebnis: Das Gericht ist eine Tatsache. Hans Jochen Vogel, der frühere SPD-Vorsitzende, ahnte das Richtige; er meinte, es sei das wichtigste Datum der Weltgeschichte überhaupt! Nun, hält man Kreuz und Auferstehung daneben, gibt es noch andere wesentliche Ereignisse, von denen die gesamte Geschichte bestimmt ist, aber das Gericht gehört auf jeden Fall dazu.

 

2. Was im letzten Gericht zählt

Die Vernunft kann nicht selig machen, sie ist eine Hure, die sich mal diesem und mal jenem starken Mann an den Hals wirft. Was aber ist Maßstab im Gericht? Christus verkündigt es so:

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Was tut der Hirte? Nicht nur Fürsorge und Pflege der Herde! Zur Fürsorge gehört auch, daß nur die richtigen Tiere in den eigenen Stall geführt werden. Somit ist der Hirte auch der Richter. Die Könige im Alten Testament und im Alten Orient hießen oft Hirten ihrer Völker. Die Gerichtsrede Hesekiels über die Absetzung der schlechten Hirten und die Selbsteinsetzung des guten Hirten, des neuen Davids, klingt in Jesu Rede ständig hindurch.

Der Hirte trennt die Schafe von den Ziegen und sagt den Schafen zu seiner Rechten, daß sie es waren, die ihn speisten, aufnahmen, kleideten und besuchten. Für jeden Punkt fragen die Gerechten zurück: Wann? Wann? Wann? Sie wissen es selbst nicht, wie es geschah, liebe Gemeinde. Sie wissen es nicht: Sie haben ihre guten Werke völlig absichtslos und selbstverständlich getan, ohne dem Gesetz der Aufklärung zu folgen, vor allem aber ohne den Hintergedanken, sich die Seligkeit zu verdienen. Sie haben das Gute an der richtigen Stelle und mit der richtigen Haltung getan: sie waren selbstvergessen, suchten den Vorteil des Nächsten und nicht den eigenen. Damit handelten sie wie ihr Herr Christus, der sein Leben aufgab, um den Menschen sein Leben, das ewige Leben in der Versöhnung mit Gott zu schenken. Sie lebten selbstvergessen, Christus-förmig, eben als Christen: Es war das neue Gebot Christi, daß seine Nachfolger sich untereinander lieben sollten (Joh 13), und das spielt hier hinein. Dieser Punkt ist nun für das Verständnis der Rede Jesu sehr wichtig: Die geringsten Brüder sind im Matthäusevangelium immer Nachfolger Christi. Es geht um die Hilfe für Christen um Christi willen (10,42: weil es ein Jünger ist).

Damit will ich nicht leugnen, daß die Bibel an anderen Stellen zum Dienst auch an den ungläubigen Armen ruft, aber nach dem Matthäusevangelium sind die geringsten Brüder die, die schon zur Gemeinde gehören, siehe 10,40–42 (ein Becher kalten Wassers … im Namen eines Jüngers); 12,46–50 (die wahren Verwandten); 18,6.10.14 (die Kleinen, die niemand zum Abfall verführen darf); 23,8 (ihr alle seid Brüder)! Am Verhalten zur Gemeinde soll man erkennen, wer zu den Erlösten gehört und wer zu den Verworfenen (vgl. Gal 6,10).

Aber die Überraschung, die gerade in dieser Erzählung liegt, ist doch, wie selbstvergessen das Tun der Gerechten geschieht. Dieses Tun rechnet sich eben nicht seine Verdienstlichkeit aus und verzichtet auf die Kontrolle von Todo-Listen. „Angesichts des uns allen eingefleischten Dranges zur Selbstrechtfertigung kann man solches Tun, bei dem die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, nur erstaunt als Geschenk nehmen.“

Der gutbürgerliche Drang zur Selbstrechtfertigung lautet dagegen: „Ich tue genug in Beruf und Familie“, „ich opfere meine Zeit für andere“, „ich kümmere mich um die Probleme der Dritten Welt, die Umweltprobleme“, „ich trete für Minderheiten ein, das reicht doch!“

 

3. Die Frage an uns: Welche von drei Möglichkeiten trifft für Dich zu?

Möglichkeit Nr. 1: Du identifizierst Dich mit einer ehrenwerten bürgerlichen Moral und kannst sagen: Ich tue genug, und das muß reichen.

Reicht es wirklich, zum Leben und zum Sterben? Lieber Freund, in den Augen Gottes ist das Hochmut. Du rechnest mit der eigenen Leistung, statt Dir die rettende Tat schenken zu lassen. Auf Hochmut folgt der Fall!

Im letzten Gericht kommt es gerade darauf an, ohne Berechnung auf Verdienst im rechten Moment das Gute getan zu haben.

Möglichkeit Nr. 2: Du stellst fest, daß du laut der Erzählung zu den Verworfenen gehörst. Du hast es verachtet, wie sich dir die geringsten Brüder Jesu bisher darstellten. Dazu kann es manche Gründe geben. Du hast vielleicht die, die sich sonntags zum Gottesdienst aufmachen, für Heuchler gehalten.

Wenn du jetzt immer noch nicht erschüttert bist, empfehle ich Dir, einmal das Matthäusevangelium durchzulesen und das Gespräch mit einem Christen zu suchen.

Bist du aber verzweifelt, kann das die rettende Ausfahrt sein, der Weg zum Leben! Jesus will dich nicht verzweifeln lassen, sondern dich in seine Arme nehmen und dir das eine schenken, was not tut: die Vergebung durch sein Kreuz! Nimm es an, und lebe aus dem Dank für die Tat Jesu Christi für Dich. So wirst du wohl nicht alles Leiden vermeiden können, aber auf die Seite der Schafe treten können, die die Stimme ihres Herrn kennen.

Möglichkeit Nr. 3: Du weißt nicht, wo Du hingehörst. Dann sprich mit dem Schöpfer darüber und sag ihm: Ich seh nicht klar, wie es mit mir weitergehen soll. Schenk Du mir selbst die Werke, die du von mir getan haben willst, und wenn es sein soll, gib mir Kraft zum Schweren, das du von mir gelitten haben willst. Zeig mir die Schwester, zeig mir den Bruder, der mich braucht. Zeig mir, wo mein Geld die besten Früchte trägt. Zeig mir, welche Arbeit dran ist und was ich lassen soll. Laß mich gute Werke tun, ohne es zu merken, ohne stolz zu werden.

 

Liebe Gemeinde,

es ist nicht Gerechtigkeit durch menschliche Werke, die uns Jesus im Matthäusevangelium predigt. Wir von uns aus können gar keine guten Werke tun, weil wir böse sind. So bescheiden und selbstvergessen zu sein, kann uns nur geschenkt werden, und wir dürfen darum beten. Vor allem wird durch Wort Gottes und Sakrament unser Charakter so geheiligt, daß die Werke der Barmherzigkeit wie von selbst in und durch uns entstehen. Gerettet werden wir durch die Kraft des Kreuzes, und durch die Kraft des Heiligen Geistes zu den selbstvergessenen Werken geführt.

Ist nun unser Blick geweitet? Möge uns der Herbst draußen immer wieder an diese Wahrheit erinnern!

Erst im letzten Gericht wird uns dann der Blick geweitet sein, wieviel uns der Heilige Geist schon in diesem Leben geschenkt hat. Amen.

 

 


 

Die Predigt wurde – um etwa ein Drittel gekürzt – am 19.11.2023 in Oberfranken gehalten.