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Der Rahmen, er könnte vergoldet sein…

Sonntag 23. September 2007 von Karl-Heinz B. van Lier


Karl-Heinz B. van Lier

Der Rahmen, er könnte vergoldet sein…

Haben Sie schon einmal mit einem Politiker ĂĽber die demografische Entwicklung oder ĂĽber ein kinderfreundliches Deutschland gesprochen? Dann kennen Sie auch die Beteuerung, die Rahmenbedingungen fĂĽr Familien verbessern zu wollen.

Und schon stehen Sie als Laie im Sumpf von mehr als 143 strukturellen MaĂźnahmen, Verordnungen und steuerfinanzierter Transferleistungen, die Sie mehr oder weniger alle mitfinanziert haben.

Der Familienrichter Dr. JĂĽrgen Borchert, hat dies einmal treffend in einer Metapher formuliert: „Der Staat treibt den Familien ĂĽber Sozialbeiträge und Steuern die Sau vom Hof und gibt ihnen in Gönnerpose bei Wohlverhalten ein Kotelett zurĂĽck“. Und wer glaubt, daĂź all diese MaĂźnahmen gleichmäßig auf alle rieselten, die sich Familie nennen, der irrt. Die so genannten Rahmenbedingungen sind ein Verschiebebahnhof, auf dem Milliardensummen immer wieder auf wechselnde Zielgruppen gelenkt werden. Aktuell sind das all jene, die soeben Nachwuchs bekommen haben und einer Erwerbstätigkeit nachgehen: die Bezieher von Elterngeld. Obwohl die derzeitige Ressortministerin vorgibt, eine ideologiefreie Familienpolitik zu betreiben, kann man ruhig vom Gegenteil ausgehen. Denn sie subventioniert mit dem Geld, das sie anderen Familien wegnimmt das staatlich entworfene Familienmodell der doppelten Erwerbstätigkeit, samt dazugehörigem Frauenleitbild. In diesem erscheint die Frau in ihrer wahren identitätsstiftenden Rolle als Erwerbstätige, als die bessere Kopie des Mannes. Als solche ist sie den Erfordernissen der Arbeitswelt angepaĂźt, erfolgreich “gegendert“ – also nicht mehr ĂĽber ihr Geschlecht definiert – und hoch mobil. Sie unterbricht als Mutter allenfalls fĂĽr ein Jahr ihre Arbeit und liefert – beinahe nebenher – den Beweis, daĂź Kinder kein Hindernis fĂĽr eine weibliche Karriere sind.

Und damit die kommende Generation einen evolutionären Sprung in der globalen Wettbewerbsgesellschaft vollbringt, sozialisiert, d.h. verstaatlicht die neue Familienpolitik die Erziehung von Grund auf. Diese könnte – laut Ministerinnenberater Fthenakis – sogar schon mit dem sechsten Lebensmonat einsetzen, um möglichst unabhängig von der Herkunft staatlich Einfluß nehmen zu können. Wegen derzeit noch bestehender Skrupel sollte dies jedoch spätestens mit einem frühen obligatorischen Besuch des Kindergartens beginnen und mit dem anschließenden verpflichtenden Vorschuljahr fortgesetzt werden; inklusive des obligatorischen Sprachtests mit vier Jahren. Denn die Erkenntnis setzt sich immer mehr durch, daß die Erziehungsleistung der Elternhäuser defizitär und staatliche, kompetente Betreuung erforderlich ist.

Und schon wieder erntet das Kabinettsmitglied aus den christdemokratischen Reihen viel SPD-Applaus, weil sie die schwedische Familienpolitik ihrer SPD-Vorgängerin eins zu eins umsetzt, ja diese bei der Vermehrung der staatlich finanzierten Krippenplätze auf gigantische 750.000 zu ĂĽbertrumpfen sucht. NatĂĽrlich beitragsfrei – weil staatlich gewĂĽnscht – fĂĽr die Eltern dieses Bertreuungsmodells. Finanziert allerdings mit Steuermitteln auch derjenigen Eltern, die die häusliche Erziehung oder aber den Einsatz einer Tagesmutter bevorzugen und dies auf eigene Kosten realisieren mĂĽssen. Wenn wir letzteres noch tun dĂĽrfen, nennt man das „Wahlfreiheit“. Man sieht, an Rahmenbedingungen erkennt man nicht mehr notwendigerweise die Handschrift einer Partei. Aber dies scheint auch neuerdings nicht erwĂĽnscht zu sein.

Spätestens hier wären nun Fragen nach Zielgenauigkeit und Wirkungsweise neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen angebracht. Wollte uns die derzeitige Ressortministerin nicht mittels eines Paradigmenwechsels mehr Kinder bescheren? Gedenkt sie mit diesen Rahmenbedingungen eine solche Herkulesarbeit zu stemmen? Oder tritt sie ohnehin nur als Sisyphos an, der allenfalls von seinen Bemühungen, nicht aber von deren Ergebnis überzeugt ist?

Das technokratisch anmutende Family-Light-Modell, mit seiner staatlichen Trennkost „Elterngeld und Krippenplatz“ entbehrt jeder Faszination, weil es der Familie keinen dauerhaften eigenen Raum fĂĽr Privatheit und GlĂĽck einräumt. Es wird auch deshalb ins Leere laufen, weil es der Tatsache nicht Rechnung trägt, daĂź der Kinderwunsch der Deutschen im weltweiten Ländervergleich am geringsten entwickelt ist (1,6 Kinder pro Frau), und daĂź der mit am häufigsten genannte Grund fĂĽr Kinderlosigkeit der fehlende Partner ist. Diese Zielgruppe hat zudem längst erkannt, daĂź aufgrund der staatlichen Zwangsversicherung fĂĽr alle und zwar bei Rente, Krankheit und Pflege die (…) Altersversorgung auch ohne eigene Kinder gesichert ist. DaĂź dieser Lebensentwurf zu Lasten Dritter, nämlich der Kinder anderer, geht, kann den Rahmenbedingungen angelastet werden. Sie konditionieren geradezu den jungen Menschen in Richtung auf Zukunftsvergessenheit. Dort wo Rahmenbedingungen fehlen, die eine tatsächliche Wertschätzung der Ehe und Familie im Sinne der Leistungsgerechtigkeit vornehmen, wird es auch keine Einstellungsveränderung geben. Der Glaube, daĂź es nur einer neuen staatlichen Transferleistung bedarf, um einen Automatismus in Richtung auf mehr Kinder auszulösen, ist nicht nur ein Irrglaube, sondern er verkennt die Komplexität der LebensentwĂĽrfe und der Sinnorientierung junger Menschen.

Und seien wir ehrlich: Kinder bekommen wir nicht, weil die materiellen Rahmenbedingungen gut sind, sondern trotz der meist ungünstigen Bedingungen. Und in mehr als 110 anderen Ländern der Welt sind die materiellen Rahmenbedingung schlechter als bei uns. Auch wenn wir konstatieren, daß diese hier bessere sein könnten, gab es keine Epoche in der deutschen Geschichte, in welcher die Bedingungen besser waren als heute. Hätten die Trümmerfrauen mit Kindern warten sollen, bis sich die Rahmenbedingungen verbessert hätten? Was also löste damals wie heute den Wunsch nach Kindern aus? Es ist – gegen alle Zahlen und Trends – das Vertrauen auf eine unverbrüchliche partnerschaftliche Bindung, auf eine lebenslange Ehe, auf Liebe, die sich in einem oder mehreren Kindern widerspiegelt. Es sind also die mentalen Rahmenbedingungen, die über die Weitergabe des Lebens entscheiden.

Gerade die widrigen Bedingungen der Globalisierung sind es, die die Familie als einen Hort des Zusammenhalts und der Schicksalsgemeinschaft so attraktiv machen. Anstatt Familie als lebendige Solidargemeinschaft zu festigen, steht die derzeitige Regierung im Begriff, die bestehenden Familien zu atomisieren und zu entkernen. Dazu paßt die Feststellung, daß der im Grundgesetz verankerte Begriff „Ehe und Familie“ im Koalitionsvertrag der Bundesregierung getilgt ist. Wer bitte, soll den Anfang des Lebens, die früheste Kindheit, und wer dessen Ende, das Alter, begleiten, wenn nicht die Familie? Die doppelterwerbstätigen Eltern, das ganztags fremdbetreute Kind und die extern betreuten Alten, das ist allenfalls formal noch ein Familie, tatsächlich aber eine seelenlose Bedarfsgemeinschaft. Sie produziert Streß, Schlüsselkinder und Scheidungen und hohe Selbstmordraten unter Jungendlichen à la Skandinavien. Was für ein Verlust an kultureller Vielfalt, an spontaner Lebensfreude und Kreativität!

Ein echter Paradigmenwechsel in der Familienpolitik bestünde darin, einen tiefgreifenden Mentalitätswandel herbeizuführen, der die Bejahung der Mutterschaft als identitätsstiftende Aufgabe als einen Wert an sich begreift, ohne zu unterscheiden, ob eine Erwerbstätigkeit vorliegt oder nicht.

Dieser Paradigmenwechsel ist ein „Ja“ zur „Kultur des Lebens“, die die Ehe und Familie – ganz im Sinne des Grundgesetzes – als schĂĽtzenswert begreift und die Privilegierung der Kinderlosigkeit aufgibt. Er wirbt fĂĽr die Entdeckung der Familie durch den Mann – auch mit den Mitteln der kommerziellen Werbung. Er relativiert die berufliche Karriere, der angeblich alles unterzuordnen sei. Er unterstĂĽtzt den Grundsatz, daĂź die elterliche Erziehung der Krippenbetreuung vorzuziehen ist, weil erstere eine emotionale Bindung zu den Eltern entstehen läßt, die ein Leben lang trägt und die die Grundlage ist fĂĽr Selbstvertrauen, Selbstsicherheit und Optimismus. Und merke: Kinder, die selbst dieses Urvertrauen entwickeln durften, werden kaum ihre Eltern im Rentenalter in ein anonymes Altenheim abschieben. Er geht von der UnverfĂĽgbarkeit und der WĂĽrde des Lebens in seinen Anfängen wie im Alter aus. Er setzt auf vertrauensvolle dauerhafte Bindungen und miĂźt u.a. der Sexualität eine sinnstiftende Dimension bei, die auch im Schulunterricht vermittelt werden sollte.

Ein Koalitionsvertrag, der zwar die Formel „die Rahmenbedingungen für die Familie verbessern“, aber das Wort „Ehe“ nicht und „Mutterschaft“ kaum benutzt, hat andere Ziele im Sinn, als die Zahl der Kinder zu erhöhen. Das Ergebnis dieser Familienpolitik, die auf die bloße Verwaltung des demographischen Notstands hinausläuft, können wir täglich z.B., am Frankfurter Flughafen erleben. Dort kann man junge Paare, die zum zweiten oder dritten Mal im Jahr in die Karibik oder auf die Malediven fliegen, ansprechen und fragen, warum sie keine Kinder haben. Sie werden, weil sie die Wirkung des alles exkulpierenden Zauberwortes kennen, antworten: „Wegen der schlechten Rahmenbedingungen!“

Es zeigt sich: Der Rahmen, er könnte vergoldet sein, er wird die Sehnsucht nach Kindern nicht wecken. Ganz im Sinne Friedrich Nietzsches: „Wehe es kommt die Zeit, wo der Mensch verlernt hat den Pfeil seiner Sehnsucht ĂĽber sich hinauszuschieĂźen…“

Karl-Heinz B. van Lier, verheiratet, ist Vater von fünf Kindern, schreibt seit Jahren Aufsätze zum Thema „ Familie und Demographie“, arbeitet in einer politischen Stiftung und ist ehrenamtlich tätig im Vorstand des Familiennetzwerk.

© Cicero 6. Juli 2007

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 23. September 2007 um 13:54 und abgelegt unter Demographie, Ehe u. Familie.