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factum-Interview mit Johann Hesse: In Liebe und Geduld begleiten

factum: Herr Hesse, in der Broschüre „Gott kann verändern“ (s.u.) schreiben Sie: «Völlig ungefragt trat zur heterosexuellen Anziehung eine gleichgeschlechtliche dazu und löste eine ziemliche Verwirrung aus.» Weshalb entwickelten Sie plötzlich diese homosexuellen Neigungen?

Hesse: Ich war damals sechzehn Jahre alt und besuchte ein Internat in England. Zuvor hatte ich mich in pornographische Schriften verstrickt. Die gleichgeschlechtlichen Neigungen trafen mich aber völlig unvorbereitet. Ich konnte mir damals nicht erklären, wie sie entstanden. Selbst heute habe ich keine einfache Antwort, weil die Entstehung homophiler Neigungen komplex und multikausal ist.

Aus der Entwicklungspsychologie weiss man, dass die Ursachen homosexueller Gefühle häufig in der Kindheitsentwicklung liegen. Jungs sind in besonderer Weise auf die Liebe des Vaters angewiesen. Nimmt ein sensibler Junge seinen Vater als kühl und emotional distanziert wahr, kann das dazu führen, dass er den Zugang zur Welt des Vaters und damit des Mannes und der Männlichkeit nicht findet. In der Seele des Jungen bleibt eine Wunde zurück, die ihren Ursprung in der ungestillten Sehnsucht nach der Zuwendung des Vaters hat. In der Pubertät kann es nun passieren, dass sich der Sexualtrieb des Heranwachsenden mit seiner Sehnsucht nach väterlicher, d.h. männlicher Zuwendung verbindet. Der Junge stellt plötzlich fest, dass er sich gefühlsmässig und körperlich zu Männern hingezogen fühlt. Dieses Erklärungsmodell passt sehr gut zu meinen eigenen Erfahrungen.

factum: Was lösten diese homosexuellen Neigungen in Ihnen aus?

Hesse: Sie lösten Verwirrung und Verunsicherung aus. Ich stellte aber auch eine Abwehrhaltung fest: Ich wollte nicht, was ich empfand. Immer tiefer bohrte sich die Frage in meine Seele hinein: Bin ich heterosexuell oder homosexuell veranlagt? Über Jahre hinweg war ich damit allein.

factum: Wie war damals, im Jahr 1988, das «Credo» der Gesellschaft zum Umgang mit Homosexualität?

Hesse: In dem Umfeld, in dem ich mich bewegte, wurde homosexuelle Praxis nicht kritisch bewertet oder verurteilt. Sie galt den meisten als eine akzeptierte und tolerierte Form des Zusammenlebens.

factum: Nach über sechs Jahren vertrauten Sie sich Ihren Eltern an. Wie ging es danach weiter?

Hesse: Vermittelt durch meine Eltern traf ich am Tag vor Heiligabend 1995 einen Pastor, bei dem ich mir nicht nur meine Last von der Seele reden konnte, sondern auch zum ersten Mal hörte, dass es Auswege aus meiner sexuellen Orientierungslosigkeit gibt. Drei wichtige Aufgaben bekam ich mit auf den Weg: 1. Kläre die Beziehung zu Gott. 2. Kläre die Beziehung zu deinem leiblichen Vater. 3. Bitte Jesus darum, dass er dein Herz von unreinen Fantasien reinigt.

factum: Wie gingen Sie diese drei «Aufgaben» an?

Hesse: Zurück in London machte ich mich auf die Suche nach Gott. Ich fing an, das Johannesevangelium zu lesen. Plötzlich trafen mich die Worte Jesu in Johannes 14,16-17, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Es war, als ob jemand die fest verriegelte Tür zu einem dunklen Verlies öffnete und mich aufforderte, in die Freiheit und aus der Dunkelheit ins Licht zu treten. Jesus kam in mein Leben.

Die zweite Aufgabe war bereits vorher geklärt worden, denn mein Vater war von sich aus auf mich zugekommen und hatte mich für vergangene Versäumnisse um Vergebung gebeten. Der dritte Punkt sollte sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Ich bekannte meine Sünden und erlebte, dass Jesu Blut seine befreiende Kraft und reinigende Wirkung in meinem Herzen entfaltete (Joh. 8,36).

factum: Wie haben Sie die Veränderung konkret in ihrem Alltag erlebt haben?

Hesse: Ich lernte, homophile Neigungen im Licht der Bibel zu verstehen. Verschiedene Bibelstellen haben mir besonders geholfen (Mt. 15,19, Röm. 8,12.13, Gal. 5,16-26). Wenn wir mit Jesus leben, müssen wir uns nicht länger von unseren Neigungen und Begierden beherrschen lassen. Während mich Anfechtungen früher verwirrten und zur Verzweiflung trieben, konnte ich sie seither im Gebet zu Jesus bringen und erleben, dass sie ihre Macht über mich verloren und durch reine und heilige Gedanken ersetzt wurden und werden.

factum: Kann jeder homosexuell empfindender Mensch mit Gottes Hilfe solchen Sieg erleben?

Hesse:  Ich habe diese Empfindungen von Beginn an abgelehnt und kann nur ahnen, wie schwer es für diejenigen sein muss, die nie anders empfunden oder die ihre Neigung ausgelebt haben. Ich weiss aber von Brüdern und Schwestern, die homosexuell gelebt und ebenfalls bleibende Veränderung erlebt haben. Mir sind aber auch die gegenteiligen Berichte bekannt. Manche leiden ihr Leben lang darunter, dass sie keine dauerhafte Veränderung erleben oder auch rückfällig werden.

factum: Der gesellschaftliche Wandel im Umgang mit Homosexualität kann in der evangelischen Kirche schon länger beobachtet werden. Nun werden aber auch im evangelikalen Bereich Stimmen lauter, die hier nicht länger von Sünde sprechen. Was bedeutet das?

Hesse: Die Betroffenen haben das Nachsehen. Ihnen wird echte seelsorgerliche Hilfe im Sinne des Evangeliums verwehrt (vgl. 1. Kor. 6,9-11). Wer homosexuelle Praxis nicht länger als Sünde benennen will, verschliesst anderen das Himmelreich und hindert sie daran, ihre Sexualität am Willen Gottes auszurichten. Es bedeutet auch, dass immer mehr Kirchen und Gemeinden zerbrechen werden, denn an diesem Punkt scheiden sich zu Recht die Geister. Zudem wird der Unterschied zwischen Gemeinde und Welt weiter eingeebnet. Dadurch verlieren Gemeinden ihre geistliche Strahlkraft und Vollmacht (Mt. 5,13-16; Röm. 12,1-2).

factum: Weshalb ist ein Verbot von Konversionstherapien selbst für Menschen, die ausdrücklich eine solche wünschen, politisch, aber auch geistlich gesehen so gefährlich?

Hesse: Es gibt Konversionstherapien (z.B. die Elektroschocktherapie), die auch Christen aus guten Gründen ablehnen. Allerdings zielen die gesetzlichen Verbote darauf ab, möglichst alle Therapieformen zu kriminalisieren. Die Gesetzgebung in Deutschland ist so formuliert, dass auch Pastoren und Seelsorger nicht sicher sein können, ob ein Seelsorgegespräch eventuell eine Strafanzeige nach sich zieht. Die geistliche Gefahr liegt meines Erachtens vor allem darin, dass immer mehr Seelsorger und Pastoren in eine Schweigespirale geraten, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Dieses Schweigen in Verkündigung und Seelsorge erhöht die geistliche Not der Betroffenen und der Gemeinde Jesu insgesamt.

Aus politischer Sicht ist ein solches Verbot ein schwerer Eingriff in die Freiheitsrechte des Einzelnen. Es betrifft das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sowie auf der medizinischen Ebene die Therapiefreiheit, also die Freiheit des Therapeuten, eine Behandlungsmethode frei zu wählen.

factum: Wie soll eine Gemeinde mit homosexuell empfindenden Menschen umgehen?

Hesse: Das Evangelium gilt allen Menschen. Darum brauchen wir in unseren Gemeinden eine im Evangelium verankerte Willkommenskultur auch für homophil empfindende Menschen. Sie sollen wissen: Unsere Gemeinde- und Herzenstüren stehen ihnen offen. Sie werden bei uns nicht stigmatisiert, sondern als von Gott geliebte Geschöpfe und erlösungsbedürftige Sünder wahrgenommen. Wie alle anderen auch legen sie ihre ganz persönlichen Sünden unter dem Kreuz von Jesus ab (Bekehrung) und streben nach einem veränderten Leben (Heiligung). Die Gemeinde hat sie bei diesem lebenslang andauernden Prozess in Liebe und Geduld sowie mit Gebet und Seelsorge zu begleiten.

factum: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Raphael Berger

Aus: factum – Mensch, Natur, Glaube – Juli/August, 04/23
https://factum-magazin.ch [1] (Probeheft bestellen oder abonnieren)

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Zur Lektüre empfohlen:

Johann Hesse (Hrsg.)

Gott kann verändern – Drei Lebensberichte über die Neuausrichtung der Sexualität
Gemeindehilfsbund, 3. Auflage, Walsrode 2023

Die Broschüre kann kostenlos über info@gemeindehilfsbund.de [2] oder die Internetseite www.gemeindehilfsbund.de [3] bestellt werden.