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Demut an der falschen Stelle? Evangelische Allianz und Homosexualität

Dienstag 21. März 2023 von Pastor Dr. Stefan Felber


Pastor Dr. Stefan Felber

Demut an der falschen Stelle?

Evangelische Allianz und Homosexualität

Der IDEA-Redakteur Karsten Huhn hat mit dem neugebildeten Allianzvorstand, einer Doppelspitze aus Frank Heinrich und Reinhard Schink, ein Interview geführt. Es erschien in IDEA 7–2023, S. 16–19, unter dem (hoffentlich irreführenden) Titel: „Bei uns hat sich wirklich alles geändert“ (online für idea-Abonnenten zugänglich unter https://www.idea.de/artikel/evangelische-allianz-bei-uns-hat-sich-wirklich-alles-geaendert).

Nach den Allianz-Diskussionen zur Homosexualität gefragt, sagt Frank Heinrich im Interview: „Es gibt viele Kirchen, die dieses Thema heiß diskutieren. Als Allianz können wir keine rote Linie schaffen, die nicht überschritten werden darf. Wer das von uns verlangt, will uns für seine Zwecke vereinnahmen.“ Und Reinhard Schink: „Wir machen keine Vorgaben für das Gemeindeleben vor Ort – das wäre auch übergriffig.“

Trotz großer Wertschätzung für die Brüder und im Wissen um die vielleicht ermüdende Wiederholung gleicher Argumente seien ein paar Rückfragen dazu gestattet.

Wird hier nicht Demut an der falschen Stelle demonstriert? Denn es gibt ja gewisse rote Linien, wie im Interview zuvor in Bezug auf Sühnetod und Auferstehung ausgeführt wurde. Abweichende Denker würden, so hofft man, von selbst das Weite suchen.

Warum redet und handelt man nicht auch beim Thema Homosexualität in dieser Weise? Denn das Schriftzeugnis ist hierbei ebenso klar. Doch bei der Homosexualität erlaubt man sich einen Kniff; Schink zitiert das Allianz-Positionspapier: „Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes unvereinbar.“

Ich möchte bei diesem Satz einhaken, freilich im Wissen, daß Folgerungen, die ich hier andeute, in der Allianz keine Mehrheit finden würden. Es geht mir nur darum, das Problem der Denkweise dieses Satzes aufzuzeigen.

Der Satz – so isoliert genommen wie von Schink zitiert! – läßt die Möglichkeit offen, es gebe heute eine andere, mit der Bibel vereinbare homosexuelle Praxis. Das war nun seit Jahrzehnten die liberale Argumentation nach dem Muster: ‚Was die antiken biblische Autoren unter Homosexualität verstanden, war etwas ganz anderes, als was wir heute darunter verstehen.‘

Das oft wiedergekaute Argument hat inzwischen auch in fromme Kreise Einzug gefunden, weshalb bekanntlich das Netzwerk Bibel und Bekenntnis (U. Parzany u.a.), lange zuvor der Gemeindehilfsbund und andere nötig wurden.

Versuchen wir einmal, das gleiche Argument in anderen Bereichen des Glaubens anzuwenden. Was könnte da alles herauskommen?

Ich karikiere (!) an anderen ethischen Beispielen:

  • „Mit der von der Bibel verurteilten Begehrlichkeitspraxis hat mein Flirten mit der Kollegin nichts zu tun.“
  • „Mein Glaube an die Tarot-Karten gehört nicht zu der von der Bibel verbotenen Glaubenspraxis.“

Wendet man das gleiche Argument auf weitere Glaubensinhalte an, so könnte folgendes herauskommen:

  • „Mein Glaube an die Weihnachtsgeschichte schließt zwar nicht ein, daß Maria bei der Geburt Jesu noch Jungfrau war, aber da ich Maria trotzdem für eine wichtige Frau halte, kann die Bibel nichts gegen meinen Glauben haben.“
  • „Mein Glaube an das Kreuz Jesu schließt zwar nicht ein, daß Gott das Blut seines Sohnes für mich vergossen hat, aber ich bewundere die Tat Jesu als Liebesbeweis Gottes, weshalb Gott trotzdem meinen Glauben anerkennen muß.“
  • „Mein Glaube an die Auferstehung Jesu schließt zwar nicht ein, daß der Leichnam Jesu wiederbelebt wurde, aber da ich Jesus trotzdem für aktuell und wichtig halte, hat die Bibel sicher nichts dagegen.“

Wer ein wenig belesen ist, weiß, daß solche Sätze außerhalb der Allianz mehr sind als Karikaturen. Leider.

Kehren wir zur homosexuellen Praxis zurück. Hier könnte die Schlußfolgerung, die von der Allianz allerdings ebenfalls nicht gezogen wird, so lauten:

  • „Meine Vorstellung von der Liebe als Grundlage und Maßstab des Zusammenlebens ist so sehr mit der Bibel verwandt (oder von ihr entlehnt), daß diese eigentlich alle Formen des Zusammenlebens gestatten wird, die von Liebe geprägt sind.“


Banner an der Basler Elisabethenkirche

Im Ernst: Das Bekenntnis zur Zuverlässigkeit und Autorität der Schrift wird durchlöchert, wenn nicht eine verbindliche Nachfolge und ein verbindliches Urteil auch im sexualethischen Bereich daraus folgt. Darum ist es schade, daß Schink im Interview sein Zitat aus dem eigenen Allianz-Papier von 2017 (Titel: Ehe als gute Stiftung Gottes) nicht fortgesetzt hat. Dort liest man immerhin noch: „Daraus ziehen wir die Schlussfolgerung, dass homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden können.“

Allerdings blieb schon damals unklar, warum das nicht geht. Denn mit keinem Wort ging die Allianz dort auf heutige homosexuelle Praktiken ein. Die Frage einer segnenden Begleitung heutiger homosexueller Partnerschaften wurde nicht gestellt, jedoch könnte man eine Bejahung herauslesen:

„Zugleich sind wir dankbar für viele persönliche und seelsorgerliche Begleitung. Grundsätzlich soll die Gemeinde alle Menschen auf ihrem Weg, Christus ähnlicher zu werden und ihre Berufung für das Reich Gottes zu leben, begleiten. Dabei benötigen wir alle viel Barmherzigkeit (Jakobus 2, 13) und sind aufgefordert, „einander zu tragen“ (Kolosser 3, 13).“

War das der Grund, warum die Allianzvertreter ihr eigenes Papier nicht mehr heranzogen?

Wenn „die Bibel“ nur diejenige homosexuelle Praxis, die zur Zeit der biblischen Verfasser im Blick ist, be- bzw. verurteilt, ist die Frage: Wird die Bibel nur noch historisch genommen?

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 21. März 2023 um 10:20 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik, Sexualethik, Theologie.