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Zwei Tagebuchauszüge von Helmut Gollwitzer aus der Gefangenschaft in Rußland 1945 bis 1949

Mittwoch 15. Februar 2023 von Helmut Gollwitzer


Helmut Gollwitzer

Gollwitzer, Helmut: „… und führen, wohin du nicht willst“. Bericht einer Gefangenschaft, München 1951.

Im nächsten „Aufbruch“ wird eine Rezension über dieses Buch erscheinen, sozusagen eine „Nach-Lese“.
Hier zwei kleine Kostproben des Buches.

a) S. 198f.:

„20. Oktober 1948

Immer wieder bewegt mich die Entwicklung der alten Nationalsozialisten. Daß sie einheitlich sein würde, war nicht zu erwarten. Der Zusammenbruch des Dritten Reiches und die Enthüllungen über seine Greuel und die Kläglichkeit seiner Führung wies sie nicht an ein bereitstehendes neues Wertsystem, sondern überlieferte sie dem Chaos widersprechender Schlußfolgerungen und ideologischer Angebote. Auf das Gewesene kommen sie in den Gesprächen nicht gerne zurück, – und doch ist es unerläßlich, daß die Klärung mit einer Rückbesinnung beginnt. Mit Toni K., einem sympathischen österreichischen SS-Mann und altem Kämpfer, hatte ich heute ein langes Gespräch darüber. Auf einmal unterbrach er eine ausführliche politische Darlegung des Anschluß-Problems und sagte: ‚Das sind alles Kinkerlitzchen! Ich weiß nicht, warum ich mich so darauf versteife. Der politische Kram ist erst die Folge. Ich war Katholik, und der Glaube an das, was die Kirche sagte, war mir versalzen, durch unsere Pfarrer, durch die Kirche, durch mein Studium, auch durch mich selbst, weil ich ungebunden leben wollte, – was weiß ich! Jedenfalls war ein Vakuum da, nichts mehr, wofür ich lebte, und in dieses Vakuum strömte die völkische Idee ein. Jetzt will ich dir endlich einmal, weil ich es schon lange vorhabe, erzählen, was mir diesen Götzen wieder ausgetrieben hat. Nicht der Zusammenbruch, glaube ich, sondern ein merkwürdiges Erlebnis damals.‘

Nun erzählte er, wie er mit einigen SS-Kameraden bei Wien auf der Flucht in eine Kosakenabteilung hineingelaufen und, ehe sie sich recht versagen, gefangengenommen waren. Der Triumph, SS-Leute erwischt zu haben, war groß; man fesselte ihnen mit Draht die Hände auf den Rücken, trieb sie unter unablässigen Prügeln stundenlang auf verregneten Feldwegen und kündigte ihnen eine feierliche Erschießung an. Zu Tode erschöpft mußten sie an einer Landstraße auf einen LKW warten und sich dazu in den aufgeweichten Schlamm legen. Nur den Tod habe er herbeigewünscht und sei entschlossen gewesen, wenn man sie nicht bald erschösse, selbst auf irgendeine Weise Schluß zu machen. Halb bewußtlos habe er versucht, seine erstarrten und schmerzenden Hände zu bewegen und dabei im Schlamm etwas Hartes ergriffen und, es für einen Stein haltend, gedankenlos festgehalten. Der LKW kam, sie wurden hinaufgeprügelt und in Baden bei Wien in einen Keller gesteckt, wo man ihnen die Fesseln abnahm. Da fiel ihm der Gegenstand in seiner Hand ein, und bevor er ihn wegwarf, besah er ihn im schwachen Schein des Kellerfensters; es war ein kleines Medaillon mit dem Gekreuzigten auf der einen Seite und der Madonna von Lourdes auf der anderen. ‚Da hatte ich mein Zeichen. Für einen Zufall konnte ich es nicht halten. Hier ist es. Ich wußte auf einmal, daß ich das ganze Leben bisher falsch angesehen hatte und daß ich es jetzt nicht wegwerfen dürfte. Ich wußte, daß eine Hilfe da sei, und seitdem hat sich viel in mir geändert.‘

Wir sprachen dann darüber, daß dieses Zeichen noch über die Madonna von Lourdes hinauswiese, und hatten einen guten Abend.“

b) S. 261f. über den Bibelkreis im Lager:

„Weil ich gerade als Theologe zur Hand war, hatten sie die Leitung vertrauensvoll in meine Hände gelegt, obwohl einem rechten Pietisten der theologische Beruf ja nicht gerade ein Ausweis für geistliche Qualitäten ist. Sie alle kamen, um Eines zu hören, und dieses Eine mußte zur Sprache kommen. Es kam zur Sprache, wenn die Bibel zur Sprache kam, die ja das sie alle verbindende Band war. So setzten die außergewöhnlichen Umstände durch, daß die Bibel genau die Stelle bekam, die sie für die Reformatoren hatte; ohne daß darüber viel diskutiert worden wäre, konnte bei den unter uns bestehenden Unterschieden gegenseitige Stärkung, Anregung und Belehrung nur immer auf dem Umwege über die Bibel geschehen; aus ihr konnte auch ein Katholik einem Baptisten und auch ein landeskirchlicher Pfarrer einem Darbysten das sagen, was wir zum Leben brauchten. Damit bestätigten sich aber all die erstaunlichen Dinge, die die Reformatoren von der Bibel zu behaupten gewagt hatten: daß sie kein totes, sondern ein allezeit sehr lebendiges Buch ist, überhaupt kein Buch, sondern die Gegenwart sehr lebendiger Stimmen, daß sie sich selbst mit Kraft verständlich zu machen vermag, daß sie klar und deutlich spricht und daß sie allein völlig ausreichend ist, um einen Menschen mit Christus zusammenzubringen, daß sie eine zusammenführende Kraft hat und die Unterschiede sehr verschiedener Denk- und Erlebniswelten zu überwinden vermag. Wir haben uns an dieser Erfahrung genug sein lassen und sie nicht polemisch ausgewertet. Es ergab sich ganz notwendig, daß wir uns nicht zum Ziele setzen konnten, einander von der Richtigkeit je unserer besonderen Anschauung zu überzeugen, den anderen zu unserer Konfession zu bekehren. In anderen Lagern sind Konversionen vom und zum Katholizismus vorgekommen, – uns konnte es nur darauf ankommen, uns alle miteinander täglich zu Christus zu bekehren.

So war auch die Frage gemeinsamer Abendmahlsfeier kein Problem. Wo sie uns in diesen Jahren möglich war, ging von ihr eine unermeßliche Stärkung aus. Hätten wir gewartet, bis wir im Verständnis des Sakraments einig gewesen wären, dann hätten wir das gemeinsame Hören Christi in der Heiligen Schrift wieder verraten. Wir haben meist nicht unterlassen, vorher darüber zu sprechen, einander zu sagen, wie wir es verstehen, und noch einmal miteinander die Worte des Neuen Testaments vom Abendmahl zu lesen und zu bedenken. Dann aber gingen wir ohne Unterschied miteinander zum Tisch des Herrn und haben ihn gebeten, uns das zu geben, was er mit seinen geheimnisvollen und so viel Streit verursachenden Worten uns geben will.“

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 15. Februar 2023 um 9:45 und abgelegt unter Allgemein.