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„Auf das Wort achte!“ Predigt aus 2.Petrus 1,12–21, Düshorn, 7.8.2022

Donnerstag 11. August 2022 von Pfr. Dr. Stefan Felber


Pfr. Dr. Stefan Felber

Zum Anhören hier klicken: https://www.youtube.com/watch?v=M2gVYbRFnSU

Als PDF herunterladen: https://www.stefan-felber.ch/downloads/felber-stefan-predigt-aus-2-petr-1-12-21-auf-das-wort-achte/download

 

Pfr. Dr. S. Felber, Bad Fallingbostel/Düshorn

12 Darum will ich’s nicht lassen, euch allezeit daran zu erinnern, obwohl ihr’s wißt und gestärkt seid in der Wahrheit, die unter euch ist. 13 Ich halte es aber für richtig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erwecken und zu erinnern; 14 denn ich weiß, daß ich meine Hütte bald verlassen muß, wie es mir auch unser Herr Jesus Christus eröffnet hat. 15 Ich will mich aber bemühen, daß ihr dies allezeit auch nach meinem Hinscheiden im Gedächtnis behalten könnt. 16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt,

als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.

19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. 20 Und das sollt ihr vor allem wissen, daß keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. 21 Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.

Liebe Brüder und Schwestern!

Aus drei Stichwörtern, die der Apostel Petrus im ersten Kapitel seines zweiten Briefes verwendet, wollen wir die Aufteilung des heutigen Predigtwortes schöpfen:

Erinnern – Erleben – Erkennen:

Das Erinnern umfaßt die Verse 12 bis 15,
das Erleben die Verse 16 bis 18,
das Erkennen die Verse 19 bis 21.

  1. Das Erinnern, V. 12–15:
    „gestärkt in der Wahrheit“

„Darum“: Petrus ermahnt seine Leser in den vorangehenden Versen, ihre Berufung und Erwählung festzumachen. Sie sollen die Kette der geistlichen Tugenden fest ineinandergefügt und so wachsen lassen: nämlich Glaube, Erkenntnis, Mäßigkeit, Geduld, Liebe. Durch diese Dinge, sagt er, zeigt sich euer Anteil an der göttlichen Natur. Und vermittelt werden uns diese Dinge durch das göttliche Wort.

Das ist, kurz gefaßt, die Botschaft, die unserem Predigttext vorangeht, und ich hoffe, daß einige von Ihnen noch meine Auslegung behalten haben, die ich von diesem Abschnitt bei meiner Einführung als Leiter des Gemeindehilfsbundes am 9. Juli gegeben habe. (Man kann sie nachlesen und nachhören.)

„Darum“: Petrus hatte die Gründe für seine Ermahnung genannt, und mit dem „Darum“ schließt er an, warum sein Erinnern vor seinem Hinscheiden unbedingt wichtig ist.

Das Hinscheiden des Apostels, liebe Freunde, ist nicht irgendein Hinscheiden. Jesus hatte Petrus eröffnet, daß er sein irdisches Zelt bald verlassen muß (V. 14). Und Petrus hatte Jesu Prophezeiung nicht vergessen: „… ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde“ (Joh 21,18f.). Dies stand nun bevor.[1] Petrus nimmt die Bilder vom Umziehen und vom Kleiderwechseln zusammen: Das irdische Zelt muß er verlassen, „ablegen“ wie ein Kleid, um in die ewige Wohnung einzugehen. So bekommt der ganze Brief einen großen Ernst und eine Dringlichkeit, die hier nicht von einem unmittelbar drohenden Weltende her gespeist wird. Die Dringlichkeit ergibt sich von der Sache, von dem Gericht her, dem jeder einzelne Mensch entgegengeht (vgl. 2,12f.). Jeder wird Rechenschaft geben müssen über seinen Glaubensstand, in dem ihn der Herr einmal in die Ewigkeit abrufen wird.

Abgesehen von dem heilsgeschichtlichen Übergang, der mit all dem bezeichnet ist und auf den ich gleich zu sprechen komme, ist dieses Verhalten äußerst vorbildlich. Es ist das genaue Gegenteil von einem „Nach mir die Sintflut“. Das wichtigste Anliegen des Apostels, ohne das er nicht ruhig sterben kann, ist, daß die heilsame Lehre und die Tugendkette, die den Menschen adelt und veredelt, „auch nach meinem Hinscheiden im Gedächtnis“ bleibt (V. 15). Wie nötig das ist, stand auch dem alten Paulus lebendig vor Augen:

„Es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden, sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren … denn ich werde schon geopfert, und die Zeit meines Hinscheidens ist gekommen.“ (2.Tim 4,3f.+6)

Mit dem Tod der Apostel endet die kirchengründende Epoche. Es geht also nicht nur um das Ableben des Petrus, sondern um das aller Apostel. Mit ihnen endet die Zeit der Augenzeugen des irdischen Jesus. Paulus hatte sich noch auf die 500 Brüder auf einmal berufen, die den auferstandenen Jesus mit eigenen Augen gesehen haben (1.Kor 15). Die Auferstehung Jesu gehört mit alledem zu den bestbezeugten Ereignissen der Antike.

Die Zeit der Augenzeugen geht also zu Ende. Die Apostel werden nicht mehr ersetzt; das Neue Testament tritt an ihre Stelle.

Noch aus der Zeit der Augenzeugenschaft stammt unser zweiter Abschnitt: „Erleben“.

  1. Erleben, V. 16–18:
    „Wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen“

Der alte Petrus schreibt wahrscheinlich aus Rom in den 60er Jahren. Paulus hat sein Zeugnis mit seinem Blut besiegelt; Petrus blickt bereits auf „alle Paulusbriefe“ als bekannt zurück (3,16).

Und die Welt liegt immer noch im Argen, Irrlehrer verwirren die Gläubigen und versuchen, sie wieder auf die Seite der Welt zurückzuziehen (Kap. 2). Was nun gibt in dieser Lage Gewißheit? Zwar war das Christentum durch sein Wachstum längst auf dem Radar der staatlichen Überwachung angekommen, aber eben, es blieb eine Randgruppe, der man alles mögliche in die Schuhe schieben konnte: Immer waren die Christen schuld: an Seuchen, an Kriegen, an Hungersnöten. Augustinus beschreibt, wie die Römer versuchten, alle möglichen Unglücke den Christen in die Schuhe zu schieben.

Wie gelangt ein junger Christ in dieser Lage, in der Lage voller klug ausgedachter Mythen („Narrative“) zur Gewißheit über Gott? Das nun ist hier die Kernfrage für Petrus. Die Antwort, die er uns gibt, schöpft er zum einen aus dem Erleben des irdischen Jesus, zum anderen daraus, daß dieses Erleben genau mit dem Alten Testament, dem prophetischen Wort übereinstimmt.

Das Erleben nach V. 17f.:

  • Jesu Verklärung auf dem Berg (Tabor?)
  • Die Himmelsstimme

Erstaunlich! Um die Kraft und das Kommen Jesu zu zeigen, erinnert Petrus hier nicht an Passion und Auferstehung Jesu, bei der sich der Himmel verdunkelte, der Vorhang im Tempel zerriß, bei der sich Gräber öffneten und Tote zu neuem Leben erweckt wurden, nein, sondern er erzählt von einem der Höhepunkte für das Verständnis Jesu aus der Zeit vor der Passion. Warum das? Petrus sagt: Wir haben die Herrlichkeit Jesu selber gesehen (V. 16), aber verweist dann nicht auf den Auferstandenen, sondern auf den schon zuvor Verklärten. Wir (nicht mehr „ich“!) wollten euch die Kraft (dynamis) und die Ankunft (parusia, Wiederkunft) Jesu kundtun. Und das sind eben nicht Fabeln, griechisch Mythen.

„Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (V. 17)

Jesus ist Gott, geehrt vom Vater.

„Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.“ (Joh 5,23f.)

Auch das habe ich in meiner Auslegung in der Düshorner Kirche erwähnt: Daß Jesus Christus Gott ist, gehört zu den unumstößlichen Grundfesten unseres Heils. Ohne diese Wahrheit verdünnte sich der ganze Inhalt unseres Glaubens in ein paar Regeln für ein besseres Leben. So aber haben wir nicht nur einen Rabbi, nicht nur einen Lehrer, sondern auch und vor allem einen Retter, der von Gott ist und Gott selbst ist (Joh 1,1f.) – eine bessere Garantie für unser Heil kann es nicht geben (Athanasius vs. Arius!)! Jesus wird nicht erst Gott, und er wird nicht erst Sohn Gottes durch eine Adoption oder durch Auferstehung und Himmelfahrt, sondern er ist es von allem Anfang an, von Ewigkeit her. Das bezeugt Petrus, indem er an dieses Erleben erinnert.

„… wir haben seine Herrlichkeit (griech. megaleiotäs = Großartigkeit) selber gesehen. … Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.“ (V. 16 + 18)

Petrus und die Jünger auf dem Verklärungsberg hatten keine innere Vision. Sie haben mit eigenen Augen etwas physisch Wahrnehmbares gesehen, und zwar gemeinsam dasselbe, darum wechselt Petrus hier auch in die Mehrzahl der Augenzeugen. Nun, warum sagt er das alles? Indem er die Himmelsstimme wiedergibt, bezeugt Petrus die Gottheit und Gottessohnschaft Jesu.

„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (V. 17b)

Mit diesem Satz wird der rote Faden herangezogen, der vom Alten zum Neuen Testament führt: die Sohnschaft und das Königtum. Gemäß dem Davidbund wurde der König auf dem Jerusalemer Zionsberg bei seiner Einsetzung zum Sohn Gottes adoptiert. Damals konnte dieser König mit Psalm 2 sagen:

„Er hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn, heute (d.h. bei deiner Inthronisation) habe ich dich gezeugt.“ (Ps 2,7)

Auf dem Verklärungsberg hört Petrus die Worte so:

„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Der Unterschied kommt nicht von ungefähr. In einem gewissen Sinne (wohl für seine Menschwerdung) gilt auch der originale Satz von Ps 2,7 für Jesus Christus, und so wird er auch in Apg 13,33 und Hebr 1,5; 5,5 auf Jesus bezogen: „Heute habe ich dich gezeugt.“ Doch Petrus führt das Wort so an, wie er es auf dem Verklärungsberg gehört hat, und bezeugt so die ewige Macht und das künftige Kommen des Herrn.

Der Evangelist Lukas übrigens hat die Himmelsstimme so überliefert: „Dieser ist mein auserwählter Sohn, den sollt ihr hören!“ (Lk 9,35)

Welch eine Fülle der Erkenntnis liegt hier in den wenigen Worten! Damit haben wir bereits das dritte Element erfaßt: das Erkennen.

Nach dem Erinnern und dem Erleben stehen wir damit beim Erkennen.

  1. Das Erkennen (V. 19–21):
    „… der Morgenstern aufgehe in euren Herzen“

Genauer: bei einem völlig gewissen Erkennen, weil es Gottes Offenbarung ist und nicht menschlicherseits ausgedachte Mythen sind. „Um so fester“:  Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll eine Sache bestehen, d.h. hier: Erleben des Herrn Jesus und Bibelwort!

Wenn ich von Erleben spreche, dann ist damit nicht gemeint, daß wir die Gewißheit unseres Versöhntseins mit Gott noch ein wenig auf das eigene Erleben gründen sollen – das wäre der Tod der Gewißheit. Was Petrus als selbst Erlebtes berichtet, war denkbar weit von den eigenen Gefühlen entfernt. Der Evangelist Markus, dessen Bericht ja auf Petrus selbst zurückgeht, schreibt, Petrus selber wußte auf jenem Berg gar nicht, was er redete, „denn sie waren ganz verstört“ (Mk 9,6; vgl. Lk 9,33).

Das „um so fester“ ist also zu verstehen als ein „noch fester“: Noch fester als das selbst Erlebte haben wir das prophetische Wort. Der alte Petrus ballt noch einmal die Faust zusammen und haut auf den Tisch, daß das Tintenfaß einen Purzelbaum macht: ‚Mensch Leute, klarer und sicherer könnt ihr es nicht mehr bekommen, als es im prophetischen Wort niedergelegt ist, also glaubt es, haltet es doch fest!‘

Jesus sagt im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus mit der gleichen Bestimmtheit:

„Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ (Lk 16,31)

Es gibt keine größere Gewißheit als durch die Klarheit der Heiligen Schrift. Petrus spricht vom ganzen Alten Testament als dem prophetischen Wort, in dem Jesus schon spricht, das auf Jesus deutet und das durch Jesus erfüllt und bestätigt wird. Was Jesus tat in der Zeit der Apostel und was er von sich bezeugte in der Zeit vor seiner Menschwerdung, dieses beides bildet zwei Zeugengruppen, zwei Chöre, die ihn als den wahren Gott und wahren Menschen groß machen. Und diese großartige Übereinstimmung ist nur möglich, weil keine Weissagung der Heiligen Schrift eine Sache eigenen Hervorbringens seitens der Propheten ist. Vielmehr waren diese Menschen getrieben vom Heiligen Geist, und auf diese Weise haben sie geredet – und geschrieben. Ja: auch geschrieben, und zwar durchaus fleißig!

Die Schrift des alten Bundes bezeugt Jesus, wie er oft gesagt hat, und durch die Apostel auch die Schrift des Neuen Bundes. Das ist genug! Die überwältigende Übereinstimmung im Christuszeugnis ist, wie gesagt, ein sehr starker Beweis für die Echtheit und Wahrheit des biblischen Glaubens.

Hören wir nochmals Vers 19!

„Umso fester (noch fester) haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“

Ein dunkler Ort … Die Zeit nach dem Hinscheiden der Apostel wird nicht strahlend hell sein, keine Zeit, in der alle Welt jubelnd ins Evangelium einstimmt. Es ist wie die Zeit vor Christus eine Zeit des Glaubens, nicht des Schauens. Die Augenzeugen Jesu freilich durften die Herrlichkeit des Gottessohnes schauen. Darum ist ihr Zeugnis zusammen mit dem Zeugnis des prophetischen Alten Testaments die Grundlage und die Quelle von Lehre und Leben aller Christen. Die Zeit der Apostel ist vorbei, und es wäre eine Irrlehre, heute wieder Apostel zu berufen, wie das die Neuapostolische Kirche tut oder manche Charismatiker, die einen fünffältigen Dienst postulieren, zu dem heute auch Apostel und (!) Apostolinnen gehören sollen. Allzu leicht werden in diesen Gruppen dann Glaubenswahrheiten abseits von der Heiligen Schrift postuliert.

Die Zeit nach dem Hinscheiden der Apostel ist eine dunkle Zeit, aber das war eben die Sorge der Apostel, daß der Gemeinde ein Leuchter erhalten bleibt: Das prophetische Wort ist der Leuchter, der scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche – der Tag der Wiederkunft des Herrn.

Liebe Freunde, ich reite nicht ohne Grund darauf herum, was hier dunkel und was hier hell ist. Das Wort, sagt Petrus, ist der Leuchter. Der Ort, an dem es scheint, ist dunkel oder auch, was das griechische Wort auch bedeutet: wild, dürr. Es soll mit seinem Licht hineinscheinen in die Herzen, denn im Herzen ist es finster, bis der Strahl des Morgensterns hineinfällt, es ist dürr, bis das lebendige Wasser hineinläuft! In den Herzen werden die klug ausgedachten Fabeln gesponnen, mit denen wir uns selbst und andere versklaven.

Ich frage Sie: Haben Sie eine unvergebene Schuld? Haben Sie ein Leiden oder eine Sucht, die die Tür Ihres Herzens für den König der Welt verschlossen hält? Dann kommen Sie heute zum Abendmahl als reuiger Sünder, beichten Sie ihm, was Sie verschlossen hält, lassen Sie das Licht des Wortes eindringen und mit ihm die Wärme und die Schönheit des dankbaren Glaubens.

Wissen Sie, was die Herzenstüren in Europa seit langem immer und immer wieder verstopft? Es ist genau dieses Herumdrehen dessen, was das Licht und was das Dunkel ist. Die Schrift sagt: Ja, die Herzen sind finster, aber auch: Ja, sie können durch das Wort erhellt werden (oder, wie ich im Juli sagte: geadelt und veredelt werden). Aus Sicht der Neuzeit, aus Sicht der sogenannten Aufklärung, englisch „enlightenment“ („Erleuchtung“!), ist es aber genau umgekehrt. Da erklärt man die Herzen, die Vernunft zum Licht, und das Schriftwort wird als das dunkle behauptet, das von der menschlichen Vernunft erhellt werden muß.

Welch eine Verdrehung! Es ist, als ob Petrus es geahnt hätte. Darum schreibt er in den letzten Versen, keine Weissagung ist vom Menschen hervorgebracht worden. Denn die Wahrheit der Schrift, ja sogar jedes Wort der Schrift ist von Gott eingegeben. Daß es Menschen waren, die da geschrieben haben, zeigt das gnädige Handeln Gottes am Menschen, aber für die Wahrheit der Bibel ist es nicht entscheidend. Denn die Wahrheit der Schrift wird von Gott, nicht vom Menschen verbürgt. Der Mensch ist dunkel; das Wort Gottes ist das Licht. Ps 119,105!

Daß es in seinem Herzen dunkel ist und daß die Erlösung ganz von außen kommen muß, ist dem Menschen eine Demütigung. Er will lieber als gut, schön und klug gebauchpinselt werden. Darum funktioniert die Modetheologie des Friedrich Schleiermacher seit bald 200 Jahren auch so hervorragend. Schleiermacher, gestorben 1834, macht seinem Namen alle Ehre: In seinem Gefolge hat die Theologie an den Universitäten es weithin aufgegeben, zwischen Gottes Wort und Menschenwort zu unterscheiden. Faktisch gibt es für die akademische Theologie nur noch Menschenworte. Jeder Mensch muß selbst darüber entscheiden, was für ein Wort er glaubt und was für ihn stimmig ist. Was herauskommt, ist ein Sammelsurium und eine Konkurrenz von Heilsversprechen, die möglichst effektiv unsere Gefühlslage verbessern wollen. Die Theologie sinkt herab zur Religionswissenschaft, und konsequenterweise ist an manchen Universitäten die Theologie inzwischen heruntergestuft worden zu Unterabteilungen von Philosophie oder Religionswissenschaft.

Im Gefolge von Schleiermacher hat es Rudolf Bultmann (gest. 1976) im 20. Jahrhundert auf den Punkt gebracht: Der moderne Theologe entmythologisiert das Neue Testament und reinigt die biblische Botschaft von antiken Mythen. Das Zeitbedingte soll durch die moderne Vernunft vom Ewigen unterschieden werden. Merken wir, wie Petrus, wie 2.Petr 1,16 hier auf den Kopf gestellt wird? Petrus sagt ganz klar: Wir sind nicht klug ausgedachten („sophistischen“) Mythen gefolgt. Vielmehr sorgt das Licht des göttlichen Wortes dafür, daß das menschliche Herz entmythologisiert und entideologisiert, gereinigt und erleuchtet, geadelt und veredelt wird. Wo in biblischer Sicht Gott das handelnde Subjekt ist, will sich der moderne Mensch als handelndes, souveränes Subjekt einsetzen.

Aber so modern ist das nicht. Auch der antike, auch der mittelalterliche religiöse Mensch möchte selbst steuern, wie seine Beziehung zur Gottheit aussieht. Das gilt für das römisch-katholische Ablaßwesen ebenso wie für ein hinduistisches Rauchopfer. Die Demütigung, daß der Mensch von außen, durch das Werk Christi, erlöst werden muß, und daß er von außen, durch das Wort Gottes, erleuchtet werden muß – diese Demütigung haben zu allen Zeiten nur die ertragen, bei denen der Herr selbst durch den Heiligen Geist das Herz auftat und einzog (Jesus als „Morgenstern in den Herzen“). Freilich, das Mittel, durch das die Herzen geöffnet, bezwungen und geschmolzen werden, war und bleibt in Ewigkeit das göttliche Wort, weil das Wesen des dreieinigen Gottes selbst ein worthaftes Wesen ist, worthaft und voller Liebe und Wahrheit (Joh 1,1–18; hierzu „Zwischen Babel und Jerusalem“).

Am gestrigen Samstag demonstrierten beim sogenannten Christopher-Street-Day in Hamburg 225.000 Teilnehmer für sexuelle Vielfalt und gegen Gewalt und Ausgrenzung. Auf einem Plakat war die Frage gedruckt: „Was ist hier pervers?“ Darunter einige Abbildungen, die ich hier lieber nicht beschreiben will, und am Ende die Antwort „uns doch egal“.

Das offizielle Motto lautet schlagkräftig schwarz-weiß: „Vielfalt statt Gewalt“, und impliziert: Wer gegen unsere Vielfalt ist, ist gewalttätig. Das ist so ein mehr oder weniger klug erdachter Mythos: Heute kann ich so, morgen kann ich so – von allen Bindungen, die mein guter Schöpfer sich für mich gedacht hat, losgelöst, aber eben versklavt an neue Herren – oder Drag Queens!

Das alles wäre wohl leichter erträglich, wenn es dort, wo Kirche draufsteht, anders wäre. Doch so abwesend manche Kirchen beim Marsch für das Leben sind, so präsent sind sie bei der Demo für alle mögliche Vielfalt.

Was sagt Petrus?

„Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt …“

„Noch fester haben wir das prophetische Wort …“

Die Frage nach der Wahrheit ist zuzuspitzen auf die  Frage nach der Gewißheit. Menschengemachte Mythen können in der Krise nicht halten. Die postmoderne akademische Theologie, die kein „So spricht der Herr!“ mehr kennt, reduziert sich darauf, gegensätzliche Wahrheitsansprüche möglichst schiedlich-friedlich in der Balance zu halten. Da werden sachliche Gegensätze zu Teilwahrheiten erklärt: Jeder Christ, jede Kirche habe ihre Teilerkenntnis der Wahrheit. Statt die Gegensätze zwischen den kirchlichen Bekenntnissen zu studieren und argumentativ nach der Wahrheit aufgrund der biblischen Offenbarung zu fragen, spricht man von „Frömmigkeitsstilen“ – als könnte man die tiefgreifenden theologischen Gegensätze behandeln wie Geschmacksfragen. Das Theologiestudium verliert so seinen Ernst – und zugleich seine Attraktivität. Unter dem weiten Dach einer Kirche, die für alles und für jeden offen sein will, kann man gar nicht mehr präzise und mit der Gefahr einer Abgrenzung nach der Wahrheit fragen. Es wird einem auch nicht gelohnt! Wer es tut, sieht sich dem Vorwurf der Anmaßung und des Machtstrebens gegenüber, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Gerade ein geistlicher, demütiger Mensch wird um so andrängender studieren, was Gott sagt und was er nicht sagt, selbst auf die Gefahr hin, verleumdet und ausgeschlossen zu werden.

Postmoderne Mythen – diese umgeben uns in den großen und kleinen Kirchen wie ein Meer, in dem wir als bibelgläubige Gemeinde schwimmen lernen müssen. Ja, nicht nur den Kopf gerade so über Wasser halten, sondern schwimmen! Die postmoderne Vergleichgültigung aller Wahrheitsansprüche begegnet uns, wie gesagt, auch in den meisten Kirchen. Es ist besonders vernebelnd, wenn man die alten Bekenntnisse immer noch nachspricht, sogar die Pfarrer auf sie ordiniert, sie aber zugleich gegen ihren Wortlaut deutet. Da kann man die Zeile „geboren von der Jungfrau Maria“ mitlesen und wie Frau Käßmann doch innerlich denken: Maria war eine junge Frau, eine ganz besondere Frau, aber nicht eine, die bis dahin auf Sex verzichtet hätte. Auch hier wird das göttliche Geheimnis auf eine menschliche Ebene heruntergezogen, die mit einer unerleuchteten Vernunft verständlich werden soll. So kommt alles ins Rutschen, wie es heute am Tage ist.

„Getrieben vom Heiligen Geist …“: die feste Grundlage der Gewißheit

Die Bibel ist Gottes Wort. Punkt. Das ist die feste Grundlage der Gewißheit. Nur mit ihr fällen wir den Teufel (wie Jesus bei seiner Versuchung). Ohne sie sind wir des Teufels.

„… haben Menschen von Gott geredet“ :

Die Inspiration der Bibel war nicht ein ekstatischer Vorgang, bei dem die menschliches Mitwirkung ausgeschaltet wurde, sondern ein Vorgang, bei dem diese Mitwirkung geadelt und veredelt wurde: Der individuelle Stil blieb erhalten, denn wir haben hier nicht Sprechroboter vor uns, sondern reale Menschen, die mit ihrem Stil, ihrer Geschichte usw. erkennbar sind, ja deren Erleben in sehr sparsamer Dosierung ein Teil ihres Zeugnisses werden darf wie bei Petrus. Ich sage bewußt „in sehr sparsamer Dosierung“, denn das persönliche Erleben der Augenzeugen Jesu spielt in den neutestamentlichen Briefen kaum eine Rolle. Unsere Petrusstelle (V. 16–18) ist hier eine Ausnahme. Obwohl die Apostel sicher noch viel mehr von ihrem direkten Erleben mit Jesus hätten erzählen können, fokussieren sie sich ganz auf das, was ihnen von der unfehlbaren Schrift her unumstößlich ist und was sie als Lehre an die Gemeinden weiterzugeben haben. Wenn Sie die Briefe des Neuen Testaments ein wenig vor Ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen können, stellen Sie im Nu fest: Die Apostel widmen ihrem persönlichen Ergehen kaum eine Zeile. Sie fokussieren auf ihr Christuszeugnis, auf Glaube und Leben der Gemeinde und der Christen in der Welt, der sich die Christen nicht anpassen sollen – und das geht nur, wenn sie ein Wort bei sich tragen, das klarer und gewisser ist als alle Gefühle, fester als alle persönlichen Eindrücke und gewisser als alle vernünftigen Überlegungen.

„Noch fester haben wir das prophetische Wort“:

Ohne eine klare Vorstellung von der göttlichen Autorität der Heiligen Schrift wird die christliche Gemeinde zum beliebigen Sozialverein, ja überflüssig. Denn ohne diese Autorität werden wir der Menschen Knechte. Ohne das aktuelle Reden der Schrift verfallen wir den Mächten dieser Zeit und Welt. Unter dem Reden der Schrift aber bleiben wir beschirmt. Die Schrift ist für die Gemeinde wie das Wasser um den Fisch. Das Wasser ist um den Fisch herum, es trägt ihn, gibt ihm die Luft zum Atmen, er trinkt es, und es reinigt ihn zugleich. Die Schrift tauft unser Herz und unser Denken, sie nährt uns geistlich und geistig – und stellt uns mit den Augenzeugen der ersten Zeit vor das Kreuz. Sie vergegenwärtigt uns das Handeln, Reden, Sterben und Auferstehen Jesu, ja den ganzen Weg der Menschheit seit der Schöpfung, den Weg Israels durch das Schilfmeer. Ohne sie wären wir an die Gegenwart verloren. Wir verlören unsere Herkunft und Zukunft bei Gott – und wären ein Raub des Fürsten dieser Welt. Ihr Licht macht das dunkle Herz hell, ihr Licht ist, wie Luther sagt, heller als 1000 Sonnen. Sie ist klar, denn Gott leitet durch sie seine Kirche, und sie ist, liebe Freunde, von unvergleichlicher Schönheit, wie sie kein Goethe und kein Shakespeare sich hätten erdenken können.

Ich nehme die drei Stichworte nochmals auf: Die Erinnerung an das Jesus-Erleben der Apostel führt zur gewissen Erkenntnis der Wahrheit der Schrift.

Mit seinem Dreiklang von Erinnern ans Wort, Erleben des menschgewordenen Jesus und so einer gewissen Erkenntnis tut der zweite Petrusbrief genau das, was auch wir als Gemeindehilfsbund wollen: Erwecken, Erinnern, Klären – und in all dem die Heiligung vollziehen, ohne die niemand den Herrn sehen wird.

Der schönste Gedanke in unserem Text ist das
Aufgehen des Morgensterns in unseren Herzen. Der Morgenstern markiert das Ende der Nacht. Er ist ein Versprechen: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag nahe herbeigekommen. Unser Heil ist jetzt näher als zur Zeit, da wir gläubig wurden, darum laßt uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht, sondern zieht an den Herrn Jesus Christus (Röm 13,11ff.; vgl. das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ von Jochen Klepper).

Mit dem gläubigen Aufnehmen des Morgensterns kommt Jesus selbst. Er ist der helle Morgenstern, die Wurzel und das Geschlecht Davids (Offb 22,16). Die Petrusstelle findet ihr direktes Echo allerdings in Offb 2,28, wo der Sohn Gottes spricht: (wer überwindet …, dem will ich Macht geben über die Heiden …) „wie auch ich Macht empfangen habe von meinem Vater; und ich will ihm geben den Morgenstern.“ Leuchtet er uns, so haben wir ihn im Herzen und empfangen von seiner Macht und Herrlichkeit!

Amen.

[1] Laut Keil meint Petrus direkt das Jesus-Wort von Joh 21, keine neue Offenbarung.

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Liturgische Hinweise:

Eingangswort: Eph 5,8f. (8.Sonntag nach Trinitatis)
Psalm: 46
Lesung: Mk 9,2–13

Lieder aus „Jesus unsere Freude“:
214,1–3 Liebster Jesu, wir sind hier
149,1–3 Die Kirche steht gegründet
181,1–5 Wort des Lebens, lautre Quelle
195,1+5–6 / 2+7 Komm mein Herz, aus Jesu Leiden.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 11. August 2022 um 11:16 und abgelegt unter Allgemein.