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Predigt über Jesaja 26,7–21: Im Gericht Gottes Wirken erkennen

Freitag 6. Mai 2022 von Pfr. Dr. Stefan Felber


Pfr. Dr. Stefan Felber

„Des Gerechten Weg ist eben, den Steig des Gerechten machst du gerade. Wir warten auf dich, Herr, auch auf dem Weg deiner Gerichte; des Herzens Begehren steht nach deinem Namen und deinem Lobpreis. Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen. Denn wenn deine Gerichte über die Erde gehen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit. 10 Aber wenn dem Gottlosen Gnade widerfährt, so lernt er doch nicht Gerechtigkeit, sondern tut nur übel im Lande, wo das Recht gilt, und sieht des Herrn Herrlichkeit nicht. 11 Herr, deine Hand ist erhoben, doch sie sehen es nicht. Aber sie sollen sehen den Eifer um dein Volk und zuschanden werden. Mit dem Feuer, mit dem du deine Feinde verzehrst, wirst du sie verzehren.

12 Aber uns, Herr, wirst du Frieden schaffen; denn auch alles, was wir ausrichten, das hast du für uns getan. 13 Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens. 14 Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf; denn du hast sie heimgesucht und vertilgt und jedes Gedenken an sie zunichtegemacht. 15 Du hast vermehrt das Volk, Herr, vermehrt das Volk, hast deine Herrlichkeit bewiesen und weit gemacht alle Grenzen des Landes. 16 Herr, in der Trübsal suchten sie dich; als du sie gezüchtigt hast, waren sie in Angst und Bedrängnis. 17 Gleich wie eine Schwangere, wenn sie bald gebären soll, sich windet und schreit in ihren Schmerzen, so geht’s uns auch, Herr, vor deinem Angesicht. 18 Wir sind auch schwanger und winden uns, und wenn wir gebären, so ist’s Wind. Wir können dem Lande nicht helfen, und Bewohner des Erdkreises können nicht geboren werden. 19 Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten herausgeben. 20 Geh hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür hinter dir zu! Verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorübergehe. 21 Denn siehe, der Herr wird ausgehen von seinem Ort, heimzusuchen die Bosheit der Bewohner der Erde. Dann wird die Erde offenbar machen das Blut, das auf ihr vergossen ist, und nicht weiter verbergen, die auf ihr getötet sind.“ (Jesaja 26,7-21, Luther 2017)

„Steh auf, Herr!  Gott, erhebe deine Hand! Vergiß die Elenden nicht!“ Ps 10,12[1]

Liebe Gemeinde,

die Hand Gottes ist erhoben, doch wer sieht es? Gott ist zornig, doch wer glaubt es? Wer glaubt, daß du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm, fragt Mose in seinem Psalm (90,11). Wem ist der Arm des Herrn offenbart, fragt Jesaja im vierten sogenannten Lied vom Gottesknecht, Jesaja 53. Er weist damit voraus auf Christus, den leidenden und auferstandenen.

Und derselbe Prophet Jesaja, 700 Jahre vor Christus, fragt in unserem Predigttext: Wer sieht es, daß die Hand Gottes erhoben ist? Jesaja sieht mehr als andere Menschen. Er sieht Gott am Werk, in Gnade wie im Gericht. Gott ist nicht passiv, nicht gleichgültig und abwartend. Nein, seine Hand ist erhoben, bereit zu segnen, und bereit, das Gericht zu üben: Gott tötet und macht lebendig, führt zu den Toten und wieder herauf.

So klagt und betet Jesaja: „Herr, deine Hand ist erhoben, doch sie sehen es nicht. Aber sie sollen sehen den Eifer um dein Volk – und zuschanden werden“ (V. 11).

Wenn Gott der Allmächtige die Hand erhebt, wer will ihm wehren? Obwohl es sinnlos ist, dem Allmächtigen zu widerstehen, versucht es der Sünder fortwährend. Er will nicht, daß Gott Gott ist, und daß er selbst nur Mensch ist. „Lege, Herr, einen Schrecken auf sie, daß die Heiden erkennen, daß sie Menschen sind“ (Ps 9,21).

Aber Gott der Allmächtige will, daß es gesehen wird, was er tut, er will seine Gerechtigkeit erweisen, er will, daß wir sie lernen.

Das ist die Überschrift, die wir dem ersten Teil geben können:

Das Lernen der Gerechtigkeit (Verse 7 bis 11).

Im zweiten Teil klagt das Volk (ein „wir“ tritt auf) über die eigene Unfähigkeit, lobt aber die Macht und das Eingreifen Gottes, Verse 12 bis 19. Unsere Unfähigkeit ist überdeutlich daran, wenn es um die Auferstehung geht. Gottes Macht ist überdeutlich darin, daß er Tote auferwecken kann.

In einem dritten Teil fordert der Prophet das Volk auf, sich zu verbergen in der Kammer, bis der Zorn Gottes, bis das Gericht vorübergegangen ist, Verse 20 und 21.

Diese drei Teile möchte ich nun mit Ihnen durchschreiten.

1. Das leidvolle Erlernen der Gerechtigkeit (Verse 7 bis 11)

Aus dem Nachlaß meines Großvaters gelangten kürzlich die Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg in meinen Besitz, die er an seine Familie geschrieben hatte. Mein Großvater war als Lokomotivführer von 1938 ab in der Tschechei, ab 1939 in Polen, 1940 in Frankreich und ab 1941 in Rußland im Einsatz. Es sind ergreifende Zeilen, die die Heimat erreichten, Nachrichten von Entbehrungen, Sehnsucht, Einsamkeit, Kälte und Härte.

Krieg bedeutet für jedes Volk, ob als angreifendes oder verteidigendes, immer ein hartes Los. Gewaltige Werte werden vernichtet, Kulturgüter, ganze Bibliotheken und Archive mit einmaligen Handschriften sinken in Schutt und Asche, unwiederbringlich verloren, Menschen sterben, Hinterbliebene stehen vor dem trostlosen Nichts, Familiengeschichten reißen ab, Vertreibungen lassen ganze Landestraditionen zugrunde gehen.

Eine Kette solcher Heimsuchungen und Gerichte durchzieht die ganze Geschichte der Menschheit!

Doch um von „Gericht“ sprechen zu können, braucht man bereits die Augen des Glaubens. „Gericht“ bedeutet: Das Leid kommt von Gott, dem die Geschichte nicht entgleiten kann. Und hier fühlt sich Jesaja allein auf weiter Flur. Nicht einmal andere Theologen seiner Zeit, die Priester und Propheten, stimmen ihm zu, sie sind, sagt er grimmig, toll von starkem Getränk, vom Wein verwirrt (Jes 28,7).

Ach, wie ähnlich ist es heute! Wie bei allen größeren Krisen haben die Menschen auch bei der Corona-Pandemie gefragt, ob sie eine Strafe Gottes darstelle. Und mit der Macht ihrer großen Medien haben die liberalen Kirchenführer in die Welt posaunt: Nein! Gott will doch immer nur das Gute, also kann er das nicht wollen! Doch woher wissen sie das so sicher?

Fragt sich, mit was für einer Welt Gott dann zu tun hat, wenn er nicht einmal ein winziges Virus in seiner Hand hat. Der Glaube sieht tiefer. Gottes Hand ist erhoben, zu segnen und zu schlagen. Sein Arm ist noch ausgereckt. Gott liegt nicht müßig hinter dem Ofen! Ist Gott der Meinung, daß jetzt diese Pandemie oder jener Krieg ausbrechen muß, dann geschieht es. „Herr, deine Hand ist erhoben, doch sie sehen es nicht.“ Weh den blinden Blindenleitern, die denen, die die richtigen Fragen stellen, auch noch Sand in die Augen streuen. Die falschen Propheten predigen „Friede, Friede!“, obwohl doch keine Friede ist, wie Jeremia sagt (6,14; 8,11). Doch der Arm des Herrn ist ausgereckt, seine Hand erhoben – so bezeichnen auch Jeremia und Hesekiel das Handeln Gottes bei der Schöpfung, bei der Herausführung aus Ägypten – und beim Gericht.[2]

Wozu das Gericht? Jesaja, der Geschichtstheologe, antwortet: Am Gericht sollen die Menschen Gerechtigkeit lernen. Rechte Schriftauslegung soll dieses Lernen eröffnen. Und Jesaja vollzieht solche rechte Schriftauslegung, um das Handeln Gottes aufzuzeigen, das er auch durch fremde und feindliche Mächte vollzieht.

Lernen Menschen überhaupt aus der Geschichte? Hegel, der große Philosoph des Deutschen Idealismus, soll gesagt haben: Die Geschichte lehrt, daß der Mensch nichts aus der Geschichte lernt. Wäre das wahr, sind dann nicht alle Gerichte umsonst? Oder sind wir verdammt, durch Gottes Gericht immer wieder neu hindurchzugehen? Jedenfalls, weil wir die Hintergründe der Geschichte nicht verstehen, ist es so nötig, daß Gott uns durch die Bibel und ihre Auslegung die Augen öffnet, damit wir erkennen, was Gott, der geschichtlich handelt, will!

Der natürliche Mensch hat die Augen geschlossen vor Gottes Wirken. Er sieht nur sich und seinesgleichen. Jeder Mensch! Darum höre du, Gott Israels, wenn wir rufen um Vergebung und neue Gnade, höre du, wenn wir dich bitten um den Durchblick! Gib uns den Heiligen Geist. Denn „wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist (und nicht von sich selbst) das ewige Leben ernten“ (Gal 6,7f.).

Was wir also von uns, von unserem Fleisch zu erwarten haben, ist das Verderben. Wir haben das Gericht auf jeden Fall verdient. Und wenn das Gericht kommt: Krieg oder Seuchen oder Corona oder Erdbeben oder Armut oder was auch immer, wenn das kommt, dann sollen wir – so sagt uns Jesaja – daraus Gerechtigkeit lernen, d.h. Demut, uns demütig beugen und Gottes Gericht annehmen, konkret: Umkehren, Gottes Gnade in Christus suchen, beten, fasten, und, so Jesaja: warten. „Wir warten auf dich, Herr, auch auf dem Wege deiner Gerichte; des Herzens Begehren steht nach deinem Namen und deinem Lobpreis.“

Im Hebräischen steht übrigens nicht „Lobpreis“, sondern „Erinnerung“. Nach deinem Namen, nach deinem Gedächtnis steht unser herzliches Begehren. Haben wir dieses Begehren in Zeiten, in denen wir auf kleine Gruppen, verkleinerte Bewegungsräume zurückgeworfen sind?

Jesaja deckt noch eine unangenehme Wahrheit auf: Wenn dem Gottlosen Gnade widerfährt, nützt es ihm nichts. Er lernt doch nicht Gerechtigkeit, sondern tut nur übel im Lande, wo das Recht gilt, und sieht des Herrn Herrlichkeit nicht (Vers 10). Darum dann: Deine Hand ist erhoben, doch sie sehen es nicht.

Doch sie sollen es sehen! Was nun, wenn Gnade nichts nützt? Wird Gericht nützen? Jesaja sagt: Ja, das Gericht nützt in gewisser Weise. Wenn deine Gerichte über die Erde gehen, lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit (Vers 9). Damit bin ich noch einmal bei den Gerichten, die aufgrund der Selbstüberhebung der deutschen und russischen Mächte im Weltkrieg über unseren Kontinent gegangen sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Menschen zwar nicht massenweise zum Glauben. Nur für relativ knappe Zeit waren, soweit ich weiß, die Kirchen voll. Doch in dieser Nachkriegszeit wurde das Grundgesetz „in Verantwortung vor Gott“ und mit seiner „unantastbaren“ Menschenwürde konstituiert, mit Versammlungsfreiheit, Berufsfreiheit, Verbot der Zensur usw. aufgerichtet, und in dieser Zeit wurden viele Verfassungen der Bundesländer davon geprägt, das Recht so zu gestalten, daß eine zuvor ungezügelte Staats- und Gewaltherrschaft in möglichst engen Grenzen eingedämmt bleibt.

Die Formulierung der Präambel geht ausgerechnet auf einen Agnostiker (= jemand, der sich zwischen Unglaube und Glaube nicht entscheiden kann) zurück, nämlich den ersten deutschen Bundespräsidenten der Nachkriegszeit, Theodor Heuss (FDP). Nicht Menschen sollten bestimmen, was Recht ist, sondern anerkennen, daß es ein unverfügbares Recht gibt. Entsprechend urteilt das Bundesverfassungsgericht 1952: „Das Bundesverfassungsgericht erkennt die Existenz überpositiven [d.h. dem Menschen vorgegebenen], auch den Verfassungsgeber bindenden Rechtes an und ist zuständig, das gesetzte Recht daran zu messen“.[3]

Die Verfassungen der Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen priorisieren die „Ehrfurcht vor Gott“ als Erziehungsziel oder, wie in Rheinland-Pfalz, beschreiben Gott als „Urgrund des Rechts und Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft“ im Vorspruch zur Landesverfassung. Abänderungsanträge für diesen Text sind unzulässig! Bis heute!

Somit wurden die Grundrechte als Abwehrrechte gegen einen machthungrigen Staat konzipiert.

An dieser Stelle, so meine ich, waren die Schrecken des Weltkriegs „nützlich“ insofern, als durch eine erneuerte und bessere Rechtsordnung, die sich bewußt unter Gott stellt, jahrzehntelang Friede und Freiheit möglich wurden. Friede und Freiheit werden dort möglich, wo sich ein Volk unter die Gebote Gottes stellt. Es muß eine Rechtsordnung sein, die von Achtung vor den Geboten und Ordnungen Gottes geprägt ist. Dort, wo ein Recht aufgerichtet wird, das sich gegen die Gebote und Ordnungen Gottes richtet (denken wir nur an die Neudefinitionen von Ehe und Familie, an den Islam oder an den Kommunismus), ist wiederum sein Gericht zu erwarten. Hansjürg Stückelberger zeigt das in seinem neuen, leicht lesbaren Buch „Demokratie, Freiheit und christliche Werte“ (2020) eindrücklich. –

Und dazu haben wir Europäer allen Grund. Wir wissen es nur zu gut. Ich erspare es Ihnen, den Lasterkatalog aufzuführen, den Sie aus Politik und Medien zur Genüge kennen. Es ist Aufgabe der Gemeinde, der Welt die Gebote vorzuhalten, damit die Welt erkennt, worauf sie zusteuert: Wer auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch das Verderben ernten. Wer auf den Geist sät, … Das ist es, was wir bezeugen sollen. Nur die Gnade zu bezeugen, das reicht nicht, ruft uns Jesaja zu, denn dann würden die Gottlosen fröhlich weitermachen (V. 10), zum Schaden des ganzen Volkes.

Wir als Gemeinde sind also mitverantwortlich, daß unsere Umwelt Gerechtigkeit lernt. Und als Anschauungsgegenstand wird, sagt Jesaja in V. 11b, nicht nur das Gericht, sondern auch die Gemeinde Gottes dringendst gebraucht. Denn der Herr eifert um seine Gemeinde wie um seine Braut. Bei diesem Eifer läßt er sich zusehen, ja bei diesem Eifer will er gesehen werden. Es wird eine überaus herrliche Hochzeit werden, gemäß Offenbarung 19. Aber nicht erst in der Zukunft, sondern schon jetzt wird die Braut, die ihrem Bräutigam Christus mit ganzer Hingabe zugetan ist, gesegnet mit allem geistlichen Segen und sicher bewahrt – nicht vor allem Leid, aber davor, in der Versuchung zu fallen und in die Hände des Feindes zu geraten. (So ist das Vaterunser gemeint: Führe uns nicht in Versuchung, d.h. laß uns in der Versuchung nicht fallen.)

2. Bekenntnis der eigenen Unfähigkeit, Lobpreis der Macht und des Eingreifens Gottes (Verse 12 bis 19)

Vers 12: „Aber uns, Herr, wirst du Frieden schaffen; denn auch alles, was wir ausrichten, das hast du für uns getan.“

Ein wunderbares Gebet! Nicht aus Resignation heraus wird hier gebetet oder weil die Hände im Schoß liegen bleiben. Nein, sondern weil alles, was der Gemeinde nach innen und außen gelingt, Gnade ist: Wirkung des Geistes, nicht des Fleisches. Bescheidener Realismus, nicht Resignation!

„Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist“ (1.Kor 15,10).

Nicht nur die ganze Rechtfertigung, sondern auch die ganze Heiligung ist von Christus und dem Heiligen Geist zu erwarten. Denn Gott bereitet die guten Werke vor, die die Gläubigen im Heiligen Geist tun (Eph 2,10). Laßt uns im Geist vollenden, was wir im Geist angefangen haben, nicht im Fleisch!

Was wir dagegen aus eigenem Antrieb hervorbringen, ist Wind (V. 18). Unsere Toten werden nicht lebendig (V. 14). Aber Gottes Tote werden lebendig (V. 19), denn er ist ein Gott der Lebendigen. Wir, das heißt wir aus uns selbst, aus unserer sündigen Natur heraus, können dem Land nicht helfen. Wir können nichts Neues unter der Sonne schaffen, keine Bewohner gebären (d.h. Menschen, die zum Gottesvolk gehören!), selbst wenn wir noch so schwanger sind und in Geburtsschmerzen liegen! Was vom Fleisch geboren ist, ist Fleisch, was vom Geist geboren wird, ist Geist.

Und was wird vom Geist geboren? Alles das und nur das, was der Geist durch das Wort, nämlich durch Gesetz und Evangelium gezeugt hat. Nur diese rechte Zeugung verbürgt die rechte Geburt. Menschliche Machtmittel sind hier nur hinderlich.

Genau darum richten wir unsere Hoffnung auch nicht auf die Obrigkeit:

Vers 13:  „Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens.“

Der Vers zeigt klar, daß Jesaja noch nicht von der Zeit des Endgerichts spricht, in der alles Leid überwunden sein wird. Im Gegenteil, jetzt herrschen noch andere Herren über uns. Noch werden die Toten nicht lebendig, noch macht Gott den Schatten ein Ende, ja tilgt sogar das Gedenken an sie.

Das ist die Lage. Andere Herren herrschen, statt nur der Herr, der heilig, gerecht und gut ist. Noch ist es Zeit einer fremden Obrigkeit. Es ist eine Obrigkeit, die um der Sünde willen von Gott eingesetzt ist, um Recht und Friede zu erhalten. Doch sie wird eines Tages wieder abgesetzt werden, weil sie selbst sündhaft ist und sich überhebt über ihre gottgegebene Aufgabe hinaus.

Unsere Freiheitsräume sind ja in den letzten Monaten enger geworden. Ob sich die Obrigkeit bequemen wird, unsere Freiheiten wieder herzustellen? Diese Woche hat sie immerhin einen Schritt in diese Richtung getan. Doch wie lange das halten wird? Ob es in diese Richtung weitergehen wird? In der Schweiz droht ein Covid-Gesetz, das Parlaments- und Kantonsrechte dauerhaft außer Kraft setzen wird.

Die Lage bleibt vorläufig unsicher. Gott warnt uns jedenfalls durch Jesaja, ja nicht auf Menschen zu hoffen, daß die Lage sich bessert. Jeremia pflichtet bei: „So spricht der Herr: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen vom Herrn“ (Jer 17,5).

Vers 13 also: Hoffen wir allein auf den Herrn, seinen Namens, sein Wort. Ihm soll unsere Hoffnung gelten, aber von da aus soll zugleich unsere entschiedene Ermahnung nach außen gehen: Eine Obrigkeit, der es gefällt, in den Gottesdienst der Gemeinde zu greifen, vergreift sich am Heiligtum Gottes, vergreift sich an der Braut Christi, und muß darum mit dem Zorneseifer des heiligen Gottes rechnen! Der Gottesdienst hat die Obrigkeit nichts anzugehen!

Wenn schon Christen ihre Rechtsstreitigkeiten nicht vor weltlichen Richtern ausfechten sollen (nach 1.Kor 6), dann hat die Polizei erst recht nicht einen christlichen Gottesdienst zu stören, wie dies in den letzten Monaten an manchen Orten geschehen ist.

Es ist sehr schön zu beobachten, wie Jesaja sein Argument aufbaut: Das Gedenken an den Namen des Herrn führt zu einer doppelten Erkenntnis: „Tote werden nicht lebendig“ in V. 14 – und: „Deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen“ in V. 19.

Die Frage ist, wo man hinschaut: Die Toten dieser anderen Herren, die Toten der weltlichen Obrigkeit bleiben tot. Mehr noch: Alles Handeln des Fleisches führt zu noch mehr Toten. Doch das Handeln Gottes führt zur Auferstehung seiner Toten. Das ist das grundsätzlich Neue. Das kann nur Gott selbst. Wenn seine Toten leben, dann ist auch eine zerstörte Gemeinde, eine am Boden liegende geistliche Gemeinschaft in den Augen Gottes nur am Schlafen und kann jederzeit wieder auferweckt werden.

Daß es noch nicht so weit ist, wird gleich der dritte Teil zeigen.

Und der Prophet schließt sich Gott an und ruft schon sein „erweckliches“ Wort in die Gräber (V. 19): „Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde!“ Er erwartet, daß Gottes Lob bei denen, die Gott gehören, unmöglich ein Ende nehmen kann.

Nicht von der Obrigkeit ist letztlich Leben und Freiheit zu erwarten, sondern von dem auferstandenen Christus, dem guten Hirten: „Du, Herr, mehrest das Volk, beweisest deine Herrlichkeit und machst weit alle Grenzen des Landes“ (V. 15; Luther 2017: alles in Vergangenheitsform). Wenn die Obrigkeit unsere Grenzen eng macht, muß sie damit rechnen, daß Gott ihr die Legitimation entzieht. So hat er auch die Völker, die als Zuchtrute gegen Israel gesandt waren und sich dabei überhoben haben, wiederum gestraft: die Ägypter, die Assyrer, Babylonier, die Perser, die Römer. Das ist biblische Geschichtstheologie!

Was tut nun die Gemeinde?

3. Die Gemeinde wartet ab, bis der Zorn vorüber ist (Verse 20–21)

„Geh hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür hinter dir zu! Verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorübergehe.“

Natürlich: keine Aufforderung zu Straftaten oder gar zu Aufruhr gegen die „anderen Herren“. Die Vergeltung gehört Gott allein. Der Zorn wird einmal vorübergehen, denn kurz ist der Zorn, lang ist die Gnade Gottes, sonst wären wir alle längst tot!

Vers 21: „Denn siehe, der Herr wird ausgehen von seinem Ort, heimzusuchen die Bosheit der Bewohner der Erde. Dann wird die Erde offenbar machen das Blut, das auf ihr vergossen ist, und nicht weiter verbergen, die auf ihr getötet sind.“

Wenn es Zeit dafür sein wird, wird die Erde alles Blut, das auf ihr vergossen wurde, offenbar machen. Das Blut Abels, den Kain erschlagen hat, schreit zu Gott nach Vergeltung, ebenso das Blut der Ermordeten und Geschundenen aus der ganzen Geschichte! An dieser Stelle ist zu vermuten, daß Jesaja bereits vom letzten Ende spricht, das erst in der Johannesoffenbarung näher beleuchtet wird. Beim letzten Gericht muß die Erde alle Schattenexistenzen freigeben, das Meer wird die Toten herausgeben, und es geschieht, worauf die Geschundenen und Elenden seit Menschengedenken hoffen: Alle Ungerechtigkeit kommt einmal ans Licht und ins Gericht.

Es ist vielleicht verwunderlich, warum Gott am Ende noch einmal Gericht hält. Er bräuchte das ja nicht (denkt die liberale Vernunft). Aber es muß am Ende noch einmal vor aller Augen offenbar werden, daß er in allem, in allen Gerichten und in allen Gnadenerweisungen, vollkommen gerecht, heilig und gut gehandelt hat. Jesaja weiß in den folgenden Abschnitten noch viel davon zu sagen.

Die Hand Gottes ist erhoben, doch wer sieht es? Gott ist zornig, doch wer glaubt es?

Gott hat sich in Christus so gezeigt, daß wir durch den Blick auf ihn auch alles Gericht ertragen können. Denn Christus ist uns vorangegangen als Überwinder (Bodelschwingh), Er hat die Schlüssel des Todes und der Hölle (Offb 1,8), er ist der Gute Hirte (heute ist Misericordias domini!), und Er hat somit alles Recht, unser König, ja der liebe Bräutigam seiner Braut zu sein.

Vergessen wir nicht unsere Aufgabe als Gemeinde: Der Welt nicht nur die Liebe Gottes zu predigen, sondern ihr anhand der Gebote zu zeigen, in welchem Verhalten Segen, und in welchem Verhalten Fluch liegen wird.

Gott ist am Werk. Seine Hand ist erhoben: Glauben wir es?

Verstehen wir von ihm und seinem Wort her die Geschichte? Das schenke er uns, dazu öffne er uns die Augen des Herzens. Ist das nicht ein gewaltiger Trost?

Amen.

Zum Gebet im Anschluß an diese Besinnung empfehle ich den 9. und den 10. Psalm.

Dr. Stefan Felber, 18.4.2021, www.stefan-felber.ch

Predigt im „Brennpunkt“ – Evangelische Freikirche (Chrischona Schattdorf/Uri)

Video: https://youtu.be/VJ6-8tjp_G4%0d (Predigtbeginn erst bei Minute 25.35!)

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[1] Vgl. Ps 106,26f.: „Da erhob er seine Hand wider sie, dass er sie niederschlüge in der Wüste und würfe ihre Nachkommen unter die Heiden und zerstreute sie in die Länder.“ Jes 49,22: „So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will meine Hand zu den Heiden hin erheben und für die Völker mein Banner aufrichten. Dann werden sie deine Söhne in den Armen herbringen und deine Töchter auf der Schulter hertragen.“ Ferner Klgl 3,3; Hes 44,12.

[2] Ex 6,6; Dtn 4,34; 5,15; 7,19; 9,29; 11,2; 26,8; Ps 136,12; Jer 21,5; 27,5; 32,17.21; Hes 20,33f.

[3] Zit. nach Baral, Handbuch der biblischen Glaubenslehre, S. 28.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 6. Mai 2022 um 16:10 und abgelegt unter Predigten / Andachten.