Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Was ist Erweckung?

Samstag 2. April 2022 von Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)


Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)

Pastor Heinrich Kemner, der GrĂŒnder und langjĂ€hrige Leiter des Geistlichen RĂŒstzentrums Krelingen, hat den Gemeindehilfsbund 1992 gegrĂŒndet. Der folgende Text ist die etwas gekĂŒrzte Fassung eines Referats, das H. Kemner auf dem Krelinger Kongress „Theologie und Erweckung“ im November 1983 gehalten hat. Die vollstĂ€ndige Fassung steht im Buch „Theologie und Erweckung“, das ĂŒber die website www.gemeindehilfsbund.de (Bestellungen – Buchversand Cochlovius) oder ĂŒber die GeschĂ€ftsstelle des Gemeindehilfsbundes fĂŒr 3,00 Euro zzgl. Versandkosten bezogen werden kann.

Die Kirche Jesu Christi als die Gemeinschaft der „aus der Welt Herausgerufenen“ sucht ihr SelbstverstĂ€ndnis im schöpferischen Gotteswort. Als Wort vom Kreuz ist die Krisis der Weltgeschichte Geruch des Lebens zum Leben und des Todes zum Tod. Als Anruf Gottes wird dies Wort Erweckung. Es bewirkt den Umbruch aus der Selbsterfassung in dialektischen Wahrheiten zu der erfĂŒllten Wirklichkeit in Jesus Christus. In Erweckungszeiten wird das Wort Gottes Ereignis in vollmĂ€chtiger VerkĂŒndigung. Im Bezugswechsel, in Weg und Ziel der LebenserfĂŒllung, deutet sich erweckte Gemeinde in der geschenkten VerĂ€nderung als zureichende Antwort auf die Lebensfrage: Woher, wozu, wohin? In der Gratwanderung des Glaubens – in der Welt, nicht von der Welt – ist erweckte Gemeinde in einer traditionellen Kirche der Pulsschlag und die heilsame Unruhe. Erweckung in diesem Sinne ist kirchengeschichtlich, oft durch Ärgernis und Verkennung hindurch, die Korrektur Gottes in der Kirche geworden. Als Anstoß zu Buße und Bekehrung bewirkt die Erweckungsbotschaft nicht nur das Zeugnis des neuen Lebens, sie wird auch gleichzeitig Anstoß zu Ärgernis und Verstockung.

Was meint Erweckung?

Im Neuen Testament bezeichnet „erweckt werden“ das Erwachen aus Schlaf, Tod und Krankheit (Jak 5,15). Es bezeichnet aber auch das Ins-Dasein-Rufen (Mt 3,9; Joh 12,9; Röm 6,9). In der Erweckung ruft Gott das Nichtseiende, dass es sei. Er erweckt sich aus Steinen Kinder. In der Erweckung wird schon in der alttestamentlichen Schau aus dem Feld voller Totengebeine ein Heer der Lebendigen (Hes 37). Wie in dieser Bedeutung das Nichtsein als ein Todes- oder Schlafzustand vorgestellt wird, so kann auch die natĂŒrliche sĂŒndige Existenz des Menschen in dieser Weise gedacht und daher von einem Erwecken aus diesem Zustand geredet werden. Es wird versucht, an zwei wesentlichen Schriftstellen deutlich zu machen, was Erweckung im eigentlichen Sinne ist.

Die erste Wirkung der Erweckung: SĂŒndenerkenntnis

Ein klassisches Zitat fĂŒr das Wesen der Erweckung: „Wache auf, du SchlĂ€fer, und stehe auf von den Toten, dann wird Christus dich erleuchten“ (Eph 5,14). Im Blick darauf, dass alles menschliche Wesen in SelbsttĂ€uschung und Nichtigkeit endet, fragt der Prophet, ob die Toten wieder auferstehen. Er gibt die Antwort, dass die Leichname auferstehen werden: „Wacht auf und jubelt, die ihr im Staube ruht.“ Der beglĂŒckende Tau der Himmelslichter wird die Schatten des Todes ans Tageslicht bringen. Die Epheserstelle macht deutlich, dass die Leser vom geistlichen Tode zum geistlichen Leben erweckt wurden, dass in diesem Sinn die VerĂ€nderung als eine VerĂ€nderung von der Finsternis zum Licht verstanden wird. In dieser Grenzsituation des geistlichen Erwachens leuchtet Christus auf, in ihr wird die Begegnung geschenkt. Im Wesen des Erwachens ereignet sich die Begegnung mit dem, der das Licht der Welt ist. „Uns ist erschienen der Aufgang aus der Höhe“, sagt Zacharias in seinem Lobgesang. Oder anders gesprochen: Uns ist die Ewigkeit aufgegangen. Erweckung wird erfĂŒllte Verheißung: „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit des Herrn erstrahlt ĂŒber dir. Denn wohl bedeckt Finsternis die Erde und Dunkel die Völker, aber ĂŒber dir strahlt der Herr wie eine Sonne auf, und seine Herrlichkeit wird sichtbar ĂŒber dir.“ In der Erweckung wird der tiefste Schrei der Menschheit – HĂŒter, ist die Nacht schier hin? – zur erfĂŒllten Wirklichkeit in Christus.

Im Zeugnis von diesem Licht wird der Mensch durch die Gleichzeitigkeit der Begegnung mit dem Herrn im Wort durch den Heiligen Geist in die Krisis gestellt, entweder fortzuschlafen oder willentlich aufzustehen, um Christus zu begegnen. Die Begegnung mit dem Licht wirkt vor dem, der Herzen und Nieren prĂŒft, SĂŒndenerkenntnis: „Wehe mir, ich vergehe.“ Sie wird eigentliche Schuld, wenn man willentlich weiterschlĂ€ft. Die Erkenntnis, die Luther so deutet: „Ich ïŹel noch immer tiefer drein, es war kein Gut’s am Leben mein, die SĂŒnd‘ hat mich besessen“, weckt das Verlangen, den wunderbaren Tausch einzugehen: „Er wurde meine SĂŒnde, dass ich wĂŒrde Gerechtigkeit Gottes.“ Wer so in Buße und Bekehrung erweckt wurde und seine Glaubensexistenz unter dem Kreuz Christi gefunden hat, lebt nicht mehr aus dem Eigenen, sondern aus dem Geschenkten und wurde erweckt vom Erfolgs- zum Fruchtdenken, vom Tode zum Leben. Gott gebiert sich seine Kirche selber, sagt Bezzel.

Die zweite Wirkung der Erweckung: Die SĂŒnde wird abgelegt

Eine weitere fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Erweckung maßgebliche Schriftstelle ist Römer 13,11ff. Diese Adventsepistel wurde Augustinus zum Anstoß ewiger Bewegung. Der Apostel begrĂŒndet den erwecklichen Aufbruch in dem Wissen um die erfĂŒllte Zeit, den Kairos. Darin liegt die unwiderstehliche Nötigung, vom Schlaf aufzuwachen. Auch hier wieder das gleichnishafte Bild von der vergehenden Nacht und dem anbrechenden Tag. Als Folge dieses erwecklichen Aufbruchs wird christliche Ethik als Funktion des Glaubens begriffen. Alles, was in den Augen Jesu undurchsichtig ist, muss abgelegt, alles, was auf dem Lebensweg weiterhilft, und alles, was Hilfe in der Nachfolge sein kann, muss in der Wirklichkeit Christi angelegt werden. Dem Zustand fleischlicher Sicherheit wird durch das Erwachen angesichts des hereinbrechenden Tages ein Ende bereitet. Das hereinbrechende Licht macht die SĂŒnde nicht namenlos, sondern erst sĂŒndig und wird so Anstoß zum Aufbruch. Dem Zustand fleischlicher Sicherheit wird durch das Erwachen in eigener verlorener Existenz im Licht des hereinbrechenden Tages ein Ende bereitet. Im VerstĂ€ndnis eines Erweckungszustandes fĂŒr das gesamte Christenleben wird diese Mahnung oft noch besonders eingeschĂ€rft (1Petr 5,6; 1Kor 6,13; Kol 4,2; Offb 16,15).

In der Erweckung kann der Mensch die Gnade annehmen

Hölderlin hat gesagt, dass die Freiheit des Menschen darin bestehe, dass er auch verstehe, wohin er aufbrechen wolle. Dieses Verstehen gewinnt der Mensch in der Krisis der Erweckung. Seine Wahlfreiheit besteht dann darin, entweder Jesus als seinen persönlichen Heiland im Glauben anzunehmen oder im Anruf Gottes sich zu verstocken. Im Durchbruch durch das Geheimnis von SĂŒnde und Schuld bricht der Mensch aus dem Eigenen auf und nimmt die Gnade mit BettlerhĂ€nden verbindlich an. Das kairologische Geschehen fixiert sich in einem chronologischen Datum. Diese Zeit, in der Gott beim Namen ruft, das Anklopfen Jesu bewusst wird, nennt die Bibel angenehme Zeit. Luther sagt, wenn der Platzregen Gottes kommt, soll man die GefĂ€ĂŸe aufstellen. Diese ewigkeitlich geladenen Augenblicke, wo der Markt vor der TĂŒr ist, sind die Gnadenstunden der Erweckung. Die Gnade ist unerschöpflich in ihrer Vergebungskraft, aber sie hat ihre Stunde. Wenn der Kairos Gottes den Chronos findet, bekommt dieser ein neues Gewicht. Die Wehen der Erweckung machen den Augenblick zeitlos. Die Uhr Gottes ĂŒberholt die eigene Uhr.

In einem Schweizer Ort habe ich bei einer Erweckung erlebt, dass in der vollen Kirche, nachdem ich den Segen gesprochen hatte, niemand heimging. Nachdem ich dreimal um Aufbruch bat, blieben immer noch alle sitzen. Da rief einer aus der Menge: „Wir spĂŒren die NĂ€he des Herrn, wir können nicht gehen“ Am andern Morgen um sechs Uhr war ich schließlich in meinem Quartier. Die Stunden in der Kirche und der Weg zum Quartier waren ein einziger Beichtstuhl geworden. In solchen erwecklichen AufbrĂŒchen gilt das Wort Jesu: „Lass die Toten ihre Toten begraben, folge du mir nach.“ Erweckung wird hier die Umwertung aller Werte. Im Griechentum wurde in Olympia der Kairos als Gott verehrt. Er wurde dargestellt mit FlĂŒgeln an Armen und Beinen, um das Unberechenbare anzudeuten. Der Kopf des Gottes war eine Glatze, ausgenommen ein Haarschopf, der herunterhing. Das Wesen des Kairos deutet sich in unserem Sprichwort: „Die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen.“

Wer den Kairos Gottes verpasst, bleibt im geistlichen Tod

Diese Stunde Gottes war in Jesu Tun immer bestimmend: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2,4). Das Nicht-Ernstnehmen des Kairos in der Begegnung mit Jesus wird in der Erweckung im eigentlichen Sinne Schuld. „Ihr Heuchler, das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr beurteilen, wie kommt es, dass ihr den Kairos nicht richtig beurteilt? Warum könnt ihr nicht von euch selbst beurteilen, was zur Debatte steht? Denn wenn du mit deinem Widersacher vor Gericht gehst, dann gib dir MĂŒhe, ihn unterwegs gĂŒtig abzufinden. Denn wenn du in das GefĂ€ngnis geworfen wirst, wirst du sicherlich nicht herauskommen, bis du den letzten Heller bezahlt hast“ (Lk 12,56ff.) Womit soll man zahlen, wenn die Stunde fĂŒr das Lösegeld verpasst ist? So lange der natĂŒrliche Mensch bei aller ReligiositĂ€t und kirchlicher Dekoration sich im frommen oder unfrommen Selbstbezug beruhigt, ist er ein Schlafender. Dieser geistliche Tod, der ernster zu nehmen ist als der natĂŒrliche, wird Erweckung, wenn die Flucht in die fromme oder unfromme LĂŒge den willentlichen Entschluss schenkt, Christus zu begegnen. Wo unsere SelbsttĂ€uschung am Ende ist, fĂ€ngt Gottes Wahrheit an.

Zwei Gefahren in Erweckungsbewegungen

Bei allen Erweckungen, die ich erlebte, liegt im geistlichen Aufbruch immer eine doppelte Gefahr. Einmal, dass man die GrenzĂŒberschreitung zur Bekehrung nicht findet und vielleicht in Begeisterung oder einer augenblicklichen GefĂŒhlsbewegung und nicht in getroster Verzweiflung sein Leben unter dem Kreuz Christi einbaut. Lieber keine Erweckung als lediglich emotionale Bewegtheit, die am Ende zur Versandung fĂŒhrt. Die Kirche sollte bei aller Evangelisation darauf achten, dass kein grĂŒner Roggen gemĂ€ht wird. Ich konnte in meinem Dienst beobachten, dass erweckte Menschen – wie die fĂŒnf törichten Jungfrauen – vor verschlossenem Tor in der Verstockung endeten. Wer in Vollmacht angerufen ist, aber mit der Gnade spielt und die Bekehrung aufschiebt, wird erfahren: Erst will man nicht, dann kann man nicht. Besonders wenn man in der Verdoppelung der Existenz lebt – das heißt dĂ€monisch -, kann eine Erweckung in Verstockung enden. Eine andere Gefahr ist die, dass man die Erweckung nur in der ordo salutis (Heilsordnung) als eine Vorstufe zur Bekehrung braucht, wĂ€hrend sie in Wirklichkeit in unserem ganzen Leben geschehen muss. Immer, wenn wir uns im eigenen Frommsein ansiedeln wollen und das AnlĂ€uten der Weckuhr Gottes deshalb ĂŒberhören, um beim GrenzĂŒbergang zur Völligkeit in Christus unverzollte Bannware durchmogeln zu können, ist Gefahr im Verzuge. Erweckungen, die geistliche Eitelkeit fördern und ein Selbstbewusstsein wecken, das die Welt als PharisĂ€ismus empfindet, sind der Tod wahrer Erweckung. Erweckungen bleiben nur fruchtbar, wenn sie in gelebter Demut den Namen Jesu groß machen und ihn so verklĂ€ren, dass auch der andere Mut und Freudigkeit gewinnt, sein Leben Jesus zu geben.

Erweckungspredigt als Hauptaufgabe von Kirche und Theologie

Erweckungen schenken nicht das GefĂŒhl fĂŒr das Unendliche (Schleiermacher), sie sind keine fromme Berieselung, sondern Umbruch aus der großen TĂ€uschung, Absage an den Mörder von Anfang und Durchbruch zur großen Freude, die allem Volk widerfahren soll. Sie haben zur Voraussetzung, dass in erfahrener Barmherzigkeit die SĂŒnde nicht als namenlos bezeugt wird. Bezzel sagt mit Recht: „Die Kirche ersteht, wenn Gott ihr begnadete Persönlichkeiten schenkt, die ihr zeitliches und ewiges Leben dem Herrn danken. Sie geht zugrunde an der FĂŒlle der Unberufenen, nicht an den WiderstĂ€nden der Hölle.“ Was hat die Kirche noch fĂŒr einen Auftrag, wenn sie mit Totenglocken den Auferstandenen beerdigt? Was hat sie noch fĂŒr einen Auftrag, wenn sie ĂŒber alles spricht, aber nicht ĂŒber das Thema, das zur Debatte steht? Es gibt keinen anderen Weg fĂŒr die Kirche zur Erneuerung als den Weg zur Erweckung. Die reformatorische Theologie wĂŒrde wieder Überzeugungskraft und die ErfĂŒllung geben können, wenn ihre Botschaft wieder das eine Thema hĂ€tte, in dem Jesus sich seiner Heimatgemeinde vorstellt: „Heute ist diese Schrift erfĂŒllt vor euren Ohren.“ Dieses Heute Gottes ist, wie Kierkegaard sagt, die einzige Neuigkeit des Erdentages und zugleich der Ewigkeit Anfang. In diesem Heute schenkt Gott in vollmĂ€chtiger VerkĂŒndigung dem verlorensten SĂŒnder die Möglichkeit, wie Blumhardt sagt, dass er Christus als gegenwĂ€rtig ergreifen kann.

Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)

Aus: Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes (MĂ€rz 2022)

Die aktuelle Ausgabe des Aufbruchs kann hier heruntergeladen werden. Wenn Sie den Aufbruch kostenlos abonnieren möchten, schreiben Sie bitte an info@gemeindehilfsbund.de.

 

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 2. April 2022 um 9:45 und abgelegt unter Kirche, Mission, Theologie.