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Predigt über Daniel 5: Nachhilfestunde für Analphabeten

Freitag 5. November 2021 von Thomas Karker


Thomas Karker

Wer sich irgendwo bewirbt, der bekommt meist gleich mitgeteilt: Den Lebenslauf bitte unterschrieben den Bewerbungsunterlagen beifügen. Heute wird ja alles mit dem Computer geschrieben, mit Farblaser ausgedruckt, das ist viel eindrücklicher, lesbarer, kreativer und hilfreicher. Da reicht den Firmen eine eigene Unterschrift. Früher, wo ich noch meine Bewerbungsmappen zusammengestellt habe, musste der Lebenslauf handschriftlich eingefügt werden. Warum wurde ein handgeschriebener Lebenslauf verlangt? Mit Kugelschreiber oder Tinte geschrieben, da ist doch alles verwackelt, auf krummen Linien und verwischt. Warum ein handgeschriebener Lebenslauf? Doch einfach deshalb, weil ein handgeschriebener Lebenslauf den Menschen zeigt, so wie er ist. Eine Handschrift offenbart das eigentliche Wesen des Menschen. Liebevoll oder radikal, herrschsüchtig oder freundlich, ausgeglichen oder unruhig. Die Handschrift zeigt den Menschen, so wie er ist.

Paulus weiß das auch im Galater 6, da heißt es am Schluss: Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe, mit eigener Hand. Am Schluss seiner Briefe, die er ja bekanntlicherweise diktierte, hat er immer noch große Buchstaben, wohl als Gruß, selber gemalt. Hier konnten die Leser etwas von seinem Wesen und Glauben ablesen.

Wer also den Menschen kennen und verstehen lernen will, muss seine Handschrift anschauen, und das gilt eben bei Gott auch.

Ein paar theologische Bücher helfen hier kaum weiter. Ein paar fromme Gefühle in der Brust helfen nicht weiter. Wer Gott kennen lernen will, muss seine Handschrift kennen und wer Gott verstehen will, muss seine Handschrift verstehen und entziffern können. Aber das ist die Frage, hat Gott überhaupt eine Handschrift? Dass der Tod eine hat, das wissen wir. Jeden Morgen, wenn wir die Zeitung aufschlagen und die Anzeigen überfliegen, dann ist die schwarze Schrift des Todes unübersehbar. Eine schreckliche Handschrift. Und dass die Krankheit eine hat, wissen wir auch. Jeden Abend, wenn die Schmerzen kommen und die lange Nacht bevorsteht, dann ist die kalte Schrift der Krankheit unübersehbar. Eine schreckliche Handschrift. Und dass das Leid eine hat, wissen wir auch. Jeden Tag, wenn wir von Kummer und Elend gezeichnet sind. Die Handschrift des Leids, die seelenlose Handschrift des Leids ist unübersehbar. Aber schreibt Gott mit der Hand? Greift Gott zur Feder? Hat Gott eine Handschrift?

Liebe Gemeinde, drei Schüler vom ehem. Bremer Gerhard Rohlfs Gymnasium Vegesack, schrieben vor Jahren folgende Anzeige an eine Wand: „Nach langer Untätigkeit verschied Gott der Herr. Wie wir lesen verhungern immer noch Menschen und sammeln Kirchengemeinden immer noch für einen neuen Anstrich des Friedhofzaunes. Wie wir meinen, zwingt sich jedem, der redlich denkt, die Folgerung auf, den Gott, der alles aufs Beste bestellt, den gibt es nicht mehr. Er hat seine Arbeit niedergelegt. Seine Stelle ist offen. Er muss vertreten werden. In stiller Trauer Ingbert, Hermann und Wilfried.“ Jeder konnte es dort schwarz auf weiß lesen. Dieser Gott ist tot und seine Anschrift gibt es nicht. Und viele meinen: Die Handschrift Gottes habe ich noch nirgends gelesen und deshalb habe ich auch die Handschrift Gottes noch gar nie entziffert.

Belsazar, lass es anders. Der heruntergekommene Sohn eines glänzenden Königs, dem gingen die Augen über. Die Gipswand im Ballsaal wurde zur Wandtafel des Himmels. Keiner konnte es mehr übersehen. Gott schreibt, ihm sind keine Finger versteift. Gott schreibt, ihm ist kein Griffel aus der Hand gefallen. Gott schreibt, ihn können wir nicht abschreiben. Gott schreibt! Der Gott, der sieht, der hört, der redet, der spricht, der läuft. Dieser Gott, der schreibt auch und wenn es sein muss mit der Sprühdose. Der ausgelassene König musste erst lernen, und wir tun gut daran, diese Schreibstunde in Daniel 5 als Lesenachhilfe zu nutzen. Das eine was hier als erstes auffällt

1. Gott schreibt spät

Zwischen Kapitel 4 und 5 ist eigentlich ein tiefer Einschnitt, ein Neuanfang. Warum? Wo ist denn eigentlich Daniel? Was ist denn aus dem Daniel geworden? Nun Er ist aussortiert, abgesägt, abgeschossen, vor die Türe geflogen. Wir wissen, Er war ja als Minister ausgebildet, lang, teuer und gründlich. Aber dort saß jetzt ein Neuer, und weil auf dem Thron ein Neuer saß, musste eben der alte Minister weichen und dieser neue König war schlicht und einfach gesagt, eine Niete. Man sagt zwar, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber das stimmt eben nicht immer. Manchmal haben die größten Männer auch die größten Nieten als Söhne. So war es beim Nebukadnezar, was dieser Mann in 43-jähriger Aufbauarbeit geleistet hat, zerfällt in ganz kurzer Zeit unter den Händen seiner Nachfolger. Hier braucht’s nicht einmal zwei oder drei Generationen, wie dies bei den Buddenbrooks gelesen werden kann. Hier genügt schon die erste Generation und ein Sohn, der alles aber auch alles durchbringt. Nebu, wir erinnern uns, hat doch dieses Weltreich geschaffen, das erste Weltreich überhaupt, was es auf diesem Globus gegeben hat. Und nachdem er Nebu dieses Weltreich nach außen befestigt hatte, widmete er sich dem inneren Ausbau. Die königliche Residenz Babel mit einem Riesentempel, acht Stockwerken und seiner Frau baute er ein schmuckes Gärtchen, 3 km² groß, mit allen Finessen, eine gewaltige Terrassenanlage. Dieser Nebu war Bauherr, er war Feldherr, er und er war größenwahnsinnig zugleich. Aber dieser Nebu hat das Größte als Sünder vollbracht, was ein Mensch je vollbringen kann. Das Größte ist, dass er am Schluss seines Lebens Gott die Ehre gegeben hat.

Diese späte Buße, ist bemerkenswert. Es ist nie zu spät zur Umkehr! Auch eine späte Buße ist möglich. Nebu war ein Mann in jeder Hinsicht von Format. Aber wie gesagt, sein Sohn war eine ausgesprochene Niete.

Belsazar hat auf Daniel gepfiffen weil er ideologisch nicht ins Konzept gepasst hat. Er hatte das verkehrte Parteiabzeichen, Er glaubte an Gott, den einzigen Gott, den wahren Gott der Bibel und Belsazar und seine Leute glaubten an die vielen Götter, und zwar nach Vers 4 an die goldenen, silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter eine regelrechte Göttersammlung, für jeden Fall den richtigen Gott. So wie einer eine Musik-CD Sammlung hat und für jede Situation den rechten Musikgeschmack hat, so hatte Belsazar auch den richtigen Gott für jede erdenkliche Situation. Das ist sehr bequem. Man kann dann den Gott sehen und gleichzeitig, kann er einen nicht sehen. Es sind ja Holzgötter, die haben harte Holzköpfe und keine Augen. Man sieht sie aber diese Götter sind tot.

Demgegenüber ist der Gott der Bibel sehr unbequem und unangenehm. Er sieht jeden, aber wir können ihn nicht sehen. Schon Hagar, Abrahams Magd, hat von ihm gesagt: Du bist ein Gott, der mich sieht. Und im 5. Mose heißt es dann: Deine Augen haben alles gesehen. Verstehen Sie diese unbequeme Aussage. Gott hat alles gesehen, was an diesem Tage war, er hat alles gesehen, was sie an diesem Tage bewegt hat, er kennt jeden einzelnen Gedanken und jeden Winkel ihres Herzens. Ein unangenehmer Gott. Deswegen sagten die Indianer in Nord-Amerika auch: „Wir brauchen keinen Gott, der so scharf sieht.“ Ein Bürger der mit einer solch unsichtbaren Größe rechnet, ist politisch gesehen natürlich ein Unsicherheitsfaktor. Aus Sicherheitsgründen muss er schnell aus dem Staatsdienst entfernt werden. Und so fliegt Daniel vor die Tür. Belsazar pfeift auf seine Ausbildung, seine Fähigkeiten, seine Verdienste. Weil er nicht an die goldenen, silbernen und was für Götter glaubt, muss er daran glauben. Daniel packt die Koffer und verschwindet.

Und als Belsazar den Daniel los hat, dann gehts erst richtig los. Er baut und baut und baut, wie sein Vater auch gebaut hat, er wollte es ihm ja nachmachen, er will sich auch groß machen. Aber das Einzige, was er zustande brachte, in seinem ganzen Reich, er baute eine Riesenkneipe. Das ist es. Eine Riesenkneipe, die einzige Tat, die die Geschichte von ihm überliefert hat, ist diese mächtige Bierschwemme. Bei Ausgrabungen entdeckt, 17 m breit, 52 m lang, ein heller Gipsverputz an den geweißten Wänden, was dort an Alkohol verputzt worden ist, davon kann man sich nur ein schwaches Bild machen. Platz für 1000 Mann. Die Bibel benutzt hier nicht das Wort ‚trinken‘, sondern sie hat hier den Ausdruck ‚saufen‘. Dieser Saufpalast, der hier erstanden ist, ist das Einzige, was Belsazar der Nachwelt hinterlassen hat. Die Geschichte hätte ihn längst vergessen, wenn er nicht in der Bibel erwähnt und Heinrich Heine nicht über ihn ein Gedicht gemacht hätte. Eine der großen Balladen der deutschen Literatur, die früher jedes Schulkind auswendig lernen musste.

Die Mitternacht zog näher schon, / in stiller Ruh’ lag Babylon / nur oben in des Königs Schloss, / da flackert‘s, da lärmt des Königs Troß / dort oben in dem Königssaal / Belsazar hielt sein Königsmahl.

Also, der Belsazar, der baut eine Supertränke für sich und seine sonstigen Ochsen. Das ist seine ganze geschichtliche Leistung und deswegen ist dieser Mann eine Null.

Aber wenn eine Null die Macht hat, da ist es gefährlich. Aber am Anfang, da geht alles ganz harmlos los. Auch die Fete Belsazars fängt ganz harmlos an. Daniel 5,1: König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine 1000 Mächtigen. Gott hat nichts gegen ein herrliches Mahl, im Gegenteil. Jesus hat ja das Reich Gottes mit einem Hochzeitsmahl verglichen. Aber nur essen, das macht auf die Dauer auch keinen Spaß. Da war doch noch was?

Richtig essen und trinken, das hält Leib und Seele zusammen. Zum guten Essen gehört ein gutes Weinchen. Gott hat auch nichts gegen einen guten Wein im Gegenteil. Jesus sagte, er wird in Gottes Reich mit uns Wein trinken und auch hier gönnt uns Gott einen guten Tropfen. Er ist also weder asketisch noch kleinlich. Gott ist nicht grundsätzlich gegen das Trinken von Alkohol. Aber er ist gegen das Saufen von Alkohol und das Saufen, das war natürlich die Hauptsache bei dieser Fete. König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine 1000 Mächtigen und säuft sich voll mit ihnen.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn, / Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Das gefährliche am Alkohol ist seine enthemmende Wirkung, kaum hat man ein paar Klare drin, dann sieht man schon nicht mehr ganz klar und macht Dinge, die man im nüchternen Zustand nie getan hättet. Belsazars Superfete ist ja ein Beispiel dafür. Für diese verheerende Wirkung des Alkohols, wie Schritt für Schritt alle Hemmungen fallen. Es beginnt harmlos und es endet hemmungslos. Denn nur saufen, das machte nun auch keinen Spaß. Da war doch noch was?

Richtig! Weiber müssen dabei sein. Die bringen die 1000 Männer erst mal so richtig in Schwung. Kein feines Essen oder flotte Mätressen. Denn was ein richtiger König ist, der begnügt sich nicht mit einer Frau, der vergnügt sich mit mehreren. Der König Belsazar wird ausdrücklich hier erwähnte, hatte nicht nur eine Frau sondern Frauen. Und dazu noch Nebenfrauen, die müssen also antanzen und vortanzen und anmachen und vorsingen. Wein, Weib und Gesang. So nimmt die Fete ihren babylonischen Gang. Die Orgie geht los. Aber diese Art von Vergnügen, die macht auf die Dauer ja auch keinen Spaß. Da war doch noch was?

Es dauert nicht lange da liegen sie stinke besoffen da mit den Damen in den Armen und langweilen sich schon wieder. Da war doch noch was? Richtig als Belsazar so betrunken ist, dass er von seinem Thron runter fällt, da fällt ihm ein ganz besonderer Gag ein.

2. Gott schreibt plötzlich.

Nun wollte er sich als höchster König präsentieren und als höchster Gott inthronisieren. Deshalb hat er die Hotvollee aus dem ganzen Lande eingeladen. Deshalb wurde das Beste aus Küche und Keller aufgetischt und deshalb wurde das große Fass aufgemacht und deshalb ließ er sich jetzt einen tollen Gag einfallen. Eine einmalige Nummer, eine Überraschung, die sie nie wieder vergessen sollten. Die heiligen Geräte, die sein Vater aus Jerusalem mitgebracht hatte, die wurden hereingebracht und vollgemacht. Und als sie so tranken, lobten sie die goldenen, silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter. Es sind also materielle Götter. Es ist eine Religion des Materialismus, die hier gefeiert wird. Das Lob der goldenen, silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen, steinernen Götter, das macht klar, es geht hier um mehr als eine pikante Überraschung für diese abgeschlaffte Sauftruppe. Es geht um mehr als um einen Nervenkitzel für die verwöhnten Oberen 1000. Es geht hier um eine Verhöhnung Gottes, so wie das der Heine in seinem Gedicht meisterhaft zum Ausdruck bringt:

Und blindlings reißt der Mut ihn fort; / Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort. / Und er brüstet sich frech, und lästert wild; / Der Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Und der König ergreift mit Frevlers Hand / einen heiligen Becher gefüllt bis zum Rand / und er lehrt ihn hastig bis auf den Grund / und ruft laut mit schäumendem Mund / Jehova, Dir kündige ich auf ewig Hohn / ich bin der König von Babylon!

Bis hierher hat Gott zugeschaut. Gott straft nicht jeden Sünder sofort. Jetzt greift Gott zur Sprühpistole, jetzt geift Gott plötzlich ein, plötzlich ließ dieser Gott eine Nummer steigen, die wahrlich nicht im Festprogramm vorgesehen war. Der Saal ist in Stimmung, die heiligen Gefäße kreisen, die Weiber kreischen, die Männer grapschen, sie grölen und sie huren und sie saufen und plötzlich verstummt eine Stimme nach der andern. Es wird totenstill in dem riesigen Raum. Plötzlich fahren die zerzausten Köpfe hoch, plötzlich reißen sie ihre verquollenen Augen auf. Plötzlich halten sie alle die Luft an.

Vers 5: im gleichen Augenblick gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal und der König erblickte die Hand, die da schrieb. Da entfärbte sich der König und seine Gedanken erschreckten ihn, sodass er wie gelähmt war und ihm die Beine zitterten. Gebannt verfolgen die alle, wie da Buchstabe auf Buchstabe an der Wand erscheint. Sie sind atemlos vor Staunen. Die gesprühte Parole, die da erscheint, lautet: Mene Mene tekel upharsin. Ein Spruch, dessen Sinn keiner im Saal versteht.

Zeichen tauchen immer wieder auf. Der Gott, der im Dunkeln ist, schreibt plötzlich mit hellen Zeichen. Matthäus spricht von den Zeichen der Zeit. Sie haben nicht immer einen so gipsartigen, geisterhaft dramatischen Charakter. Er kann auch auf asphaltierten Straßen schreiben, wenn ein Verkehrsunfall uns plötzlich aus dem Alltagsrhythmus bringt. Er kann auch auf bedruckten Papier schreiben, wenn eine Todesanzeige ins Haus flattert und uns den Tod eines lieben Menschen ankündigt, er kann auch auf einem ausgefüllten Krankenscheine schreiben, wenn uns eine Krankheit alle Pläne zunichte macht. Er kann auch mit Hochwasser schreiben. Er kann mit Erdbeben schreiben. Es gibt überhaupt nichts, auf was er nicht schreiben kann. Wo hat er bei Ihnen geschrieben? Sicher, man kann alles hinterfragen und erklären, hätte Belsazar im Jahre 2021 gelebt, dann wäre eine Gutachterkommission zusammengetreten und in einem Gutachten hätten sie dem Hausherrn bescheinigt, dass diese schriftähnlichen Risse von einem kräftigen Düsenknall herrührten, er solle möglichst schnell die Tiefflugschneise über dieser Bierschwemme sperren lassen, damit nicht weiterer Schaden über ihn kommt. Wir haben erstaunliche Fähigkeiten, die Warnzeichen Gottes zu entschärfen. Corona hat nichts mit Gott zu tun. Ein Aquaplaning führte zum Verkehrsunfall, eine kleine Erkältung führt zu der schweren Krankheit, ein angeschlagenes Herz führte zum Tod. Und die Bibel sagt, er hat seine Hand im Spiel. Er ruft sich in Erinnerung. Er setzt die Zeichen. Gott schreibt plötzlich, jetzt das Dritte.

3. Gott schreibt verschlüsselt.

Liebe Gemeinde, das Erstaunliche ist ja nicht, dass diese Schrift da an der Wand erscheint. Das Erstaunliche ist, dass nicht was ganz anderes passiert. Das Erstaunliche ist, das Gott bloß mit dem Finger an der Wand schreibt statt mit der Faust dreinzuschlagen und den ganzen Laden zusammenzunieten. Bei seinem eigenen Volk bei den Juden, da hat Gott jede Veruntreuung der heiligen Gefäße mit dem sofortigen Tode bestraft. Bei dir oder bei Belsazar rammt Gott den Becher nicht in den Hals. Der stößt ihn nicht vom Schemel, der lässt ihn nicht am Suff ersticken. Der öffnet nicht die Erde, um die ganze Saufhöhle zu verschlingen. Nein, Gott malt mit der Hand an die Wand.

Der König war weiß, wie die Wand. Den Herrschaften gefror das Lachen auf den Lippen. Todesangst schlich sich durch die Reihen. Selbst die schnell herbei geeilten Hofgelehrten mussten passen. Handschrift-Experten standen ratlos da. Alle Experten waren am Ende mit ihrem Latein. Die Magier kamen, doch keiner verstand das Graffiti an der Wand zu deuten. Die hoch gepriesene babylonische Gelehrsamkeit war ein einziger Flop. Aber bevor die Tür endgültig ins Schloss fiel, ging sie in dieser Prunkschwemme noch einmal auf. Daniel erschien. Dieser Gefangene aus Juda, dieser Musterschüler am Hofe, dieser spätere Staatssekretär in der Regierung. Er las und er übersetzte: Mene: Gott hat dich gezählt. Tekel: Gott hat dich gewogen. Upharsin: Gott hat dich zu leicht befunden und deshalb deinen Thron zersägt. Er lässt sich nicht immer unterdrücken. Er lässt sich nicht immer ausblenden. Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten. Hatte Daniel Linguistik studiert, hatte er graphologische Studien betrieben. Nein! Er hat den Geist des Heiligen Gottes, sagt die Königinmutter. Er hatte die Gabe von oben. Er hatte die Begabung vom Himmel. Er kannte die Hand Gottes und deshalb konnte er die Handschrift Gottes lesen.

Liebe Gemeinde, die Zeichen der Zeit, sind nicht ohne weiteres zu erkennen. Ein paar Augen im Kopf genügen nicht, um sie zu entziffern. Es braucht den heiligen Geist, um die Menetekel ihres Lebens als Signale Gottes zu verstehen. Schauen Sie nach Golgatha: dort hat Gott in hellsten Leuchtbuchstaben geschrieben, in greller Plakatschrift leuchtete diese Schrift: ecce homo! Seht, welch ein Mensch! von der Spitze des Holzes. „Doch“ sagte der eine „das ist ein Lump, der andere: „Der ist ein Hochstapler,“ der dritte sagte: „Das ist ein Verbrecher!“ und nur einer, der Hauptmann, der Leiter des römischen Exekutionskomitees, der sagte: „Wahrlich, das ist Gottes Sohn gewesen.“

Der Sprachschlüssel für Gottes Schrift ist der Heilige Geist. Ohne ihn verwechseln wir seine Schriftzeichen mit zufälligen und erklärbaren Vorkommnissen. Aber mit ihm werden auf einmal Ereignisse, die urplötzlich in unser Leben hereinplatzen zur Anrede Gottes. Wissen sie, mitten in der verhauenen Arbeit, mitten in den Schmerzen der Krankheit, mitten in der Trauer, da mittendrin blitzt es auf: dieser Gott hat mich nicht abgeschrieben. Er schreibt mich an, er gibt es mir handschriftlich: Ich hab dich nicht vergessen, ich lieb dich. Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehren und lebe! Gott schreibt, nicht sofort, plötzlich, verschlüsselt aber er schreibt persönlich das ist das Vierte

4. Gott schreibt persönlich.

Er hat seine Schrift nicht in die Sterne gesetzt, sondern an die Wand des Saales geschrieben. Er hat sie nicht mit Donnerstimme aus der Ewigkeit erklingen lassen, sondern durch die Predigt eines frommen Mannes. „Mein König,“ sagt Daniel „Gott, der Höchste hat deinem Vater Königreich, Macht, Ehre und Herrlichkeit gegeben.“ Damit ist sofort das zentrale Thema angegeben, auf das jedes Zeichen hinweisen will. Gott hat gegeben. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Damit hat er uns Arbeitsplatz und Wohnplatz gegeben. Er hat den Menschen geschaffen und uns das kostbare Leben gegeben. Er hat Himmelswesen zu Schutzengel abkommandiert. Damit hat er uns sicheren Personenschutz gegeben. Er hat Mächte und Gewalten Paroli geboten. Damit hat er uns eine feste Zuversicht gegeben. Er gab den Ausblick auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Damit hat er uns eine ganz große Zukunft gegeben und er gab mehr. Er gab seinen einzigen Sohn auf diese Welt. Damit hat er uns Freude und Vergebung gegeben. Sehet, was hat Gott gegeben, seinen Sohn zum ewigen Leben. Was gibt es, was er uns nicht gegeben hat. Was gibt es, was er uns nicht noch geben will.

Darauf sollen wir gestoßen werden. Daran sollten wir erinnert werden. Die Zeichen sollen uns erneut sagen, Gott hat uns gegeben! Gott gibt dir Belsazar, aber er wollte das nicht, Belsazar wollte es billiger haben. Belsazar wollte nur erschrecken, nicht umkehren. Deshalb wurde in derselben Nacht Belsazar von seinen Knechten umgebracht. Das muss nicht unser Ende sein. H. Heine dichtet:

Der König stieren Blicks da saß, / Mit schlotternden Knien und totenblaß. / Die Knechtenschar saß kalt durchgraut, / Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand / Zu deuten die Flammenschrift an der Wand. / Belsazar ward aber in selbiger Nacht / Von seinen Knechten umgebracht.

Unser Leben darf anders auflaufen. Die Zeichen stehen auf grün. Die Zeichen stehen auf Hoffnung, der Ballsaal des kleinen Herrschers, der wandelt sich zum Thronsaal des allerhöchsten Gottes. Nicht mehr Adel und Militärs und Diplomaten sind eingeladen, sondern Lahme und Krüppel und Blinde, nicht mehr dieser Becher zum Wohle der Götter wird herumgereicht, sondern der Kelch des Heils zur Vergebung der Sünden; nicht ein Majestätsmahl wird zelebriert, sondern das Abendmahl wird gefeiert. Das große Fest ist im Gange. Der große König unser Herr feiert in großer Runde und er will alle dabeihaben. Jeder leere Stuhl ist ihm ein Schmerz. Doch weil er alle dabeihaben will, deshalb läd er ein, deshalb greift er zur Feder und deshalb schreibt er Ihnen persönlich. Konnten sie es entziffern, in ihrem Leid, in ihrer Trauer, in ihrem Schock, in ihrem Versagen? Konnten sie es entziffern. Gott läd sie ein zu seinem Fest. Deshalb kam Jesus. Gott läd sie ein zu seinem Fest.

Amen

Prädikant Thomas Karker, Predigt über Daniel 5 im Oktober 2021

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 5. November 2021 um 17:17 und abgelegt unter Predigten / Andachten.