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„Herr, wohin sollen wir gehen?“ Biblische Besinnung über Joh 6,66-69

Freitag 29. Oktober 2021 von Johann Hesse


Johann Hesse

„Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh 6,66-69)

1. Sie wandten sich ab

1.1      Eine unerträgliche Rede

Tausende hatten das Wunder der Brot- und Fischvermehrung miterlebt, und nun gab es kein Halten mehr: Seine begeisterten Anhänger wollten Jesus zum König ausrufen. Jeder Populist hätte die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und sich auf den Schild heben lassen. Nicht so Jesus! Mit der Lebensbrotrede (Joh 6,22-59), die Jesus am darauffolgenden Tag in Kapernaum hielt, führte Jesus seine Jünger in die Entscheidung für oder gegen ihn. Von den Tausenden, die ihm zugejubelt hatten, blieben am Ende nur noch wenige übrig. Der Großteil entschied sich gegen ihn: „Das ist eine unerträgliche Rede; wer kann sie hören?“ (Joh 6,60).

Was machte diese Rede Jesu so anstößig? Es waren insbesondere drei Leitgedanken: 1.) Die Herkunft Jesu aus dem Himmel, 2.) die Gleichsetzung seiner Person mit dem Brot des Lebens und 3.) die Aufforderung an die Jünger, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, um ewiges Leben zu erhalten.

1.2      Die Herkunft Jesu aus dem Himmel

Das Manna, das Gott seinem Volk in der Wüste vom Himmel geschenkt hatte, deutete Jesus als prophetisches Zeichen, das auf seine himmlische Herkunft wies: „Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben“ (Joh 6,33). Ein verärgertes Raunen ging durch die Menge: „Ist dieser nicht Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wieso spricht er dann: Ich bin vom Himmel gekommen?“ (Joh 6,42). Seine Hörer wussten sofort, dass himmlische auch göttliche Herkunft meinte. Blasphemie lag in der Luft.

1.3      Jesus ist das Brot des Lebens

Der zweite Stein des Anstoßes war die wiederholte Selbstbezeichnung Jesu als „Brot des Lebens“ (Joh 6,35; 41; 48; 51). Das Manna in der Wüste konnte zwar als Himmelsbrot bezeichnet werden (Joh 6,31), aber die es aßen, mussten dennoch sterben (Joh 6,58). Das Manna war vergängliche Speise, die den Tod nicht aufhalten konnte. Jesus dagegen ist das von Gott geschenkte unvergängliche Lebensbrot, das die Nährstoffe des ewigen Lebens enthält: „Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit“ (Joh 6,58). In Verbindung mit dem göttlichen „Ich bin“ (Joh 6,35) war die Rede vom „Brot des Lebens“ für die meisten seiner Zuhörer eine unerträgliche Anmaßung und Selbstvergottung.

1.4      Fleisch und Blut als Lebensspeise

Der Gipfel der Zumutung war jedoch die Ineinssetzung vom Brot des Lebens und dem Fleisch Jesu, das Jesus für das Leben der Welt geben werde (Joh 6,51), verbunden mit der Aufforderung, das Fleisch Jesu zu essen und das Blut Jesu zu trinken: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (Joh 6,54-55). Wie konnte Jesus es wagen, solches zu fordern und anzubieten? Die Menge stieß sich erstens daran, dass Jesus sich selbst als Mittler und sein Fleisch und Blut als Quelle des ewigen Lebens anbot, was allein Gott zustand. Und sie stieß sich zweitens an dem (vermeintlichen) Verstoß gegen das mosaische Gesetz, das den Genuss von Blut ausdrücklich verbot: „Keiner unter euch soll Blut essen“ (3 Mose 17,12). In ihrem Ärger über die Worte Jesu, übersahen seine Hörer, dass das besagte Thora-Verbot aufs engste mit einer lebensspendenden Verheißung Gottes verknüpft war: „Denn das Blut ist die Entsühnung, weil das Leben in ihm ist“ (3 Mose 17,11). Jesus ist das wahre Lebensbrot, das aus dem Himmel herabkommt, um durch das Opfer seines Leibes und das Vergießen seines Blutes stellvertretende Sühnung für die Sünden der Welt zu erwirken und so Sündern ewiges Leben zu schenken. Weil sie nicht glauben konnten, dass Jesus als Opferlamm geschlachtet werden musste, um den Weg ins ewige Leben zu öffnen, blieben seine Worte dunkel und abstoßend. Fast alle wandten sich ab.

2. Wollt ihr etwa auch gehen?

Nur ein kleiner Kreis blieb zurück. Jesus wandte sich jetzt direkt an die zwölf Apostel und fragte: „Wollt ihr etwa auch weggehen?“ Jesus relativierte seine Rede nicht durch nachträgliche Zugeständnisse oder Abschwächungen, sondern er stellte seine Jünger in die Entscheidung: Seid ihr auch nach dieser Rede noch bereit, meine Jünger zu sein und mir nachzufolgen?

Zwischen damals und heute liegen fast 2000 Jahre Kirchengeschichte. Wir leben unter ganz anderen Voraussetzungen, und doch fällt eine Parallele sofort ins Auge: die massenhafte Abwendung von Jesus und seiner Botschaft. Wir stehen in Europa mitten in einem Prozess der Entchristianisierung und Säkularisierung. Allein im Jahr 2019 waren es über 540.000 Menschen, die einer der beiden großen Volkskirchen in Deutschland den Rücken kehrten. Aber selbst viele von denen, die dort verbleiben, halten die Vorstellung, „dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt“ mit Rudolf Bultmann für „primitive Mythologie“[1], auch wenn sie es vielleicht so deutlich nicht sagen würden.

Ein afghanischer Freund muslimischen Glaubens fragte mich, ob sich die Wahrheit des Korans und die Überlegenheit des Islams nicht geradezu aufdränge angesichts sich leerender Kirchen und sich füllender Moscheen in Europa. Die BAMF-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“ scheint ihm Recht zu geben. Die Anzahl der Muslime in Deutschland ist in den Jahren seit 2015 um fast eine Million Menschen auf rd. 5,5 Millionen angestiegen. Die Studie ergab auch, dass diese Zuwanderer aus meist muslimischen Ländern viel religiöser sind als Einheimische. Ihr Anteil wird mit 82% angegeben.[2]

Es könnte noch viel über aktuelle Entwicklungen und Trends in Kirche und Gesellschaft gesagt werden, doch eines ist gewiss: Die Anzahl derer, die sich um die „unerträglichen Worte“ Jesu schart, schrumpft – zumindest in unseren Breitengraden. Wir werden weniger und Jesus stellt auch uns die Frage und damit in die Entscheidung: Wollt ihr etwa auch weggehen?

3. Zu wem sollten wir gehen?

3.1      Die einzigartige Vollmacht Jesu

„Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen?“ Wörtlich übersetzt heißt es eigentlich: „Herr, zu wem sollten wir gehen?“ Während die Pharisäer den Menschen unerträgliche Lasten auflegten, die sie selbst nicht tragen wollten (Mt 23,4), rief Jesus die Mühseligen und Beladenen zu sich, um sie zu erquicken (Mt 11,28). Während die Sadduzäer eine diesseitsorientierte Lehre ohne Auferstehungshoffnung vertraten (Lk 20,27), fanden die Jünger bei Jesus eine begründete Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben in Gottes Gegenwart (Joh 6,39). Anders als die Pharisäer und Schriftgelehrten lehrte Jesus „mit Vollmacht“ (Mt 7,29). Als die Knechte der Hohenpriester Jesus verhaften sollten, kehrten sie unverrichteter Dinge zu ihren Auftraggebern zurück und bezeugten: „Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser“ (Joh 7,46). Es war die göttliche Vollmacht und Autorität Jesu, die es den Jüngern unmöglich machte, sich ebenfalls abzuwenden und anderen Lehrern zu folgen. Doch es gab noch einen weiteren und wichtigeren Grund.

3.2      Das gnädige Ziehen des Vaters

Die große Scheidung auf Grund der Lebensbrotrede war für Jesus keine Überraschung: „Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde“ (Joh 6,64). In gleicher Weise wusste Jesus, dass einige bleiben würden: „Darum habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben“ (Joh 6,65; vgl. 6,37; 44). Was hielt die Jünger bei Jesus und was hielt sie davon ab, sich von ihm abzuwenden? Der himmlische Vater hatte sie gezogen! Gottes Gnade ließ sie bleiben und Gottes Geist ließ Petrus bekennen: „Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ Zu Jesus kommen und bei Jesus bleiben beruht nicht auf der eigenen und freien Entscheidung, sie ist eben nicht Menschen-, sondern Gotteswerk.

3.3      Tausend Wüsten stumm und kalt

Jesus fragt auch Sie und mich: Wollt ihr etwa auch weggehen? Wie die Jünger damals, so müssen auch wir die Alternativen kennen und prüfen. Da wird uns von manchen beispielsweise ein historisch-kritisch umgeformter Jesus angeboten, dessen Kreuzestod keine sühnende Wirkung hat, der nicht tatsächlich von den Toten auferstanden ist und der nicht mit Macht und Herrlichkeit wiederkommen wird. Doch dieses Angebot kann einfach nicht überzeugen. Jesus als sanfter Wanderprediger, dessen göttlicher Anspruch auf eine nachträgliche Gemeinderedaktion zurückgeht? Niemals! Oder sollte ich doch dem Hinweis meines afghanischen Freundes nachgehen? Wenn ich das Leben und die Lehren des Propheten Mohammed mit dem Leben und den Lehren Jesu vergleiche, komme ich zu keinem anderen Urteil als schon Blaise Pascal (1623-1662), der gesagt hat: „Jesus ließ sich ermorden; Mohammed ließ morden.“ Während der Leichnam Mohammeds im Prophetengrab in Medina verwest ist, ist das Grab Jesu in Jerusalem leer, denn „diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen“ (Apg 2,32). Wohin wir uns auch wenden: Wenn wir uns von Christus abwenden, dann bleiben uns wie Friedrich Nietzsche nur „tausend Wüsten stumm und kalt“, wir wären zu ewiger „Winterwanderschaft verflucht“.[3]

4. Worte des ewigen Lebens

Vor 25 Jahren studierte ich in London. Ich lebte ein Leben ohne Gott. Zwar hatte ich eine dunkle Ahnung, dass es einen Gott geben müsse, wer aber dieser Gott ist, das wusste ich nicht. Ich war getauft und konfirmiert, aber glauben konnte ich nicht. Die Bibel – ein unbekanntes Buch. Ich geriet in eine schwere Lebenskrise. In meiner Not begann ich, das Johannesevangelium zu lesen. Ich las Kapitel für Kapitel und zweifelte: Ich konnte mir einfach nicht vorstellen und glauben, dass ein Mensch Brot und Fische vermehrt (Joh 6,1-15) oder auf dem Wasser geht (Joh 6,16-21). Ich überlegte, wie Jesus und seine Jünger vielleicht getrickst oder die Autoren vielleicht betrogen hatten. Doch trotz aller Zweifel konnte ich mich der Überzeugungskraft der Worte Jesu nicht entziehen. Ich las weiter. Schließlich stieß ich bei nächtlicher Lektüre auf das Verheißungswort Jesu in Johannes 14: „Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein“ (Joh 14,16-17). Von diesem Moment an konnte ich glauben. Die Worte Jesu hatten mein Herz durchbohrt und meine blinden Augen geöffnet.

Ich wusste plötzlich, dass ich mit meinen Sünden vor Gott nicht bestehen konnte. Über meinem Leben stand ein Todesurteil, das ich selbst nicht aufheben konnte. Ich war in Richtung Hölle unterwegs. Ich würde im Weltgericht nicht bestehen können. Ich verstand, dass Jesus für mich sterben musste, um meine Sünden zu sühnen und meine Schuld zu vergeben. Als ich den Heiligen Geist empfangen hatte, konnte ich den für den natürlichen Menschen dunklen und unerträglichen Worten Jesu Glauben schenken: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken“ (Joh 6,54). Ich durfte erkennen, dass das ewige Leben ein Leben unter Gottes Herrschaft und in seiner Gegenwart meint, das schon jetzt beginnt für den, der an Jesus Christus glaubt, und das bei der Wiederkunft Jesus Christi vollumfänglich offenbar wird. Ich begriff, dass ich durch Jesus Christus und das herzliche Vertrauen in seine Worte Anteil am ewigen Leben erhielt: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Joh 5,24).

Würde Jesus mich heute fragen, ob ich ebenfalls gehen wolle, dann dürfte und wollte ich von ganzem Herzen in die Worte des Apostels Petrus einstimmen: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ Ich bleibe!

Johann Hesse, Geschäftsführer des Gemeindehilfsbundes

Quelle: Confessio Augustana (CA), II/2021

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[1] H.-G. Pöhlmann, Abriss der Dogmatik, 5. Auflage, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1973, S. 241.

[2] https://www.bamf.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2021/210428-am-interview-forschungsbericht-mld2020.html (abgerufen am 28.5.2021).

[3] Prof. Dr. phil. Edith Düsing, Die geistliche Tragödie Friedrich Nietzsches (Teil 1), Diakrisis, Dez. 2000, S. 228.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 29. Oktober 2021 um 14:13 und abgelegt unter Predigten / Andachten.