Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Geistlich immun?

Donnerstag 21. August 2008 von Pfr. Hanspeter Wolfsberger


Pfr. Hanspeter Wolfsberger

Geistlich immun?
Wie Hauptamtliche wieder Feuer fangen können.

Einer hat geschrieben: „Ich merke, wie ich immer unzufriedener werde. Ich habe unser Rede-Christentum so satt. Immer soll ich Reden halten ĂŒber Gott, aber mir ist, als hĂ€tte ich gar nichts, wo ich es her nehmen könnte. Ich rette mich von einem Nichts ins andere. Auch beim Zuhören geht es mir so. Ich war neulich in B. und die Predigten von… waren sehr gut. Aber es hat mich fast gar nicht interessiert, nicht bewegt, nicht berĂŒhrt. Ich bin wie abgestumpft, innerlich platt, wie nicht aufnahmefĂ€hig. Ich werte andere nach Äußerlichkeiten oder ob der Kollege in meine Schublade paßt. Inhaltlich bin ich nach zwei Minuten weg vom Fenster, spĂ€testens, wenn das Eingangsbeispiel vorĂŒber ist und die Bibel dran kommt.“ Ein anderer sagte es öffentlich: „Ich wĂŒrde nie wieder Pfarrer werden. Ich habe darĂŒber mein geistliches Leben verloren.“

Des frommen Gelabers mĂŒde …

Die folgenden Zeilen wollen manches – aber eines bestimmt nicht: Sie wollen niemandem zusĂ€tzliche Last auflegen. Sie sind viel mehr bestimmt von Anteilnahme. Ich nehme Anteil am Erleben so mancher Haupt- und Ehrenamtlicher, Leiter, FunktionĂ€re und Mitarbeiter im christlichen Bereich – weil ich selber so einer bin. Ich kenne die oben beschriebene Unzufriedenheit aus eigenem Erleben, Und so versuche ich beim Schreiben solche vor mir zu sehen, die – wie ich – zeitweise der frommen Worte mĂŒde sind, „des frommen Gelabers“ ĂŒberdrĂŒssig. Ich sehe Kollegen vor mir, denen die nĂ€chtlichen (Alibi-Arbeits-)Stunden am PC auch noch die letzten Nischen vitalen Lebens weggefressen haben, die auf die Frage nach ihrem Ergehen eine Art Mantra sprechen: „Im Moment ist es gerade ein bißchen viel…“ – an Arbeit, Streß usw.

Solche Pfarrer und Pastoren sehe ich vor mir, die als Predigthörer dadurch auffallen, daß sie ausfallen oder allenfalls wertend hören können. Leute, an denen geistliche Aussagen ablaufen wie Wasser an der Fensterscheibe und von denen man in EinkehrhĂ€usern oder bei KommunitĂ€ten weiß: Sie finden in die Stille wahrscheinlich gar nicht hinein. Wenn sie denn ĂŒberhaupt mal in solch ein „Haus der Stille“ kommen, dann werden sie dort statt einer persönlichen Einkehr irgendein Buch lesen, sie werden mitgebrachte Arbeit auf dem Notebook erledigen und froh sein, wenn ihr Handy ihre Unentbehrlichkeit verkĂŒndet.

„Ich bin halt kein Stille-Typ“ reicht ihnen als BegrĂŒndung fĂŒr ihre Unruhe. Die Erfahrung einer Hausfrau, die sich nach einem einfachen Gebetsspaziergang tief berĂŒhrt zeigt, ist ihnen kaum zugĂ€nglich. Sie empfinden Fremdheit dabei und sie vermitteln diese selber. „Fremd“ kommt von „weit weg sein von etwas“ – und das ist der Eindruck, den sie bisweilen selber vermitteln: Da ist jemand bei manchen Themen weit weg. Vor allem bei Themen einer persönlichen Lebensgestaltung aus Quellen des Glaubens. Ein Kollege seufzte neulich ĂŒber die AggressivitĂ€t, die ihm bei Pfarrkonventen entgegenschlĂ€gt, wenn es um die Praxis einer eigenen SpiritualitĂ€t geht. Ein anderer empfindet: Deutsche Theologen und theologische FunktionĂ€re leiden an einer enormen SelbstĂŒberschĂ€tzung: Was sie nicht selber sagen oder erfunden haben, kann kaum richtig sein. Und wieder einer faßt es so: „Wenn es um geistliches Leben geht, dann sind die Hauptamtlichen die schwierigste Gruppe. Sie können fast nicht hinhören. Sie verzwecken alles. Bedeutsam fĂŒr sie ist nur, was sie fĂŒr ihre nĂ€chste Predigt verwenden können.“

Das Leiden: Innere UnberĂŒhrbarkeit

Frage: Ist das richtig beobachtet? Leiden viele hauptamtliche Pfarrer, Pastoren, Diakone beiderlei Geschlechts nicht nur an schlimmen Einsamkeiten, an Sprachlosigkeit ĂŒber sich selbst, sondern auch an einer im Berufsleben wachsenden inneren UnberĂŒhrbarkeit gegenĂŒber den „reichen GĂŒtern seines Hauses“ (Psalm 36,9) – also an einer schleichenden Kontaktarmut gegenĂŒber Gott? Ich frage: Kann man als Hauptamtlicher unempfindlich werden gegenĂŒber dem Durst der eigenen Seele und gegenĂŒber geistlichen Dingen? Kann man als (Quasi-)Profi im theologischen Dienst in einen Zustand geraten, der einen â€žĂŒber-Gott“-Reden halten lĂ€ĂŸt – ohne daß man noch merkt, was manche Zuhörer schon lĂ€ngst spĂŒren: „Aus Gott reden“ wĂ€re wohl anders? „Als aus Gott reden wir vor Gott, in Christus.“(2. Korinther 2,17)?

Fragt man Menschen in geistlichen Ämtern nach Ursachen fĂŒr diesen Zustand – den die meisten ĂŒbrigens bei Kollegen(!) sehr wohl schon bemerkt haben – so gibt es mancherlei Vermutungen:

Die schier uferlose Arbeitserwartung an einen Pfarrer, sagen manche, lasse keine Zeit ĂŒbrig fĂŒr eine eigene spirituelle Praxis: z.B. fĂŒr Gebet, fĂŒr Hören auf Gott oder fĂŒr Schritte einer lectio divina, wie sie fĂŒr Luther unentbehrlich waren.

Andere meinen: Der Erfolgsdruck aus den Gemeinden verderbe alles. Hatte ein Hauptamtlicher frĂŒher noch Hunger nach Gott, so nĂ€hrt er sich im Dienst immer stĂ€rker von der Anerkennung durch Menschen. Wo einer frĂŒher die „Rechtfertigung des Gottlosen“ pries, da lebt er heute eine „Selbstrechtfertigung des Ruhelosen“.

Oder ist dies eine Ursache: „Den Hauptgrund sehe ich in der Weigerung, mich Gott auszusetzen. Der damit verbundene oder befĂŒrchtete Machtverlust, das GefĂŒhl, etwas aus der Hand geben zu mĂŒssen, ohnmĂ€chtig oder handlungsunfĂ€hig zu sein, das bremst.“

Oder ist es schlicht eine berufsbedingte EnttĂ€uschung, die sich wie die Asche eines Vulkans auf alles Lebendige legen kann – EnttĂ€uschung an Menschen, EnttĂ€uschung an Gott, weil nach so viel „preisenden Reden“ ĂŒber ihn so wenig sichtbar ist von ihm?

Kardinal Lehmann schreibt: „Auch ein Theologe kann zum Atheisten werden, wenn er nicht versucht, ungekĂŒnstelt als Glaubender zu leben, wenn er nicht das GespĂŒr fĂŒrs vitale Leben behĂ€lt, wenn er nicht einfach und lernend bleibt in allen Dingen. Man kann nicht das Leben in der theologischen Retorte erzeugen und alles in Vernunft und Argumentation auflösen. Es ist schon eine teuflische Versuchung, sich mit den Dingen des Glaubens zu befassen, indem man hauptsĂ€chlich darĂŒber redet, sich aber dem Vollzug entfremdet. Es kann vorkommen, daß einer dies gar nicht merkt und nur immer bemĂŒht ist, die Dinge in Ă€ußerster Objektivation zu beherrschen“ („Es ist Zeit, an Gott zu denken“, Herder Freiburg 2000).

Was könnte helfen?

Weil diese Frage sofort im Raum steht, wenn jemand die oben beschriebenen Aussagen macht, wollte ich diesen Artikel lange Zeit gar nicht schreiben. Denn wer bin ich, daß ich anderen Menschen mit ihrer je eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte irgendwelche RatschlĂ€ge zu geben hĂ€tte?

Gleichzeitig berĂŒhrt mich die Not in der Sache. Über dem Arbeiten auf frommen Äckern gehen die eigenen Lebensjahre dahin wie im Flug. RuhestĂ€ndlern gelingt manchmal noch ein bedauernder RĂŒckblick, wenigstens das: „Wenn ich es noch mal zu tun hĂ€tte, wĂŒrde ich …“. Aber wer leistet sich als Theologe, als Gemeindeleiter, als Vorsitzender, PrĂ€ses oder Oberkirchenrat eine ausreichende Zwischenbilanz, so lange er noch im Dienst ist? Vielleicht gibt es sie ja ….

Aber hier meine ich tatsĂ€chlich: Wie man bei einem Auto regelmĂ€ĂŸig Öl, Wasser und Luft prĂŒfen soll – vom Energiehaushalt ganz abgesehen – so sei es auch wichtig, lĂ€ngst vor dem Ruhestand auf das eigene Leben zu achten, auf unser Leben aus Gott und vor den Menschen. Es ist doch wohl nicht wahr, daß es ausschließlich Augustins Herz gewesen ist, welches „unruhig“ war, so lange es ohne GottesnĂ€he auskommen mußte, das unsere ist es doch auch! Und dann und wann hören wir unser Herz ja auch sprechen, wenn es fragt – in den Wachstunden bei Nacht oder vor dem Erwachen: War das alles? Ist das die ganze Geschichte Gottes mit einem Menschenleben – wie ich sie derzeit lebe?

Nur zum vorsichtigen Fragen und HinspĂŒren – so möge man diese Zeilen lesen – wage ich hier ein paar Hinweise aus dem Neuen Testament (Lukas 24,13-35): Zwei namentlich unbekannte MĂ€nner aus dem JĂŒngerkreis gehen auf dem Weg nach Emmaus. Sie sind voll vom Erlebten der letzten Tage – Karfreitag, die GerĂŒchte einer Auferweckung usw. Sie versuchen, das Ungeheure im GesprĂ€ch zu verarbeiten.

„… da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.“

Welch ein Satz. Man mĂŒĂŸte ihn in Gold schreiben, hat Luther zeitweise gesagt. Was ist an diesem Satz? Nun: Ohne daß der Herr selber zu seinen Leuten kommt, wird es kaum gehen. Das gilt fĂŒr alle Menschen – aber ich meine fĂŒr uns Hauptamtliche besonders. Egal, auf welchem Wege Gott kommt: Ob durch ein beschĂ€mendes Gelingen unserer Arbeit oder durch ein berufliches Scheitern, ob durch ein mutiges Bruderwort oder durch eine familiĂ€re Krise, ganz egal – wenn er nur kommt! Und wenn er nicht kommt, dann weiß ich sofort auch nicht mehr weiter.

„Er nahte sich ihnen“ höre ich im Übrigen auch so: Ich glaube, daß FunktionĂ€re in geistlichen Ämtern auf jeden Fall Menschen brauchen, die sich in ihr Leben einmischen dĂŒrfen, die ihnen ein unabhĂ€ngiges Feedbackgeben dĂŒrfen, sonst sind Fehlhaltungen vorprogrammiert. Den JĂŒngern damals nahte sich einer. So, daß sie ihn ertragen konnten, so, daß sie vor ihm drauflos sprechen konnten. Er hört nur und wartet – und dann steigt er auf das ein, was sie ihm hingehalten haben. Und so hat er es zu seinen Lebzeiten immer wieder getan. Bevor er an seinen JĂŒngern handelt, sollen sie ihm ihre Lage hinhalten und erzĂ€hlen.

„Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“

Die Schriftbelege zu dieser Stelle lassen ahnen: Die Sache dauerte lĂ€nger. Sein Reden und ihr Schweigen, meine ich. Was zumindest so viel bedeutet: Sie hielten in seiner Gegenwart ĂŒber eine lĂ€ngere Zeit einfach mal den Mund. Ich mache daraus: Ohne daß wir still werden, geht es ja auch nicht. Nicht wirklich. Ohne Stille, meine ich, ohne Hören auf Gott, ohne Zeit fĂŒr ein Empfangen aus erster Hand geht es einfach nicht. Es ging fĂŒr Jesus selber nicht, es ging fĂŒr Paulus nicht, es ging weder fĂŒr Benedikt noch fĂŒr Luther und fĂŒr viele andere auch nicht. Woher nehmen wir eigentlich heute die KĂŒhnheit, zu meinen, es ginge bei uns ohne Stille vor Gott?

Wir brauchen eine BerĂŒhrung mit den Inhalten des Glaubens „von innen her“, sagt Ignatius. „Es braucht im Glauben bei aller Vermittlung durch menschliche Personen und Strukturen eine letzte Unmittelbarkeit zu Gott, die alles Endliche radikal ĂŒbersteigt und mich mit Gott selbst verbindet.“ (Karl Lehmann) Sonst trocknet man aus, sonst wird man flachwurzelig, sonst wird alles schal, sonst hĂ€lt man sich an Zweitrangigkeiten auf und verliert die große Perspektive. Konkret: Wir brauchen Zeiten fĂŒr und vor Gott, Einkehrtage, Beichte und GesprĂ€che, wo wir uns anschauen lassen, uns einfinden vor Gott und uns begleiten lassen.

Wer es gut mit uns meint, mit uns Hauptamtlichen, der sorge dafĂŒr, daß wir uns solche Zeiten nehmen und geben lassen. RegelmĂ€ĂŸig, nicht als Möglichkeit, nicht als „weichen“ Termin, sondern – wie war das mit dem Auto? Vermutlich wird sich dazu auch in der (Berufs-)Begleitung von uns Hauptamtlichen etwas Ă€ndern mĂŒssen: Ich meine, man solle uns nicht nur fragen, wie wir das Gemeinde-Management optimieren, sondern man soll uns auch fragen – auch kirchenleitend durch Dekane und aus dem Oberkirchenrat: Wie lebst du deinen Glauben? Was nĂ€hrt dein Leben? Wie geht es deinem Beten? Kannst du Gott lieben?

Ich bin mir sicher, daß diese Fragen in meiner evangelischen Kirche nicht inquisitorisch gestellt wĂŒrden. Das ließe schon die in Jahrzehnten unter uns gewachsene theologische Bildung nicht zu. Um so mehr bedaure ich, daß diese Fragen in der Regel ĂŒberhaupt nicht gestellt werden. Das empfinde ich als VernachlĂ€ssigung.

„Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.“

Man darf ja fragen: Warum verstellte er sich? Eine mögliche Antwort ist: Bis zu dieser Weg-Station war alles gesagt, jetzt waren sie selber dran. Jetzt sollten sie sich zu ihm verhalten und aus dem Hören einen nĂ€chsten Schritt machen. Jetzt sind Folgerungen zu ziehen aus dem, was es – nein: Was er – unterwegs mit ihnen gemacht hat. Jetzt sollen sie SchlĂŒsse ziehen aus den Signalen, die sie empfangen haben, welche auch immer. Und genau das taten diese JĂŒnger jetzt:

„Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“

Es war ja so gut, daß sie einander dabei hatten! Und daß sie voreinander GefĂŒhle ansprechen konnten: „Ist es dir auch so gegangen? Mir ist ganz anders geworden, als er vorhin gesagt hat, daß…“ So verstehe ich die Worte: „Brannte nicht unser Herz in uns…“ Die beiden MĂ€nner helfen einander, sich einzulassen auf Regungen ihres Herzens. Es ist wichtig, solche Regungen und Stimmen des Herzens ĂŒberhaupt zu registrieren – und es ist sehr wichtig, sie zuzulassen.

Auch anderes sollen wir zulassen: Zulassen, was die Stimme meines Körpers mir sagen will, das ist vernĂŒnftig. Zulassen, was meine Seele mir anzeigt. Ich soll, auch und gerade als Hauptamtlicher, der gewöhnt ist, vielfach das letzte Wort zu haben, zulassen, was mir meine Beziehungen signalisieren. Und ich soll, wahrhaftig nicht zuletzt, zulassen, woran die Stimme Gottes bei mir rĂŒhrt. An diesem Zulassen hĂ€ngt die Entwicklung unserer ganzen Persönlichkeit. Denn nur wer diese Stimmen und Signale zulassen kann, kann das Loslassen ĂŒben, wenn es Zeit ist. Und nur wer loslassen kann, kann vertrauen, kann sich jemandem und auch Gott ĂŒberlassen. Weil sie im eigenen Stillsein und im GesprĂ€ch zu zweit etwas zulassen konnten, sich einlassen konnten, kamen die beiden JĂŒnger vor Emmaus einen Schritt weiter. Welchen Schritt?

„Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.“

Nötigen an sich ist schlecht. Aber hier ist etwas stark Persönliches in Gang gekommen. Vielleicht nötigte Jesus sie selber durch seine warmherzige Art der Zuwendung. Jetzt ist auch bei ihnen eine innere TĂŒr aufgegangen und sie sagen ihm, was fĂŒr sie unentbehrlich ist: Sein Dableiben. Einfach sein Dableiben! Solch ein Vorgang ist fĂŒr Hauptamtliche so selten wie kostbar. Aber ich meine, daß fast alle sich danach sehnen. Es ist etwas, wenn wir Hauptamtliche wieder auf das Geheimnis Jesu stoßen. Wenn aus Begriffenhaben Ergriffenheit wird. Übrigens: Dann werden wir als VerkĂŒndiger meistens sofort interessant. Denn die Menschen unserer Tage sind hinter Gott her. Und sie suchen nach solchen, die diesen Gott selber kennen.

Anthony de Mello sagt von Hindus, die auf einen christlichen Missionar treffen: Sie werden dem Missionar zuhören, sie werden Interesse zeigen an den Helden der Kirchengeschichte, aber sie werden nicht beeindruckt sein. Sie werden sagen: „Das ist schön. Und wie haben Sie selbst Gott erlebt? Sie kommen zu uns mit Theologie, mit Liturgie und mit der Bibel… Aber hinter all diesen Riten, Worten und Begriffen befindet sich doch eine Wirklichkeit, fĂŒr die die Riten, Worte und Begriffe nur Symbole sind, eine Wirklichkeit, die mehr ist als die Begriffe? Stehen Sie in direkter Verbindung mit dieser Wirklichkeit? Können Sie mich mit ihr verbinden?“ („Von Gott berĂŒhrt“. Herder 1992, S. 22)

Sich der Glut aussetzen

Emil Brunner soll einmal den Protestantismus seiner Zeit so beschrieben haben: Dieser sei wie ein gefrorener Wasserfall. Man sehe noch die gewaltigen Formen: Katechismen, Kirchen, Bekenntnisse, GesangbĂŒcher usw. – aber was einmal Bewegung war, sei heute zur Erstarrung gekommen.

Man versteht dieses Wort richtiger Weise nicht als eine Aussage gegen Formen, sondern gegen das Erfrieren. Erfrieren ist sterbende WahrnehmungsfĂ€higkeit, ist – etwa bei bestimmten WindverhĂ€ltnissen – nahezu schmerzfreies Absterben des Gewebes. Daß sich solches nicht mitten in der Christenheit ereignet, zumal bei hauptamtlichen Christen, war das Anliegen bei der GrĂŒndung der Pfarrgebetsbruderschaft, der Berneuchner Bewegung, der Michaelsbruderschaft und anderer Gemeinschaften. Bonhoeffer war der Meinung: Hauptamtliche brauchten eine gepflegte geistliche Praxis, Übungen der Frömmigkeit – und er war deshalb dafĂŒr, die theologische Ausbildung in kirchlich-klösterliche Schulen einzubetten, (vgl. bei Andreas von Heyl, „Zwischen Burnout und geistlicher Erneuerung“, Verlag Peter Lang). Man mĂŒsse als Hauptamtlicher lernen, sich der „ewigen Glut unablĂ€ssig aussetzen, die einem aus dem Wort Gottes entgegen schlĂ€gt“, war auf der Barmer Synode 1934 zu hören.

An diesen und anderen VorschlÀgen haben seither viele weiter gestrickt. Julius Schniewind, Manfred Seitz, Helmut Thielicke u. v. a. Sie alle verbindet der Wunsch:

  • daß wir Christen alle, aber besonders die Hauptamtlichen, nicht ĂŒber Gott reden, ohne vorher von Gott zu empfangen. Es soll uns nicht reichen, unsere Aussagen irgendwoher zusammen zu lesen oder uns in mancherlei Schöngeistigem oder rhetorischen Kunstgriffen zu erschöpfen. Wir sollen Sehnsucht behalten nach einem eigenen Zugang zu den „reichen GĂŒtern seines Hauses“ (Psalm 36,9).
  • daß wir uns etwas sagen lassen: Von Begleitern – auch von solchen, die uns zunĂ€chst fremd scheinen. Gott kommt nicht uniform. Und auf Signale sollen wir wieder achten lernen, Signale, deren Gott sich schon oft bedient hat – sei es unser Körper, unsere Beziehungen oder die Widerfahrnisse unseres Lebens.
  • daß wir nicht so leben, als brauchten wir zu Gebet und Stille eine spezielle genetische Sonderausstattung. Eva von Thiele-Winckler sagt: „Stille ist eine Macht. In der Stille redet Gott. Ohne Stille vor Gott werden wir ohne Offenbarungen bleiben. Wenn ich an den großen inneren Gewinn denke, der jedes Mal mein Teil war… dann in es mir unbegreiflich, daß ich nicht noch öfter in die Stille ging.“
  • daß wir das Schauen wieder lernen. „Schauen“ ist mehr als „sehen“. Es meint ein inneres und geistiges Wahrnehmen. Carlo Carretto sagt einmal, als er mitten in einer Großstadt die abendlichen Lichter eines Wolkenkratzers aufleuchten sieht: „Wie ist es nur möglich, daß die hĂ€ĂŸlichsten Dinge so lebendig und schön werden, wenn das Licht in sie einzieht.“ Das meint: Man muß die Dinge von innen her wahrnehmen. So wie man ein Haus von innen her planen muß. George Matheson, der blinde englische SĂ€nger, hat vor hundert Jahren gebetet: „0 Gott, dessen Liebe nicht auf von Menschen erbaute GotteshĂ€user beschrĂ€nkt ist, schließe mein Herz auf, dich zu erfassen. Laß mich dich doch ĂŒberall erkennen. Hilf mir, dich zu sehen, wo die Menschen nur die Welt sehen, und dich zu hören, wo die Menschen nur die Stimmen der Massen hören… Lehre mich die VerehrungswĂŒrdigkeit aller Dinge erkennen, die wir gewöhnlich nennen; laß mich dich ĂŒberall erkennen!“

„Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.“

Ich stehe fast jeden Tag in einer alten Kirche. lroschottische Mönche haben vor 1.200 Jahren aus einer keltischen KultstĂ€tte einen Platz fĂŒr Christus gemacht. Eine Kapelle entstand, spĂ€ter eine Wehrkirche. Und nun kommen durch den Mittelgang dieser Kirche seit Jahrhunderten Menschen zum Altar und halten ihre Hand hin, um ein StĂŒckchen Brot und einen Schluck Wein zu empfangen. Warum? Es ist ein Geheimnis darin. Sacramentum war zeitweise Synonym fĂŒr mysterion. Was darauf hinweist: Ein Geheimnis will angenommen, bewahrt und bewohnt werden. Dann erschließt sich etwas. In Lukas 24: „Und sie erkannten ihn.“ Was fĂŒr mich heißt: Laßt uns „heilige Dinge“ wieder mit Offenheit und Sorgfalt tun:

  • ein Gebet achtsam sprechen – auch in der Körperhaltung;
  • einen biblischen Text langsam und mit Liebe lesen, laut, wenn möglich;
  • das Schweigen schĂ€tzen und mehren;
  • sein Herz so oft wie möglich Gott hinhalten, ohne Hast, ohne zu sehen, nur wartend und hörend;
  • und diesem allem einen festen Platz im Tagesablauf geben: Zweimal tĂ€glich, mindestens.

Wer das tut, reißt keine BĂ€ume aus – aber es kann sein, er fĂ€ngt langsam an, Berge zu versetzen…

Hanspeter Wolfsberger (58) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Baden und leitet in Betberg (20 km sĂŒdlich von Freiburg), zusammen mit seiner Kollegin Evelyn HĂ€user das Einkehrhaus „Haus der Besinnung“ (www.betberg.de)

Mit freundlicher Genehmigung aus AUFATMEN 4/2007, Bundes-Verlag, www.aufatmen.de

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 21. August 2008 um 8:42 und abgelegt unter Allgemein, Seelsorge / Lebenshilfe.