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Die Herausforderung der Christenheit in der Gegenwart und das geistige Erbe von Paul SchĂĽtz – Teil I

Montag 5. Februar 2007 von Kirchenrat Hans Lachenmann (1927-2016)


Kirchenrat Hans Lachenmann (1927-2016)

Die Herausforderung der Christenheit in der Gegenwart und das geistige Erbe von Paul Schütz – Teil I
Die drei Herausforderungen der Christenheit in unserem Jahrtausend

I. Die Krise der westlichen Kirchen

Die Sprache der Zahlen

Die Christenheit hat in den letzten 100 Jahren bei einem Wachstum der Weltbevölkerung von 1,6 auf 6,1 Milliarden ihren prozentualen Anteil von 33 % (etwa 2 Milliarden) nahezu halten können. Das war jedoch nur deshalb möglich, weil die zumeist außerhalb der westlichen Welt angesiedelten pfingstlich-charismatischen und evangelikalen Kirchen das gleichzeitig im westlichen Kulturkreis entstehende Defizit ausgleichen konnten.Sie erhielten in den letzten hundert Jahren einen erstaunlichen Zuwachs (von 0,2 % im Jahr 1900 auf 26,2 % der Christenheit im Jahr 2000), so dass zu erwarten ist, dass bis zum Jahr 2025 jeder zehnte Erdenbürger dieser Richtung des Christentums angehören wird.

Das Problemgebiet der Christenheit ist die westliche Welt, vor allem Europa. Es ist das Gebiet, in dem der christliche Glaube seine klassische theologische Prägung erhalten hat. Von hier aus hat er sich in die außereuropäische Welt ausgebreitet und wurde bedeutsam für die ganze Menschheit.

Es handelt sich um Kirchen, die den folgenden Bestimmungsmerkmalen entsprechen:

Sie gehören der westlichen Zivilisation (Europa und Nordamerika) an.

Es sind die Kirchen der weißen und wohlhabenden Völker.

Es sind protestantische Kirchen.

Sie stehen im Einflussbereich von Säkularismus und Liberalismus.

Sie lebten schon immer in einer besonderen Nähe zu Staat und Gesellschaft, darunter auch die historischen Volkskirchen und Staatskirchen.

Sie leben alle in einer Zivilisation, die von der demographisch bedingten Selbstzerstörung bedroht ist.

Beispiel EKD

Die Sprache der Zahlen zeigt eine dramatischen Entwicklung der evangelischen Kirchenmitgliedschaft in Deutschland (Westdeutschland und ehemalige DDR zusammen). Der Mitgliederbestand der evangelischen Landeskirchen stürzte bis zum Jahr 2002 auf 66,3 % der 50er Jahre ab. Das bedeutet den Verlust eines Drittels in einem halben Jahrhundert. Die Zahl setzt sich zusammen aus den Kirchenaustritten und dem Geburtenrückgang. Während die bedrohlichen Kirchenaustritte der 70er und 80er Jahre zurückgegangen sind, nimmt die Zahl der fehlenden Kirchenmitglieder als Folge der demographischen Entwicklung kontinuierlich zu: immer mehr Beerdigungen – immer weniger Taufen. Inzwischen zählt die EKD (2006) bei einer Gesamtbevölkerung von 82,5 Millionen noch 25,4 Millionen Mitglieder, weniger als die Katholiken (25,9 Millionen).

Eine differenzierte Betrachtung wird feststellen, dass die Entwicklung nicht einheitlich verläuft. Da ist der Unterschied zwischen den kargen Kirchenlandschaften des Nordens und dem kirchlich stabileren Süden, vor allem aber die Kluft zwischen den Kirchen in der alten Bundesrepublik und denen im entchristlichten Milieu der ehemaligen DDR. Nur noch 24% der Bevölkerung gehören dort einer der beiden großen Kirchen an.

Die Innenseite

Wer die Entwicklung der evangelischen Kirche seit dem Ende des letzten Krieges erlebt hat, kennt auch die Innenseite dessen, was die Sprache der Zahlen sagt. Nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft ging die Kirche als einzige Großinstitution gestärkt aus der Katastrophe hervor. Hunderttausende, die im „Dritten Reich“ ausgetreten waren, ließen sich wieder in die Kirche aufnehmen. Die Gottesdienste waren gut besucht. Der christliche Glaube hatte sich im Feuer bewährt. Die Kirche wurde in der Gesellschaft geachtet. Auch ihre ethischen Normen wurden respektiert. Das galt als unverzichtbar für den Aufbau eines zukunftsfähigen Gemeinwesens. So blieb es bis in den Anfang der 60er Jahre.

Zuerst war es der wirtschaftliche Aufschwung und ein neuer Wohlstand mit seinen Verlockungen, der die materielle Seite des Lebens in den Vordergrund rückte. Sodann die Entdeckung neuer Freiheiten, die zur Emanzipation aus bisherigen gesellschaftlichen und kirchlichen Bindungen führte. Vor allem die junge Generation kehrte der Kirche den Rücken. Kirche blieb wichtig für soziale Notlagen und die Schwellensituationen des Lebens. Hier hat sie mit ihren Kasualien die alte Monopolstellung halten können.

Dann in den späten 60er Jahren die Renaissance der Ideologien, diesmal marxistischer und sozialistischer Provenienz, verbunden mit der sexuellen Revolution. Sie wirkten nach dem Abklingen der „68er Revolution“ weiter. Es kam zum kulturellen Klimawechsel und zum „Marsch durch die Institutionen“, der auch vor den evangelischen Kirchen nicht Halt machte. Nachdem die kühnen Visionen der neuen Ideologien wie Seifenblasen zerplatzt waren, blieb die „Spaßgesellschaft“ – ohne irgendwelche Zukunftsperspektiven. Für sie gleicht das Leben dem Besuch eines Vergnügungsparks. In der befristeten Zeit gilt es, möglichst viel „mitzunehmen“. Es folgen jedoch Enttäuschungen und Depressionen angesichts einer bedrohten Zukunft. Lange hatte man sie verdrängt: die Klimakatastrophe, die demographische Katastrophe, den „Kampf der Kulturen“, die „Globalisierungsfalle“. Was bleibt, ist geistige Verwirrung und Ratlosigkeit angesichts der neuen Herausforderungen. Die postmoderne Philosophie des Pluralismus erweist sich als ein hilfloser Versuch, den Verwirrungszustand mit der Losung „anything goes“ zu rechtfertigen und mit Toleranzbeschwörungen zu verkleistern.

An der evangelischen Kirche ist dies nicht spurlos vorübergegangen. Es kam zum Wettlauf, um die rasch wechselnden und divergierenden Trends einzuholen oder gar zu überholen. Schon früh, in den 50er Jahren, wurde der Völkerfriede angesichts des drohenden Atomkriegs zum Hauptthema einer politischen Theologie, die – links-orientiert und pazifistisch – während des Ost-Westkonflikts leidenschaftlich für eine waffenlose Politik („ohne Rüstung leben“) kämpfte. Später das Bemühen, marxistische Utopien durch christliche messianische Visionen zu veredeln. Gleichzeitig die emanzipatorischen Trends, die Befreiungstheologien, darunter der Feminismus, um eine Oktave zur „feministischen Theologie“ erhöht, um der eigenen Ideologie in der Kirche zum Durchbruch zu verhelfen. Alle Trends drängten in die Öffentlichkeit und strebten nach einer in ihrem Sinne veränderten Kirche. Gleichzeitig jedoch der Abwärtssog zu einer „Kirche-light“, schonend und gut bekömmlich, aber ohne weitere Verpflichtungen.

Das alles hatte Konsequenzen für die Entwicklung des kirchlichen Lebens. Es kam zum Streit der entgegengesetzten Positionen. Es führte dazu, dass bald kein Mensch mehr verstand, was eigentlich geltende Lehre in der evangelischen Kirche ist, zur Auflösung der Bekenntnisbindung, zu einem selbstzerstörerischen innerkirchlichen Pluralismus. Die evangelische Kirche wurde irrelevant. Sie verschwand aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit.

Bekennende Gemeinschaften und eine sich bildende innerkirchliche Opposition stehen gegen die Auflösung kirchlicher Lehre und Ordnung. Es kommt zu Dissenserklärungen und zum Widerstand im neu aufgerufenen Kirchenkampf. Dass sie trotz respektabler Tapferkeit wenig Gehör finden, liegt nicht nur an der Kleinheit der Gruppen, sondern auch daran, dass sie zu Vergangenheits-orientiert bleiben, oft bis zum Sektierertum, und deshalb den Herausforderungen der Zukunft kaum gerecht werden können.

Der Gottesdienst am Sonntagmorgen offenbart die Misere: eine kleiner werdende, vergreiste und verweiblichte Gottesdienstgemeinde. Resignation in Pfarrhäusern und Gemeinden. Bei den Verantwortlichen die Sorge um zurückgehende Finanzen, das Wegbrechen bisheriger Arbeitsfelder, das Fehlen qualifizierter Persönlichkeiten. Das Gefühl kommt auf: wir befinden uns ohne strategisches Ziel auf dem Rückzug, eine geschlagene, sich auflösende Armee. Daran ändern auch die Versuche nichts, mit modernem Marketing, verbunden mit dem Ruf nach einer „missionarischen Kirche“, das Blatt noch zu wenden.

Das Problem der Assimilation

Dem Niedergang des Protestantismus in der westlichen Welt und der drohenden Selbstzerstörung der EKD liegt dasselbe Problem zu Grunde. Es heißt „Assimilation“. Die verschiedenen Bemühungen, sich den wechselnden Trends des Zeitgeistes anzupassen, führen nicht zum gewünschten Ziel, nunmehr endlich wieder mitreden, mithalten und mitgestalten zu können, sondern zur Selbstauflösung. Woher kommt das?

Das Leben besteht im beständigen Austausch eines Lebewesens mit seiner Umwelt: im Ein- und Ausatmen, in der Nahrungsaufnahme und der Ausscheidung. Es ist ein Assimilationsprozess. Er geschieht in zwei entgegengesetzte Richtungen. Ich nenne sie die „aktive“ und die „passive“ Assimilation.

Im ersten Fall, der „aktiven Assimilation“, behält das Lebewesen seine Identität unverändert bei, als genetischer Code in den DNS-Molekülen gespeichert. Er kontrolliert die Metamorphose des Lebens vom Embryo zum ausgewachsenen Lebewesen und bis zu dessen Ende. Die lebensnotwendigen Stoffe werden aus der Umwelt gelöst und in das neue System integriert. Nur so sind Leben und Wachstum möglich.

Im anderen Fall, der „passiven Assimilation“ geschieht das Umgekehrte. Ein Lebewesen wird assimiliert, herausgelöst aus der Identität des bisherigen Systems, verdaut, nämlich eingegliedert, einem fremden System anverwandelt. Die Alternative von „aktiver“ und „passiver“ Assimilation ist fundamental für alles Leben.

Analoges geschieht mit Kulturen und Religionen, auch mit der christlichen Kirche. Das Neue Testament und die Geschichte der ersten Jahrhunderte n. Chr. zeigen uns die Prävalenz der „aktiven Assimilation“. Nach dem Schritt aus dem jüdischen Kulturraum in den des Hellenismus und der Spätantike wurde die Kirche nicht von den dort herrschenden Geistesmächten alsbald aufgesogen. Es kam vielmehr zu heftigen Auseinandersetzungen über die Versuche, die Christusbotschaft in eine gnostische Mythologie zu verwandeln. Später kam die Auseinandersetzung mit dem Neuplatonismus und dann im Mittelalter mit den Traditionen des Aristotelismus. Das Ergebnis waren theologische Entwürfe, die in der Scholastik das antike Erbe aufnahmen und für ihre Zeit fruchtbar machten. So kam es zu einer hohen christlichen Kultur, in der Wissen und Glauben zusammenfanden, eine Welt, in der Gottesdienst, Dienst am Nächsten in Klöstern und Bruderschaften, Arbeit, Kunst, Wissenschaft und Bildungswesen eine Einheit bildeten. Nicht dass hier alles gelungen wäre, nicht dass es hier nicht auch zu Missbildungen und Missständen gekommen wäre, zu Intoleranz, Ketzerverfolgung und politischem Dominanzstreben! Aber die „aktive Assimilation“ zeigt doch eine Kirche mit einer erstaunlichen Vitalität, der es gelungen ist, eine barbarische Welt in das „christliche Abendland“ zu verwandeln.

Im 17. Jahrhundert kam es zum Umschlag von der „aktiven“ zur „passiven Assimilation“. Die Wasserscheide zwischen beiden ist der 30 jährige Krieg. Die Einheitskultur des Mittelalters hatte sich in den Krisen des Spätmittelalters aufgelöst, die scholastischen Systeme verloren ihre Plausibilität. Das 16. Jahrhundert wurde das Jahrhundert der großen Kirchenspaltungen. Das 17. Jahrhundert das der Konfessionskriege. Begleitet war diese Entwicklung von zahlreichen Entdeckungen und Erfindungen als Folge des neuen rationalen Zugriffs auf die Welt. Die christliche Universitas der Weisheit wurde ersetzt durch die sich von der Tradition emanzipierten „Wissenschaften“, bald geteilt in „Geistes“- und „Naturwissenschaften.“.

Im Raum des Protestantismus aber kam es zur „passiven Assimilation“. Es war die Einsicht: die Kirche muss sich einlassen auf die neue Zeit, ihr Denken, ihre offensichtlich erfolgreiche neue wissenschaftliche Kultur. Sie muss umlernen. Die Frage ist nur, wie geschieht die Auseinandersetzung mit der neuen Zeit? Als aktive oder als passive Assimilation? In den folgenden Jahrhunderten kam es zu „passiven“ Anpassungsschüben: Im 18. Jahrhundert an die Philosophie der Aufklärung und an die neue historische und kritische Betrachtungsweise der biblischen Schriften. Im 19. Jahrhundert zur Anpassung an die neue säkulare Sicht der Natur und ihrer Geschichte. Wo dies geschah, ging die biblische Heilsgeschichte zwischen Proton und Eschaton, Schöpfung und Weltgericht, verloren. Die Autorität der Bibel geriet ins Wanken. Statt der weltumspannenden Heilsgeschichte nun der Rückzug auf das Schicksal des Einzelnen, seine Moral, sein religiöses Innenleben, sein persönliches Heil.

Es gelang nicht, die Einseitigkeit und Begrenztheit der neuen wissenschaftlichen Zugangsweisen und deren Ergebnisse zu erkennen und – daraus befreit – in das umfassende Glauben und Erkennen des von Gott angerufenen und auf ihn hörenden Menschen zu integrieren. Die Anstrengung der „aktiven Assimilation“ wich der Bequemlichkeit der „passiven Assimilation“, stets in der guten Meinung, damit dem christlichen Glauben wieder Lebens- und Wirkungsmöglichkeit zu verschaffen. Wer genau hinsieht, wird verstehen, was hier geschah: die Vitalität christlichen Glaubens erlosch. Man ließ sich vereinnahmen und einbauen in fremde Systeme, meist ohne es zu bemerken.

Das wurde offensichtlich, als im 20. Jahrhundert die neuen Großideologien aufkamen: Marxismus und Nationalsozialismus. Beide gewannen ihre mitreißende Vitalität durch die Ausrichtung auf eine glänzende Zukunft. Die von den Kirchen vernachlässigte, zu Boden gefallene Hoffnungsbotschaft vom kommenden Gottesreich wurde in den neuen Großideologien vom Boden wieder aufgehoben, dem eigenen System einverleibt und so zum Motor der die Massen mitreißenden Bewegung. Es war die Erwartung der klassenlosen Gesellschaft, des kommunistischen Paradieses, nach dem siegreichen „letzten Gefecht“, die Erwartung des „Endsieges“ der nordischen, germanischen Edelrasse über das jüdische „Untermenschentum“. Auch hier kam es, um überhaupt mitreden, um „dabei sein“ zu können, zur passiven Assimilation. Nicht nur bei den „Christen für den Sozialismus“ oder den „Deutschen Christen“, sondern weit darüber hinaus in den Kirchen, auf Kanzeln und Kathedern. Man musste sich doch irgendwie positiv einlassen auf das Neue, musste das Gute darin anerkennen – auch wenn man die christliche Identität nicht aufgeben wollte.

Dass es nach dem Krieg, insbesondere nach dem Jahr 1968, ähnliche „passive Assimilationen“ im deutschen Protestantismus gegeben hat, ist bekannt: in der Friedensbewegung die Koalitionen mit Marxismus und Kommunismus, die Assimilation an den Feminismus, den Pluralismus, das neue Menschenbild der sexuellen Emanzipation. In der Folge der Streit um das Abtreibungsrecht, die kirchliche Segnung homosexueller Verbindungen, bischöfliche Grußworte zum Christopher-Street-Day. Ausverkaufsstimmung kommt auf. Biblische Substanz, kirchliche Lehre und Ordnung – alles kann als Ballast über Bord gehen, um das sinkende Kirchenschiff noch über Wasser zu halten.

Das Tragische dabei ist, dass jedes Mal das neue „System“, dem man hörig geworden war, um ja mitreden und weiter existieren zu können, sich als eine das Leben schädigende Ideologie entlarvt und alsbald wieder verschwindet. Das gilt sogar von der heute weithin unbestrittenen wissenschaftlichen Kultur. Sie brachte die moderne Welt hervor: Fortschritt, Wohlstand, Gesundheit und größere Lebenserwartung. Ihr folgten jedoch die atomare Bedrohung, die Umweltkatastrophe, die Ausbeutung der Natur, die Überbevölkerung und die demographische Katastrophe. Es zeigt sich immer mehr, dass eine Wissenschaft ohne Weisheit, ein Erkennen ohne Liebe, eine Zukunftsbewältigung ohne Grenzen, kurz ein Gott von vorneherein ausschließendes Wissen, am Ende nur noch Zerstörung anrichtet. Hier muss etwas in der Wurzel falsch sein. Ist es nicht der gewalttätige Zugriff des Menschen auf Gottes Schöpfung? Ist es nicht der autonome Mensch, der nichts mehr von Gott wissen will und nun an seine Grenzen stößt?

Die „passive Assimilation“, bringt keine neue Lebensmöglichkeit für die Kirche, sie zwingt vielmehr zu einem Rückzug ohne Ziel und Ende. Die westlichen Kirchen werden zu sich selbst auflösenden Gebilden in einer sich selbst zerstörenden Kultur.

Eine wichtige Bemerkung

Der hier geschilderte Niedergang des Protestantismus in der abendländischen Kultur bedarf einer Ergänzung. Was aufgezeigt wurde, ist nicht alles, für viele vielleicht nur eine Randerscheinung. Gibt es in dieser Geschichte nicht auch reiches geistliches Leben? Herausragende Gestalten: Denker, Kämpfer, Märtyrer, Männer und Frauen, die ihren Glauben lebten und bezeugten? Eine reiche Tradition des Singens und Musizierens zum Lob Gottes? Aufopferndes Tun im Dienste der Mission und der Diakonie? Dazu treue und fromme Mütter und Väter, die Kindern und Enkelkindern die biblischen Geschichten weitererzählt, mit ihnen gesungen und gebetet haben? Gibt es nicht Ströme des Segens, von denen wir noch heute leben? Das alles ist tatsächlich so, ein Grund zum Danken. Es ist jedoch wie mit dem Klimawandel und dem langsam abschmelzenden Gletscher. Nur an den schmutzigen Rändern erkennt man den Rückzug; die Gletschermasse ist zum größten Teil noch vorhanden, scheint intakt zu sein. Doch die Veränderung ist überall wirksam. Das langsame Verschwinden lässt sich nicht mehr übersehen und nicht mehr aufhalten. So steht es auch um den christlichen Glauben in Deutschland und in der westlichen Zivilisation: ein ständiges Abschmelzen, ein ständiger Erosionsprozess, ein ständiges Absinken des Grundwasserspiegels stellt uns vor die Frage: Wird das so weitergehen? Reichen unsere Bemühungen, den Verfall zu stoppen? Was muss geschehen? Wo finden wir Hilfe?

Die Frage ist jedoch erst da verstanden, wo sie ganz anders lautet: Wie kann es zum Wechsel von der passiven zur aktiven Assimilation kommen?

II. Fallende Grenzen

Grenzen

Grenzen sind Schutzzäune. Sie grenzen einen Lebensraum ab, in dem eine Tierpopulation oder eine bestimmte Menschengruppe zuverlässige Überlebensmöglichkeit findet: eine „ökologische Nische“. Denn die Welt ist voller Bedrohungen und Gefahren: das widrige Klima, Raubtiere, gefährliche Konkurrenten oder feindliche Horden, vor denen man sich schützen muss. Alles Fremde ist verdächtig.

So sind die Lebewesen von der Natur ausgestattet: Da sind die Männchen auf Posten, markieren Reviergrenzen, geben Alarm, wo eine Grenzverletzung droht. Dann aber, wenn dies geschieht, stürzen sie sich todesmutig in den Kampf. Ähnlich haben es auch die Menschen der Frühzeit gehalten. Wo Grenzen zwischen einzelnen Menschengruppen fielen und es zum Zusammenschluss in einem Staatsgebilde kam, musste alsbald eine neue Grenzsicherung organisiert werden.

Das Fremde, gefährlich und stets verdächtig, weckt zugleich Neugier nach der Welt jenseits der Grenzen. Aus der Neugier wird die kĂĽhne Fahrt in fremde Lande: „schauen, was hinter den Bergen haust und wie die Welt so weit…“. Dem folgt die Reise des Kaufmanns, die nicht allein zum Tausch von Waren fĂĽhrt, sondern von Sprachen, Erfahrungen und Ideen.

Eine andere Version des Ausgriffs über die Grenzen ist die brutale Eroberung, Vernichtung und Ausplünderung der Länder und Reiche jenseits der Grenzen, eine Erscheinung, die bald alle Chroniken und Annalen füllt. Denn hier geschieht das Schreckliche: Unheil und Vernichtung brechen in den „umfriedeten“ Raum ein.

All dies wird nun als Thema der Völkerwelt im politischen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Geschehen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der Menschheitsgeschichte traktiert und erlitten. Heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts jedoch erleben wir, wie die Grenzen, die „Umfriedungen“, eine nach der anderen fallen.

Grenzen fallen

Begonnen hat es mit den Nachrichten. Einst mühsam über schlechte Straßen befördert, kamen sie, wenn alles gut ging, nach Wochen oder Monaten bei den Adressaten an. Heute fliegen Informationen über Telefon, Funk und E-Mail in Sekundenschnelle von Kontinent zu Kontinent. Das Internet ermöglicht den blitzschnellen Aufruf von Informationen, Wissenswertem und Unterhaltung aus aller Welt. Es gibt keine Grenzen mehr für die Stillung unseres Informationshungers. Die Tyrannen aber haben es schwer, ihre Völker von der eigenen Macht schädlichen Nachrichten aus aller Welt abzuschirmen.

Die Grenzen des Warenverkehrs öffnen sich, denn die rapid anwachsende Produktion von immer besseren und billigeren Waren sucht immer größere Märkte. Die Welt wird zum global village, der Markt zum Weltmarkt. Sind die Grenzen gefallen, die Zollschranken abgebaut, dann tun sich – so erwartet man – ungeahnte Möglichkeiten auf, immer mehr Wohlstand für alle Menschen zu schaffen. Gleichzeitig fallen die Grenzen für die Finanzmärkte. Milliarden Dollars können per Mausklick sekundenschnell dorthin beordert werden, wo der Einsatz den größten Gewinn verspricht.

Die „Globalisierung“ schafft Gewinner und Verlierer. Gewinner sind die großen Konzerne, oft mächtiger als Regierungen. Dazu die „global player“, die überall in der Welt zu optimalen Bedingungen produzieren können. Auf der anderen Seite Millionen Menschen in Hunger und Elend. Die Tüchtigen, gut Ausgebildeten und Erfolgreichen können sich ungehindert ausbreiten, die Schwachen und die Unterentwickelten haben keine Chance, zu Arbeit und Lohn zu kommen. Soziale Gegensätze verschärfen sich, die Schere zwischen Superreichen und Bettelarmen geht auseinander. Es gibt keine „ökologischen Nischen“ mehr, in denen Schwächere ein bescheidenes aber würdiges Leben führen können.

Grenzen ermöglichen Frieden. Es sind „Umfriedungen“, die man nicht ohne Schaden niederreißt. Gleichen die Globalisierer nicht dem Zirkusdirektor, der eines Tages auf den Gedanken kommt, Gitter und Käfige zu entfernen und alle, Kamele, Pferde, Hunde, Tiger, Bären und Löwen in einem einzigen großen Areal unterzubringen? Was da passiert, weiß jeder.

Zu den Folgen gehört der „clash of civilisations“, (1) den Samuel Huntington angesagt hat. Wenn Grenzen fallen, dann auch die zwischen Religionen und Kulturen. Sie stoßen unmittelbar aufeinander mit allen Gegensätzen, nun auch in Deutschland mit seinen über 3 Millionen Muslims. Was geschieht da?

Zur westlichen Kultur gehören neben dem Christentum die Verheißungen und Verführungen einer dekadenten Zivilisation. Für Moslems in aller Welt bedeutet das – beides in eins gesehen – eine Beleidigung ihrer Religion, eine Bedrohung ihrer religiösen und kulturellen Identität. Gegen sie macht nun ein aufgeregter, sich bedroht fühlender Islam mobil, empfindlich bis zur Hysterie gegen jede vermutete Beleidigung des Propheten. Der Konflikt radikalisiert sich. Das kriegerische Erbe des Korans gewinnt die Oberhand. Mit allen, auch gewalttätigen Mitteln, soll im Namen Allahs der moralisch minderwertige, gottlose Westen samt den Christen zur Unterwerfung unter Allah, nämlich zum „Islam“ bekehrt werden. Es sind nicht nur einige böse Islamisten; der Islam insgesamt fühlt sich heute vom Westen bedroht, weiß sich zum Widerstand im “Dschihad“ und zum Sieg über den Rest der Welt aufgerufen.

Zur Reaktion auf fallende Grenzen gehört die Errichtung neuer Eingrenzungen. Da erwacht neue Sehnsucht nach Heimat, nach Identifizierung mit der eigenen Kultur und Abgrenzung gegen das Fremde. Am Rande der Gesellschaft bildet sich eine radikale Szene von Neonazis, die sich lautstark und gewaltbereit vom Rest der Gesellschaft abgrenzen und die Fremden loshaben wollen. Irgendetwas braucht offenbar der Mensch, in das er sich aus der verwirrenden globalen Welt zurückziehen kann in ein Eigenes. Der Warnung vor den Gefahren von „rechts“ und vor jeder politischen oder religiösen Bunkermentalität, als „Fundamentalismus“ geächtet, wird lauter. Auch dies gehört zu den Folgen der Globalisierung und der fallenden Grenzen.

Die Reaktion der Kirchen

Dieser Herausforderung müssen sich die Kirchen stellen. Soll die Reaktion wieder die passive Assimilation sein, die Anpassung an das, was „man“ von der Kirche erwartet? Von der einen Seite kommt die Aufforderung, sie möchte sich doch mehr für die Verlierer der Globalisierung einsetzen. Sie sollte ihre kritische Stimme erheben gegen die global player, die Finanzhaie, die Ausbeuter der Armen. Von anderer Seite kommt die Beteuerung, wie wohltätig für alle Menschen doch die leichtere Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen sei. Die wirtschaftliche Entwicklung wird einen gewaltigen Sprung nach vorne machen. Wo Grenzen fallen, werden bisher fremde Menschen zu Freunden, der Friede sicherer. Die Kirche solle den Globalisierungsprozess ja nicht schlecht reden. Beide aber mahnen die Kirche, in einer globalisierten Welt auf die Missionierung Andersgläubiger zu verzichten und stattdessen zu mehr Toleranz und zu friedlichem Dialog aufzurufen. Mission hingegen sei religiöser Imperialismus, eine Quelle blutiger Religionskriege.

Sollen wir auch hier den Weg der „passiven“ Anpassung gehen, uns solchen Forderungen und Zumutungen beugen? Haben wir im Streit der Kulturen und Religionen nichts anderes zu sagen, als die gebetsmühlenartige Forderung nach „mehr Toleranz“ zu wiederholen? Ist es unsere Aufgabe, Abraham zum Vater der drei monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam zu ernennen, Gemeinsamkeiten zu suchen und zu entdecken, das Trennende zurückzustellen und zu verharmlosen? Soll Mission verboten sein? An ihrer Stelle der freundschaftliche Dialog? Ja kein religiöser Imperialismus! Ja nicht den clash of civilisations herbeireden! Sollen wir den Wahrheitsanspruch des Evangeliums preisgeben und damit das Bekenntnis zur weltweiten Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi? Christus ist es, der Grenzen überschreiten, Türen öffnen und damit Frieden schaffen kann.

Werfen wir einen Blick auf die Länder außerhalb des abendländischen Kulturkreises: China, Nordkorea, die islamische Welt: Iran, Saudi-Arabien, Nigeria, der Sudan. Hier bleibt den Christen kein Zentimeter Raum für passive Assimilation. Hier ist Christenverfolgung, die größte seit Bestehen der christlichen Kirche. Jährlich über 150 000 Menschen sollen es sein, die ihr Leben verlieren, nur weil sie Christen sind.

Warum werden die Christen schon von Anfang an gehasst? Der Hymnus im Philipperbrief (Phil 2, 5-1) zeigt, warum die christliche Religion anders ist als die anderen. Auch heidnische Religionen wissen um eine göttliche Ordnung allen Seins, das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Sie ist unantastbar; niemand kann sich ungestraft gegen sie verfehlen. Sinn von Religion ist es, die Menschen in diese Grundordnung einzufügen. Im Christentum heißt sie „Gott ist Liebe“ (1. Joh 4,16). Dieser Satz hat einen Namen und eine Geschichte: Jesus, der Sohn Gottes. Er geht den Weg in die Tiefe, zu den Menschen, ans Kreuz. Es gibt hinfort keinen Ort, keine Tiefe, wohin Christus nicht schon gegangen ist. Er gibt sich selbst dahin für die Versöhnung der Menschen mit Gott. Diese Liebe trägt den Sieg davon über alle noch so gewalttätigen Gewalten. Deshalb ist der gekreuzigte Christus der Auferstandene, der gegenwärtige Kyrios, der kommende Weltenrichter, dem alles, es sei im Himmel oder auf Erden oder unter der Erde, untertan sein wird, „zur Ehre Gottes des Vaters“.

Paulus wusste, dass das Wort vom Kreuz für die Juden ein Ärgernis und die Griechen eine Torheit ist (1. Kor 1,23). Heute richtet sich gegen Christus der Hass der nordkoreanischen Fanatiker. Für sie ist ihr Diktator Kim-Jong-Il die verkörperte Gottheit. Gegen das Wort vom Kreuz richtet sich der Zorn des Islam. Ein Gott, der in seinem Sohn Mensch wird und am Kreuz stirbt, ist für den Islam die größte aller denkbaren Gotteslästerungen. Der Gott des Islam kann nur ein Sieger sein, der von allen Menschen Unterwerfung (Islam) fordert. Nur so ist Gott als Gott überhaupt denkbar. Der Islam kennt nicht den schwachen, leidenden Gott, keinen Heilandsruf zur Versöhnung, nicht die Liebe die auf die Heimkehr des Verlorenen sehnsüchtig wartet.

Wo ein Mensch unter die verwandelnde Macht des Kyrios Christus kommt, da löst sich die Verstockung der Ohren, die Verblendung der Augen, die Verwirrung des Verstandes. Der Mensch wird endlich fähig, die Dinge der Welt so zu sehen, wie sie sind. Da erkennt er, dass fallende Grenzen nicht automatisch zu grenzenloser Freiheit führen. Da lernt man unterscheiden, welche lebensnotwenig sind, welche dem Leben hinderlich. Da sieht man die Globalisierung mit nüchternen Augen, erkennt Möglichkeiten und Gefahren, schließt nicht mehr die Augen davor, dass Umweltkatastrophen und Ausplünderung der Erde unabwendbar werden, wenn die Milliardenheere der Armen und Bettelarmen aus den Kellerlöchern in die Beletage der Wohlstandsgesellschaft drängen. Es wird dann sichtbar, wie die schon lange heranwachsenden Spannungen in der Menschenwelt sprungartig zunehmen, sich die Temperatur erhöht, das ganze „System“, immer schneller rotierend, zum sich selbst vernichtenden Syndrom wird. Grenzen sind nötig, um dem Leben noch Raum zu lassen. Wir stehen nicht am Anfang eines Paradieses von Wohlstand, Frieden und Freiheit, sondern im dramatischen Endlauf der Geschichte.

Die entscheidende Alternative

Die Reaktion auf die fallenden Grenzen offenbart, ob die protestantischen Kirchen des Westens in der Linie der passiven Assimilation die anstößigen Wahrheiten des christlichen Glaubens, und damit sich selbst aufgeben, oder ob es gelingt, „umzuschalten“ auf die aktive Assimilation. Sie kennt nicht die billige Toleranz des „anything goes“, dafür das Charisma der „Geduld“, der hypomonedie den anderen „ertragen“ kann, auf Gewalt verzichtet, darin gleich der göttlichen Geduld. Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (Mt 5, 45). Es ist die Geduld, die warten kann, wie der Vater auf den verlorenen Sohn, dass er heimkomme. Nach einem biblischen Wort hat Gottes Barmherzigkeit noch kein Ende, sondern ist alle Morgen neu und seine Treue ist groß (Klagelieder 3, 22f). Das ist etwas anders als die heute zur Kardinaltugend erhobene „Toleranz“. In ihr ist viel Gleichgültigkeit, in der Geduld aber eine große Liebe verborgen.

Die Antwort auf die Herausforderung durch den Islam ist der Lackmustest, der sichtbar macht, ob die Christen den Kurs der passiven Assimilation fortsetzen, faktenresistent die Realität verweigern, die Bedrohung verneinen, alles verschleiern, vernebeln und verharmlosen – und sich darüber selbst aufgeben – oder ob sie sich dem verweigern und so den ersten Schritt aus dem Sog der passiven zur aktiven Assimilation tun, der Konsequenz des Bekenntnisses zu Jesus Christus dem Kyrios der Gemeinde und Pantokrator über alles.

III. Sich weitende Horizonte

Der Horizont des Glaubens

Dass unser Leben mit allem zusammenhängt, was im Weltraum noch in fernen Galaxien und Sternen geschieht, ahnen wir schon lange. Der gestirnte Himmel über uns ist keineswegs nur die Kulisse, vor der das Drama des Lebens spielt. Heute wissen wir es, dass jedes Atom unseres Körpers in fernen Galaxien erbrütet wurde. Wir sind „Kinder des Weltalls“ (Hoimar v. Ditfurth). Könnte es sein, dass das Geheimnis unseres Menschseins, unserer Herkunft und Zukunft und des Sinns unseres Daseins, erst in diesem Horizont ihre Antwort findet? Er darf nicht ausgeblendet werden, wenn wir nach der Herausforderung fragen, vor die unsere Kirche heute gestellt ist.

Die Bibel beginnt mit der Schöpfungsgeschichte. Gleich am Anfang der weiteste Horizont, den man denken kann: die Entscheidung für das Sein gegen das Nichts. Deshalb Schöpfung, von der Erschaffung des Lichts bis zum Menschen, dem Bild Gottes, einmündend in den Ruhetag Gottes. Und gleich am Anfang das Exempel einer aktiven Assimilation. Der Text ist die Antwort auf den babylonischen Schöpfungsmythos „Enuma Elisch“. In ihm ist die Welt das Produkt eines wilden Götterkampfes; in der Genesis jedoch Geschöpf des göttlichen Wortes, das gegen die Finsternis das Licht ruft, gegen das Chaos die Ordnung. Der biblische Text ist deshalb kein Mythos zur Ehre des Gottes Marduk und zur Bestätigung babylonischer Macht, sondern ein Zeugnis der Macht und Herrlichkeit des Gottes Israels. So kam es in der Zeit des babylonischen Exils zu einem der erstaunlichsten Texte der Literaturgeschichte. Der Hintergrund des vorwissenschaftlichen Weltbildes kann den Eindruck des Textes auf den heutigen Leser nicht auslöschen. Der biblische Schöpfungsbericht ist unverzichtbar bei unserer Aufgabe, all das, was wir heute von Weltall, Erde und Mensch erkennen, mit den Augen des Glaubens neu zu sehen. Hier schon am Anfang: keine passive Assimilation an Babylons Macht und Götter, sondern aktive Assimilation. So wird das Schöpfungszeugnis zum Eingangsportal der Bibel.

Die Einheit von Glauben und Wissen zerbricht

Die Frage des Weltbildes war von Anfang an auch eine Glaubensfrage. Dass der christliche Glaube in jedem Weltbild bezeugt werden könne, war damals undenkbar. Das antike geozentrische Weltbild des ägyptischen Mathematikers Ptolemäus (100-160 n. Chr.) galt als kompatibel mit dem biblischen Bild einer Welt, in deren Mitte unverrückbar die Erde steht. Sie ist Heimat des Menschen und Ort der Heilsgeschichte. Das ist der Grund, weshalb der katholischen Kirche der Abschied vom geozentrischen Weltbild so schwer gefallen ist. Erst im November 1992 wurde Galilei von seiner Kirche rehabilitiert. 1632 war er von Papst Urban VIII. verurteilt und zum Schweigen gezwungen worden. Zuvor schon hatte sich Martin Luther drastisch zu den neuen, der Bibel widersprechenden Lehren des Nikolaus Kopernikus geäußert, ihn sogar einen „Narren“ genannt.

Die Sorgen des römischen Papstes, die zur Verurteilung Galileis geführt haben, wie auch die harsche Ablehnung der kopernikanischen Wende durch den deutschen Reformator, sind zu verstehen. Ahnten sie wohl schon, dass der Sturz des geozentrischen Weltbildes eine Kettenreaktion auslösen würde, welche die christliche Glaubenswelt bedroht? Sie zeigt sich schon mit der Krise, die das christliche Europa bewegte, als der ehemalige Dominikanermönch Giordano Bruno am 17. Februar 1600 in Rom auf dem Campo de Fiori verbrannt wurde. Zu provozierend, zu destruktiv waren die Thesen des Naturphilosophen, mit denen er Jahrzehnte hindurch in den Städten und Universitäten Europas für Aufregung gesorgt hatte: Die räumliche Unendlichkeit und ewige Dauer des Universums. Darin eine Unendlichkeit von Sonnen und Planeten mit einer unendlichen Zahl intelligenter Wesen. Und deshalb kein Jenseits, kein Himmel und keine Hölle. Deshalb auch keine Schöpfung am Anfang und kein Weltgericht am Ende. Und schließlich kein göttlicher, menschgewordener Erlöser. Denn Gott und Universum sind eins und dessen nicht bedürftig.

Hier ist die bisherige Einheit von Wissen und Glauben, Weltbild und biblischer Heilsgeschichte zerbrochen. Dann kommt es zum Widerspruch von Glauben und Wissen. Die Bibel verliert ihre Autorität. Der Christenglaube wird in die Defensive gedrängt, wird Privatsache. Theologie, die hier noch helfen will, kann der Versuchung der passiven Assimilation kaum entgehen.

Doch so schnell verlief die Kettenreaktion nicht. Es dauerte gut 300 Jahre, bis die schon damals befürchteten Auswirkungen allgemein eintrafen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gleichzeitig mit dem Siegeszug der exakten Naturwissenschaften, kam zum Ausbruch, was bisher den meisten Zeitgenossen verborgen geblieben war. Charles Darwins Evolutionslehre führte zu heftigen und endlosen Debatten, die bis heute andauern. Ist die Welt Gottes Schöpfung, der Mensch Gottes Ebenbild? Oder ist alles natürlich erklärbar, der Mensch ein Nachkomme affenähnlicher Vorfahren? Und wenn die Bibel schon im ersten Kapitel nicht „stimmt“, was soll man da noch glauben?

Jetzt wurde es vielen erst bewusst, was Astronomen schon lange entdeckt hatten, dass auch das heliozentrische Weltbild inzwischen hinfällig geworden ist. Das geschah schon ein Jahrhundert zuvor, als Immanuel Kant seine „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ (1755) veröffentlicht hatte. Die Sonne verliert ihren Ehrenplatz als Mittelpunkt des Universums; nur ein Stern ist sie unter unzählbar vielen anderen. Damit verbindet Kant schon eine moderne Kosmogonie. Die Entstehung der Sterne erklärt er als einen Prozess, in dem sich kosmische Materie durch die Kraft der Gravitation zusammenballt.

Erst viel später verbindet sich die Kosmogonie mit der neodarwinistischen Evolutionstheorie zum einheitlichen Prozess. Ausgehend vom „Urknall“ bildet sich zugleich mit Raum und Zeit die Reihe der chemischen Elemente vom Wasserstoff bis zum Kohlenstoff und den schweren Elementen, die in fernen Riesensternen in einem Milliarden Jahre währenden Prozess ausgebrütet werden. Später entsteht daraus um die Sonne unser Planetensystem. Auf unserer Erde dann die Geschichte des Lebendigen von den einfachsten Vorformen bis zum homo sapiens.

Jacques Monod – Zufall und Notwendigkeit

Diese Geschichte hatte Jaques Monod vor Augen, als er mit seinem Buch „Le hasard et la nécessité,“ (Zweifel und Notwendigkeit) (2) daraus die äußerste Konsequenz zog. Die Annahme des Neodarwinismus, dass sich der Aufstieg des Lebendigen mit dem Zusammenwirken von Mutation und Selektion ausreichend erklären lasse, erweitert Monod zu der Theorie, dass das Zusammenspiel des blinden Zufalls und der nach strengen mathematischen Gesetzen ablaufenden Notwendigkeit das kosmische Geschehen vom Urknall bis zur Gegenwart verursache. Seine These hält er für die einzig mögliche, objektive, logische und beweisbare Theorie, um auch das Entstehen des Menschen abschließend zu erklären. Er ist nichts als das Produkt eines unwahrscheinlichen Zufalls. Schon das Entstehen des Lebens verdankt sich einem Ereignis, das sich nur einmal abgespielt hat. „Die a priori- Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses“ war „fast null.“(3). Für den Menschen gilt: „Das Universum trug weder das Leben, noch trug die Biosphäre den Menschen in sich. Unsere ‚Losnummer’ kam beim Glücksspiel heraus. Ist es da verwunderlich, dass wir unser Dasein als sonderbar empfinden – wie jemand, der im Glücksspiel eine Milliarde gewonnen hat?“ (4) Doch leider ist der Mensch so geartet, dass er dem Geschehen, das ihn hervorgebracht hat, hartnäckig einen Sinn beilegen will. Er ist süchtig nach philosophischen Welterklärungen und nach Religion. Für Monod sind alle Religionen Produkte der Angst und der „heroischen Anstrengung der Menschheit, verzweifelt ihre Zufälligkeit zu verleugnen.“ (5) Und „von allen großen Religionen ist die jüdisch-christliche in ihrem historischen Aufbau sicherlich die ‚primitivste’“. Für sie alle gilt sein bekannter Satz: „Wenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“ (6) Descartes Trennung von res cogitans und res extensa aufnehmend und zugleich bis ins Groteske überbietend kann Monod am Ende seines Buches noch sagen, das Handeln bringe zwar gleichzeitig das „Wissen um Werte“ ins Spiel; aber beide „Reiche“ seien voneinander radikal getrennt. Der Mensch ist in der „teilnahmslosen Unermesslichkeit des Universums allein, aus dem er zufällig hervortrat.“ Sein Los und seine Pflicht stehen nirgendwo geschrieben. „Es ist an ihm zwischen dem Reich und der Finsternis zu wählen“. Mit diesem Purzelbaum in einen in nichts begründeten Existentialismus lässt Jacques Monod den Leser am Ende ratlos zurück. (7)

Neue Horizonte

Jacques Monod ist Repräsentant einer weit verbreiteten Denkrichtung. Deshalb müssen wir die Augen aufmachen und sehen, was sich auf dem Gebiet der Kosmologie getan hat. Es ist eine Revolution.

Das geschah an drei Punkten:

Die Welt hat einen Anfang; sie ist nicht unendlich. Die Vorstellung einer absoluten Zeit und eines absoluten Raums bei Newton wollte Albert Einstein noch festhalten, obwohl die von ihm entdeckte allgemeine Relativitätstheorie auch den Raum dem Prinzip der Relativität unterwerfen musste. Um ein sich ausdehnendes Universum auszuschlieĂźen, postulierte er damals (1915) die kosmologische Konstante Lambda, die er später als „die größte Eselei seines Lebens“ bezeichnete. Die Entdeckung der Rotverschiebung im Spektrum ferner Galaxien durch Edwin Hubble (1929) fĂĽhrte nämlich zu der Erkenntnis, dass das Universum zusammen mit Raum und Zeit vor ĂĽber 14 Milliarden Jahren im „Big Bang“ – „Urknall“ seinen Anfang genommen hat und sich seitdem mit beschleunigter Geschwindigkeit ausdehnt. Die „Urknall-Theorie“ hat sich bewährt und gilt heute als gesicherte Tatsache.

Die Welt hat eine Geschichte. Die chemischen Elemente sind das Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses, der vom Urknall ausgehend zur Bildung der chemischen Elemente vom Wasserstoff bis zu den Transuranen fĂĽhrte. Es ist die Geschichte einer Entwicklung von primitiven zu immer komplexeren Strukturen. Sie sind die Voraussetzung fĂĽr die Bildung von Planeten und die Entwicklung des Lebens vom Einzeller bis zum Menschen.

Einen gewaltigen Schritt weiter führt das „Anthropische Prinzip“ (AP), (8) die Entdeckung, dass die Geschichte bis zum Menschen, einem „Beobachter“, nämlich einem mit Bewusstsein und Intelligenz begabten Wesen, nur möglich war durch eine nahezu unwahrscheinliche Feinabstimmung der vier Naturkonstanten in den ersten Momenten nach dem „Urknall“. Im Unterschied zum „schwachen AP“, das nur die Möglichkeit einer solchen Geschichte kennt, will das „starke AP“ diese als eine von vorneherein angelegte Entwicklung postulieren. Es ist, als ob das Universum nur dazu da wäre, wie ein riesiger Brutapparat am Ende der gewaltigen Geschichte den Menschen erscheinen zu lassen.

Damit kommt Finalität ins Spiel, ein Verbrechen gegen die heiligsten Gesetze der exakten Naturwissenschaft, die allein das Prinzip der Kausalität gelten lässt. Einen Schritt weiter, ein noch schlimmeres Vergehen gegen die Grundsätze der Naturwissenschaft, bedeutet die Annahme eines „Intelligent Design“ „ID“, also einer schöpferischen Intelligenz, die den bisher zur Erklärung der schöpferischen Entwicklung allein verantwortlichen Alleskleber „Zufall“ ersetzen soll. Nicht der Zufall, sondern das Wirken einer frei handelnden Intelligenz, offensichtlich einer Chiffre für den biblischen Schöpfergott. Dies wäre allerdings das definitive Ende der bisherigen exakten Naturwissenschaft. Kein Wunder, dass über diese Fragen ein leidenschaftlicher Streit entbrennt, um den Einbruch einer dem Denken der Naturwissenschaft fremden Welt abzuwehren.

Die Richtung der neuen kosmologischen Entdeckung ist eindeutig. Sie bedeutet eine Vergeschichtlichung und Vermenschlichung des Universums – das genaue Gegenteil dessen, was J. Monod wollte.

Der geschichtliche Charakter des Universums wird an einer anderen Stelle evident, deren Bedeutung merkwürdiger Weise bisher unbeachtet blieb, obgleich sie vor Augen liegt. Es ist das Phänomen der Beschleunigung im evolutiven Weltprozess. Er verläuft nicht in einer gleichmäßigen Geschwindigkeit analog einer linearen mathematischen Gleichung, sondern in einer dramatisch dem Ende zu anwachsenden Beschleunigung analog einer Exponentialgleichung. Man vergleiche nur die unermesslichen Zeiträume der kosmischen Geschichte bis zum Entstehen des Lebens mit dem letzten dramatischen Abschnitt der Menschheitsgeschichte, so wird dies evident. Die Kurve schwingt sich für den „Beobachter Mensch“ aus der Horizontalen kommend in die Vertikale, die keinen weiteren Schritt in der horizontalen Zeitlinie zulässt. Was bedeutet das? Weist das auf den nahen „Punkt Omega“ das Ende der Geschichte des Universums hin? (9)

Die Welt hat ein Ende. Der Mythos einer ins Unendliche fortlaufenden Geschichte des Universums war auf die Dauer nicht zu halten. Zuerst war es der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, das Entropiegesetz, das zur Vorstellung eines Universums führte, das nach undenkbar langer Zeit infolge der zunehmenden Entropie im „Wärmetod“ endet, dem völligen Ausgleich aller Energiedifferenzen. Noch Carl Friedrich von Weizsäcker dachte in diese Richtung. (10) Die Frage, ob sich das Universum immer weiter ausdehnt, ob es nach einer Phase der Expansion zur Kontraktion kommen könne, oder zu einem Phasenspiel beider, beschäftigte zeitweise die Köpfe der Gelehrten. Dann aber führten Beobachtungen in eine ganz andere Richtung, nämlich zur bisher kaum bedachten Möglichkeit eines Weltendes. Es war die Beobachtung, dass sich die Expansionsgeschwindigkeit des Universums zunehmend beschleunigt. Bisher hatte man angenommen, die Expansionsgeschwindigkeit des Universums müsse sich infolge der Gravitation verringern. Bei der Erklärung des geheimnisvollen Phänomens kam man auf die noch kaum erforschte „dunkle Energie“ und „dunkle Materie“, die den bei weitem größten Raum des Universums ausmachen. Unter ihrem Einfluss – so die Überlegung – komme es etwa in 22 Milliarden Jahren – zum „Big Rip“, mit dem das Universum wie ein unter hohem Druck stehender Ballon zerplatzen wird.

Im Jahr 1997 (6) erschien in „Die Zeit“ ein Artikel von Paul Davis mit dem Titel: „Das Ende des Universums könnte rascher kommen als wir glauben – wenn sich eine Blase echten Vakuums durch den Kosmos wälzt und alles vernichtet, was ihr in den Weg kommt, kann es endgültig Schluss sein. Mit allem.“ Der Grund dafür wäre die Bildung eines „echten Vakuums“ irgendwo im Weltraum durch eine ungewöhnlich starke Energiestrahlung, entweder infolge des Zusammenstoßes zweier Galaxien oder infolge eines riskanten Experiments im Genfer Kernforschungszentrum CERN. Das Vakuum, aus dem das Universum fast allein besteht, ist ein „unechtes Vakuum“ im Sinne der Quantenphysik, immer noch erfüllt von lebhaften Quantenvorgängen, die beim „echten Vakuum“ fehlen würden. Da energetische Zustände die Tendenz haben, sich dem jeweils niedrigeren Zustand anzugleichen, müsste sich unter Freisetzung unerhörter Energien eine sich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit ausbreitende „Blase“ eines echten Vakuums bilden. Sie würde das ganze Universum erfassen und auslöschen. Da uns Lichtsignale aus dem Universum nur mit Lichtgeschwindigkeit erreichen, wir also nur Vergangenes wahrnehmen können, bliebe das vernichtende Ereignis dem irdischen Beobachter bis wenige Minuten vor dessen Eintreffen verborgen.

Es handelt sich bei diesen Überlegungen und Berechnungen um keine gesicherten Ergebnisse, sondern um Möglichkeiten. Die Forschung steht erst am Anfang. Alles ist im Fluss. Auf Überraschungen kann man gespannt sein.

Der aufmerksame Blick auf die Exponentialkurve, in der die Geschichte des Universums dem unbefangenen menschlichen Beobachter erscheint, wird jedem, der die biblische Seh-Schule absolviert hat, bewusst machen, was die Stunde geschlagen hat. Und das heißt: die Welt ist nicht ewig, nicht identisch mit Gott – wie Giordano Bruno träumte – sondern geschichtlich wie wir Menschen, und zwar mit Anfang und Ende und dazwischen die sich dramatisch zuspitzende Geschichte. Das Universum hat – zusammen mit der Zeit – eine „apokalyptische Struktur“.

Anmerkungen Teil I

1 Samuel P. Huntington, The Clash of Civilisations, 1996; deutsch: Der Kampf der Kulturen, 1997.

2 Jacques Monod, Le hasard et la nécessité, Paris 1970 ; deutsch : Zufall und Notwendigkeit, 1971.

3 A.a.O. S. 173.

4 S.179.

5 S.58.

6 S. 211.

7 S. 219.

8 Brandon Carter, 1973.

9 Vgl. Hans Lachenmann, Welt in Gott, 1960, S. 172-189; ders.: Entwicklung und Endzeit, 1967, S.25-43.

10 Carl Friedrich von Weizsäcker, Die Geschichte der Natur, 1948.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 5. Februar 2007 um 15:52 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Theologie.