Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Wilhelm Busch, Passionsandacht „Mir hat er geholfen“

Sonntag 21. MĂ€rz 2021 von Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)


Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

»Desgleichen auch die Hohenpriester spotteten sein samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: ‚Andern hat er geholfen‘..« (MatthĂ€us 27,41-42)

Irgendwo las ich einmal die Geschichte von einem jungen KĂŒnstler, der in großer Armut in Paris lebte. Eines Tages kam er an einer Auktionshalle vorbei. Er trat ein und hörte der Versteigerung zu. Da wurde auf einmal ein altes, verstaubtes und beschmutztes Kruzifix vorgezeigt. Sofort ging ein wilder Spott los. Das tat dem jungen Mann weh, und er kaufte das alte Ding fĂŒr ein paar Pfennige. Aber als er nun zu Hause anfing, es vom Schmutz zu reinigen, da stellte sich heraus, dass es lauter Gold war. So ist es auch mit dem Evangelium vom Gekreuzigten ergangen. Wie hat man es seit der AufklĂ€rung vor 150 Jahren verspottet und verachtet! Aber ĂŒber all dem hat sich nur herausgestellt, dass echtes göttliches Gold ist. So hat das Evangelium selten geleuchtet wie in unseren Tagen. Und so ging es auch mit Jesus. Da stehen seine Feinde hasserfĂŒllt unter dem Kreuz. Die wollen ihn verspotten. Aber ĂŒber dem kommt das Gold seiner Herrlichkeit zum Vorschein. Denn nun fĂ€llt den Feinden gar nichts ein, was sie ihm vorwerfen könnten als dies: »Andern hat er geholfen.«

Jesus im Urteil seiner Feinde.

  1. Wie schön ist, was sie von ihm sagen

Diese Schriftgelehrten und Ältesten wollten die Hilflosigkeit unseres Heilands verspotten. So schreien sie: »Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen!« Und da geben sie nun ungewollt ein Zeugnis fĂŒr ihn ab, wie es schöner nicht gedacht werden kann: »Andern hat er geholfen!« Wenn man eine Überschrift setzen mĂŒsste ĂŒber die drei Jahre der TĂ€tigkeit des Herrn, so könnte man es gar nicht besser sagen, als die Feinde des Herrn es tun: »Andern hat er geholfen!« Es ist, als kĂ€men sie damit unter dem Kreuz einmal zu Wort: Der Mensch, der 38 Jahre am Teich Bethesda krank gelegen hatte, und die kananĂ€ische Frau, die so in Not war um ihre Tochter, und der GichtbrĂŒchige und all die AussĂ€tzigen. Und die blutflĂŒssige Frau, »die all ihre Habe an die Ärzte gewandt hatte«, und der Blindgeborene und der Knecht, dem der Petrus das Ohr abgehauen hatte und …und… Das könnte man lange fortsetzen. Wenn wir all diese Elenden an unserem Geist vorbeiziehen lassen, dann geht uns auf, dass es alles Leute waren, denen kein Mensch helfen konnte und die man darum gleichsam mit ihrem Elend beiseiteschob. Denn die Welt wird nicht gern an ihre Hilflosigkeit und an ihr Elend erinnert. Die Welt will die Il­lusion aufrecht erhalten, sie sei doch ganz nett und schön. Und darum rĂŒckt sie alles Elend immer in den Winkel und an die Seite. Aber der Heiland war das Licht und der Helfer gerade fĂŒr die Winkel geworden, fĂŒr die Abseitigen und die Unverstandenen. Darum bekommt unsere Zeit vielleicht ein neues Ohr fĂŒr Jesus, weil die Winkel sich so fĂŒllen, weil so viel Zerschlagene und BetrĂŒbte und Elende da sind. Vor einiger Zeit besuchte ich eine Frau. Die hatte nie etwas wissen wollen vom Evangelium. Ja, sogar die Pfarrer waren ihr so verhasst, dass sie mich in der beleidigendsten Weise empfing. Ich wĂ€re sofort wieder gegangen, wenn ich nicht einen Brief in der Tasche gehabt hĂ€tte, in dem mitgeteilt wurde, dass ihr Sohn gefallen ist. Das sagte ich ihr nun. Ach, was ging da fĂŒr ein Jammer an! Und da konnte ich ihr nur sagen: »Sie haben bisher keinen Heiland gebraucht. Aber nun sind sie mit einem Schlage unter die ‚MĂŒhseligen und Beladenen‘ geraten. Nun ist er der rechte Mann auch fĂŒr sie.« Da hat sie aufgehorcht. Sie haben recht, die Feinde Jesu. »Andern hat er geholfen.« Und wollt ihr mir nicht glauben, so glaubt doch seinen Feinden.

  1. Wie verkehrt sie es sagen

Von den Feinden Jesu heißt es im zweiten Psalm: »Der im Himmel sitzt, lacht ihrer«. Und wir lachen auch ihrer. Denn sie wollen ihn verspotten und mĂŒssen ihm doch ein herrliches Zeugnis ausstellen. Und dennoch kann man von den Feinden Jesu nichts GrĂŒndliches ĂŒber Jesus erfahren. Weder damals noch heute. Denn der »natĂŒrliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes«. So ist auch das ungewollte Zeugnis der Feinde Jesu nur die halbe Wahrheit. Wisst ihr, was daran verkehrt ist? Es ist falsch, dass sie die Vergangenheitsform wĂ€hlen. Sie sagen: »Andern hat er geholfen.« Als wenn das nun zu Ende wĂ€re. Es muss aber heißen: »Andern hilft er«. Ja, gerade als er am Kreuz hing, musste gesagt werden: »Nun hilft er anderen!« Seine grĂ¶ĂŸte Tat fĂŒr andere ist nicht dies, dass er da und dort einem Elenden half. Nein! Seine grĂ¶ĂŸte Tat ist, dass er fĂŒr andere starb. Seine grĂ¶ĂŸte Tat fĂŒr andere ist das Kreuz. Ja, darauf kommt nun alles an, dass man das Kreuz richtig sieht. Die Feinde Jesu sehen darin nur das Ende, darum reden sie von seiner TĂ€tigkeit in der Vergangenheitsform. Der Glaube aber sieht im Kreuz den Höhepunkt von Jesu Taten. Da hat er auch mir geholfen. Ich will es an einem Bild klarmachen. Im Jahre 1917 eroberten die Bolschewisten den Admiralspalast in Petersburg. Am nĂ€chsten Morgen wurden alle im Hof aufgestellt, die man gefangen hatte. Und dann hieß es: »Jeder zehnte wird erschossen! AbzĂ€hlen!« Ein junger Mann bekam die Zahl 20. Er wurde leichenblass. Aber in dem Augenblick fĂŒhlte er sich leise am Ärmel gepackt und auf die Seite geschoben. Ein anderer tauschte mit ihm den Platz. Es war der alte Oberpriester der Admiralskathedrale. Und der starb dann fĂŒr ihn. Nicht wahr, dem war geholfen. Genauso hat mir auch Jesus geholfen. Als mir die Schwere meiner SĂŒnden und mein verlorener Zustand vor Gott aufgingen, da erkannte ich mit Staunen, dass Jesus an meinen Platz getreten war und das Gericht getragen hatte. »Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hĂ€tten. Und durch seine Wunden sind wir geheilt.« (Jesaja 53, 5) So stellen wir uns im Glauben neben die Feinde unter Jesu Kreuz. Und wenn sie schreien: Ȁndern hat er geholfen!« dann rufen wir: »Nein! Jetzt, gerade jetzt, schafft er durch sein Sterben die grĂ¶ĂŸte Hilfe allen SĂŒndern!«

  1. Wie traurig ist, was sie sagen

»Andern hat er geholfen«, rufen sie, und fahren fort: »… und kann sich selbst nicht helfen!« Sie könnten aber auch weitermachen: »Uns aber hat er nicht geholfen, weil wir seine Hilfe nicht wollten.« Wie unendlich traurig ist dies: Ȁndern hat er geholfen, nicht uns.« Als sie das so höhnend unter dem Kreuz riefen, da hob vielleicht der Schacher sein sterbendes Haupt. Über seine blassen ZĂŒge ging ein Leuchten. Und seine Lippen murmelten: »Nein! Nicht anderen! Mir! Mir hat er geholfen! Mir!« Da stand ein junger Mann, der spĂ€tere Apostel Johannes. Der sah dankbar auf seinen Heiland, und sein Herz dachte: »Nein! Nicht anderen! Mir hast du geholfen, damit mein Leben einen Halt und ein Ziel bekam. Mir hast du geholfen! Mir!« Das ist das Traurigste, was ich mir denken kann, wenn man an anderen sieht, wie herrlich Jesus hilft und selbst hat man nichts davon. Wenn man sieht, wie andere die Vergebung der SĂŒnden rĂŒhmen, und selbst bleibt man beladen. Wenn man an anderen den Frieden mit Gott findet, und selbst ist man friedlos. Und wenn du hoch von Jesu rĂŒhmtest und sagtest: Ȁndern hat er geholfen!«, so stĂ€ndest du immer noch bei den Feinden Jesu. Die wussten das auch. Erst wer bezeugen kann: »Mir hat er geholfen«, ist eingegangen in die Tore der Freude, des Friedens, des Reiches Gottes.

Geschrieben in der Passionszeit 1944

 

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 21. MĂ€rz 2021 um 21:28 und abgelegt unter Predigten / Andachten.