Gemeindenetzwerk

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Wie einer das Eigentliche begreifen lernte

Donnerstag 24. Dezember 2020 von Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)


Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

Donnernd fuhr der Zug in die Bahnhofshalle. Langsam packte der junge Student sein Köfferchen und stieg aus. Langsam ging er zum Ausgang. Einen kurzen Augenblick sah er sich um. Dann ging er langsam in die Stadt hinein. Nein, er hatte es nicht eilig, obwohl zu Hause die Mutter und die Schwestern auf ihn warteten. Seine Gedanken wanderten: Wie anders war es in den Jahren frĂŒher gewesen“ Da hatte er gar nicht schnell genug aus dem Bahnhof herauskommen können. Hinein in die Droschke nach dem schönen Stadtteil, wo die Eltern wohnten! Dort die hĂŒbsche Villa war das Elternhaus. Noch ehe die Droschke richtig hielt, war man heraus. Und Sturm gelĂ€utet am Tor! Dann kamen jubelnd die Schwestern. Und die Mutter! Und der Vater, dieser herrliche Vater! Dann kam Weihnachten mit all dem Glanz und all seiner Freude. Ja, so war es frĂŒher. – Gedankenvoll schritt er dahin. Es war ein weiter Weg. Und er hatte nicht einmal die paar Pfennige fĂŒr die Straßenbahn.

Das heißt, „Pfennige“ ist verkehrt gesagt. Es war ja die böse Zeit der Inflation, wo selbst ein Straßenbahnfahrt ein paar tausend Mark kostete. Ach, es war alles anders geworden! BedrĂŒckt schritt unser Student dahin nach dem Norden der Stadt. Da wartete nun ein hohes graues Haus auf ihn. Dort wohnte die Mutter in entsetzlich elenden VerhĂ€ltnissen. Wie rasch hatte sich alles verĂ€ndert! Der Vater war plötzlich gestorben. Die Inflation hatte das Vermögen verzehrt. Ihr hĂŒbsches Haus hatten sie verlassen mĂŒssen. „Es wĂ€re alles zu ertragen, wenn der Vater noch lebte, unser starker, froher Vater“, dachte der Student, wĂ€hrend er durch immer grauere, trostlosere Straßen ging. „Aber so – kann man doch nicht – Weihnachten feiern“ So doch nicht! Ohne den Vater! Und ohne Geld! Ohne einen Weihnachtsbaum! Und ohne Geschenke! Nein, so kann man nicht Weihnachten feiern!“

Er geht langsam. Er hat es nicht eilig. Aber schließlich steht er doch vor dem großen grauen Hause. Hier wundert er sich zum erstenmal, dass ihn niemand abgeholt hat. – „Nun ja“, denkt er, „die haben keinen Mut zum Leben mehr!“

Und dann steigt er die dunklen Treppen hinauf. Ganz oben wohnt die Mutter. „Meine liebe, arme Mutter!“ denkt er beim ersten Stock. Dann steigt er weiter. „Ich hĂ€tte gar nicht kommen sollen. Man macht sich nur das Herz schwer“, denkt er beim zweiten Stock. Dann steigt er weiter. Beim dritten Stock bleibt er wieder stehen. „Das ist nun Heiliger Abend!“ denkt er bitter. Er steigt weiter. Ein paar Stufen, – dann aber bleibt er stehen. Über ihm hebt ein Gesang an: jubelnd, hell, himmlisch.

Da oben steht die Mutter mit den Schwestern. Und sie singen ihm entgegen:

„Warum sollt ich mich denn grĂ€men?
Hab ich doch Christum noch; Wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
Den mir schon Gottes Sohn
beigelegt im Glauben?“

Regungslos steht der junge Student. Er ist ein harter Kerl. Den Weltkrieg hat er mitgemacht, fast als Knabe. Im Freikorps hat er gekÀmpft nach dem Kriege. Aber nun laufen ihm die TrÀnen herunter, FreudentrÀnen!

Pfr. Wilhelm Busch

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 24. Dezember 2020 um 8:35 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Seelsorge / Lebenshilfe.