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Offener Brief an den Ratsvorsitzenden der EKD

Dienstag 25. August 2020 von Pastor Uwe Holmer


Pastor Uwe Holmer

Verehrter Herr Ratsvorsitzender,

diesen Brief schreibe ich Ihnen in BevollmĂ€chtigung durch die Bekenntnisschrift „Augsburger Konfession“. Dort heißt es im Artikel 28: „Wo das geistliche Regiment etwas gegen das Evangelium lehrt oder tut, haben wir den Befehl, dass wir ihm nicht gehorchen.“ Die Verfasser beriefen sich dabei u.a. auf Gal. 1,8.: „Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen wĂŒrden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.“

In „Idea Spektrum“ las ich, Sie vermuten als Grund fĂŒr die rasant wachsende Zahl der Kirchenaustritte die Individualisierung der Gesellschaft. Doch der Grund liegt viel tiefer. Die Evangelische Kirche selbst ist schuld. Sie hat die ihr aufgetragene Botschaft verraten. Von der Bischofsebene ĂŒber die Synoden bis hin zu großen Teilen der Pfarrerschaft geben Sie den Menschen eine nur innerweltliche Botschaft, die andere ebenso bieten. Wie man aber Frieden mit Gott bekommt und getrost sterben und in den Himmel kommen kann, sagen Sie den Menschen nicht. Dadurch machen sie sich ĂŒberflĂŒssig wie ein Kropf. Die Mehrheit der ausgetretenen Gemeindeglieder sind an ihrer Kirche verzweifelt.

Als ich 1955 ordiniert wurde, musste ich mich verpflichten, dass ich meinen Pastorendienst gemĂ€ĂŸ der Heiligen Schrift und den lutherischen Bekenntnisschriften ausĂŒben werde. Ich habe dementsprechend gearbeitet. Es hat sich bewĂ€hrt, gemĂ€ĂŸ den 3 soli Luthers zu arbeiten: allein die Schrift entscheidet in Lehrfragen, allein die Gnade Gottes ist der Grund, uns unsere SĂŒnden zu vergeben, und allein der Glaube empfĂ€ngt die Gerechtigkeit Gottes. Ich habe als Landpastor darum gerungen, dies den Menschen anschaulich zu predigen. Ich habe einfach die Gnade Gottes verkĂŒndigt und wie wir im Glauben ergreifen können: „Dir sind Deine SĂŒnden vergeben.“  Und Menschen erlebten: “Wenn wir unsere SĂŒnde bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die SĂŒnden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1Joh.-Brief 1,9). Und siehe da! Dieses Angebot des Evangeliums wurde lebendig in den Herzen vieler Menschen, gab Gewissheit der Vergebung und machte sie frei und froh. Denn „wo Vergebung der SĂŒnden ist, ist auch Leben und Seligkeit.“

Die Folge: Die Zahl der Gottesdienstbesucher nahm zu. Die Bibelwochen in den Dörfern mussten in Gasthaus-SĂ€le verlegt werden. Und frĂŒhere Konfirmanden sagten mir bei goldenen Konfirmationen: „Herr Pastor, Sie haben uns geprĂ€gt.“ Dabei habe ich nur nach dem Maßstab der Heiligen Schrift gearbeitet. FĂŒr mich war klar: Ich sollte so predigen, wie Jesus es von seinen JĂŒngern verlangt hat. Und ich kann Ihnen bezeugen, dass das Menschenherzen getroffen und sie zu frohen JĂŒngern Jesu gemacht hat. Solche Menschen denken nicht im Entferntesten daran, ihre Kirche zu verlassen.

Was ich dagegen im Studium von Bultmann gelesen habe, habe ich mit Überzeugung abgelehnt, wie auch die Mehrheit meiner Kommilitonen (1948-55). Auch die Bischöfe, die zum großen Teil noch aus der Bekennenden Kirche kamen, haben Bultmann keine große Beachtung geschenkt. Sie scheinen gehofft zu haben, dass diese extreme Bibelkritik im Sande verlaufen wĂŒrde. Das war jedoch ein Irrtum. Inzwischen höre ich von vielen Theologen nur Predigten ĂŒber unsere immanente, irdische Welt. Wunder seien Mythen, seien so nicht geschehen. Nach Bultmann mĂŒssen Sie „existential“ gepredigt, auf unsere irdische Existenz hin, ausgelegt werden. Das musste zu einem fast gnadenlosen Moralismus fĂŒhren. Dass es einen Himmel gibt und wir berufen sind, dorthin zu kommen, hört man bei ihnen nicht.  Bultmann hatte sogar geschrieben, dass der Mensch „gezeugt wird, heranwĂ€chst und stirbt wie ein Tier“. Diesen Satz nehme ich Prof. Bultmann ĂŒbel. Er weiß doch, dass der Mensch das einzige Wesen ist, welches weiß, dass es sterben muss. Und dieses Wissen begleitet ihn sein Leben lang und mahnt sein Gewissen, verantwortlich vor seinem Schöpfer zu leben. Mit zunehmendem Alter wird das stĂ€rker. Wer lehrt, der Mensch sterbe wie ein Tier hat keine biblische Botschaft fĂŒr uns Menschen. Der Altbischof Ulrich hatte das vor ein paar Jahren inhaltlich ĂŒbernommen. In einer Osterbetrachtung schrieb er: Der „Leib Jesu ist im Grab verwest wie alle Leiber verwesen.“

Das, verehrter Herr Ratsvorsitzender ist die Ursache dafĂŒr, dass so viele Menschen der Kirche den RĂŒcken kehren. Die EKD kann keine Glaubensfreude und keine lebendige Hoffnung mehr bieten, weil sie rationalistischen Irrlehren anhĂ€ngt. Die Welt quillt ĂŒber von SĂŒnde, von Hass und Streit, von Krieg und Gottlosigkeit. Sie brauchte so dringend das Angebot von Gnade und Vergebung durch Kreuz und Auferstehung Jesu. Nur dadurch wird glaubhaft, dass Jesus sagte: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Doch diese Botschaft ist unserer Kirche abhandengekommen, von ihr selbst verworfen. Menschen sind mit Recht zutiefst enttĂ€uscht, wenn ihnen diese wichtigste aller Botschaften vorenthalten wird. Pfarrer Steffen Reiche hat recht: Unsere Kirchen sind leer gepredigt. Das Pauluswort in 1Korinther 15 stimmt – und die EKD beweist es sich selbst: Wir wĂ€ren die elendesten unter den Menschen, wenn Christus nicht auferstanden wĂ€re. Dann wĂ€re auch die Predigt vergeblich und auch unser Glaube (1. Korinther 15,14).

Es ist verheerend und entmutigend fĂŒr die Gemeinden und fĂŒr Prediger, wenn sich ein „Evangelium“ Bahn bricht, das keines mehr ist, weil es nur fĂŒr diese irdische Welt gilt. Ich sage Ihnen: Sie nehmen den Menschen die lebendige Hoffnung weg, gerade in der letzten Phase, wenn Sie unterschlagen: Jesus bietet uns das ewige Leben an. Eine Kirche, die nichts von der Ewigkeit predigt, hat nichts Wesentliches mehr zu sagen. Die biblische Botschaft der Auferstehung Jesu ist so gewiss, dass die Apostel fĂŒr sie ihr Leben gegeben haben. „Jesus lebt – mit Ihm auch ich, Tod, wo sind nun deine Schrecken,“ das ist die Botschaft Jesu und seiner Apostel. Nicht aber die Botschaft der „modernen“ Vernunftapostel, die glattweg die leibliche Auferstehung Jesu leugnen.

Verehrter Herr Ratsvorsitzender, ich hÀtte dies alles nicht geschrieben, wenn ich nicht noch Hoffnung in meinem Herzen hÀtte.

Folgende Grundgedanken möchte ich Ihnen zurufen:

  1. Wir, die wir die Kirche finanziell und geistlich tragen, können und sollen fordern, dass vakante Pfarrstellen nicht wegrationalisiert, sondern neu besetzt werden. Das mag eine finanzielle Herausforderung sein, sollte aber glaubensmutig angegangen werden.
  2. Das heißt auch, dass Absolventen der staatlich anerkannten Freien Theologischen Hochschulen den universitĂ€r und kirchlich ausgebildeten Absolventen gleichgestellt werden und sich auf einen Dienst in einem Pfarramt bewerben können.
  3. Geben Sie den Gemeinden ihr Recht zurĂŒck, „alle Lehre zu beurteilen und Lehrer, d.h. Prediger, zu berufen und abzuberufen.“ Nicht die Konsistorien, sondern die Gemeinden haben dieses Recht – so wahr Luther das gefordert hat und wir „Evangelisch-Lutherische“ Kirche sind.
  4. Nur, wer an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn glaubt, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, kann ohne innere Verkrampfung das Glaubensbekenntnis der Gemeinde mitsprechen. Ohne diesen Glauben ist es Heuchelei. 

Dies schreibe ich in großer Sorge um unsere Evangelische Kirche,

Ihr Uwe Holmer

Serrahn, den 16. Aug. 2020

Quelle: www.bibelundbekenntnis.de

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 25. August 2020 um 9:29 und abgelegt unter Kirche, Theologie.