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Bibel und Jüngerschaft statt politisierter Kirche

Donnerstag 16. Januar 2020 von Pfr. Gerhard Stintzing


Pfr. Gerhard Stintzing

Unsere Zeit erinnert mich in mancher Hinsicht an die Zeit, in der Martin Luther gelebt hat. Es gab eine große politische Bedrohung: Die Türkengefahr. Politik rückte in den Mittelpunkt des Denkens. Die Theologie hatte der Politik zu dienen. Sie musste das Reich zusammenhalten und eine Grenze aufrichten. Sie wurde gebraucht, um den Ablasshandel, von dem Bischöfe und Päpste profitierten, zu begründen. Die Theologie stand im Dienst der Politik und musste liefern, was politisch gebraucht wurde

Das konnte nur gelingen, weil es ein Lehramt des Papstes und der Bischöfe gab. Die Bibel kannten viele nicht. Der Papst und die Bischöfe orientierten sich primär an politischen Fragen. Sie waren Fürsten, die ein Gebiet regierten.  Heute geht die deutschsprachige Theologie durch eine Phase unglaublicher Schwäche. In wenigen Jahrzehnten hat die ehemals berühmte und bewunderte deutsche Theologie ihre Bedeutung weitgehend verloren. Heute sitzen die führenden Theologen anderswo. Zugleich hat eine immer stärkere Politisierung der Kirche eingesetzt. Frieden und Umwelt, der Kampf gegen jede Art von Diskriminierung, das Brückenbauen und zugleich die Abgrenzung nach rechts sind zentrale Themen geworden. Die Kirche soll liefern, was die Politik gerade braucht. Indem die Kirche nützlich ist, hat sie eine Existenzberechtigung. In so eine politisierte Zeit kam auch Martin Luther. Er hatte das Turmerlebnis, das sein Leben veränderte. Für ihn zählten nicht mehr die politischen Fragen. Er hatte Gott gefunden. Er hatte ihn durch das Lesen der Bibel gefunden. So stellte er die Theologie seiner Zeit in Frage. Indem er die Bibel über das Lehramt stellte, befreite er die Theologie aus dem Kerker der Politik. Ihm ging es nicht um die Türken, sondern um Jesus. Mit seiner Überzeugung, dass die Bibel sich selbst auslegt, wurde Luther zum Begründer der wissenschaftlichen Theologie. Dass jeder Lesen und Schreiben lernte und in der Bibel forschte, war eine Erfolgsgeschichte. Auch die wissenschaftliche Theologie hat uns viele hilfreiche Einsichten vermittelt. Aber 500 Jahre nach Luther hat sich das Blatt wieder gewendet. Einzelne Bischöfe und Gremien stellen sich über die Bibel und beanspruchen ein Lehramt, das über der Bibel steht. „Die Bibel sagt zwar, aber wir sagen euch“, so argumentieren sie. Worte, die ihrem Anspruch nach eindeutig Gottes Wort sein wollen, werden als zeitbedingte Menschenmeinungen verstanden und neu gedeutet. Die theologisch grundlegende Unterscheidung zwischen Gottes Wort und Menschenmeinung wird so aufgelöst. Und damit gerät die Theologie wieder in die Knechtschaft der Politik. Denn die modernen Forderungen der Politik sind dann viel wichtiger als die antiquierten Ansichten von Menschen, die vor mehreren tausend Jahren lebten. Wenn die Kirche nur noch Menschenmeinungen vertritt, dann gerät sie in den Abwärtsstrudel, in dem sie sich gerade befindet. Die Antwort auf die Krise von Christentum und Kirche in der westlichen Welt liegt in der Rückkehr zu Luthers Einsichten:

Es gibt nicht nur uns Menschen. Es gibt Gott, es gibt Worte Gottes und es gibt Jesus, den Erlöser. Er ruft uns zur Umkehr und will, dass wir als neue Menschen geboren werden und leben.  Und dann folgt die Jüngerschaft. Matthias „Kuno“ Kuhn schreibt in seinem Buch „Jüngerschaft“, wie Jüngerschaft praktiziert werden kann, ausgehend von der Familie. Dieses Buch macht Hoffnung. Fehlende Jüngerschaft ist der Grund für die unglaubliche Schwäche unseres westlichen Christentums. Aus Bekehrten werden oft keine Jünger. Wenn Jüngerschaft gelebt wird, dann kann das zu einer positiven Umgestaltung in der Familie, in der Gemeinde und in allen Gesellschaftsbereichen führen. Nur Jüngerschaft kann Christen widerstandsfähig machen und fähig, ihren eigenen Überzeugungen zu folgen. Gelebte Jüngerschaft ist vermutlich auch ein Schlüssel, um Jesus und die Apostel besser verstehen zu können. Ohne gelebte Jüngerschaft werden wir als Christen umgestaltet in das Bild dieser alten, vergehenden Welt, die sich so modern herausputzt. Das erleben wir vielfältig. In einer Zeit wegbrechender christlicher Traditionen ist Jüngerschaft der einzig gangbare Weg, damit Gottes Wille geschieht und Gottes Reich gebaut wird. Dann wird die Versöhnungsbotschaft Jesu so große Kraft gewinnen, dass Menschen mit Gott, mit ihren Mitmenschen und mit ihren Mitgeschöpfen Frieden schließen.

Pfarrer Gerhard Stintzing, Selbitz (Oberfranken)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 16. Januar 2020 um 17:12 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche, Kirchengeschichte.