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Predigt zum Pfingstfest: „Gottes Wort zur Lage“ (Joel 3,1-5)

Samstag 8. Juni 2019 von Walter Tlach (1913-2004)


Walter Tlach (1913-2004)

Die Propheten des Alten Bundes haben einen seltsamen Standort: Sie melden Gottes Wort an sein Volk zur Stunde in einem bestimmten Augenblick der Geschichte Israels hinein. Gottes Wort zur Stunde hat aber darin das Besondere, eben das Prophetische, dass die Gottesboten das Dunkel der Gegenwart, des jetzigen Augenblicks, von der göttlichen Zukunft her belichten. Sie spannen ein unzerreißbares Seil um Gegenwart und Zukunft zugleich. Wer sich bloß mit der prophetisch angemeldeten Zukunft befassen will, landet in bloßer Spekulation. Biblische Prophetie verbindet beides: Mahnung für die Gegenwart und Mut zur göttlichen Zukunft für Gottes Volk. Joel ist ein klassischer Zeuge für diese Eigenart des prophetischen Wortes.

Dies zeigt schon der Aufbau seines Buches: Im ersten Kapitel berichtet er von einer Lebensmittelkatastrophe im jüdischen Land, dessen Zentrum der Tempel in Jerusalem ist und Israels Gottesdienst dort. „Herr, dich rufe ich an“ (1,19), der Prophet ist Fürbitter für das geschlagene Gottesvolk.

Aber diese furchtbare Hungersnot in Jerusalem ist für Joel nur ein Abbild einer letzten Katastrophe, die über das Judentum hereinbrechen wird, „der Tag des Herrn“ (2,1-11). Wer also dem Herrn Jesus Christus gehört, sieht in jeder Natur-Not nur ein Vorspiel, eine kleine Warnung für eine große, letzte Weltkatastrophe.

Aber nun, mit 2,12, geht Joel wieder zurück zur ersten Katastrophe, der gegenwärtigen Hungersnot in Jerusalem. In 2,12-17 gibt Gottes Wort durch Joel ein konkretes göttliches Versprechen: Israels Gott wird diese jetzige Not wenden, aber er verbindet damit durch Joel eine gewaltige „evangelikale“ Bitte: die Herzen zerreißen! (V. 13) und also nicht nur im landeskirchlichen Trott frommer volkskirchlicher Sitte leben! Bekehrung – nicht nur Tradition! Das ist Gottes Antwort durch Joel auf Jerusalems jetzige Not, die Hungerkatastrophe.

Was ist Joels Antwort auf Israels letzte Not (wir würden in heutiger Sprache der Theologen sagen „auf die apokalyptische Endzeit“)? Den Gottesbescheid zur letzten Katastrophe berichtet Joel in den beiden Kapiteln 3 und 4 seines Büchleins. Joel sagt, die letzte Schlacht der Nationen gegen das gesamte Judentum, die seit 1973 in unser Blickfeld gerückt ist, wird im Tal Josaphat nicht durch Israels Waffen entschieden werden, sondern durch einen göttlichen Eingriff: „Der Herr wird aus Zion brüllen“ (4,16). Doch den ersten, entscheidenden Ton dieser gewaltigen Gottesschau für Israels Zukunft hören wir in Kap. 3: Der äußeren Befreiung Israels aus der Gewalt der Nationen am Ende unserer Zeit wird eine innere Erneuerung vorausgehen:

1. Gott gießt neue Zuversicht aus (3,1-2)

Der Sturm des Schöpfergottes (dies meint der biblische Begriff „Geist“) von 1. Mose 1,1-2 wird zu allen Juden durchbrechen, unabhängig von ihrer sozialen oder hierarchischen Stellung: Alles Fleisch wird davon erfüllt werden, sogar Knechte und Mägde. Mit den Träumen und Visionen meint Gottes Wort nicht Hirngespinste unserer Phantasie, wie man sie heute so oft in schwarmgeistigen Bewegungen vernimmt- Nein, sie meinen den Hintergrund aller Geistausgießung. Bis in unser Unterbewusstes hinein wirkt sich eine neue Zuversicht aus: Der Herr ist mit uns. Man lese einmal von daher 2. Chronik 15. Dort bewirkt der Gottesgeist in der prophetischen Vision die Zuversicht der angstvollen Juden: „Seid getrost; tut eure Hände nicht ab; euer Werk hat seinen Lohn.“ Gottes Geist bewirkt auch in unseren seelischen Tiefen, aus denen Träume und Visionen aufsteigen, neue Zuversicht, Mut, schon in der jetzigen Stunde des Gerichts und der Krise. Dies meint der Apostel Paulus, wenn er das Wort vom „Ausgießen“ in Römer 5 übernimmt: Wir haben Mut und Hoffnung in die Zukunft hinein, denn „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Der Schöpfergeist schafft Neues, und deshalb schenkt er Mut. Das durfte der unstudierte Petrus vor den hohen Theologen der Kirche in Jerusalem erfahren. Der Fischer predigt den gekreuzigten und auferweckten Heiland in voller Freudigkeit, mit einem Mut, den die Theologen von diesem Laien nicht erwartet hatten. Da, an diesem ersten Pfingstfest, hat die Erfüllung von Joel 3 schon begonnen.

2. Gott bewirkt kosmische Veränderungen (3,3-4)

Israels innere Erneuerung wird verknüpft sein mit kosmischen Katastrophen. So wie Israels Befreiung aus Ägypten einst mit Ägyptens Plagen gekoppelt war, so wird Israels End-Befreiung, die Erlösung der Juden vom Druck durch die Nationen, mit kosmischen Veränderungen verbunden sein. In V.3 redet Gottes Wort von Rauchpilzen (Luther: Rauchdampf), dem heutigen Geschlecht nicht ganz unvorstellbar.

3. Gott bewirkt das neue Bekenntnis (3,5)

Israels innere Erneuerung wird sich in einem neuen Bekenntnis, in einem neuen Gebetsruf zeigen und in einer seltsamen missionarischen Kraft. Der neue Gebetsruf meint den Mut, inmitten der Völkerwelt und der auf Gottes Gemeinde lastenden Weltnot nur einen einzigen Namen anzurufen, dem man die Weltwende zutrauen wird, mitten aus der Katastrophe heraus. Dieser Name heißt für den Apostel Paulus: Jesus Christus – alleiniger Herr des Kosmos. Denn den hat Gott schon am Ostermorgen als den Anfänger des kosmischen Sieges aus den Toten gerufen (Römer 10,9 und 13). Da wird es dann solche geben, die mitten aus den Nationen heraus entrinnen, weil sie mit Israel zusammen diesen einen Namen anrufen. Hier ist in wunderbarer Weise die Einheit der Gemeinde aus den Nationen mit dem erwählten Volk Israel angedeutet! Heute hast du eine gewaltige Chance zu entrinnen. Heute rufe zu Jesus. Dann hast du Joels gewaltige Prophetie für die Zukunft am heutigen Tag schon empfangen und verstanden.

Dekan Walter Tlach, Herrenberg

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 8. Juni 2019 um 9:50 und abgelegt unter Predigten / Andachten.