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Zwischen Babel und Jerusalem – Oder: Was ist mit der Sprache los?

Freitag 24. Mai 2019 von Pfr. Dr. Stefan Felber


Pfr. Dr. Stefan Felber

In den letzten Jahren drücken zunehmend Menschen ihr Unbehagen über die Lage der Sprache, über die Qualität des Schreibens und Sprechens aus. Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Journalisten und andere finden im Eindruck zusammen: Es stimmt etwas nicht. Krise der Sprache, Krise der Menschen? Bücher und Artikel weisen immer wieder auf Probleme hin, beispielsweise:

a.) Gewisse Politiker formulieren keine ganzen Sätze mehr (man vergleiche einmal Merkel und Trump mit ihren jeweiligen Vorgängern!).

b.) Schriftsteller schreiben, wie man im Alltag spricht, oder halten ihre Sätze so kurz wie möglich. Das betrifft Romane ebenso wie Sachbücher. Dabei gehen die verschiedenen Ebenen eines Textes oft ebenso verloren wie auch Poesie und Fantasie.

c.) In Talkshows werden die Gedanken oft nicht zu Ende geführt, man lässt einander nicht ausreden oder man unterstellt dem politischen Gegner abwegige Vorstellungen, die dann leicht beiseitegeschoben werden können. Auch wenn ein Teil dieser Probleme auf mangelndes Benehmen zurückgeht, so zeigt sich hier, dass die Möglichkeiten der Sprache zu Differenzierung und Komplexität nicht mehr hinreichend wahrgenommen werden.

d.) Schon den „1968ern“ galt die Rechtschreibung als Instrument der Herrschaft und Selektion, dem der Garaus zu machen sei. Eine Spätfolge ist die von oben nach unten durchgesetzte Rechtschreibreform von 1998, die laut einer Umfrage1 allein schon von 90 Prozent der deutschen Bevölkerung abgelehnt wurde und immer noch wird. Die Reform hat die Sicherheit über richtige und falsche Schreibungen nachhaltig erschüttert.

e.) Diese Erschütterung bahnt neuen Einflüssen den Weg: Politisch korrekte (verboten: „Neger“, „Zigeuner“, in der Folge denn auch „Negerküsse“ die jetzt „Schaumküsse“ heißen oder das umbenannte „Zigeunerschnitzel“ in „Schnitzel in Budapester Art“ ect.) oder genderideologische Sprechverbote und -gebote (verboten: „man“, „der Leser“, „der Bürger“, geboten: „Studierende, Arbeitende, LeserInnen“ etc.) verunsichern und verunklaren Sprechen und Denken.

Welche Kräfte sind hier am Werk?

Das alles sind nur Symptome. Doch welche Kräfte sind hier am Werk? Die Frage ist nicht nebensächlich. Schon für den postmodernen Vordenker Friedrich Nietzsche (1844–1900) lag der entscheidende Machtfaktor der Zukunft bei denen, die in der Lage sein werden, die Sprache zu regeln bzw. einen bestimmten Sprachgebrauch durchzusetzen. Für ihn hat Sprache – nach dem von ihm ausgerufenen Tode Gottes und dem Ende der Metaphysik – gar keinen Anhalt mehr an der Wirklichkeit. Es gebe praktisch nur noch Interpretationen, die miteinander ringen. Die interpretierte Wirklichkeit werde durch Sprache vielmehr erst erzeugt! Analog entwarf George Orwell (1903–1950) in „1984“ die Schreckensvision eines „Wahrheitsministeriums“, das die richtigen Geschichtsdaten je erst herstellte. Dass heute, wie oben genannt, die Freiheit der Sprache und damit des Denkens immer weiter reduziert wird, liegt auf derselben Linie.

Welche Kräfte sind also am Werk? Es ist nicht leicht, dies zu bestimmen. Jedenfalls sollte man hier nicht mit dem Finger auf bestimmte Menschen zeigen. Peter Sloterdijk meinte zum 100. Todestag des „paradigmatischen Denkers der Moderne“, eben Nietzsches, „das Ereignis Nietzsche als eine Katastrophe in der Geschichte der Sprache“ beschreiben zu können. Denn Nietzsche hob die Unterscheidung zwischen Bekenntnis und Zitat bzw. zwischen (normativem) Grundtext und (subjektiver) Interpretation auf, um der „unabhängigste Mann in Europa“ zu werden, wie er an Franz Overbeck schrieb. Jedes Reden von einem Eingriff Gottes sollte sprachlich verunmöglicht werden, weil ein solches doch nur dazu diene, den in sich selbst glücklichen Menschen niederzudrücken. Sloterdijk: „Es ist seine Mission, die kommunikative Kompetenz der Vergifteten zu zerstören.“

Im Gefolge Nietzsches, des „Trend-Designers des Individualismus“, würde man freilich in einer totalen Vereinzelung des Menschen landen. Der 2008 verstorbene Philosoph Günter Rohrmoser sieht das Problem eher in einem kollektivistischen System; er geht dabei weiter zurück: Wenn die Analyse Rohrmosers richtig ist, dass wir heute die Spätfolgen der Französischen Revolution erleben, sind zumindest die Symptome der staatlich verordneten Sprachgestaltung und -niveausenkung hier einzuordnen. Denn wenn alle in der richtigen republikanischen Gesinnung (d.h. im Sinne der antimonarchischen Revolution) denken sollen und die republikanische Tugend herrschen soll, muss entsprechender Druck ausgeübt werden. Was aber heute als Tugend gelten darf, definiert der politisch linksorientierte Mainstream. Ein guter Bildungsstand in den Sprachen hingegen würde kritisches Denken fördern.

Was sagen die Gelehrten?

Schon 1679 hat der Aufklärungsphilosoph G.W. Leibniz die Deutschen ermahnt, „ihren Verstand und Sprache besser zu üben“. Die Annahme einer fremden Sprache, so Leibniz, bringe „gemeiniglich den Verlust der Freiheit und ein fremdes Joch mit sich“. Wohlgemerkt: Das war zu einer Zeit gesagt, als die Gymnasiasten in den Fremdsprachen durchaus ein höheres Niveau an den Tag legten als in unserer Zeit. (Nachdem das Lateinische die Akademien nicht mehr uneingeschränkt dominierte, war es nach dem Dreißigjährigen Krieg das Französische, das in die deutsche Sprache hereindrängte, befördert durch die Fürstenhöfe, die sich dadurch vom gemeinen Mann abheben konnten. Nach 1945 drang vor allem das Amerikanische in den deutschen Sprachraum vor.)

Im 20. Jahrhundert diagnostizierte Martin Heidegger eine „überall und rasch fortwuchernde Verödung der Sprache“, die deshalb so schlimm sei, weil er die Sprache als „Haus des Seins“ des Menschen verstand. Im Sprachverfall sah er also eine Gefährdung des Wesens des Menschen selbst. Man fragt sich: Ist es wirklich so schlimm? Ist das nicht Kulturpessimismus nach dem Motto: „Früher war alles besser“?

Der bekannte katholische Theologe Romano Guardini hatte in seinen Münchner Ethik-Vorlesungen (zwischen 1950 und 1962) die Lage der Sprache als äußerst gefährdet und die Verantwortlichkeit ihr gegenüber als „besonders dringlich“ bezeichnet; er befürchtete gar ihr Zugrundegehen.

Ähnlich die Analyse auf evangelischer Seite: 1965 schrieb Gerhard Friedrich (Prof. für Neues Testament, gest. 1986): „Das Beunruhigende der heutigen Situation ist, dass wir in einer ausgesprochenen Krise des Wortes leben. Das Wort hat weithin seinen Wortcharakter verloren, indem es zu einer leeren Mitteilungsformel und einem Zeichensystem geworden ist … Die Technisierung der Sprache führt zum Tod des Wortes.“ Friedrich beklagte unter anderem eine Inflation der Wörter und eine Entwertung des Wortes sogar in der Theologie. Am schlimmsten jedoch sei es in der Politik, wo die Sprache „stärker missbraucht“ werde als je, so seine Einschätzung bereits damals. „Die Wörter dienen nicht dazu, sich dem andern gegenüber zu offenbaren, sondern die Gedanken vor ihm zu verbergen und ihn zu täuschen … Die Verkehrung der Wörter in ihr Gegenteil wird von Orwell als die eigentliche Mechanik der neuen Zeit beschrieben.“ Und: „Die Entwortung des Wortes hat die Entmenschung des Menschen zur Folge.“

Sicher muss mit verabsolutierenden Aussagen vorsichtig umgegangen werden, denn kaum jemand dürfte einen lückenlosen Überblick über die gesamte Sprachentwicklung haben. Sprache ist jedoch etwas dermaßen Grundlegendes für den Menschen, dass eine Verachtung der Sprache einer Verachtung des Menschen gleichkommt. Wir bekommen hier, so meine ich, eine Ahnung davon, wie umfassend die Krise unseres Zeitalters ist. Es ist eine Krise nicht nur bestimmter Teile der Gesellschaft (Rassen, Klassen oder Geschlechter), sondern eine Krise des Menschen selbst, also eine „anthropologische Krise“, wie Rohrmoser sagte. Und diese ist so generationen- und länderübergreifend, dass man sich über rasche Lösungen keine Illusionen machen darf. Denn Sprache, so sehr Mensch und Teufel auch versuchen, einzugreifen, bleibt eine Gottesgabe, nach Luther ein „Loch im Reich des Teufels“: Durch dieses Schlupfloch hindurch – d.h. wenn die Sprachen, Mathematik und Musik in den Schulen gut gelehrt werden – können das Heil und der Heiland gegenwärtig werden.

Dem menschlichen Zugriff ist die Sprache nur an der Oberfläche zugänglich, und wer eingreift, verändert sie nach aller Erfahrung zum Schlechteren hin. Wer sie aber gut lehrt, erleichtert das Eindringen des göttlichen Wortes in die Herzen und in die Kultur.

Was sagt die Bibel?2

Die Schöpfung begann mit dem göttlichen Sprechen: „Es werde … – und es war …“ Die Beziehung von Gott und Mensch vollzog sich von Beginn an im Wort, im Angesprochenwerden des Menschen und in seiner Antwort in Wort und Tat. Gott begegnet dem Menschen durch sein Wort!

Die Zerstörung der Beziehung von Gott und Mensch, der Sündenfall, begann mit der Verdrehung der Worte Gottes: „Sollte Gott gesagt haben …?“ Die vom Teufel gelenkte Schlange verdreht die große Erlaubnis Gottes in ein Verbot und sein Drohwort in eine Verheißung (man vergleiche 1. Mose 2,16– 17 mit 3,1+4–5). Im Gespräch mit Eva, der Schlange und Adam rückte Gott die Dinge wieder zurecht und verordnete durch sein Wort einem jedem die bestimmten Konsequenzen seines Handelns.

Dann Babel: Als sich der Mensch ohne Gott zu vermassen und zu überheben anschickte, verwirrte Gott ihm die Sprache, machte aus Spracheinheit Sprachenvielfalt, aus Familien Völker, deren Macht sich in einem ständigen Ringen gegenseitig begrenzt (1. Mose 11).

Seither ist der Mensch unablässig zwischen Babel und Jerusalem unterwegs: An Pfingsten schenkte Gott in Jerusalem zeichenhaft eine sprachenübergreifende Verständlichkeit, freilich nicht allgemein für jeden Sprecher und jeden Inhalt, sondern für die Apostel, die die Großtaten Gottes verkündeten und die Schrift (das Alte Testament) auslegten (Apostelgeschichte 2). Wenden wir uns Gott und seinem Wort zu, so stehen wir unter der Pfingstverheißung des Heiligen Geistes – Jerusalem. Wenden wir uns von ihm und seinem Wort ab, so leiden wir und unsere Sprache an den Folgen Babels.

Was also tun?

Allein zwei der Zehn Gebote haben mit der Sprache zu tun: Das Namensmissbrauchsverbot und das Verbot falschen Zeugnisses. Im Neuen Testament haben die Apostel Jakobus und Petrus in ihren Briefen einiges über einen geheiligten Gebrauch der Sprache gesagt (1. Petr 3; Jak 3). Denn es kann nicht ausbleiben: Wer dem Evangelium von der Liebe Gottes sein Vertrauen schenkt, will das reden, was vertrauenswürdig ist – nicht mehr, um gut da zu stehen, sondern weil Christus, das fleischgewordene Wort Gottes, in seinem Wort das Vor- und Urbild perfekter Sprache ist (Joh 1). Wer sich von Gottes Wort prägen lässt, dessen eigenes Reden wird nach Wahrhaftigkeit, Vernünftigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit, nach Sanftmut und Kraft streben. Die Heiligung unseres Sprechens am Wort Gottes bedeutet, so Jakobus, die Heiligung unseres ganzen Lebens. Der Philosoph Hegel hatte Recht, als er die Französische Revolution zugleich bejahend (wegen des Freiheitsgewinns für den Einzelnen) und kritisch reflektierte: Ohne das Christentum wird die Tugendherrschaft in Terror übergehen, ja wird sich die Aufklärung mit ihrer alle Traditionen auflösenden Kritik selbst zerstören. Wer sich also an politischer Sprachpolitik versucht, vergreift sich am Heiligtum. Doch wer an Gottes Wort seine Sprache heiligen und schärfen lässt, steht unter der Verheißung: „Wer auf das Wort merkt, der findet Glück; und wohl dem, der sich auf den HERRN verlässt!“ (Sprüche 16,20).

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers

Pfr. Dr. Stefan Felber, (*1967) lehrt Altes Testament am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc). und an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH Basel). Außerdem ist er Stiftungsrat bei Zukunft CH.

Seine Homepage www.stefan-felber.ch.

Fußnoten:

1 Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2015

2 Für eine ausführlichere Darstellung und Quellenbelege der Zitate,

siehe nachstehende Buchempfehlung:

Stefan Felber (Hg.)
Zwischen Babel und Jerusalem –
Aspekte von Sprache und Übersetzung
(Ost-West-Express. Kultur und Übersetzung, Band 34)
260 S., 24,80 €, kart., ISBN 978-3-7329-0501-0

Zum Inhalt

Sprache geht alle an, an alle und durch alle hindurch. Sie ist ebenso Auszeichnung wie Grundbedingung des Menschseins und jeder menschlichen Gemeinschaft. Seit einigen Jahrzehnten verstärkt sich jedoch das Empfinden einer Krise der Sprache im mündlichen wie im schriftlichen Gebrauch. In diesem Band kommen Literaturwissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller, ein Übersetzer und ein Theologe zu Wort. Sie formulieren und diskutieren aktuelle sowie grundsätzliche Fragestellungen zu Sprache und Übersetzung. Neben den horizontalen (sozialen, literarischen, philologischen) sollen die vertikalen (philosophischen und theologischen) Dimensionen nicht übersehen werden. Mit Beiträgen von: Werner Creutziger, Stefan Felber, Felix Philipp Ingold, Konrad Paul Liessmann und Harald Seubert.

Zum Herausgeber

Stefan Felber (*1967) lehrt Altes Testament am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc) und an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH Basel).

Fachgebiete

Sprachwissenschaft und Theologie

Buchbestellung

Stefan Felber (Hg.). Zwischen Babel und Jerusalem – Aspekte von Sprache und Übersetzung (Ost-West-Express. Kultur und Übersetzung, Band 34)

260 S., 24,80 €, kart., ISBN 978-3-7329-0501-0

Ihre Bestellungen richten Sie bitte an:
LKG – Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel, Frau Flora Ihlau, Telefon: 034206-65 181, Fax: 034206-65 17 73, E-Mail: flora.ihlau@lkg-service.de

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 24. Mai 2019 um 16:25 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.