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Die Heilige Schrift – Das Wort des Dreieinigen Gottes

Freitag 29. Juni 2007 von Prof. Dr. Reinhard Slenczka


Prof. Dr. Reinhard Slenczka

Die Heilige Schrift – Das Wort des Dreieinigen Gottes
Wie Gott uns begegnet in seinem Wort

Da ich annehme, daß Sie den Text meiner „dogmatischen Stellungnahme zur ‚Bibel in gerechter Sprache’“ vor Augen haben, will ich nicht wiederholen, was man dort besser lesen und bedenken kann. Vielmehr möchte ich auf die Grundprobleme in Theologie und Kirche eingehen, fĂŒr die diese Bibelausgabe lediglich ein Symptom ist.

a) Der Name und das Wort Gottes

Das Grundproblem bei der vorliegenden Bearbeitung biblischer Texte liegt darin, daß der Name Gottes nicht aus der Selbstoffenbarung Gottes in seinem Wort erkannt wird, sondern als ein Produkt aus menschlichen Erfahrungen, WĂŒnschen oder MĂ€ngeln.

Das heißt, wie etwa auch ein Philosoph wie Ludwig Feuerbach (1804-1872) den christlichen Glauben verstanden hat: Die Glaubensvorstellungen sind „erfĂŒllte HerzenswĂŒnsche“.

Denselben Ansatz finden wir in der Religionskritik von Karl Marx (1818-1883), der schreibt: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“ Religion ist Ausdruck der materiellen Basis, und der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse. „Die Religion ist der Seufzer der bedrĂ€ngten Kreatur, das GemĂŒt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser ZustĂ€nde ist. Sie ist Opium des Volks.“ (1)

 Es ist nicht zu bestreiten, daß die verbreitete Auffassung von der Geschichtsbedingtheit der Heiligen Schriften, des Wortes Gottes und der Theologie von denselben weltanschaulichen Voraussetzungen geprĂ€gt wird. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn selbst in der theologischen Fachsprache immer wieder die Rede ist von Gottesbegriffen, Gottesbildern und Gottesvorstellungen, die zeitbedingt und daher wandelbar sind, Interpretamente, die aus der jeweiligen Situation erwachsen oder fĂŒr sie entwickelt werden oder auch „Theologien“, deren Eigenart mit dem Namen ihres jeweiligen Autors verbunden sind.

An diesem Punkt muß nach dem Wort Gottes eine klare und scharfe Unterscheidung vollzogen werden: Gott begegnet seinem erwĂ€hlten Volk nicht im Bild des Geschaffenen, sondern in seinem gesprochenen und geschriebenen Wort. Dazu Dtn 4, 9-19, und ich lese bewusst den ganzen Textzusammenhang:

9 HĂŒte dich nur und bewahre deine Seele gut, daß du nicht vergißt, was deine Augen gesehen haben, und daß es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang. Und du sollst deinen Kindern und Kindeskindern kundtun

10 den Tag, da du vor dem HERRN, deinem Gott, standest an dem Berge Horeb, als der HERR zu mir sagte: Versammle mir das Volk, daß sie meine Worte hören und so mich fĂŒrchten lernen alle Tage ihres Lebens auf Erden und ihre Kinder lehren.

11 Da tratet ihr herzu und standet unten an dem Berge; der Berg aber stand in Flammen bis in den Himmel hinein, und da war Finsternis, Wolken und Dunkel.

12 Und der HERR redete mit euch mitten aus dem Feuer. Seine Worte hörtet ihr, aber ihr saht keine Gestalt, nur eine Stimme war da.

13 Und er verkĂŒndigte euch seinen Bund, den er euch gebot zu halten, nĂ€mlich die Zehn Worte, und schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln.

14 Und der HERR gebot mir zur selben Zeit, euch Gebote und Rechte zu lehren, daß ihr danach tun sollt in dem Lande, in das ihr zieht, es einzunehmen.

15 So hĂŒtet euch nun wohl – denn ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb -,

16 daß ihr euch nicht versĂŒndigt und euch irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder Weib,

17 einem Tier auf dem Land oder Vogel unter dem Himmel,

18 dem GewĂŒrm auf der Erde oder einem Fisch im Wasser unter der Erde.

19 Hebe auch nicht deine Augen auf gen Himmel, daß du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienest ihnen. Denn der HERR, dein Gott, hat sie zugewiesen allen andern Völkern unter dem ganzen Himmel“.

Dies ist ein Kommentar zu dem Bilderverbot, das in Luthers Katechismen keineswegs, wie gelegentlich selbst von Theologen zu hören ist, ausgelassen wurde, sondern es erscheint im Großen Katechismus als Anhang zum ersten Gebot und im Kleinen Katechismus als Beschluss und Zusammenfassung aller zehn Gebote. Nach Ex 20, 3-6 lautet es:

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der VĂ€ter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Wir halten fest: Name und Wort sind, unterschieden von allen anderen Religionen, in denen natĂŒrliche, von Gott geschaffene Dinge verehrt werden, die besondere Weise der Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk. So spricht er zu uns, und so können wir zu ihm sprechen.

Dabei wird immer wieder, worauf spĂ€ter zurĂŒckzukommen ist, auch eingeschĂ€rft, daß dies den Kindern weitergesagt werden muß und das daran das Wohlergehen durch Generationen abhĂ€ngt, wĂ€hrend eine Übertretung des Bilderverbots Straffolgen fĂŒr weitere Generationen, dritte und vierte, hat.

b) Die Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf

Dies ist eine stĂ€ndige Versuchung fĂŒr das Volk Gottes. Doch damit wird genau das aufgehoben, was Inhalt und Grund der besondern Gemeinschaft Gottes mit seinem erwĂ€hlten Volk ist. Gott begegnet nicht im Bild des Geschaffenen, sondern in seinem geschriebenen und verkĂŒndigten Wort. Das ist, wie wir gehört haben, heilsentscheidend fĂŒr zeitliches Wohlergehen und ewiges Heil.

Im Alten Bund erwĂ€chst die Versuchung, das Geschöpfliche zu verehren, anzubeten und zu fĂŒrchten aus den Naturreligionen der Umwelt, in denen die Gestirne, die Fruchtbarkeit und die SexualitĂ€t oder auch Menschen, Könige und Kaiser, verehrt und angebetet wurden. So wendet sich der Prophet Jeremia gegen einen feministischen Kult, in dem eine „Himmelskönigin“ angebetet und ihr geopfert wird (Jer 7, 17-19; 44, 15-27). Fremde Kulte und Religionen gewinnen immer wieder Einfluß durch BĂŒndnisse oder auch Mischehen aus politischen und wirtschaftlichen Interessen in einer multikulturellen und multireligiösen Umwelt. Das von den Propheten angekĂŒndigte Strafgericht Gottes soll das Volk zur Umkehr rufen. Daß die Propheten dann von ihren Kollegen und den AmtstrĂ€gern am Tempel verfolgt, angezeigt und geschlagen, ja sogar umgebracht werden, zeigt gerade das Beispiel des Propheten Jeremia (z. B. Jer 7; 19,14-20,6).

Wie im Alten Testament, so werden wir auch im Neuen Testament darauf hingewiesen, daß die Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf das göttliche Strafgericht schon in dieser Zeit zur Folge hat, wie es uns Röm 1, 18-32 gezeigt wird. Dreimal hören wird: „Gott hat sie dahingegeben“. Denn wo der wahre Gott nicht angebetet und verehrt wird, da gewinnen die KrĂ€fte und Triebe der Natur die Herrschaft. Auch hier wollen wir den ganzen Text hören:

18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart ĂŒber alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.

19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart.

20 Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, so daß sie keine Entschuldigung haben.

21 Denn obwohl sie von Gott wußten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverstĂ€ndiges Herz ist verfinstert.
(Wir halten fest, daß rechte Gotteserkenntnis im Gebet, Lob und Dank, besteht)

22 Da sie sich fĂŒr Weise hielten, sind sie zu Narren geworden

23 und haben die Herrlichkeit des unvergĂ€nglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergĂ€nglichen Menschen und der Vögel und der vierfĂŒĂŸigen und der kriechenden Tiere.

24 Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, so daß ihre Leiber durch sie selbst geschĂ€ndet werden,

25 sie, die Gottes Wahrheit in LĂŒge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.

26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schĂ€ndliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natĂŒrlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatĂŒrlichen;

27 desgleichen haben auch die MĂ€nner den natĂŒrlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein mußte, an sich selbst empfangen. (Aids, HIV)

28 Und wie sie es fĂŒr nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, so daß sie tun, was nicht recht ist,

29 voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; ZutrÀger,

30 Verleumder, GottesverĂ€chter, Frevler, hochmĂŒtig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam,

31 unvernĂŒnftig, treulos, lieblos, unbarmherzig.

32 Sie wissen, daß, die solches tun, nach Gottes Recht den Tod verdienen; aber sie tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.

Wir halten fest, daß zwangslĂ€ufig die von Gott geschaffenen Dinge, in Röm 1 ist das die SexualitĂ€t mit allen ihren Perversionen, eine religiöse Macht gewinnen, wo der wahre Gott nicht in rechter Weise angebetet wird. Den SexualitĂ€tskult haben wir heute allenthalben vor Augen. Was geschieht aber, wenn seit Jahren in kirchlichen ErklĂ€rungen immer wieder nicht der SĂŒnder durch den Ruf zur Umkehr und Empfang der Vergebung gerechtfertigt und vom Strafgericht Gottes befreit wird, sondern die SĂŒnde wird gerechtfertigt, und die Strafe Gottes wird als Krankheit und Leiden bagatellisiert?

c) Die PrĂŒfung und Scheidung der Geister

Die PrĂŒfung und Scheidung der Geister ist nach 1 Kor 12, 10 eine Gabe und Wirkung des Geistes. Diese Gabe ist keineswegs an ein bestimmtes Amt, seien es nun Bischöfe, Kirchenleitungen oder Theologieprofessoren, oder an bestimmte Institutionen wie die Mehrheiten von Synoden oder Kommissionen gebunden oder darauf beschrĂ€nkt ist. Vielmehr geht es gerade auch hier um die Stimme des guten Hirten, die zu erkennen und zu unterscheiden ist. Das ist also auch nicht das Ergebnis einer geschichtlichen Entwicklung. Es sind im Gegenteil Ereignisse und Einzelpersonen in der Geschichte der Kirche, durch die solche Einsicht und Unterscheidung im wörtlichen Sinne geschenkt, nĂ€mlich durch den Geist geschenkt wird.

Das haben rechtglĂ€ubige Lehrer der Kirche immer wieder eingeschĂ€rft, und dazu fĂŒhre ich das Wort des Gregor von Nyssa an, das ich aus diesem Grund auch als Motto meiner Stellungnahme vorangestellt habe: „Das göttliche Wort verbietet von vornherein, Gott mit dem gleichzusetzen, was Menschen in ihrer Erfahrung erkennen. Jeder Versuch der Vernunft, das Wesen Gottes mit dem natĂŒrlichen Vorstellungsvermögen zu erfassen, macht aus Gott einen Götzen, jedoch verkĂŒndigt ihn nicht“ Gregor von Nyssa (335-394). (2)

Wir haben gesehen, wenn der Mensch sich selber Gottesbilder schafft, die er anbetet, dann hat das ganz praktische und vor allem zerstörende Folgen fĂŒr das menschliche Leben und Zusammenleben. Es ist wohl nicht nötig, auf solche Straffolgen auch in unserer Zeit hinzuweisen. Eine besonders verbreitete Erscheinung in diesem Zusammenhang ist jedoch, daß solche Straffolgen oft schöngeredet werden


Doch wir mĂŒssen sehen, wo die unterscheidende und entscheidende Grenze verlĂ€uft. Gott ist nicht ein Bild oder Begriff, von Menschen entwickelt, sondern der Dreieinige Gott, wie er sich in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments offenbart und begegnet als Vater, Sohn und Heiliger Geist, ist Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Richter fĂŒr alle Welt, fĂŒr jeden Menschen, fĂŒr Lebende und Tote. Das ist eine Grundvoraussetzung des Glaubens, wie es Hebr 11, 6 heißt: „Aber ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß er ist und daß er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt.“

Gott ist – aber keineswegs nur in unseren Gedanken und Vorstellungen, sondern auch unabhĂ€ngig davon, ob Menschen das glauben oder nicht. Er richtet auch in Zeit und Ewigkeit, ganz unabhĂ€ngig davon, ob uns das gefĂ€llt oder mißfĂ€llt. Er ist Subjekt oder Person, das heißt, er steht uns gegenĂŒber, er spricht zu uns in seinem Wort, er handelt an uns, an seiner Kirche und in der ganzen, von ihm geschaffenen und erhaltenen Welt. In seiner Allmacht handelt er sogar an seinen und durch seine Widersacher, Verfolger und Verleumder, selbst, wie das Buch Hiob wie auch die Versuchung Jesus (Mt 4, 1-11) in erschĂŒtternder Weise zeigt, durch den Satan.

Das gesprochene und geschriebene Wort ist sowohl die Beziehung wie auch die Unterscheidung von Gott und Mensch. Dies aber steht und fĂ€llt mit dem Grundsatz, daß die Heilige Schrift in ihrer Gesamtheit Wort des Dreieinigen Gottes ist, in dem er uns begegnet, zu uns spricht und handelt.

Wir werden alle wissen, daß es gerade an diesem entscheidenden Grundsatz keinen Konsens in Theologie und Kirche, ja offenbar auch nicht in evangelikalen Kreisen gibt. Das Schimpfwort des Fundamentalismus ist dann rasch zur Hand. Allerdings sind Schimpfworte auch meist ein Zeichen fĂŒr die Hilflosigkeit zu rationaler Argumentation.

Hier scheiden sich die Geister, und dabei geht es nicht nur vordergrĂŒndig um einen Streit zwischen Auslegungsmethoden – historisch-kritisch oder biblisch, sondern es geht um Ort, Form und Mittel der Begegnung von Gott und Mensch im Wort Gottes der Heiligen Schrift.

Viele sind der Meinung, die Heilige Schrift sei Gotteswort im Menschenwort. Welches aber sind dann die Kriterien, nach denen wir in der Schrift zwischen beidem unterscheiden können. Das sind dann doch offenbar unsere eigenen Vorstellungen und MaßstĂ€be, die wir an die Schrift anlegen und in sie hineintragen. Wir machen uns dann zum Richter ĂŒber die Schrift (Jak 4, 11) und entziehen uns ihrem Gericht, ja drĂ€ngen den SĂŒnder sogar unter das Gericht Gottes mit seinen zeitlichen und ewigen Straffolgen, wie der Apostel schreibt: „ 
sie werden das Reich Gottes nicht ererben“ (1 Kor 7, 9.10; Gal 5, 19-20).

Andere wiederum meinen, die Heilige Schrift sei Gottes Wort und Menschenwort, so wie in Jesus Christus göttliche und menschliche Natur miteinander verbunden sind. Doch die Heilige Schrift bezeugt wohl den menschgewordenen Sohn Gottes, seine Fleischwerdung / Inkarnation, aber sie ist keine Inkarnation.

Wo der Dreieinige Gott uns in seinem Wort der Heiligen Schrift begegnet, kann man nicht zwei Ebenen, eine göttliche und eine menschliche unterscheiden, sondern es geht allein darum, daß der ewige dreieinige Gott uns, den von ihm abgefallenen, unter die Herrschaft von SĂŒnde, Tod und Teufel verfallenen Menschen begegnet.

Wie bei der Kirche, so stehen wir auch hier vor dem Wunder der GĂŒte Gottes. Und es geht dann nicht darum, „Texte der Antike“ aus einer vergangenen Zeit in unsere Zeit zu ĂŒbertragen, sondern es geht darum, daß der unnahbare, unsichtbare Gott, 
 „der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann.“(1 Tim 6, 16), uns in Jesus Christus nahe kommt. FĂŒr den natĂŒrlichen, von Gott abgefallenen Menschen ist die Herrlichkeit Gottes nicht nur unverstĂ€ndlich, sondern vernichtend (Ex 33, 20: „…denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ 2 Kor 3).

Gott, Wort und Glaube gehören untrennbar zusammen. Wo jedoch die Heilige Schrift nicht als Wort des Dreieinigen Gottes erkannt und anerkannt wird, da löst sich der Glaube in alle möglichen GefĂŒhle, Erfahrungen und SchwĂ€rmereien auf, in denen zwar viel ĂŒber Gott geredet werden kann, wo jedoch Gott selbst ĂŒberhaupt nicht mehr zu Wort kommt in Gericht und Gnade. Dies aber ist von altersher das Kennzeichen der Gnosis, die eine Erlösung durch Erkenntnis, GefĂŒhle und Erfahrungen anstrebt, was ĂŒbrigens auch mit besonders durch Musik, RĂ€ucherstĂ€bchen, Tanz und dergleichen die GefĂŒhle ansprechenden Gottesdiensten verbunden ist.

Daß es sich bei der Gleichsetzung von Heiliger Schrift und Wort Gottes nicht um die subjektive Meinung eines Theologen oder einer bestimmten Richtung handelt, ist – oft nur in Spuren – im christlichen Gottesdienst erkennbar. Die Lesungen von Altem Testament und Episteln werden abgeschlossen mit dem Hinweis: „Wort des Lebendigen Gottes“, und die Gemeinde akklamiert mit dem dreifachen Halleluja. Das ist das Lob des in seinem Wort gegenwĂ€rtigen Dreieinigen Gottes. Entsprechend heißt es bei der Verlesung des Evangeliums: „Ehre sei dir, Herre. – Lob sei dir, o Christe.“ Damit wird der in seinem Wort gegenwĂ€rtige Herr angerufen.

Wenn es stattdessen heißt: „Ich lese Ihnen einen Text aus
.“, dann ist das ein Zeichen dafĂŒr, daß Gottes Gegenwart in seinem Wort nicht erkannt und anerkannt wird. Entsprechende Predigten pflegen dann auch eine lange Einleitung zu haben, um Menschen abzuholen und die Texte in die Gegenwart zu ĂŒbertragen. Doch auf diese Weise wird ĂŒberhaupt erst ein Abgrund zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufgerissen, der doch gerade durch die Gegenwart Gottes in seinem Wort ĂŒberwunden wird. Es geht eben nicht darum, die Antike in die Gegenwart zu ĂŒbertragen, sondern es geht zu allen Zeiten in gleicher Weise um die Begegnung des Dreieinigen Gottes mit dem von ihm abgefallenen Menschen. Die Vollmacht aller VerkĂŒndigung aber wird dadurch begrĂŒndet, jedoch zugleich auch darauf begrenzt, daß Gott selbst in seinem Wort gegenwĂ€rtig ist, spricht und handelt, wie der Herr seinen JĂŒngern sagt: „ Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat“ (Luk 10, 16).

An dem Grundsatz, daß die Heilige Schrift Wort des Dreieinigen Gottes ist, scheiden sich die Geister, auch wenn uns solche Trennungen menschlich gesehen oft sehr schwer ankommen. Doch gerade dies gehört auch zur Wirkung des Wortes Gottes, daß es trennt und scheidet. Einsichtige Theologen haben diese Entscheidung immer wieder nachdrĂŒcklich in Erinnerung gerufen.

So Martin Luther in einer Predigt von 1521: „Darum, wenn die Leute nicht glauben wollen, so sollst du stille schweigen, denn du bist nicht schuldig, daß du sie dazu zwingst, daß sie die Schrift fĂŒr Gottes Wort halten. Ist genug, daß du deinen Grund darauf gibst. Als wenn sie es so vornehmen und sagen: ‚Du predigst, man solle nicht Menschen Lehre halten, so doch Petrus und Paulus, ja Christus auch Menschen gewesen sind’. Wenn du solche Leute hörst, die so gar verblendet und verstockt sind, daß sie leugnen, daß dies Gottes Wort sei oder daran zweifeln, so schweige nur still, rede kein Wort mit ihnen und laß sie fahren. Sprich nur also: ’Ich will dir Grund genug aus der Schrift geben. Willst du es glauben, so ist es gut; willst du nicht, so will ich dir nicht mehr geben.’ So sagt du: ‚Ei, so muß dann Gottes Wort mit Schanden bestehen!’. Das befiehl du Gott. Darum ist es not, daß man das wohl fasse und wisse denen zu begegnen, die jetzt aufstehen und solche Dinge vorgeben.“ (3)

Oder Wilhelm Löhe (1808-1872): „Mein Sohn, wenn wieder einer mit dir von göttlichen Dingen disputieren will, so frage ihn erst, ob er die Bibel fĂŒr Gottes Wort halte vom ersten bis zum letzten Verse. Sagt er ja, so kannst du, wenn er nicht ein Heuchler ist, dich mit ihm einlassen. Sagt er nein, so disputier nicht. Mit VernunftgrĂŒnden kann man Ja und Nein zu allen Dingen sagen und disputieren ohne Ende: nur Gottes Wort macht ein Ende der hadernden VernunftgrĂŒnde.“ (4)

Wer dem lebendigen Gott begegnet und ihn nicht als eine Projektion menschlicher WĂŒnsche, Vorstellungen und Bilder ansieht, der wird unweigerlich erfahren, daß er ein „verzehrendes Feuer“ ist (Hebr 12, 29; Dtn 4, 24; Ex 24, 17). Allein in Tod und Auferstehung Jesu Christi können wir der Herrlichkeit Gottes begegnen, ohne von ihr vernichtet zu werden, wie der Apostel Paulus schreibt: „Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklĂ€rt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist“ (2 Kor 3, 18).

Gott ist keine Gedankenspielerei oder eine Verzierung menschlichen Lebens. Er wird auch nicht von Mehrheiten gewĂ€hlt oder abgewĂ€hlt. Er ist der Grund allen Seins fĂŒr die grenzenlose Weite des Kosmos ebenso wie fĂŒr die FĂŒlle menschlichen Lebens. Darauf grĂŒndet sich der Glaube, der auch nicht einfach frommes Bewußtsein und „GefĂŒhl schlechthiniger AbhĂ€ngigkeit“ ist, sondern das, was uns trĂ€gt im Leben wie im Sterben: „der einzige Trost im Leben und im Sterben
“ (5).

Wenn jedoch die Begegnung mit Gott in seinem Wort problematisiert wird, dann verliert auch der Glaube, der von diesem Wort getragen wird, den Grund seiner Gewißheit. Wir geraten in ein Gewohnheits- und Traditionschristentum, das sich krampfhaft bemĂŒht, Relevanz fĂŒr Zeit und Gesellschaft nachzuweisen und mit Marketing seinen Bestand zu sichern.

Darum noch einmal Luther dazu: „ Mein Rat ist: Wer die Heiligen Schriften nicht mit fester Überzeugung halten kann, der soll lieber die Finger davon lassen. Es ist jedenfalls sicherer, sie mit den Laien nicht zu kennen als sie fĂŒr ungewiß zu halten. Es ist unglaublich, welche Qualen der Teufel damit einem Sterbenden bereitet, wenn man sie fĂŒr zweifelhaft hĂ€lt. Mir scheint, daß die Sophisten (Schultheologen) vom Teufel genau dazu angeregt sind, daß sie die Schriften mit ihren Wortspielereien ungewiß machen.“ (6)

Anmerkungen

1 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Werke. Darmstadt 1971. Bd. 1, 488

2 De vita Moysis. MPG 44, 377 B

3 Martin Luther, WA 2, 649, 10-20. Predigt ĂŒber die Petrusbriefe 1523.

4 Wilhelm Löhe, Mit wem kann man ĂŒber göttliche Dinge disputieren?
In: Ges. Werke 3, 1, 276

5 Heidelberger Katechismus. Frage 1

6 Martin Luther, WA 8, 113, 3-7. 1521

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 29. Juni 2007 um 13:18 und abgelegt unter Theologie.