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Die Kultur des gesenkten Blicks – Fakten und Folgen des Dauerkonsums elektronischer Medien

Dienstag 31. Juli 2018 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Die 12- bis 19jĂ€hrigen in Deutschland sind tĂ€glich drei Stunden und 20 Minuten online. Vor zehn Jahren war es mit 99 Minuten nicht mal die HĂ€lfte. Insgesamt verbringen die Jugendlichen mit der Nutzung von Massenmedien, also Radio, Fernsehen, Zeitungen plus Smartphone knapp acht Stunden pro Tag. 1970 waren es drei Stunden und 27 Minuten. Das sind Ergebnisse der sogenannten Jim-Studie aus dem Jahr 2016. Nach einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie der DAK und des Hamburger Uni-Klinikums verbringen die 12- bis 17jĂ€hrigen im Schnitt fĂŒnf Stunden mit WhatsApp, Facebook, Instagram und anderen sogenannten sozialen Medien. Die Nutzungszeiten fĂŒr Computerspiele kommen noch hinzu. Andere Studien bestĂ€tigen den steigenden Konsum des Internets.

Die Folgen sind bedenklich. Junge Menschen treffen weniger Freunde und verlassen seltener das Haus. Sie stehen im Dauerkontakt mit gleichaltrigen Online-Freunden. Man nennt sie POPC, permanently online – permanently connected. Mittlerweile sind nach der Hamburger Studie 2,6 Prozent der POPC-Jugendlichen von den sozialen Medien abhĂ€ngig, der Ulmer Hirn- und Bindungsforscher, Manfred Spitzer, spricht von acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Jugendpsychologen und -psychiater bestĂ€tigen, daß die Internetsucht heute die hĂ€ufigste Krankheit ist, mit der sie in ihren Praxen zu tun haben. HĂ€ufig geht sie mit anderen Krankheiten einher, man spricht vom ISO-Syndrom. I steht fĂŒr Internetsucht, S fĂŒr SchulschwĂ€nzen, O fĂŒr Obesitas, krankhaftes Übergewicht. Die Betroffenen haben ein Symptom und die beiden anderen kommen dann dazu, meist steht am Anfang die Internetsucht. Sie zeigt sich auch in einer Nomophobie, der Angst ohne Handy zu sein. An dieser Angst leiden nach einer PISA-Studie 41 Prozent der Digital Natives, also jene Generation, die mit Online-GerĂ€ten aufgewachsen ist.

Auch ohne Sucht sind die Folgen gravierend. Die „Kultur des gesenkten Blicks“ fĂŒhrt zu KonzentrationsmĂ€ngeln und zu einer geringen Aufmerksamkeitsspanne. Vor sieben Jahren nutzten 27 Prozent der Bevölkerung ein Smartphone, heute sind es 81 Prozent und bei den Jugendlichen haben 95 Prozent ein Smartphone, auf das sie alle sieben Minuten draufschauen. Nach Angaben des Hirnforschers Professor Manfred Spitzer in einem Interview mit dem Deutschlandfunk sinken die Schulleistungen der SchĂŒler um 20 Prozent, wenn man WLan und Computer an Schulen einfĂŒhrt. Nicht nur Schulleistungen leiden darunter, auch ganz elementare FĂ€higkeiten wie das Lesen. Jeder fĂŒnfte ViertklĂ€ssler verfehlt die Mindeststandards im Bereich Lesen. Das betrifft, so das Institut fĂŒr QualitĂ€tsentwicklung im Bildungswesen (IQB), vor allem Jugendliche in GroßstĂ€dten, ĂŒberproportional ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Entscheidend ist aber nicht die Herkunft, sondern das soziale Setting (Milieu, Medienkonsum in der Familie, Stellenwert von BĂŒchern, Haltung gegenĂŒber Bildung und Bildungssystem). Vietnamesische SchĂŒler zum Beispiel lernen schneller und besser lesen als deutsche, islamisch geprĂ€gte SchĂŒler haben hier deutliche Nachteile.

Diese Daten sind kein deutsches PhĂ€nomen. Weltweit hat sich die „screen-time“, die Zeit, in der Jugendliche auf einen großen oder kleinen Bildschirm schauen, in den letzten zwanzig Jahren sprunghaft erhöht. Diese Zeit fehlt fĂŒr die vor allem in jungen Jahren notwendige Bewegung. Wer lange vor dem Bildschirm sitzt, wird dick. Und, so hat jetzt eine Studie der amerikanischen San Diego State University ergeben, er wird auch unglĂŒcklich. Die Studie mit mehr als einer Million Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren konnte einen engen Zusammenhang erkennen zwischen Medienkonsum und Wohlbefinden. Mit anderen Worten: Die Laune sinkt proportional zur Dauer des Medienkonsums, wer lange glotzt wird ĂŒbellaunig und aggressiv. Das ist zwar nicht neu, schon in den achtziger Jahren haben Untersuchungen an amerikanischen Kindern einen Zusammenhang zwischen der Fernsehdauer und dem Ausmaß der Übergewichtigkeit festgestellt. Dabei wird das Übergewicht sowohl durch die verminderte körperliche AktivitĂ€t als auch durch den hĂ€ufigeren Verzehr von Snacks wĂ€hrend des Fernsehens gefördert. Aber inzwischen ist das PhĂ€nomen epidemisch. Seit dieser Zeit hat sich nach der Weltgesundheitsorganisation die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit starkem Übergewicht weltweit verzehnfacht, in Deutschland sind nach dem Robert-Koch-Institut 19 Prozent der elf- bis 17jĂ€hrigen ĂŒbergewichtig und zehn Prozent krankhaft dick.

Was tun? Bei deutlichen Krankheitssymptomen (Nomophobie) wie dem Starren auf das Handy alle drei, vier Minuten, sollten Eltern sich ernsthaft Gedanken machen, ob sie nicht psychologische Hilfe suchen. Auf jeden Fall muss der Medienkonsum eingeschrĂ€nkt werden. Viele PĂ€dagogen, Psychologen und Verhaltensforscher empfehlen eine „screen-time“ von weniger als zwei Stunden pro Tag, so die Psychologie-Professorin J.M. Twenge, die die Studie der San Diego-University leitete. Zu erhöhen sei dagegen die Zeit fĂŒr Sport und fĂŒr Treffen mit Freunden ohne Handy oder Computerspiel. Schon frĂŒher hat eine Freiburger Gruppe von Verhaltensforschern empfohlen, daß Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen kein Fernsehen sehen sollten. Bewegte Bilder gehen im Kopf nach und beeintrĂ€chtigen den Schlaf. Das gilt freilich auch fĂŒr das Smartphone, dessen Licht allein schon das Hirn fesselt. Was aber tun in dieser Zeit? Die Antwort heißt: Lesen. Auf Papier lesen, nicht auf dem Bildschirm. Das Gehirn verarbeitet anders, memorisiert anders. Ideal ist, vor allem bei kleinen Kindern, das Vorlesen. Die Kommunikation ist tiefer und persönlicher. Bei grĂ¶ĂŸeren Kindern, etwa neun und zehn Jahre, stĂ€rkt es das Selbstvertrauen des Kindes, wenn es selber vorliest. BĂŒcherlesen ist auf jeden Fall eine Alternative, die sich bewĂ€hrt hat. Diese BewĂ€hrung steht bei der Screen-time und bei der Digitalisierung der Schulen noch aus.

Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie, Nachricht des Monats, 2018/4 (www.i-daf.org)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 31. Juli 2018 um 10:56 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Seelsorge / Lebenshilfe.