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Gott war in Christus. Die Gewissheiten der Bibel im Streit zwischen Theologie, Kirche und Gemeinde

Samstag 23. Dezember 2017 von Pastor Harm Bernick


Pastor Harm Bernick

Regelmäßig zu den großen christlichen Festen erscheinen in den Magazinen religionskritische Artikel – vor Weihnachten werden dazu Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geburt von Jesus („Ist Jesus wirklich in Bethlehem geboren?“) oder an Bekenntnisaussagen („… geboren von der Jungfrau Maria…“) vorgetragen. Gelegentlich tun das auch Pfarrer, in jüngster Zeit kirchenleitende Persönlichkeiten in der Tagespresse. Und alle berufen sich auf Ergebnisse der sog. historisch-kritischen Forschung.

Zur Jungfrauengeburt: Nach Ansicht der historisch-kritischen Deutung hätten die biblischen Autoren durch die Aussage der Jungfrauengeburt lediglich die Nähe Jesu zu Gott oder – so die etwas konservativere Sicht – ihr Verständnis von Jesus zum Ausdruck bringen wollen. Dabei hätten sie aus der falschen Übersetzung einer alttestamentlichen Stelle eine biologische Tatsache konstruiert. Wer die Jungfrauengeburt als Faktum glaube, habe die Autoren missverstanden. Einige Beispiele:

So hatte die ehemalige Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann „die landläufige Vorstellung“ der Jungfrauengeburt bestritten. Die historisch-kritische Bibelforschung habe dargelegt, dass es sich hierbei um eine Übersetzungsfrage handele. In „der damaligen hebräischen Welt des Jesaja, den Matthäus zitiert, bedeutet der Begriff ganz einfach eine junge Frau“1.

Auf die Frage, was sie zur „biblischen Überlieferung, dass Maria bei der Geburt Jesu noch unberührt war“ glaube, antwortete sie: „Da bin ich ganz Theologin des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, dass Maria eine junge Frau war, die Gott vollkommen vertraut hat. Aber dass sie im medizinischen Sinne Jungfrau war, das glaube ich nicht.“ Auf den Einwand des Redakteurs, es gäbe doch „mehrere Bibelstellen, wonach sie ihr Kind vom Heiligen Geist empfängt. Damit scheidet Josef als Vater schon mal aus…“ antwortete sie: „Gottes Geist war sicherlich am Werk. Aber es gibt beispielsweise im Matthäusevangelium eine Abstammungsliste Jesu, in der sein Vater als Abkömmling des großen Königs David ausgewiesen wird. Das eine schließt das andere nicht aus. … Ich denke, dass Josef im biologischen Sinne der Vater Jesu war. Gott war es im geistigen.“ 2

In einer Vorlesung für Studienanfänger im Jahr 2015 bestreitet eine Dozentin die Jungfrauengeburt. Sie brauche die Jungfrauengeburt für ihren Glauben nicht.

Im Dezember 2015 schreibt eine Bremer Pastorin im „Weser-Kurier“, jedes Kind wisse, dass „Maria keine Jungfrau“ und „der Heilige Geist nicht für ihre Schwangerschaft verantwortlich“ gewesen sei. Heute könne man sagen, „was an dieser Geschichte wahr ist und was nicht“. Der moderne Mensch erwarte hier eine Ehrlichkeit seitens der Kirchen, denn „die Leute wollen nicht veräppelt werden“. Die Weihnachtsgeschichte sei ein „Glaubensmärchen“. Die Annahme, dass die biblischen Geschichten wörtlich zu verstehen seien, verortet die Theologin in der römisch-katholischen und in der russisch-orthodoxen Kirche. Ein solch „strenges Schriftverständnis“ sei in der evangelischen Kirche nicht mehr möglich. 3

Der reformierte Pfarrer Ulrich Klein (Bremen) wird mit den Worten zitiert, das, „was sie gesagt habe, sei in der wissenschaftlichen Theologie nichts Neues, in bestimmten Kreisen werde darüber gar nicht mehr diskutiert.“ „Diese Vielfalt gehört zur evangelischen Kirche in Bremen“, sagte Bernd Kuschnerus, stellvertretender Schriftführer des Kirchenausschusses in Bremen. Die bremische Kirche teilte mit, in ihr „herrsche Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit. Eine Stellungnahme seitens der bremischen Kirchenleitung sei daher nicht zu erwarten.“

In einem Interview mit der „Braunschweiger Zeitung“ erklärte der Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig im Januar 2016, die biblische Weihnachtsgeschichte sei eine „Legende“, und man solle die neutestamentlichen Texte nicht naturwissenschaftlich interpretieren.

Die Lutherbibel 2017, die zum 500. Jubiläum der Reformation am 31.10.2016 als offizieller Bibeltext der EKD vorgestellt wurde und jetzt im Buchhandel ist, erläutert zur Stelle Jes. 7,14 in einer Fußnote die Erklärung: „wörtlich: junge Frau“ und zum Begriff „Jungfrau“ unter „Sach-und Worterklärungen: „Im Neuen Testament bleibt in der Schwebe, wie sich Jesu Herkunft von Gott und seine irdische Abstammung von David zueinander verhalten. Die Aussage von der jungfräulichen Empfängnis Jesu (Mt. 1,23; Lk 1,27) will nicht als biologisches Wunder, sondern als theologische Aussage über seine göttliche Herkunft verstanden werden.“

Diese unentschlossen zwischen zwei Verständnissen verharrende Aussage ist der Versuch, den theologischen Sachstand aufzunehmen, ohne bibeltreue Leser zu irritieren. Das Neue Testament lässt die „Herkunft von Gott“ für Jesus jedoch keineswegs „in der Schwebe“, sondern bezeugt sie in überwältigender Breite. Die Herausgeber der Lutherbibel jedoch wollen eine Festlegung zur Göttlichkeit von Jesus vermeiden, indem sie sich in Unkenntnis über die Anteile seiner „Herkunft von Gott“ und „seiner irdischen Abstammung“ zeigen, so als ginge es hier um eine Art „Göttlichkeitsquantum“, bei dem lediglich der Umfang unklar sei. Demgegenüber hat die Kirche im Jahr 451 ein bis heute gültiges Bekenntnis dazu verabschiedet, das übrigens schon damals dieselbe Vermutung zurückgewiesen hatte. Denn sie ist kein Ergebnis der jüngeren Theologie. Sie begleitet die Geschichte der Kirche seit dem Kommen Jesu. Und das Gründungsbekenntnis der lutherischen Kirche sagt, „dass Gott, der Sohn, sei Mensch geworden, geboren aus der reinen Jungfrau Maria, und dass die zwei Naturen, die göttliche und menschliche, in einer Person, also unzertrennlich vereinigt, ein Christus sind, welcher wahrer Gott und wahrer Mensch ist…“ (CA III).

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat das entmythologisierte Verständnis der Geburt Jesu in ihre offizielle Bibelausgabe aufgenommen, so dass die Gottesdienst-Gemeinde in ihrem Bekenntnis künftig zwar weiterhin „von der Jungfrau Maria“ sprechen, aber aus ihrer Bibel wissen soll, dass sie an einen „Mythos“ glaubt.

Die Frage, ob wir den Bericht von der Jungfrauengeburt wörtlich oder wie wir ihn sonst verstehen sollen, ist auch ein Thema für Christen, die in der Bibel Gottes Wort finden und damit tagtäglich leben. Sie fragen: „Ist es wirklich heilsnotwendig, an die Jungfrauengeburt zu glauben, oder ist es nicht wichtiger, zu wissen, dass Jesus lebt, dass er mich liebt und mir vergeben hat?“ Es ist Zeit, zu sagen was und warum wir glauben.

Dazu drei Fragen: (1): Worum geht es eigentlich beim Streit um die Jungfrauengeburt? So dann (2): Wunderkritik: Argumente oder Spekulation? und (3) Was dürfen wir Weihnachten 2016 noch glauben?

1. Worum geht es eigentlich beim Streit um die Jungfrauengeburt?

Zur Sorgfalt in der Textauslegung: In Jes. 7,14 steht eine Verheißung an Ahas, der in einer prekären Lage nicht glauben will, dass Gott ein Wunder tun wird. Daraufhin kündigt Gott ihm ein Zeichen an:

„Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel“.

Jahrhunderte später berichtet Lk 1,26f., dass „der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa, die Nazareth heißt, gesandt wird zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann mit Namen Josef vom Hause David, und die Jungfrau hieß Maria“.

Lk. 1,34ff setzt nach einer Verheißung an Maria mit deren Einwand fort:

„Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“ Darauf antwortet der Engel: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.“

Dann spricht Mt 1,23 von der Geburt von Jesus:

„Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist“. Ihrem Verlobten – Josef – bestätigt ein Engel:

„… was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist“. Und Matthäus stellt fest, dass dies die Erfüllung von Jes. 7,14 ist: „Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): ‚Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.‘“ (Mt 1,22f.)

Zunächst: In Lk. 1,27.34 und in Mt. 1,18.23 wird berichtet, dass Maria Jungfrau war und dass „Jesus vom Heiligen Geist herkomme“.4 Nirgendwo im Neuen Testament wird hingegen gesagt, dass Joseph der Vater sei, vielmehr „heißt Jesus für damaligen Sprachgebrauch völlig ungewöhnlich ‚Sohn Mariens‘“

Sodann: Was wird mit „Jungfrau“ übersetzt? Die Vermutung, die historisch-kritische Bibelforschung habe ergeben, dass es sich um einen Übersetzungsfehler handele, ist falsch. Übersetzen konnte man immer schon. Es ist immer schon bekannt gewesen, dass in Jes. 7,14 nicht der Begriff „Jungfrau“, sondern ein anderes Wort steht. Allerdings steht hier auch nicht, dass es sich – wie Frau Käßmann behauptet – „ganz einfach“ um eine junge Frau handelte. Der Begriff in Jes. 7,14 meint das ledige oder verheiratete Mädchen/Frau bis es ein Kind hat. Gemeint ist eine Frau vor Empfängnis des ersten Kindes. Der Begriff ist zwar nicht Synonym für „Jungfrau“. Er habe „nichts mit der Vorstellung von sexueller Unberührtheit zu tun“, ist jedoch in den Text hineininterpretiert und die für die damalige Zeit unwahrscheinlichste Annahme. Man muss die Verwendung des Begriffes schon sorgfältig einschätzen: Jesaja wählt nicht das für die Frau, auch für die ledige Frau und auch die werdende Mutter übliche Wort isha: „Weib jedes Alters und Standes, verehelicht oder nicht“5, das nahezu 800 mal im Alten Testament vorkommt, sondern dieses spezielle Wort almah „das Weib, bis es ein Kind hat“, das das Alte Testament nur 9 mal verwendet.6 Dass „eine junge Frau empfängt und ein Kind bekommt, ist ein Allerweltsgeschehen“7 und hätte keiner Erwähnung bedurft. Wozu also angesichts einer Geburt die simple Altersbestimmung „junge Frau“ hier? Es ist eine auffallende Besonderheit, dass Jesaja diesen Begriff nennt, der für die Frau als Mutter nicht verwendet wird, der demgegenüber aber eine eng eingegrenzte Gruppe von Frauen so bezeichnet, dass er ohne Zusatz auch für „Jungfrau“ verwendet werden konnte.

Frau Käßmann vermutet, dass schon in der Septuaginta eine Veränderung vorgenommen worden sei. Die Septuaginta ist eine griechische und in der Antike viel verwendete Übersetzung des Alten Testaments. Dort wird das hebr. Wort aus Jes. 7,14 almah griechisch mit „Jungfrau“ parthenos: „Jungfrau, Mädchen; adj.: jungfräulich“ wiedergegeben. Ein Fehler? Sprachwissenschaftliche Untersuchungen sind sich da keineswegs so sicher. Das hebr. Wort almah schließt die Übersetzung „Jungfrau“ grundsätzlich nicht aus: „Vom Wortsinn her könnte die griechische Übersetzung ‚Jungfrau‘ in der Septuaginta an sich die Bedeutungen sowohl des hebr. Ausdrucks betulah; „Jungfrau“ als auch des hebr. Ausdrucks almah aus Jes. 7,14 einschließen.8 Der hebr. Begriff almah und der hebr. Begriff betulah „Jungfrau“ können in 1.Mo 24,16.43 abwechselnd für dieselbe Frau verwendet und in der griechischen Übersetzung beide Male mit parthenos: „Jungfrau“ wiedergegeben werden.9

Das Wort ist eine Art „Gefäß“: es ist offen für das, was noch nicht da ist und erst durch die Erfüllung eindeutig wird. Zu vermuten, deshalb sei es grundsätzlich nicht als Jungfrau zu verstehen, ist schlicht falsch. Ja, es bleibt dabei, dass das Wunder der Jungfrauengeburt durch eine Vokabel weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Das Wunder bleibt die Torheit, unter der Gott sich verbirgt. Und ich bin mir sicher: wäre es aus dem Wörterbuch zwingend mit „Jungfrau“ zu übersetzen – die Erklärungen der historisch-kritischen Methode wären die gleichen.

2. Wunderkritik: Argumente oder Spekulation?

Es geht also nicht um eine „Übersetzungsfrage“. Grund für die Bestreitung ist das Weltbild der historisch-kritischen Methode, das ein Wunder grundsätzlich ausschließt. Die historisch-kritische Methode ist deshalb nicht dasselbe wie eine historisch-gründliche Forschung. Der Disput mit der Methode hat seinen Grund nicht in der historischen Forschung, nicht in der Frage der Gründlichkeit und Sorgfalt, sondern im Frage-Paradigma der Methode. Die historisch-kritische Methode ist nicht, wie der Zusatz „Methode“ vermuten lässt, ein Instrument, um Ergebnisse präziser und jedenfalls richtiger zu ermitteln. Die historisch-kritische Methode ist einem Weltbild verpflichtet, das nur Ereignisse erfasst und glaubt, deren Verursachung restlos mit der Vernunft ermittelt werden kann. Anderes gibt es für diese „Methode“ nicht. Sie bestimmt damit in einem Vor-Urteil, was es geben kann und was nicht.

Die historisch-kritische Methode geht deshalb von der Annahme aus, dass es keine Wunder geben könne. Nur wer diese Voraussetzung teile, könne biblische Texte angemessen verstehen. Und sie fordert, jeden Bericht unter den drei Aspekten Kritik, Analogie und Korrelation zu prüfen und ihm so eine Wahrscheinlichkeit zu- oder abzusprechen.10

Unter der Voraussetzung, dass es also auch das Wunder der Jungfrauengeburt nicht gegeben haben könne, wurde der Bericht als Mythos aufgefasst: Die Autoren des Neuen Testaments hätten Wunder erfunden, um damit die Bedeutsamkeit von Jesus zum Ausdruck zu bringen. Im Sinne der Entmythologisierung suchte man nun hinter dem Text nach einer Botschaft, in der das in den Mythos – wie man sagte: eingekleidete Selbstverständnis des Verfassers zum Ausdruck komme und wollte dies für das Selbstverständnis der heutigen Existenz furchtbar machen.11 Das nannte man seitdem „existentiale Interpretation“.

Jetzt gab es so widersprüchliche Aussagen wie „Ich glaube an die Jungfrauengeburt. Aber sie ist kein biologischer Vorgang.“12 Der „Glaube“ berief sich nun nicht mehr auf ein Ereignis, sondern auf eine vermutete Absicht des Verfassers. Der „Glaube“ glaubte kein Ereignis mehr, sondern seine Bedeutung. War für die neutestamentlichen Autoren die Deutung Folge eines Geschehens, so wurde jetzt seine Deutung Ersatz für das Geschehen.

Mit der Entmythologisierung und der existentialen Interpretation erfolgte eine Vergeistigung13 von Tatsachenberichten: Maria ist jetzt „eine junge Frau, die insofern Jungfrau war, als sie offen war für Gottes Heiligen Geist“, schreibt Frau Käßmann. Es gibt jetzt ein spiritualisiertes Verständnis von „Jungfrau“. Sie sei – wie oben erwähnt – der Ansicht, dass „Gott … im geistigen“ Sinn der Vater Jesu sei. Meint sie: sie waren sich in ihren Ideen besonders nahe? Ist Jesus in diesem Sinne „geistesverwandt“ mit Gott? Oder steht er „geistig“ in einer Nähe zum Geist Gottes – aber wie dann das? Hier verflüchtigt sich nach der Sache nun auch die Sprache zu einer nebulösen Spekulation: Wie soll der Geist Gottes beteiligt sein, wenn es die in Mt 1 und Lk 1 bezeugte Zeugung nicht gab? Solche Unbestimmtheit ist typisch für die Überführung von Tatsachen in vergeistigende Vorstellungen des 20.Jahrhunderts. Da scheint es auch egal, dass „geistig“ in der deutschen Sprache für einen intellektuellen – nicht: geistlichen – Vorgang reserviert ist. Das Wort hier zu verwenden, wirkt wie eine Art Fluchtvokabel, eine Restvermutung ohne den Anspruch, sagen zu können oder zu wollen, was das genau sei.14

Das vergeistigende Verständnis von Heilstatsachen ist keine Auslegung, sondern eine Interpretation: Sie sagt nicht, was da steht (Auslegung), sondern überträgt die Aussage des Textes in einen anderen Rahmen mit anderen Voraussetzungen und macht sie dadurch für verschiedene Interessen verwendbar.

Ein Beispiel: Wenn biblische Berichte von ihren Ereignissen gelöst und zu einer allgemeinen „Wahrheit“ abstrahiert werden, werden sie zum Vehikel unkontrollierter Spekulation: Frau Käßmann sieht in der traditionellen Darstellung der Jungfräulichkeit eine Ursache der späteren Sexualfeindlichkeit in den Kirchen. „Es gab eine Aufspaltung in die sündige Eva und die reine Maria. Die eine stand für die Verführung in der Welt, die andere für die unbefleckte Empfängnis.“15 Käßmann vermutet, dass aus dem Bekenntnis zur Jungfrauengeburt eine Ausgrenzung der Sexualität als eines sündigen Geschehens gefolgert worden sei. Hier sind zunächst die Jungfrauengeburt und das Dogma der unbefleckten Empfängnis verwechselt worden. Das Bekenntnis zur Jungfrauengeburt hat nichts mit der Frage „Sünde – Sündlosigkeit“ zu tun. Vor allem aber zeigt die Vermutung, wie leicht von Ereignissen losgelöste Deutungen in den Sog gewünschter „Aktualisierungen“ geraten. Ohne die Sensibilisierung der Sexualität in der Neuzeit wäre das Thema vermutlich niemals in den Fokus einer entsprechenden kirchlichen Kritik geraten.16

Dass das vergeistigende Verständnis von Heilstatsachen meist in moralisierende Apelle mündet, zeigt sich an der weiteren Interpretation entmythologisierter Texte: „Der Sinn der Weihnachtsgeschichte sei vielmehr, an Elend und arme Menschen zu erinnern“, so Käßmann. Hier wird allerdings ein erhebliches Defizit an historischer Kenntnis sichtbar, denn „ein Ergebnis der wissenschaftlichen Exegese steht nun allerdings wirklich fest: Dass Jesu Familie nicht arm war. Dass auch die Umstände der Geburt in Bethlehem nicht durch Armut bedingt waren, sagt Lukas selbst.“ 17

Im Zuge der existentialen Interpretation wird die Bibel als eine Sammlung von Weltdeutungen, menschlichen Selbstverständnissen und moralischen Maßstäben aufgefasst, als eine Textsammlung, die – nach der Entmythologisierung und auf die eigene Situation hin interpretiert – jede Menge Spielraum gibt, biblische Texte für Alltagsthemen oder die eigene Meinung in Anspruch zu nehmen. Geschehnisse werden zu Denkfiguren interpretiert. Der Kulturbeauftragte der EKD, Pastor Johann Hinrich Claussen (Hamburg), erklärte kürzlich, dass er biblische Geschichten „literarisch und existenziell“ lese, „als einen mythischen Text, der eine symbolische Wahrheit in sich trägt“. 18

Beispiele dafür gibt es aus Predigten der letzten drei Jahrhunderte in Fülle, und manche zeigen aus dem zeitlichen Abstand besonders, welche Willkür nach Auflösung des historischen Zusammenhangs hier regierte, wenn „der Text in den Alltag hinein geholt“ werden sollte. In der Zeit der Aufklärung wurde im Advent zum Text Mt 21,8 („… andere hieben Zweige von den Bäumen“) „Über den Holzdiebstahl“ gepredigt; an Epiphanias zum Text Mt 2,1ff (die drei Weisen: „… zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land“) „Von guten Warnungen“ und sozusagen zum Selbstschutz vor Überfällen; am 1. Ostertag predigte man „Über die Gefahr des Lebendigbegrabenwerdens“ und „Über das Frühaufstehen“ und „Vernünftige Regeln für Christen, wie sie ihre Leichen begraben sollen“ und an Pfingsten wurde zur Frage „Wie wir uns bei Gewittern fromm und vorsichtig verhalten sollen“, gepredigt.

Im Folgenden zwei Beispiele aus der Gegenwart, die zeigen, wie biblische Wunder auf „allgemeine Wahrheiten“ hin interpretiert werden:

Die Speisung der Fünftausend (Joh 6,1-13 par)

„Johannes macht damit klar, wo dem Wort Jesu geglaubt wird, beginnen Menschen zu teilen. Statt auf das Wenige zu sehen, was da ist, teilen sie, und sie werden erfahren, dass es reicht. Teilen macht aus wenig mehr. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass es nicht reicht. Wir können austeilen von dem, was wir besitzen, ohne Sorge haben zu müssen, wir kämen zu kurz. Wenn wir das Wenige festhalten wollen, was wir ergattert haben, wenn wir ängstlich darauf schauen, dass wir ja selbst zu wenig haben oder vor den Riesenaufgaben, die wir erkennen können, mutlos kapitulieren möchten, macht uns jemand Mut, doch das Teilen zu wagen, und darauf zu vertrauen, dass im Wenigen, was da ist, mehr Möglichkeiten stecken, als wir glauben wollen.“

Fazit: (1) Durch Teilen werden alle satt. Und (2) in einer weiteren Abstraktion: Mit Wenigem für andere etwas wagen ist am Ende mehr als das Eigene krampfhaft festzuhalten.

Die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11)

„Das Fest muss nicht abgebrochen werden, sondern kann weitergefeiert werden. Das heißt doch wohl: wer in seinem Leben feststellt, dass Lebendigkeit und Lebensfreude allmählich zur Neige gehen; wer sieht, wie mager das Leben daherkommt oder dass es – wie diese Wasserkrüge in der Geschichte – nur noch mit Alltäglichem angefüllt ist; wer müde daran geworden ist und schon lange nicht mehr daran glauben kann, dass das Leben noch Gründe genug hat, um gefeiert zu werden – wer soweit ist, der sollte sein Leben Jesus hinhalten, es seinem Wort aussetzen. Dann wird er feststellen, wie sich die Leere und Langeweile seines Lebens wieder füllen, wie das Leben wieder Geschmack bekommt, Lust einkehrt, wie Freude und Begeisterung wieder neu entfacht werden.“

Fazit: Es geht nicht um die Ankündigung der messianischen Zeit (die eigentliche Botschaft dieses Wunders), sondern um eine belebende und Gewinn bringende Umgestaltung des eigenen Lebens; der Fragehorizont dieser Interpretation ist erkennbar die Wohlstandskultur.

Die Entmythologisierung als Abkoppelung der Wunder von ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang zeigt in den beiden o.g. Beispielen ein weiteres Problem, das die Verkündigung heute bestimmt: Eine Allegorisierung der Texte zu einem moralischen Anspruch. Lehre und Taten von Jesus werden auf ein gewünschtes Verhalten hin interpretiert. Die aus der Heilsbotschaft herausgelöste und abstrahierte Botschaft wird auf eine Belehrung über zwischenmenschliches Verhalten hin befragt. Die beiden Beispiele zeigen: die Folge der Entmy-thologisierung ist eine Moralisierung und Gesetzlichkeit der evangelischen Predigt.

Wenn das Kommen Jesu nicht ganz von Gott ist, entsteht ein intellektueller Spiritualismus und die Botschaft wird zum Appell für eine durch den Menschen vollzogenen (Ersatz-) Tat. Wenn das Kommen Jesu nicht ebenfalls ganz vom Menschen ist, entsteht der mystische Spiritualismus, in dem der Mensch etwas unternehmen muss, um Gott nahe zu kommen.19

Was dürfen wir Weihnachten 2016 noch glauben: Sind Heilstatsachen Illustration oder Wirklichkeit?

Selbstverständlich hätte Gott das Heil auch ohne (Heils-)Geschehen wirken können. Eine „sexuelle Unberührtheit“ ist nicht Voraussetzung für die Rettung des Menschen. Gott hätte auch eine verheiratete Frau und mehrfache Mutter wählen können. Selbstverständlich wäre es möglich gewesen, dass Gott auch ohne Zeugung durch den heiligen Geist und ohne das zur-Welt-Kommen durch eine noch unberührte Frau einen Menschen aus Galiläa oder irgendeinem anderen Winkel der Welt hätte bevollmächtigen können. Es gibt hier keine Notwendigkeit, außer dass die historisch-kritische Forschung sie den Verfassern des Neuen Testaments ständig unterstellt. Die verstehen sich jedoch nicht als Interpreten, sondern als Zeugen.

Ebenso hätte er die Erlösung auch ohne Mitwirkung eines Menschen überhaupt – durch eine Erklärung – verwirklichen können. Das Heil wäre auch als Zuspruch denkbar. Gott braucht keinen Menschen. Er braucht keinen Menschen, der stirbt, damit erst dadurch Versöhnung geschieht. Er braucht ihn nicht für sich, sondern für uns. Und er hat es getan. Nicht als Illustration für uns. Es war als Ereignis vor Himmel und Hölle nötig. Der Grund war die Sünde und Verlorenheit des Menschen. Mehr erfahren wir nicht. Eine Erklärung über diesen Zusammenhang zeigt die Bibel nicht. Sie bezeugt den Ereignischarakter von Geburt, Leben, Kreuz und Auferstehung von Jesus als Bezahlung für und Sieg über Sünde, Tod und Teufel. Wer meint, es handele sich dabei um eine zu erklärende Metapher, kennt weder die Heilige Schrift, die das Heilsgeschehen bezeugt, noch die Kraft Gottes, die in ihm wirkt (Mk. 12,24).

Die vergeistigende Betrachtungsweise ist eine Folge der Ansicht, man müsse „die eigentliche Aussage“ hinter einem Text suchen. Dort läge eine „tiefere“ Wahrheit. Der Gedanke, dass nicht gemeint sein könne, was da steht, sondern die „eigentliche Wahrheit“ hinter den Worten zu suchen sei, hat unter den großen Katastrophen, Lügen, Vertrauensbrüchen und ihren Enthüllungen im 20.Jahrhundert verständlicherweise immer mehr Plausibilität entwickelt. Hier sind unsere Gewissheiten verbraucht worden.20

Und Menschen haben seitdem auch die Botschaft der Kirche mit einer neuen Vorsicht gehört. Auf die neuen Zweifel sind die Menschen „geflogen“, wie man sagt. Zweifel an dem, was bisher unverrückbar gegolten hatte, erschien plötzlich, nachdem so viel Vertrauen und Hingabe an Versprochenes verbrannt war, plausibel. Im Schatten von Abgas-Skandal, Gammelfleisch, Lustreisen auf Firmenkosten, FIFA-Skandal, Doping in Sochi und tausend anderen Meldungen, die uns allabendlich den Sachstand unserer Welt mitteilen, ist nicht verwunderlich, dass der Vertrauensverbrauch sich gegenwärtig weiter beschleunigt. Die allgemeine Skepsis gegenüber Personen, Institutionen, Ideen und deren Träger erfasste auch die Hörer der kirchlichen Verkündigung – nicht zuletzt aufgrund selbst gesäter Zweifel. Jetzt hatten Verdachtsmuster – z.B.: „Hat Jesus wirklich 5000 Menschen gespeist, oder wollten die Jünger ihn mit der Geschichte nur großmachen?“ – so seltsam es klingt – plötzlich einen Glaubwürdigkeitsbonus. Das ist verständlich: So reagieren Menschen, die Vertrauensbrüche erlebt haben. Das ist ein Selbstschutz. Das müssen wir verstehen lernen und sehen: Darum ist die Verkündigung des Evangeliums nicht Belehrung, sondern immer zuerst auch Seelsorge an diesem Menschen mit dieser Geschichte.

Die Entmythologisierung und existentiale Interpretation versteckt hinter einer vergeistigten und vermeintlich anspruchsvollen Interpretation eine letzte Aporie: Sie bestreitet das Kleinere und verlangt, das Größere zu glauben. Der Hörer soll größeres „glauben“, als er aus dem Text glauben darf. Er soll glauben, dass Gott – Gott! – in die Welt – zu ihm! – gekommen ist. Aber dass er dazu eine Jungfrau wählt, darf er nicht glauben. Er soll glauben, dass Gott ihm im Leben und Sterben – im Sterben! – zur Seite steht. Aber dass er in einer Jungfrau als Mensch ins Leben kommt – darf er nicht glauben? Wie das? Die Entmythologisierung hat ein philosophisches Glaubensverständnis. „Glaube“ ist die intellektuelle Aneignung einer gedachten Deutung. Hier wird Glaube zum intellektuellen Werk.

Demgegenüber nehmen die biblischen Autoren für sich in Anspruch, von sichtbaren Ereignissen in Raum und Zeit zu berichten. Die folgenden Worte beweisen keine Wunder. Aber sie zeigen, wie die Autoren der Bibel Gottes Reden selbst verstanden haben: „Zu eurer Zeit rede ich ein Wort und tue es auch, spricht Gott, der HERR.“ Hes. 12,25

Die Verfasser der Bibel zeigen, welchen Anspruch sie an ihr Werk – anders als die Entmythologisierung behauptet – gestellt hatten: „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundegetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.“ 2.Petr. 1,16 (Petrus).

Und sie stehen dafür ein, dass sie in Raum und Zeit erfahren haben, dass Gott da war: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist – was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. (1.Joh. 1,1-3)

Schluss:

Zweifel ist kein Grund, einen Menschen zu kritisieren. Zweifel steht nicht in der Kritik des Neuen Testaments. Denn Glaube ist kein „besser wissen“ und nichts, was aus irgendeiner Qualität des Menschen erwächst. Jesus hat Zweifler nicht getadelt und schon gar nicht diskriminiert, aber auch nicht bestätigt. Und er hat den Zweifel nicht durch eine weniger anstößige Interpretation zufrieden gestellt, sondern mit dem Zweifler um Gewissheit gerungen (Joh. 20,27-29). Zweifel können der Anfang einer Klärung sein.

Zweifel dienen aber häufig auch der Irritation von und Kritik an Christen, um ihnen zu sagen, wie „naiv“ oder „dumm“ sie seien, wenn sie die biblischen Wunder als Tatsachen glaubten. Christen haben die Zweifel und eine Fülle von irritierenden Auskünften über die Wunder im Neuen Testament hingenommen. Sie sind dafür auch – und nicht selten von Pastoren – als nicht auf der Höhe der Zeit betrachtet worden.

Wunder und Aussagen, die mit dem jeweiligen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand kollidieren, sind seit dem ersten Ostermorgen, als die Grabwachen bestochen wurden, schon immer kritisiert worden. Oder man hat versucht, sie aus dem Weg zu räumen. Dabei haben sich naturwissenschaftliche Vorbehalte, theologische Meinungen und vergeistigende Deutungsmuster gegenseitig befruchtet. Die Texte waren dabei selten der Grund, sondern oft nur das Feld für die in Wahrheit im monokausalen Weltbild begründete Infragestellung von Wundern. Insofern wird keine exegetische Bemühung die Bestreitung der Jungfrauengeburt beenden.

Inzwischen gibt es Tendenzen, den Zweifel an der Wirklichkeit der Wunder zur Lehrmeinung der Kirche zu erklären. Die Bestreitung von biblisch bezeugten Wundern geschieht in den Kirchen selbst und wird inzwischen mal in vagen Metaphern, mal propagandistisch vorgetragen. Wurden diese Aussagen bis vor kurzem nur vereinzelt von Professoren und Pfarrern geäußert, so werden sie immer häufiger in der Breite kirchlicher Öffentlichkeit, auch unter Nutzung der Massenmedien, manchmal mit geradezu bekenntnisartigem Pathos und in ersten Ansätzen (Bremen) intolerant als die kirchliche Lehre publiziert, ohne dass dem widersprochen wird. Deshalb widersprechen wir.

Wenn ich so deutliche Kritik an der historisch-kritischen Methode übe, dann deshalb, weil sie als Methode die Offenbarung Gottes in den Worten und Taten Jesu ausschließt. Sie stuft die Offenbarung auf eine menschlich-vernunftmäßige Reflexion zurück. Und für die Auslegung bleibt der Text bis zum Ende menschliche Reflexion. Es gibt nämlich in der Praxis – entgegen vielen Behauptungen – keine Arbeitsteilung bei der Auslegung: Erst die kritische Untersuchung des Textes und danach „den Text zum Sprechen bringen“. Es geht in dem Streit gar nicht darum, ob und wie genau die Erforschung eines Bibeltextes sein muss. Es geht hier nicht um die historisch hoffentlich gründliche Arbeit. Es geht darum, dass die historisch-kritische Methode durch den methodischen Ausschluss göttlichen Handelns (was für ein Gedanke!) ein in seinem Wesen atheistisches Deutungsdiktat errichtet. Es geht darum, dass sie als Paradigma Offenbarung ausschließt und sie in Wahrheit auch in einer nachträglichen Interpretation nicht mehr zulässt.21 Das ist nicht weniger, als die Bestreitung der Offenbarung, wie die Bibel sie zeigt. Die historisch-kritische Methode unterstellt die Bibel einer weltanschaulichen Bevormundung mit Absolutheitscharakter. Dies gilt auch dann, wenn gelegentliche konservative Bemühungen versuchen, „beides zusammenzubringen“, wie man dann sagt. Die Methode lässt dies nicht zu.22

Dabei ist mir wichtig: Dies ist kein moralisches Urteil über diejenigen, die die Texte im entmythologisierten Sinn verstehen – vielleicht weil es ihnen so unhinterfragbar eingeleuchtet hat, dass sie die Methode bis heute nicht in Zweifel gezogen haben. Ich meine diejenigen unter den Anwendern der historisch-kritischen Methode, die in dem, was sie als existential verstandenen Kern des Jüngerglaubens meinen, ermittelt zu haben, ernsthaft glauben, Gottes Mitteilung an sich persönlich gefunden zu haben. Ich möchte sie weder der Oberflächlichkeit noch irgendeiner moralischen Fehlhaltung bezichtigen. Ich glaube ihnen ihren Ernst. Ich bin aber überzeugt, dass diese Auslegung auf einem subjektiven Entschluss beruht. Ihnen möchte ich die Frage stellen: Warum diese Methode, wenn sie das Kommen Gottes in diese Welt – außer natürlich in einem dem Intellekt erschließbaren, (be-)greifbaren und von ihm beherrschbaren Rahmen – grundsätzlich ausschließt? Welches Diktat kann uns veranlassen, eine Methode anzuwenden und ihre Ergebnisse anzuerkennen, die eine solch apodiktische Forderung – und das in der Begegnung mit dem Wort Gottes – erhebt? Wie kann man „mit Hilfe“ einer Methode das Kommen Gottes angemessen verstehen, die das Kommen Gottes in unsere Welt ausschließt?

Ich meine damit nicht diejenigen, die meinen, dass wir mit dem Wort Gottes Menschen „veräppeln“ und die – in einer Leichtfertigkeit und bisweilen sensationsheischenden Lautstärke – die „Ergebnisse“ der historisch-kritischen Methode als eine Art „Befreiung“ vom Wortlaut des Wortes Gottes feiern.

Es gibt beide Formen der Infragestellung: Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit. Darum hat Gott „die Weisheit der Welt zur Torheit“ („Torheit“: nicht „Dummheit“, sondern „völlige Verborgenheit, Unzugänglichkeit“) gemacht (1Kor 1,20ff). Und darum verbirgt er seine Wunder für die, die nicht glauben, aufschlusssicher in Zeichen (Mt 12,38). Seine heilswirksamen Zeichen sind für die Weisheit dieser Welt Verschlusssache. Der Weisheits- und Zeichenforderung gegenüber schweigt Gott. Er verbirgt sich in seinem Kommen so, dass die Weisheit dieser Welt das Zeichen, in dem er kommt, nicht fassen kann.

Gott entzieht sich dem kategorialen Zugriff des Intellekts. Das liegt nicht an unserer Begrenztheit und Unfähigkeit. Es ist das Ergebnis der Begegnung des Menschen in seiner Weisheit mit Gottes Weisheit: Gott verbirgt sich in, mit und unter dem, worin die Weisheit des Menschen ihn nicht erkennt (Mt 11,25f.; 1Kor 1,18; 1Kor 2,14).

Wenn es die Jungfrauengeburt, wie sie im Alten Testament angekündigt und im Neuen Testament berichtet ist, nicht gegeben haben kann, könnte es in der Konsequenz auch keine anderen Wunder gegeben haben. 23 Wer dieses Wunder mit dem Hinweis auf biologische Grundgesetze bestreitet, wird kaum erklären können, wie die vielen Wunder Jesu und wie Kreuz und Auferstehung zu verstehen sind. Wir müssten dann an den Glauben der Jünger glauben.24

Der Vorbehalt gegen die Jungfrauengeburt trifft das gesamte Heilshandeln Gottes in der Geschichte. Wenn es keine Jungfrauengeburt gegeben haben kann, wer kam dann in der Geburt Jesu zu uns? Der Vorbehalt trifft zuletzt auch Gott selbst: Was würde uns dann gewiss machen, dass es einen Gott gibt, der für uns ist? Und was würde uns gewiss machen, dass es einen Gott gibt? Ja, wir haben „nur“ die Zeugen. Wenn sie uns aber Deutungen anbieten, die auch Philosophen hätten schreiben können, dann ist die Gottesfrage immer noch offen. Dann ist das Christentum nur eine Weltanschauung, eine philosophische Reflexion der Gottesfrage. Wenn Gott nicht in Christus war – und zwar so in Christus war, dass das „in“ nicht an uns liegt, nicht an unserem Erkennen, Analysieren, Meditieren und Interpretieren, wenn Gott nicht in Christus war, und zwar so in Christus war, dass das „in“ nicht davon abhängt, ob und wie wir es uns intellektuell aneignen, sondern an Gottes Offenbarung, die uns ergreift, überführt und in seinen alles überragenden Frieden stellt, dann sind wir allein. Wenn er aber in Christus war, dann ist die Gottesfrage überwunden – nicht weil sie erfolgreich reflektiert worden wäre, sondern weil er – GOTT – mit unbezweifelbarer Gewissheit da war.

Wenn die Kirche ihren Glauben auf die subjektive, religiöse Einschätzung einiger Männer vor 2000 Jahren gründet, deren Folgerungen ihrer Vermutung nach nur Deutung sind und keine Wirklichkeit bezeugen, und deren Interpretation keinen Raum für die schöpferische Kraft Gottes mehr zulässt, gibt es keine Gewissheit. Dass der Heilige Geist darin wirke, ist dann Spekulation. Was Kirchenmitglieder hier glauben sollen, trifft der Begriff „Glaubensmärchen“ in vollem Ernst.

Advent: Gott kommt! Das ist die Umkehrung der Interpretation. Nicht wir analysieren und interpretieren, nicht wir ermitteln (!) und schaffen herbei, wer Gott ist oder was er tut. Das kommt in ganz umgekehrter Richtung: von ihm zu uns. Gott kommt! Er selbst! Sonst wüssten wir nichts von einem Gott. Jetzt wissen wir: Er ist gekommen. Jetzt wissen wir, wer gekommen ist: der Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst (Jes. 9,5). Jetzt ist die letzte Einsamkeit dieser Welt beendet! Jetzt ist die Finsternis vertrieben! Jetzt hat der Tod verloren. Jetzt ist Gott da!

Pastor Harm Bernick ist Studienleiter in der Bodelschwingh-Studienstiftung in Marburg, Marburg, 22.12.2016

 

1 Käßmann, Margot, dpa-Interview von Dezember 2002, zit. bei Österreichischer Rundfunk ORF 19. 12. 2002, Evangelische Bischöfin: Jungfrauengeburt Jesu ist nicht sexuell zu verstehen (http://religion.orf.at)

2 DER SPIEGEL Nr. 30/2013, S. 44ff.

3 idea-Spektrum 2/2016 vom 13. Januar 2016, S. 29

4 Vgl. Berger, Klaus: „Die Jungfrau Maria …“ in: Die Tagespost, 21.12.2002, Nr. 153 (Titel wg. beleidigender Wortwahl gekürzt.)

5 Wenn nicht anders vermerkt, sind die Übersetzungen der hebräischen Begriffe dem Wörterbuch Gesenius z.St. entnommen. Die Bezeichnung „Weib“ hat im Altertum nicht den negativen Nebenton gehabt, der ihr heute anhängt.

Der Begriff aus Jes. 7,14 hat eine große Nähe zu „Jungfrau“. Der Begriff „junge Frau“ und der Begriff „Jungfrau“ können auch abwechselnd für dieselbe Frau verwendet werden: 1.Mo 24,16 „Jungfrau“ und 24,43 „junge Frau“ meinen dasselbe Mädchen.

 7 Berger, Klaus, a.a.O.

 8 ThWBNT, Bd. V, S.831, zum besseren Verständnis hier mit erklärenden deutschen Begriffen ergänzt.

 9 ThWBNT, Bd. V, a.a.O.

10 Troeltsch, Ernst, Über historische und dogmatische Methode in der Theologie. Bemerkungen zu dem Aufsatz „Über die Absolutheit des Christentums“ von Niebergall, in: Theologie als Wissenschaft, Aufsätze und Thesen, Hrsg. Gerhard Sauter, München 1971, S. 105 ff. Der Hinweis mancher Exegeten und vor allem Pfarrer, die Methode habe sich seit Troeltsch verändert, trifft nicht zu. Die Bestreitung aller Wunder einschließlich des neutestamentlichen Zeugnisses vom Sühnetod und der Auferstehung Jesu erfolgt in der ganzen Breite der neutestamentlichen Theologie in Deutschland. Eher wundern sich manche Gottesdienstbesucher über den unerklärten Zwiespalt zwischen der theologischen Kenntnis und den sonntäglichen Worten ihrer Pfarrer. – Dies ist nicht der Raum, um eine differenzierte Auseinandersetzung mit der historisch-kritischen Methode der Gegenwart zu führen. Wenn Sie nähere Hinweise dazu wünschen, finden Sie hier eine Darstellung an einem jüngeren Beispiel: http://www.nbc-pfalz.de/pdf/hermeneutik/bernick_toten-stille.pdf

 11 Hier wird nicht die eigentlich immer auch wichtige Frage kritisiert, was wir über das Selbstverständnis eines Autors in seinem Text auch erfahren, sondern dass die existentiale Interpretation Spekulationen über die Selbstreflexion eines Menschen vor 2000 Jahren anstellt und dies tut, nachdem sie den Wirklichkeitshorizont des Textes durch Entmythologisierung radikal reduziert und damit das Themenspektrum des Textes auf das Innenleben des Verfassers beschränkt hatte. Damit interpretiert sie Vermutungen aus der Mentalität des 20. Jahrhunderts in einen zuvor willkürlich verkürzten Text hinein. Entsprechend gering war das Interesse an spezieller historischer Forschung. Archäologie, Papyrologie und altorientalistische Studien waren in den 60er und 70er Jahren an theologischen Fakultäten nur marginal vertreten. Als Prüfungswissen kamen sie kaum vor.

 12 Steinacker, Peter, Die Bibel ist nicht Gottes Wort – Interview in Zeitzeichen. Evangelische Diskussion zu Religion und Gesellschaft, zeitzeichen.net, 20. September 2005 Die Übertragung von Berichtetem aus dem Realgeschehen in eine Idee, eine gedachte Option oder Utopie, einen möglichen Appell – und dies als die „eigentlich gemeinte Wirklichkeit“ – ist Teil eines geistesgeschichtlichen Prozesses, der in mehreren auf einander folgenden Schüben und häufig im Gefolge tiefer politischer, gesellschaftlicher und weltanschaulicher Krisen erfolgte. Voraussetzung für ihre Akzeptanz sind eine breite Bildungskultur und die Ermüdung der vorherigen und durch die neue Interpretation abgelösten Gewissheitsmuster. Absicht ist es häufig, die bisherigen Gewissheiten durch den Versuch zu erhalten, sie in einer jetzt noch plausiblen Weise zu verstehen.

14 Die Vergeistigung – die Überführung von Tatsachenberichten in ein wie auch immer gedachtes gedankliches Geschehen – ist u.a. ein Tribut an die Auseinandersetzung mit den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaften in der Mitte des 20. Jahrhunderts, als das Programm der Entmythologisierung entstand. Einen Vorgang in der „geistigen“ Welt mochte man sich offenbar leichter vorstellen als in der gegenständlich-natürlichen Welt. Das Verfahren, für den Glauben „Nischen“ zu suchen, hat es vielfach und in nahezu allen Frömmigkeitstypen gegeben.

 15 Käßmann, Margot, dpa-Interview a.a.O.

16 Dass antike Wertungen von Sexualität vor allem in ethische Maßstäbe der römisch-katholischen Kirche eingeflossen sind, ist unbestritten, jedoch eine völlig andere Fragestellung, denn sie betrifft nicht die Frage der Jungfrauengeburt, sondern die späte Dogmatisierung (1854) der Lehre von der „unbefleckten Empfängnis“ der Maria, also der Ansicht, dass Maria ohne Sünde empfangen und geboren worden sei.

17 Berger, Klaus, Die Jungfrau Maria…, Die Tageszeitung, 21.12.2002, a.a.O.

18 DER SPIEGEL Nr. 53/2015 vom 25.12.2015, S.12

19 Das hatte die christologische Grundentscheidung von Chalcedon mit der Festlegung „unvermischt“ und „ungeschieden“ einmal heilsam festgehalten Die Bestreitung der Zeugung durch den Heiligen Geist und damit derGottessohnschaft, die in ihr gründet = „darum wird er Gottes Sohn genannt werden“, Lk 1,35) eröffnet den christologischen Streit von neuem und mit allen Konsequenzen. Hier hatte die Alte Kirche in der Auseinandersetzung mit dem Adoptianismus sorgfältiger geurteilt. (Der Adoptianismus hatte bestritten, dass Jesus Gottes Sohn sei und behauptet, er habe „in der Taufe den Geist Gottes und damit göttliche Kräfte empfangen, wodurch er … zum Christus wurde“ und in „bildhaft-uneigentlicher Weise Sohn Gottes genannt“ worden sei. Vgl. Hauschild, W.-D., Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd.1, S. 13f.) Die dogmatischen Konsequenzen, die sich aus der Entmythologisierung ergeben, reichen jedoch darüber hinaus und stellen nahezu alle altkirchlichen Entscheidungen, auf die sich die Lutherischen Kirchen berufen, infrage.

20 Die Deutung der Theologiegeschichte berücksichtigt den Einfluss, den Ereignisse auf das Denken, auf Deutungsmuster und Plausibilisierungstendenzen genommen haben, immer noch viel zu wenig. stärker als bisher berücksichtigt, hat nicht das Denken das Leben, sondern das Leben das Denken geformt. In weit höherem Maß als bisher angenommen haben Krieg und Kriegserlebnisse, ihre Folgen in Alltagszwängen (Eheverständnis) und das Gericht Gottes, unter dem wir aufgrund dieser Ereignisse noch einmal in ganz anderer Weise stehen, Denken und Glauben verändert.

21 Vgl. die Beispiele oben, u.a. zur Speisung der Fünftausend und der Hochzeit zu Kana.

22 Zahlreiche Theologen, die historisch-kritisch arbeiten, kommen zu z.T. „konservativeren Ergebnissen“ als den hier genannten. Auch prominente Vertreter unter ihnen haben noch jahrzehntelang nach der Entwicklung der Entmythologisierung die Heilungs- und Naturwunder von Jesus der Methode entsprechend bestritten und existential interpretiert, die Auferstehung jedoch als „Geschehen“ gewertet. Der Ereignischarakter der Auferstehung wurde in diesem Zusammenhang unterschiedlich beschrieben: von einem im Gegensatz zu den übrigen Wundern des NT unantastbaren weil ganz anderen Wunder bis hin zu einer Vergeistigung, wie sie gegenwärtig in manchen „Osterbotschaften“ erfolgt, z.B. „Die Auferstehung ist Gottes Aufstand gegen den Tod“. Ob und welche Wunder ein Theologe uminterpretiert und welche er „stehen lässt“, hängt dabei von selbst gewählten Unaufgebbarkeiten ab. Die historisch-kritische Methode erlaubt es ihm nicht. Und ihr Begründer hatte 1908 schon mit der Beobachtung, viele hätten „sich bereits mit dem sittlichen Charakterbild Jesu oder mit der Auferstehung Jesu begnügen gelernt“, mehrere Anwendungsstufen der Methode und eine nur schrittweise und frömmigkeitsabhängige Preisgabe der Wunder vorausgesagt

23 „Es ist für die Auferstehungshoffnung nicht konstitutiv zu wissen, ob das Grab voll oder leer war. Entscheidend ist die erkennbare Identität des gekreuzigten und auferstandenen Christus. Das Neue Testament berichtet, wie der Auferstandene unter die Jünger tritt und sie ihn wiedererkennen“ in: Für uns gestorben – die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi, Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Denkschrift der EKD, Gütersloh 2015, S.183

24 Schon „Rudolf Bultmann (musste sich) wegen seines „theologischen Restes“ kritisieren lassen. Wieso am „Dass des Gekommenseins Gottes in Jesus Christus“ festhalten, wenn sich alles andere auch elegant historisch-kritisch erledigen oder existenzial interpretieren lässt? Kritischer müssten mir da die Historisch-Kritischen sein!“ Wenn ich mich bisher auf historisch-kritische Protagonisten des vergangenen Jahrhunderts bezogen habe, dann nur deswegen, weil ich der Überzeugung bin, dass die gleichen Grundmuster auch bis heute noch wirksam sind. Da wird die Bibel einerseits zum historischen Schriftstück wie jedes andere, um dann, nachdem der Wissenschaftlichkeit Genüge getan wurde, im gottesdienstlichen Gebrauch als „Heilige Schrift“ wieder uneingeschränkt zu Ehren zu kommen. In meiner fünfzehnjährigen Tätigkeit als Gemeindepfarrer bin ich nur zu vielen Kirchenmitgliedern begeg-net, die nicht nachvollziehen konnten, wie der Pfarrer, der – wie gefordert – die historisch-kritischen Ergebnisse auch auf die Kanzel getragen hatte, einerseits die Jungfrauengeburt als Legende und das leere Grab für den aufgeklärten Glauben nicht erforderlich erklärte, dann andererseits auf dem Friedhof im Bekenntnismodus von Jesu Auferstehung sprach und „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?“ verkündigte.“ Diener, Michael, „Die Bibel ist Gottes Wort“ in „Zeitzeichen“, September 2014, (http://zeitzeichen.net/religion-kirche/serie-schriftprinzip-iv/ Download vom 10.12.2016, deshalb o.S.)

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 23. Dezember 2017 um 8:29 und abgelegt unter Kirche, Theologie.