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Selbstmord der Zivilisation?

Samstag 1. Juli 2017 von JĂŒrgen Liminski


JĂŒrgen Liminski

Ein Recht fĂŒr Randgruppen und die Wirklichkeit der Lebensformen in Deutschland und Europa / Warum die katholische Kirche die Ehe verteidigt und was die Entkernung der Ehe bedeutet

 

Vor rund sechzig Jahren, 1955,  erschien der Reisebericht „Traurige Tropen“ des großen Sozialanthropologen Claude Levi Strauss. Er wurde in den 1960er Jahren zum Kultbuch. Levi Strauss ging damals und zeit seines Lebens der  Frage nach, ob es ein Grundmuster der menschlichen Gesellschaft gebe und er hat um die Jahrtausendwende diese Antwort gefunden: „Zwar verwerfen alle inzwischen die veraltete Theorie, nach der vor dem ersten geschichtlichen Auftreten der Familie unter den Menschen „UrpromiskuitĂ€t“ geherrscht habe. Sie sind sich sogar darin einig, daß der Familientyp, fĂŒr den monogame Ehe, selbstĂ€ndiger Wohnsitz des jungen Paares und affektive Beziehungen zwischen Eltern und Kindern typisch sind, sowohl in unserer Gesellschaft als auch in jenen heimisch ist, die wir gern als technisch und ökonomisch unterentwickelt bezeichnen. (
.)

Betrachtet man das ungeheure Repertoire von vier- bis fĂŒnftausend Gesellschaften, ĂŒber die wir seit Herodot unterschiedlich gut Bescheid wissen, kann man nur sagen, daß die konjugale Familie vorherrscht und wir es ĂŒberall dort, wo die Familienverfassung von diesem Muster abweicht, mit Gesellschaften zu tun haben, die in ihrer sozialen, politischen, ökonomischen oder religiösen Entwicklung einen Sonderweg eingeschlagen haben.“

Auf solche familialen Sonderwege fremder Kulturen in Afrika, Indien oder bei den Eskimos mit ihrem Frauentausch berufen sich gern die Gegner der Ehe und die AnhĂ€nger der Polyamorie (jeder mit jedem) als Kronzeugen der Entwicklung. Aber es sind doch nur, wie die Wissenschaft zeigt, Randerscheinungen. Der Durchschnittsmensch ist eben kein Eskimo. Jetzt hat Deutschland einen Sonderweg eingeschlagen. Wie in etwa zwanzig anderen Staaten dieser Welt soll das konjugale Prinzip entkernt und die Geschlechtlichkeit nicht mehr als wesentlich und konstitutiv fĂŒr dieses Prinzip anerkannt werden. Damit wĂ€re es nur noch eine LeerhĂŒlse, der Eskimo der Normalfall.

Claude Levi Strauss hat sein reiches Forscherleben der Erkenntnis des konjugalen Prinzips als anthropologisches Grundmuster gewidmet. Das Christentum hat dieses Prinzip nur veredelt. Papst em. Benedikt formulierte es so: „Das Sakrament der Ehe ist keine Erfindung der Kirche, sondern es ist wirklich mit dem Menschen als solchem mitgeschaffen worden, als Frucht der Dynamik der Liebe, in der Mann und Frau einander finden und so auch den Schöpfer finden, der sie zur Liebe berufen hat“. Es ist nĂ€mlich keine Gewissensfrage im Sinn einer autonomen Entscheidung, ob man das konjugale Prinzip anerkennt oder nicht. Die Natur ist, sie existiert, man kann sich nicht von ihr emanzipieren. Das meinte schon Robert Spaemann und zur Frage des konjugalen Prinzips schrieb er:„Bei den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen handelt es sich um ein GefĂŒge, das bei immer gleichen Grundstrukturen die unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Es sind die gleichen Grundstrukturen in einer Favela von Rio de Janeiro, wie im Kaiserpalast von Tokio“. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist der Kern der Familie und diese Lebensform bleibe „ohne gleichwertige Alternative“.

Die Ehe zwischen Mann und Frau ist alternativlos, weshalb sie auch unter dem Schutz des Grundgesetzes steht. Das Bundesverfassungsgericht hat am 17.07.2002 unmissverstĂ€ndlich erklĂ€rt: „Die Ehe [kann] nur mit einem Partner des jeweils anderen Geschlechts geschlossen werden, da ihr als Wesensmerkmal die Verschiedengeschlechtlichkeit der Partner innewohnt.“ (…) „Zum Gehalt der Ehe … gehört, dass sie die Vereinigung eines Mannes mit einer Frau zu einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft ist.“ Ohne eine Änderung der Verfassung wird das Gesetz nicht in Kraft treten können. Auch eine Normenkontrollklage von einer Gruppe der Abgeordneten, die mit nein gestimmt haben, könnte das Gesetz noch ausbremsen. Die Frage ist nicht endgĂŒltig geklĂ€rt.

Auch die Folgen sind noch nicht absehbar. Wenn die Ehe fĂŒr alle Gesetz wĂŒrde, gĂ€be es keinen Grund mehr, das Ehe-Institut nicht auch noch auf weitere Arten des Zusammenlebens auszuweiten. Mit dem vollen Adoptionsrecht wĂŒrde das natĂŒrliche Recht des Kindes auf Vater und Mutter in ein ‚Recht auf ein Kind‘ verkehrt. Damit wĂ€re der Weg frei zur Legalisierung der Leihmutterschaft, ebenso fĂŒr die Kinderehe. Der Blick auf diese Folgen macht auch eine andere, ebenso staatlich zu schĂŒtzende Eigenschaft der Ehe deutlich: Sie ist ein Ordnungsfaktor gegen die grenzenlose Beliebigkeit von Beziehungen, zum Beispiel gegen Inzest-VerhĂ€ltnisse  oder Polygamie. Und sie garantiert die Einhaltung des Generationenvertrags.

Die große Mehrheit der Deutschen fĂŒhlt und lebt wie Levi Strauss es erforscht hat: Im konjugalen Prinzip. Drei von vier Paaren in Deutschland leben in Ehe. Dieses Datum des Mikrozensus zeigt den hohen Stellenwert, den diese naturgegebene Institution in dieser Gesellschaft hat. Man könnte angesichts der medialen Debatte um die Homo-Ehe den Eindruck gewinnen, daß riesige Massen jetzt auf dieses Gesetz warten, um die StandesĂ€mter zu stĂŒrmen. Aber die RealitĂ€t sieht anders aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es 2015 in Deutschland 93.000 gleichgeschlechtliche  Partnerschaften und davon waren 43.000 eingetragene Lebenspartnerschaften. Heute schĂ€tzt (genaue statistische Befunde liegen noch nicht vor) das Amt die Zahl der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auf maximal 225.000, die Zahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften dĂŒrfte bei 46.000 liegen. Bei diesen Paaren leben 7000 Kinder, die Zahl möglicher Adoptionen bewegt sich im eigentlich nicht mehr messbaren Promille-Bereich. Zu diesen Paaren gehört auch das lesbische Paar in Mecklenburg-Vorpommern, das die Kanzlerin angeblich in Zweifel gestĂŒrzt hat. Kurzum, es geht bei diesem Thema um eine winzige Minderheit, um eine gesellschaftliche Randerscheinung. Sie sind  die Eskimos der Kanzlerin. Mit dem Unterschied zu den Polarmenschen, daß die allermeisten gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gar keine Kinder wollen. Das ist bei normalen Ehen naturgemĂ€ĂŸ anders. Drei von vier Kindern in Deutschland leben heute bei ihren beiden leiblichen und verheirateten Eltern. In absoluten Zahlen: Etwa eine Million Kinder lebt in heterosexuellen nichtehelichen Lebensgemeinschaften, bei Alleinerziehenden sind es 2,2 Millionen und bei Ehepaaren etwa 10 Millionen Kinder. Diese Wirklichkeit wird medial ausgeblendet, in den Talkshows lebt der freundliche Einzelfall.

Dieser Einzelfall soll nun zum Normalfall werden. Das ist er aber nur in rund zwanzig LĂ€ndern der Welt. 180 LĂ€nder und 90 Prozent der Weltbevölkerung stehen der Homo-Ehe indifferent bis feindlich gegenĂŒber. Angefangen mit der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft in Europa haben die NiederlĂ€nder im Jahr 2000, es folgten mit den Jahren in Europa Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Großbritannien, Irland, Island und die skandinavischen LĂ€nder DĂ€nemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Deutschland ist das 14. Land der EU. Aus Amerika kommen Kanada, die USA, Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Uruguay dazu, aus dem schwarzen Kontinent ist es SĂŒdafrika, ferner Neu-Seeland. Es geht ein Riss durch Europa, die osteuropĂ€ischen LĂ€nder kennen ein solches Gesetz nicht, und haben oft auch keine Regelung fĂŒr eine eingetragene Partnerschaft. In Polen, der Slowakei und der Ukraine, um nur drei Beispiele zu nennen, gibt es gar ein in der Verfassung verankertes Verbot der Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren. Das ist wegen der anti-humanen, kommunistischen Vergangenheit Osteuropas erstaunlich. Ebenso erstaunlich ist, daß in Europa gerade die „katholischen“ LĂ€nder SĂŒdeuropas die Homo-Ehe eingefĂŒhrt haben, freilich unter sozialistischen Regierungen und gegen den Widerstand der katholischen Kirche.

Die christliche Ehe war in diesen LĂ€ndern ein Ordnungsfaktor. Sie stand nicht nur fĂŒr die gleiche WĂŒrde von Mann und Frau, wie es im Katechismus (Punkt 2022) heißt, sondern auch fĂŒr das Lebensprinzip einer solidarischen Gesellschaft, die Freundschaft. Bei der Ehe geht es in diesem Sinn um die Freundschaft des Lebens. Die Ehe ist, wie Paul VI. schrieb, die „innigste und um­fassendste Form personaler Freundschaft“. Schon vor ihm bezeichnete Papst Leo XIII. die Ehe als „die höchste Gemeinschaft und Freundschaft“. Es war in der Tat das Christentum, das die Gleichwertigkeit der Ehepartner postulierte und im Imperium Romanum einfĂŒhrte. Es kam und kommt im Konsensprinzip sowie in der Unauflöslichkeit der Ehe zum Ausdruck. Immer wieder ist das konjugale Prinzip die Grundlage der Familie. Kinder sind nur eine Frucht dieses Prinzips. Sein innerster Kern ist die Liebe. Sie ist lebensspendend in einem Sinn, der weit ĂŒber die biologische FunktionalitĂ€t hinausreicht. Die Liebesheirat als ein „personal freier Akt, in dem sich die Eheleute gegenseitig schenken und an­nehmen“, wie es im Konzilsdokument Gaudium et Spes (GS, 48,1) heißt, ist relativ jungen Datums. Zur Zeit Luthers oder des Tridentinischen Konzils war die Ehe ein Mittel sozialer Kontrolle und ihr Zustandekommen meist von ökonomischen ErwÀ­gungen geleitet. Die Liebesheirat begann Platz zu greifen in den letzten zwei Jahrhunderten mit der Auf­lösung des StĂ€ndestaates, mit dem sozio-ökonomischen Wandel, ferner mit dem Aufkommen individualistisch geprĂ€gter Lebensformen und  emanzipatorischer Be­wegungen. Zur Zeit eines Adam Smith etwa war es jungen Frauen verboten, an den UniversitĂ€ten zu studieren, seit dem Wintersemester 1996/97 immatrikulieren sich in Deutschland mehr Frauen als MĂ€nner. UniversitĂ€ten und Fachhochschulen sind heute die HeiratsmĂ€rkte par excellence. Die persönliche und private Beziehung, die emo­tionale und sexuelle WĂŒnsche erfĂŒllen soll, wurde zum Hauptmotiv der Ehe, der In­dividualismus löste die vorwiegend wirtschaft­lich-soziale Motivation, die Zweckgemeinschaft ab. Heute ist die Liebesheirat in unserer Zeit der Auflösung klassischer sozialer Milieus die Norm. Die Ehe gilt als letzte Zuflucht der Innerlichkeit.

Aber das betrifft eben nur eine Seite der Ehe-Medaille. Der Codex des ka­nonischen Rechts fĂŒhrt zwar als eine der zwei Hauptaufgaben der Ehe „das Wohl der Ehegat­ten“ an. Die zweite Aufgabe, Nachkommenschaft, ist aber untrennbar mit der ersten verbunden.  Das ist das Summum des konjugalen Prinzips und des Konsensprinzips, das gemeinsame Wohl in der Liebe, das in Kindern Gestalt gewinnt. „Kinder sind sichtbar gewordene Liebe,“ sagt der deutsche Romantiker Novalis. In der gĂŒltig geschlossenen Ehe ist der Ehepartner sozu­sagen das Gestalt gewordene Sakrament. Man könnte auch sagen: Die Berufung zur Ehe ist im Ehepartner Fleisch geworden. Profaner gesagt: Nur die Ehe zwischen Mann und Frau kann Kinder zeugen. Deshalb ist sie alternativlos.

Die Herrschaft des positivistischen Rechts soll nun das Naturrecht eliminieren. Es ist aber nicht das Recht, das Gleichgeschlechtlichen eigene Kinder versagt, sondern die Natur. Es Ă€ndert nichts am Wesen der Ehe, wenn die Masse oder die öffentliche Meinung den Begriff mit anderen Inhalten fĂŒllt oder ihn aushöhlt. Der Vater der Massenpsychologie, Gustave le Bon, und der Erfinder des Begriffs öffentliche Meinung, Michel de Montaigne, haben schon vor Jahrhunderten auf die WankelmĂŒtigkeit und Manipulierbarkeit der Menge hingewiesen. Die Natur bleibt, es Ă€ndert sich aber das OrdnungsgefĂŒge der Gesellschaft.

Wenn man das biblische Menschenbild entsorgt, damit gleichsam die Natur ĂŒber Bord wirft und durch  Beliebigkeit ersetzt, rutschen die Fundamente weg. Der französische Philosoph und Theologe Bertrand Vergely hat in einem Manifest, das vom Familienbund der Katholiken in Augsburg veröffentlicht wurde, auf die Folgen dieser Beliebigkeit hingewiesen: „Es gibt Grenzen menschlichen Tuns. Diese Grenzen sind auch schĂŒtzende Grenzen. Die Einsicht, dass nicht alles gesetzlich beschlossen werden kann, bewahrt uns vor einer Diktatur des Rechts, und der Gedanke, dass nicht alles hergestellt werden kann, vor einer Diktatur der Wissenschaft. Mit der Homo-Ehe und dem Recht homosexueller Paare auf Adoption und kĂŒnstliche Befruchtung wĂŒrde sich das Ă€ndern. Der Schutz vor einer Diktatur des Rechts wĂŒrde fallen. Zugleich wĂŒrden die DĂ€mme brechen, die uns vor einer Diktatur der Wissenschaft bewahren. Alles wĂŒrde »machbar« werden. Bislang sind wir der Natur gefolgt, die, wie Montaigne sagte, eine »sanfte FĂŒhrerin« ist. Von nun an wĂŒrden wir dem Recht und der Wissenschaft folgen. Die Natur hat es vermieden, den Menschen der WillkĂŒr des Menschen zu unterwerfen. In eben jenem anything goes sah Dostojewski im 19. Jahrhundert ebenso wie Leo Strauss im 20. Jahrhundert die Essenz des Nihilismus. Wie Nietzsche erkannten sie im Nihilismus die verhĂ€ngnisvolle Heimsuchung Europas. Mit der Homo-Ehe und dem Recht Homosexueller auf Adoption und kĂŒnstliche Befruchtung wĂŒrde das anything goes Wirklichkeit werden. Damit wĂŒrde der Nihilismus siegen – ein Triumph des entgrenzten Menschen“.

Das klingt prophetisch. Nicht alle Prophezeiungen mĂŒssen Wirklichkeit werden. Ein anderer Anthropologe und Ethnologe, der Professor in Cambridge Joseph D. Unwin (1895 – 1936), hat allerdings in einer umfangreichen Untersuchung ĂŒber „Sex and Culture“ an 80 unzivilisierten und 8 Hochkulturen ĂŒber 5000 Jahre herausgefunden, dass alle Hochkulturen streng monogam begannen und eine Generation nach dem Zerfall der Familienstrukturen untergingen. Die „Ehe fĂŒr alle“ könnte diesen Prozess beschleunigen und dem großen Kulturhistoriker Arnold Toynbee recht geben, der sagte: „Zivilisationen gehen nicht zugrunde, sie begehen Selbstmord“. Aber die Zahlen zeigen: Noch sind die gelebten Strukturen von Ehe und Familie weitgehend vorhanden. Das Recht ist es, das zerfĂ€llt und das ist eine Frage der Gewalten. Die könnten den Prozess stoppen und der Natur wieder zur Geltung verhelfen.

IDAF Aufsatz des Monats 7/2017
www.i-daf.org

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 1. Juli 2017 um 13:33 und abgelegt unter Christentum weltweit, Demographie, Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik, Sexualethik.