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150 Jahre Lutherisches Einigungswerk

Dienstag 30. Mai 2017 von Pfr. Dr. Wolfhart Schlichting


Pfr. Dr. Wolfhart Schlichting

Reformation ging hervor aus der Erfahrung, „ein Licht aus Gott“ zu haben über „sein Verhältnis zu uns und das unsrige zu ihm“ ( A.v. Harleß 1873 ). Luther selbst deutete es im Rückblick ( 1545 ) so, dass ihm dabei die „Pforte des Paradieses“ aufging. Das geschah, weil als Mitte der Schrift Christus erschien, in dem die Bibel als Gesetz und Evangelium sprach: als Gesetz deckt sie auf, was der Mensch Gott schuldig bleibt, und als Evangelium lädt sie ein, zu glauben, dass Christus die Schuld beglichen hat. So wurde die Bibel vernehmbar als Wort des lebendigen Gottes, der Menschen nach seinen Geboten zur Verantwortung zieht, und sie trotzdem aus Gnade um Christi willen durch Freispruch rechtfertigt.

Und die Sakramente ( Taufe und Abendmahl ) wurden aufgefasst als Verdichtung des Evangeliums zur persönlichen Vergewisserung. Wo die Reformation durchgeführt wurde, lautete die Begründung, „dass diese Lehre… das wahre lautere Wort Gottes und der einige rechte Weg zur Seligkeit sei“ ( z.B. 1542 Hiltner, Regensburg ). Mit Dank an Gott feiern wir 500 Jahre Reformation.

Kirchenspaltung

Der Ausschluss der Reformatoren aus der bestehenden Kirchengemeinschaft wegen Nichtanpassung an Menschensatzungen, die über Gottes Wort hinausgehen oder ihm widersprechen, nötigte dazu, Bekennende Kirche zu bilden. Als der Ausschluss drohte, mussten sie sich darüber Rechenschaft geben, was zur Einheit der Kirche unbedingt nötig ist, und was nicht.

Artikel 7 der Confessio Augustana war in der Geschichte der Christenheit „die erste dogmatische Feststellung über das Wesen und die Einheit der Kirche“ ( H. Sasse 1961 ).

1.Was die Kirche ist

1.1 Kirche ist „Gemeinschaft der Heiligen“ ( um das Missverständnis eines unbiblischen Elite-Begriffs zu vermeiden, formuliert die deutsche Fassung: „die Versammlung aller Gläubigen“ ). Damit sind Menschen gemeint, die als Sünder Gottes Anerkennung durchweg nicht verdienen, die aber als von Gott Ergriffene durch ihr Verhältnis zu ihm an seiner Heiligkeit teilhaben.

1.2 Diese Teilhabe entsteht, wenn Menschen der Gnade Gottes vertrauen, die ihnen durch Wort und Sakrament Vergebung der Sünde, Leben und Seligkeit um Christi willen zuspricht.

1.3 Die Einheit der Kirche besteht in der gemeinsamen Gewissheit, als Menschen Heilige und als menschliche Gemeinschaft Heilige Kirche zu sein, was man nur auf Wort und Sakrament hin glauben und als Lebensgrundlage annehmen kann.

Kirche ist da, wo „das Evangelium rein gepredigt“, d.h. die Bibel von Christus als ihrer Mitte her ausgelegt wird, und als Gesetz und Evangelium umwendend in das Menschenleben eingreift. Dazu gehört, dass die Sakramente dem entsprechend (  „laut des Evangelii“ ) gereicht werden.

2.Woran die Kirche zerbricht

Aber auch unter den wegen ihres Widerspruchs gegen Menschensatzungen aus der bisherigen Kirchengemeinschaft Hinausgedrängten wurden Evangelium und Sakramente unterschiedlich aufgefasst.

  • Das Schwärmen von einem Christus, der nicht lediglich durch die Bibel spreche, sondern sich darüber hinaus innerlich vernehmbar mache, beließ es nicht bei der „reinen“ Predigt des Wortes Gottes.

Die Schwierigkeit, sich vorzustellen, dass ein Menschenkind durch die Taufe in das Sterben und Auferstehen Jesu hineinverwickelt ( Röm 6, 3-4 ) und dabei „durch Wasser und Geist“ ( Joh 3,5 ) von neuem geboren werde, führte dazu, dass die Taufe als symbolischer Ausdruck des Glaubens gedeutet wurde. Auch das Abendmahl galt nicht mehr als der Ort, wo die Tür des Paradieses aufspringt und Licht aus Gott ins Menschenleben fällt, sondern als antwortende Gemeindefeier.

Wenn es aber „zur wahren Einheit der Kirche“ „nötig ist“ ( necesse est ), dass man über die Lehre des Evangeliums und darüber, was man sich von den Sakramenten versprechen kann, einig ist ( consentire de doctrina evangelii et administratione sacramentorum ), war bei diesen Meinungsverschiedenheiten Einheit der Kirche nicht möglich.

  • Angesichts der Umwälzungen in der allgemeinen Weltanschauung bildete sich auch innerhalb der lutherischen Kirchen fortschreitend eine Uneinigkeit theologischer Richtungen

Die Aufklärungstheologie ( J.S. Semler ) ließ die konfessionellen Bekenntnisschriften als historische Dokumente gelten, die als Rechtsurkunden traditioneller Kirchengemeinschaften formale Bedeutung behalten, aber den wirklichen Vernunftglauben moderner Christen nicht zum Ausdruck bringen.

Bis heute ist das, was lutherische Landeskirchen zusammenhält nicht mehr der große Konsens in der Lehre des Evangeliums und der Verwaltung der Sakramente, sondern die jeweilige Verfassung und die agendarisch vorgeschrieben Gottesdienstform.

Die Confessio Augustana aber sagt umgekehrt, „zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirchen“ sei es „nicht nötig“, dass die Kirchenordnungen einander überall ähneln ( esse similes ); es genüge, „dass da einträchtiglich, nach reinem Verstand“, also im gleichen Verständnis und übereinstimmend, „das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem Wort Gottes gemäß gereicht werden“; das aber sei unabdingbar.

  • Im Mitgehen mit Zeitströmungen haben lutherische Kirchen ( im Dritten Reich und jetzt ) Menschensatzungen eingeführt, an denen ihre Einheit zerbricht. Die noch junge menschliche Tradition der Frauenordination soll mittels finanziellen Drucks wohlhabender Kirchen auch ärmeren aufgezwungen werden. Noch nie ist sie aus geistlicher Überzeugung irgendwo einmütig eingeführt worden; sie wurde vielmehr, einer feministischen Agenda folgend, unter Ungültigerklärung einiger Bibeltexte von starken Mehrheiten durchgesetzt.

Einschneidender ist die Öffnung lutherischer Kirchen für eine die von Jesus bestätigte Schöpfungsordnung der Ehe relativierende Gender-Ideologie und für eine die biblische Wertung ausdrücklich bestreitende Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe. Die Öffnung von Pfarrhäusern für gleichgeschlechtliche Pfarrerpaare und die Erfindung dazu passender „Trau“-Agenden stellen für viele lutherische Christen einen Anstoß dar, der ihnen den Verbleib in der Kirche nicht länger erlaubt.

3. Wo die Kirche zu suchen ist

Aus der eigenen Kirche, durch deren Abrücken von biblischen Ordnungen und das Überhandnehmen von Menschensatzungen verdrängt, suchen einzelne Lutheraner anderswo Anschluss an die „Gemeinschaft der Heiligen“.

Die Reformatoren zweifelten nicht, dass Gemeinschaft der Heiligen auch in das Papsttum und alle anderen getrennten Kirchen hineinreicht.

  • Immer wieder entschließen sich geistlich heimatlos gewordene Lutheraner in die römisch-katholische Kirche überzutreten, da sie dort Evangelium und Sakramente reiner zu finden meinen als in der eigenen Kirche. Dabei übersehen sie oft, dass sie damit den Ballast jahrtausendalter Menschensatzungen übernehmen, die zwar vorübergehend unbetont bleiben, aber, da nach wie vor gültig, jederzeit wieder in Kraft gesetzt werden können.

Anerkennswerterweise sind es heute eher die Leiter der katholischen Kirche, die gegenüber ungeduldigem Drängen auf Einheit das Anliegen des Achtens auf „richtige Sakramentsverwaltung“ ( recte ) und „reine Lehre“ wenigstens formal aufrechterhalten.

  • Andere enttäuschte Lutheraner schließen sich freikirchlichen Gemeinden an, bei denen sie geistliche Lebendigkeit und biblische Verkündigung zu finden glauben. Aber wem das Licht aus Gott in der lutherischen Auffassung der Sakramente geleuchtet hat, wird in Anfechtung des Glaubens nicht an seiner eigenen Entscheidung Halt suchen wollen, die er symbolisch zum Ausdruck bringen soll, sondern sich nach der greifbaren Vergewisserung der Zusage Gottes in den Sakramenten sehnen.

Daher haben sich die Bekenner von Augsburg nicht dabei beruhigen können, dass die Gemeinschaft der Heiligen auch in Gemeinschaften hineinreicht, in denen Menschensatzungen überhand genommen haben, sondern deutlich ausgesprochen, was zur wahren Einheit der Kirche nötig ist, und was nicht.

Lutherische Orthodoxie ( Bemühung um Rechtgläubigkeit ) war bestrebt, das Licht aus Gott, das den Reformatoren geschienen hat, nicht im Allerweltslicht aufgeklärter Vernunftreligion verblassen zu lassen

„Altlutherische“ Kirche hat sich einem Neuprotestantismus entzogen, der in „gleichförmigen Ceremonien, von Menschen eingesetzt“ die Einheit der Kirche suchte bei unvereinbarter Auffassung des Evangeliums und der Sakramente ( Union ).

Durch Menschensatzungen aus lutherischen Kirchen verdrängt, haben sich kleine lutherische Bekenntnisgemeinden gebildet.

Ansätze zur Vereinigung dieser Gruppen zu einer gesamtdeutschen und zu einer weltweiten bekennenden lutherischen Kirche sind seit dem 19. Jahrhundert fortgeführt worden ( Lutherisches Einigungswerk ). aber sie wurden von einem organisierten Weltluthertum überholt, dem das Mitkommen mit gesellschaftlichen Entwicklungen offenbar wichtiger ist als die reine Predigt des Evangeliums und die evangeliumsgemäße Darreichung der Sakramente.

4. Wie Kirche zusammenfinden kann

Die Reformation versuchte, die Kirche von Menschensatzungen zu befreien und zu ihrer geistlichen Lebensquelle zurückzuführen. Das kirchliche Establishment verteidigte seine Errungenschaften und schloss die Reformatoren aus. Dadurch wurden diese gezwungen, eine neue Kirchenordnung zu entwickeln.

Gegenwärtig sehen sich viele Christen in Kirchen lutherischer Tradition nicht mehr geistlich beheimatet.

Die Suche nach Elementen wahrer Kirche in allen Konfessionen erübrigt nicht die gebotene Vereinigung aller lutherischen Kirchen und Gruppen im Sinne von CA 7. Denn wenn es „allezeit eine heilige christliche Kirche“ geben muss, in der Wort Gottes und Sakramente „rein“ vermittelt werden, muss diese auch gegenwärtig für Suchende auffindbar sein. Unterschiedliche „menschliche Traditionen, Riten und Zeremonien, von Menschen eingesetzt“ dürfen bekennende Lutheraner nicht voneinander fernhalten.

Das Gedenken an 150 Jahre stillen Bemühens des Lutherischen Einigungswerkes sollte dazu führen, dass wir uns auf den Weg machen, aus unseren getrennten Traditionen aufzubrechen, und uns der einen lutherischen Kirche zu nähern, die mit der Kircheneinheit in reiner Verkündigung des Evangeliums und rechtem Gebrauch der Sakramente ernst macht ohne auf Angleichung der begleitenden untergeordneten Menschensatzungen  bestehen ( aber auch ohne eine solche unbedingt ausschließen ) zu müssen.

Als erster Schritt zur operativen Verwirklichung der Einheit möge die Errichtung eines Europabüros des International Lutheran Council dienen.

Pfarrer Dr. Wolfhart Schlichting

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 30. Mai 2017 um 13:10 und abgelegt unter Kirche, Theologie.