Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Kirchentagsgräuel

Mittwoch 24. Mai 2017 von Johann Hesse


Johann Hesse

Vom 24.-28.5. findet der Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg unter dem Motto „Du siehst mich“ (1 Mose 16,13) statt. Warum nur, fragt man sich, haben die Verantwortlichen gerade „Gott“ aus dieser Losung herausgekürzt. Eigentlich heißt es doch: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Es ist anzunehmen, dass diese kleine aber gewichtige Auslassung bereits zur Programmatik gehört. Möge Gott nur nicht zu genau hinsehen. Schon in der Kommentierung des Losungswortes stellt die Generalsekretärin des Kirchentages Ellen Ueberschär pflichtschuldig fest, dass „die Geschichte der Hagar, aus der die Losung stammt, sowohl im Koran als auch im Neuen Testament aufgegriffen“ wird.

Das Losungswort soll offensichtlich auf den interreligiösen Dialog einstimmen, der auch auf diesem Kirchentag gepflegt werden soll. So kann der Kirchentagsteilnehmer beim Podium „Vielfalt und Zusammenhalt“ mit Houaida Taraji, der Frauenbeauftragten des Zentralrats der Muslime, der Frage nach selbstbestimmter Sexualität im interreligiösen Dialog nachgehen. Bei der drängenden Frage nach „Toleranz und friedlichem Zusammenleben“ soll ausgerechnet Sheikh Ahmad al-Tayyeb, Großscheich an der al-Azhar-Universität in Kairo wegweisende Orientierung geben. Wer es bevorzugt, interreligiöse Dialoge an gedeckter Tafel und bei vegetarischer Kost zu führen, der kann am 25.5. (Christi Himmelfahrt!) an der „Langen weißen Tafel der Religionen“ Platz nehmen und sich im Anschluss an einem der zahlreichen Stände über das Christentum, den Islam, den Hinduismus oder den Buddhismus informieren. Kinder und Jugendliche lernen auf der Mitmachbaustelle „Young House of One“ am Petriplatz wie die interreligiöse Zukunft gemeinsam gestaltet werden kann.

Neben der religiösen Vielfalt propagiert der Kirchentag auch die sexuelle Vielfalt. Das Zentrum Regenbogen für Lesben, Schwule und andere Identitäten hat seinen Stützpunkt im „Kosmos“ und zwei benachbarten Kirchengemeinden. Hier kann man sich über „Lesbisch-schwule Glaubensbiografien“ informieren, einen „Gottesdienst für Lesben und andere Frauen“ feiern und mit Prof. Dr. Peter Dabrock (Erlangen) und dem Kirchenpräsidenten Dr. Dr. h.c. Volker Jung (Darmstadt) über die „Theologie der tausend Geschlechter“ diskutieren. Der erklärt schwule Pastor Nils Christiansen hält einen Vortrag zum Thema „Mit der Bibel gegen Homofeindlichkeit“. Zeitgleich läuft ein „Coming-Out-Workshop für lesbische Mädchen und Frauen“ in der Christus-Kirche. Die Referentin des Workshops gehört zu einem Netzwerk lesbischer Theologinnen (Labrystheia). Der Gleichberechtigung wegen gibt es einen solchen „Coming-out-Workshop“ auch für Männer. Unter der Überschrift „Ver-Queeres Willkommen“ findet ein Seminar über LSBTTIQ im Kontext von Flucht und Vertreibung statt.

Als ich dieses Angebot las, fragte ich mich, ob an irgendeiner Stelle auch das Schicksal der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung orientalischer Christen thematisiert würde. Gibt es einen Workshop zum Thema Christenverfolgung in deutschen Asylantenunterkünften? Kann ich Menschen treffen, die früher Muslime waren, Christus begegnet sind und heute in ihren Heimatländern vom Tode bedroht in der Nachfolge Christi leben? Gibt es Angebote, die über die weltweit wachsende jüdisch-messianische Bewegung informieren? Gibt es Seelsorgeseminare für Schwule und Lesben, die aus ihrer bisherigen Orientierung aussteigen möchten und sich eine Neuausrichtung ihrer Sexualität wünschen? Angebote, die biblische Leitlinien für ein gelingendes Miteinander in Ehe und Familie aufzeigen? Gibt es ein Hauptreferat, in dem der Redner auf biblisch-theologischer Grundlage darlegt, dass das Heil allein in Christus zu finden ist und alle anderen Religionen Irrwege sind? Komplette Fehlanzeige.

Der Prophet Hesekiel wird einmal von Gott in den Tempel nach Jerusalem geführt. Der Herr sagt zu ihm: „Geh hinein und sieh die schlimmen Gräuel an, die sie hier treiben“ (Hes 8,9). Hesekiel muss sehen, was Gott sieht: Die Priester sind von Gott abgefallen. Fremde Gottheiten werden verehrt. Die religiöse Vielfalt steht hoch im Kurs. Das Wort Gottes und seine guten Lebensordnungen werden mit Füßen getreten. Auf diese Vision folgte die Ankündigung des Gerichts: „Gekommen ist die Heimsuchung der Stadt“ (Hes 9,1).

Die Kirchentagsgräuel müssen abgestellt werden. Das Gericht Gottes kann nur abgewendet werden, wenn auf den evangelischen Kirchentagen wieder zur Umkehr gerufen wird. Die Hunderttausende, die in Berlin und Wittenberg zusammenkommen, brauchen nichts dringlicher als eine Verkündigung, die Christus allein und sein Wort in den Mittelpunkt stellt.

Johann Hesse, Verden/Aller

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 24. Mai 2017 um 9:37 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche.