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Die Gesellschaft lebt in der Illusion der Entgrenzung

Dienstag 17. Januar 2017 von Gabriel StÀngle


Gabriel StÀngle

Wenn heute von Vielheit gesprochen wird, ist Konformismus gemeint: Bei Ehe, Familie und Person stehen die IdentitÀten zur Diskussion.

Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier beschrieb in einem Artikel in der FAZ vom 5.11.2016 eindrĂŒcklich eine „tödliche Gefahr fĂŒr unser politisches Gemeinwesen“. Die aktuellen Debatten wĂŒrden nicht mehr auf der Grundlage von Fakten gefĂŒhrt. Die digitale Revolution und mit ihr das Schrumpfen von Zeit und Raum fĂŒhre zu objektiven Überforderungen und produziere Gegenreaktionen: „Angst vor IdentitĂ€tsverlust, RĂŒckbesinnung auf Nation, Ethnie, Religion, auf das, was leichter Sicherheit und festen Boden unter den FĂŒĂŸen verschafft.“ Was Steinmeier hier in erstaunlicher Offenheit formuliert, ist der Krisenzustand einer Politik der Entgrenzung.

In unserem Land macht sich ein wachsendes Unbehagen unter denjenigen breit, die sich ausgegrenzt und abgehĂ€ngt fĂŒhlen. Dabei scheint auf den ersten Blick anachronistisch zu wirken, was der Mainzer Historiker Andreas Rödder ĂŒber unsere Gegenwart unter dem Begriff der Kultur der Inklusion beschreibt. Inklusion, das ist „wenn Ausnahmen die Regel werden“. Dazu gehört das Diversity Management, die Antidiskriminierung, Anerkennung und Förderung von Verschiedenheit, die aktive Gleichstellungspolitik und Gender Mainstreaming. Wie ist es dazu gekommen? Der allgemeine Rahmen, wie geredet, gedacht und gehandelt wird, hat sich verschoben. Im Hinblick auf die Begriffe von Inklusion, Gender und Diversity haben die akademischen Debatten der 1970er und 1980er Jahre in den USA und Frankreich eine große Wirkung gezeigt. Zwischenzeitlich sind sie in die Breite der Gesellschaft und der politischen Entscheidungsprozesse eingesickert, haben erfolgreich den Gang durch die Institutionen gemacht und haben neue Denkweisen, Sprachmuster und Handlungsrahmen hervorgebracht. Der religionspolitische Sprecher der GrĂŒnen, Volker Beck, hat letztes Jahr auf einer Veranstaltung des Deutschen Evangelischen Kirchentags gesagt: „In den letzten Jahren sind wir“, und damit meinte er die schwul-lesbische Bewegung, „hegemonial geworden“. Sie haben die Vorherrschaft – sprachlich, medial und in Baden-WĂŒrttemberg in den letzten fĂŒnf Jahren auch politisch. Giovanni di Lorenzo hat in der „ZEIT“ vom 28.9.2016 die „kulturelle Hegemonie“ der GrĂŒnen einer Kritik unterzogen, in der er diese unter anderem mitverantwortlich fĂŒr den Aufstieg der AfD machte.

Was kennzeichnet diese Hegemonie? Der erste Schritt ist, die Definitionshoheit ĂŒber die Sprache zu gewinnen. Rationale Debatten ĂŒber Sinn, Ziel und Umfang ĂŒber Problemfelder werden so unterbunden. Ein Beispiel ist das geflĂŒgelte Wort der Willkommenskultur im Herbst letzten Jahres. Die Worte, die im Bereich Gender- und Gleichstellungspolitik eine Diskussion unterbinden, sind die Worte Akzeptanz und Vielfalt. Der politisch links besetzte Begriff der Vielfalt stellt ein diffuses, real nicht existierendes Gegenteil von Einfalt dar, das konservativ besetzt wird. Jedoch ist die Parole der Vielfalt zur förmlichen Ablehnung der real existierenden Form von Vielfalt geworden.

Die Rede von Vielfalt, DiversitĂ€t und dergleichen ist ein klassischer Fall von Neusprech, das George Orwell in seinem berĂŒhmten Roman „1984“ beschrieb. Denn Vielfalt heißt im Klartext Konformismus. Deshalb sind in politisch korrekten Themenfeldern keine Diskussionen möglich. Die AusschlĂ€ge sind besonders heftig, wenn die Themen in Frage gestellt werden. Der Soziologe Friedrich Pohlmann hat in einem Essay ĂŒber „Konformismus. Warum wir am liebsten bei der Mehrheit sind“ gezeigt, dass es bei folgenden Themen Ă€ußerst heftige AusschlĂ€ge gibt, wenn sie außerhalb des politisch Korrekten geĂ€ußert werden: 1. bei den Kriegen im Nahen Osten, 2. der EuropĂ€ischen Union und Krise um den Euro, 3. der Masseneinwanderung, und damit verbunden dem VerhĂ€ltnis zum Islam, 4. bei Geschlechterbeziehungen und sexuellen PrĂ€ferenzen, sowie 5. der Beziehung zum Nationalsozialismus. Die kulturelle Hegemonie beginnt sprachlich, wird medial vermittelt und wird schließlich politische RealitĂ€t. Seit 2011 lĂ€sst sich das anschaulich in Baden-WĂŒrttemberg in verschiedenen Bereichen studieren.

Die Verschiebung des Denk-, Sprech- und Handlungsrahmens lĂ€sst sich an einem einfachen Beispiel aufzeigen. Bis vor wenigen Jahren war es ĂŒblich, dass eine Lehrkraft jeden Morgen in einem Klassenzimmer die Anwesenden mit „Liebe SchĂŒler“ begrĂŒĂŸte. Dabei wurden nicht nur Jungen, sondern auch die MĂ€dchen inklusiv mitgedacht. Heute ist die Anrede „Liebe SchĂŒlerinnen und SchĂŒler“ ĂŒblich, weil so auch die MĂ€dchen sprachlich nicht unsichtbar bleiben. Seit nunmehr 40 Jahren hat sich im feministischen Sprachhandeln das Binnen-I breitgemacht, das in letzter Zeit auf Grund der grammatikalischen Sperrigkeit kritisiert wird. Einen weiterfĂŒhrenden Vorschlag hat die Berliner Professorin Lann Hornscheidt gemacht. Sie möchte nur noch mit dem geschlechterneutralen Profx angesprochen werden. Der Morgengruß im Klassenzimmer wĂŒrde dann wohl SchĂŒlx heißen, was vielleicht im Geschichtsunterricht der 6. Klasse ĂŒber „Gallier und Römer“ fĂŒr ein Schmunzeln sorgen könnte. Klar ist aber, dass Sprache immer auch die Wirklichkeit prĂ€gt. Deshalb sind die Begriffe in geschlechterpolitischen und bildungspolitischen Diskussionen bei weitem nicht eine neutrale Beschreibung der Wirklichkeit. Sie dienen als gesellschaftspolitische Ziele. So stellen beispielsweise die Begriffe Inklusion, Gender, Diversity, Gemeinschaftsschule und Akzeptanz von Vielfalt viel mehr dar, als die Integration der bislang Benachteiligten in die bĂŒrgerlich-liberale Ordnung. Die Konzepte der gegenwĂ€rtigen Bildungspolitik sind durchgehend von einer theologischen Sprache im sĂ€kularen Gewand durchdrungen. Dabei handelt es sich entweder um schöpfungstheologische oder um Heilsbegriffe: Inklusion – keiner soll ausgegrenzt und verloren gehen; Vielfalt – spiegelt die DiversitĂ€t der Schöpfung wider, und sexuelle IdentitĂ€t zeigt die Sehnsucht nach Annahme und Zuspruch. Nicht die Integration in die bĂŒrgerlich-freiheitliche Ordnung, sondern deren Überwindung ist das, worauf die VerĂ€nderung zielt.

Die zentralen Orte dieser VerĂ€nderung sind die Schule und die Familie. Die Schule, in der die Erziehung weitgehend abgeschafft, sowie Bildung durch Kompetenzerwerb verdrĂ€ngt wird und die Emanzipation als revolutionĂ€res Programm auftritt. Die Familie, genauer die Zerschlagung der bĂŒrgerlichen Familie, ist der zweite Ort der kulturrevolutionĂ€ren VerĂ€nderung. Der Chef der Berliner GrĂŒnen, Daniel Wesener, sagte dem „Tagesspiegel“ vom 2.9.2016 in einem Interview ĂŒber queere Politik auf die Frage, ob es nicht etwas Komisches habe, dass die progressiven GrĂŒnen fĂŒr so etwas sehr Konservatives wie das Institut der Ehe kĂ€mpften: „Eigentlich ist auch mir das Fernziel wichtiger als das Nahziel: das Institut der Ehe zu ĂŒberwinden. Steht es nicht fĂŒr eine Gesellschaft, die sich nur ĂŒber zwei Geschlechter definiert, mit all der historisch-religiösen Begleitmusik? Ich bin kein Freund der Ehe, ich bin auch nicht verheiratet. Aber am Ende soll jeder selbst entscheiden, ob er diesen Weg geht. Vielleicht leben wir ja eines Tages in einer Gesellschaft, in der es statt der Ehe FamilienvertrĂ€ge gibt.“ Die Konsequenz dieser Politik ist deutlicher, als dies der baden-wĂŒrttembergische MinisterprĂ€sident Kretschmann mit seinem PlĂ€doyer der Ehe fĂŒr alle verschleiert. Es ist die innere Auflösung der Gesellschaft als Gesellschaft, durch den ĂŒbertriebenen Kult um den Einzelnen, der nirgendwo besser deutlich wird als in der Verklausulierung des Konzepts Akzeptanz von Vielfalt und den Ruf nach LSBT-Rechten.

Die Denkrichtung, die hinter diesen VerĂ€nderungen steht, ist der postmoderne (De)konstruktivismus. Der besagt, dass alles ein Produkt von Kommunikation und kommunikativ verhandelter Sinnzuschreibung ist. Der Konstruktivismus stellt alles in Frage: Ehe, Familie, das Wesen der Person und das Gewissen, Recht und Werte, die Unterscheidung von wahr und falsch, letztlich auch von gut und böse. Am deutlichsten wird es bei den Themen Nation, Schule & Unterricht, Ehe & Familie und der Frage nach den Geschlechtern. Alle diese Themen stiften IdentitĂ€t. Wo diese aufgebrochen werden, wird IdentitĂ€t verwischt, neu erfunden oder zerstört. Wenn es um die Nation geht – Stichwort Massenzuwanderung. Wenn es um Unterricht und Schule – Stichworte neue Lernkultur und Gemeinschaftsschule. Wenn es um die Familie geht – Stichworte Fremdbetreuung und Ehe fĂŒr alle, und wenn es um die Geschlechter geht – Stichwort: grĂŒn-rote Aktions- und BildungsplĂ€ne, die die Akzeptanz sexueller Vielfalt propagieren.

Worin Steinmeier die „tödliche Bedrohung“ fĂŒr unsere Demokratie wahrnimmt, wird in vielen Milieus und den Massenmedien als etwas Fortschrittliches gefeiert: Es ist die Rhetorik der GrenzĂŒberschreitung, der Entgrenzung, der GrenzĂŒberwindung. In Politik, Massenmedien und Kulturwissenschaften ist die binĂ€re Definition des GrenzphĂ€nomens einer Auffassung von Grenzen als RĂ€umen gewichen: RĂ€ume des Übergangs, des Sich-Vermischens, der Akzeptanz von Vielfalt. Am Deutlichsten wird dies an den verschiedenen pĂ€dagogischen Ideologien, die alle Inklusion ohne Exklusion fordern, oder den Gender-Theorien mit der Auflösung der binĂ€ren Orientierung von Mann und Frau. Die Auswirkungen der Politik der Entgrenzung auf Gesellschaft, Wirtschaft und Familien zeichnen sich jetzt schon ab: Es ist ein Mensch, der seiner natĂŒrlichen Umwelt entwöhnt ist, eine Person, die in allen möglichen Bereichen, die ihr in ihrer IdentitĂ€tsfindung Orientierung geben, unter Beschuss steht. Ein Mensch, der schon in seiner frĂŒhesten Kindheit hoch traumatisierende Erlebnisse verarbeiten muss. Ein SchĂŒler, der nicht mehr Subjekt des Bildungsprozesses ist, sondern sich an eine neoliberale Konsumwelt gewöhnt. Kurz: Es ist der autonome Mensch.

Alexis de Tocqueville hat in seinem Werk ĂŒber die Demokratie in Amerika eine Gesellschaft vorausgesehen, in der apolitische, privatisierte Einzelne sich einem sinnlosen, nur auf materielle GenĂŒsse ausgerichteten Leben hingeben. In dieser Gesellschaft leben die Menschen einsam um sich selbst kreisend und sind nicht mehr fĂ€hig, den Anteil an AktivitĂ€t und Einsatz zu erbringen, ohne die auf Dauer keine Demokratie ĂŒberleben kann.

Wir brauchen, was den Begriff der GrenzĂŒberschreitung angeht, eine Unterscheidung von frontier und barrier. Das Englische unterscheidet zwischen diesen Begriffen: Frontier meint die Grenze, die wir immer weiter dehnen, verschieben, oder auch sprengen. Sie treibt uns zu Höchstleistungen in Bildung, Sport, Wissenschaft und Kunst. Die barrier dagegen ist die Grenze, die uns kostbar ist. Sie schĂŒtzt uns. Solch eine Barriere ist unsere Haut, genauso der Spamfilter im Laptop, GartenzĂ€une, Staatsgrenzen, sowie Normen und Gesetze. Sie alle geben uns das GefĂŒhl von Sicherheit.

In historischer Perspektive wird deutlich, dass alles möglich ist und das innerhalb kĂŒrzester Zeit. Entgrenzung – das, was vor kurzem noch unvorstellbar war, kann in einiger Zeit gĂ€ngige Praxis sein. Rödder hat dies 2008 treffend beschrieben: „Die allgemein akzeptierten Werte sind die Voraussetzung fĂŒr Barrierefreiheit fĂŒr Behinderte oder fĂŒr die Tötung sogenannten ,menschenunwerten Lebens‘, fĂŒr gender mainstreaming ebenso wie fĂŒr Kinderlosigkeit als normal gewordene Lebensform, fĂŒr Antidiskriminierung, Straffreiheit von Abtreibung oder Toleranz – sie bedingen, alles zusammen und ganz zugespitzt, Menschenrechte ebenso wie Massenmord.“ Der Rahmen der allgemein akzeptierten Werte und die daraus abgeleiteten Normen sind kollektiv handlungsleitend. Weil es in unserem scheinbaren „postfaktischen Zeitalter“ keine ĂŒberzeitlichen, unverrĂŒckbaren gĂŒltigen Werte gibt, mĂŒssen die allgemein verbindlichen Werte gesetzt werden. Das ist die zentrale Herausforderung schulischer Bildung heute, die auch Steinmeier richtig erkannt hat: „Wir mĂŒssen in unsere Urteilskraft investieren, in jene Institutionen und Systeme, die in unseren Gesellschaften ,Wahrheit produzieren‘: Schulen, Wissenschaft, Justiz, aber auch die Medien.“

Gabriel StÀngle, 28.12.2016

Der Autor ist Realschullehrer und Theologe. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Der Bildungsexperte initiierte die Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen“ zum baden-wĂŒrttembergischen Bildungsplan.

Quelle: http://www.die-tagespost.de/feuilleton/Die-Gesellschaft-lebt-in-der-Illusion-der-Entgrenzung;art310,174910 (28.12.2016)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 17. Januar 2017 um 14:36 und abgelegt unter Allgemein.