Gemeindenetzwerk

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Verteidigungsrede Martin Luthers auf dem Reichstag zu Worms (1521)

Freitag 28. Oktober 2016 von Martin Luther (1483-1546)


Martin Luther (1483-1546)

AllergnĂ€digster Herr und Kaiser! Durchlauchtigste FĂŒrsten! GnĂ€digste Herrn!

Ich erscheine gehorsam zu dem Zeitpunkt, der mir gestern abend bestimmt worden ist, und bitte die allergnĂ€digste MajestĂ€t und die durchlauchtigsten FĂŒrsten und Herren um Gottes Barmherzigkeit wollen, sie möchten meine Sache, die hoffe ich, gerecht und wahrhaftig ist, in Gnaden anhören. Und wenn ich aus Unkenntnis irgend jemand nicht in der richtigen Form anreden oder sonst in irgendeiner Weise gegen höfischen Brauch und Benehmen verstoßen sollte, so bitte ich, mir dies freundlich zu verzeihen; denn ich bin nicht bei Hofe, sondern im engen mönchischen Winkel aufgewachsen und kann von mir nur dies sagen, daß ich bis auf diesen Tag mit meinen Lehren und Schriften einzig Gottes Ruhm und die redliche Unterweisung der Christen einfĂ€ltigen Herzens erstrebt habe.

AllergnĂ€digster Kaiser, durchlauchtigste FĂŒrsten! Mir waren gestern durch Eure allergnĂ€digste MajestĂ€t zwei Fragen vorgelegt worden, nĂ€mlich ob ich die genannten, unter meinem Namen veröffentlichten BĂŒcher als meine BĂŒcher anerkennen wollte, und ob ich dabei bleiben wollte, sie zu verteidigen, oder bereit sei, sie zu widerrufen. Zu dem ersten Punkt habe ich sofort eine unverhohlene Antwort gegeben, zu der ich noch stehe und in Ewigkeit stehen werde: Es sind meine BĂŒcher, die ich selbst unter meinem Namen veröffentlicht habe, vorausgesetzt, daß die TĂŒcke meiner Feinde oder eine unzeitige Klugheit darin nicht etwa nachtrĂ€glich etwas geĂ€ndert oder fĂ€lschlich gestrichen hat. Denn ich erkenne schlechterdings nur das an, was allein mein eigen und von mir allein geschrieben ist, aber keine weisen Auslegungen von anderer Seite.

Hinsichtlich der zweiten Frage bitte ich aber Euer allergnĂ€digste MajestĂ€t und fĂŒrstliche Gnaden dies beachten zu wollen, daß meine BĂŒcher nicht alle den gleichen Charakter tragen.

Die erste Gruppe umfaßt die Schriften, in denen ich ĂŒber den rechten Glauben und rechtes Leben so schlicht und evangelisch gehandelt habe, daß sogar meine Gegner zugeben mĂŒssen, sie seien nĂŒtzlich, ungefĂ€hrlich und durchaus lesenswert fĂŒr einen Christen. Ja, auch die Bulle erklĂ€rt ihrer wilden Gegnerschaft zum Trotz einige meiner BĂŒcher fĂŒr unschĂ€dlich, obschon sie sie dann in einem abenteuerlichen Urteil dennoch verdammt. Wollte ich also anfangen, diese BĂŒcher zu widerrufen – wohin, frag ich, sollte das fĂŒhren? Ich wĂ€re dann der einzige Sterbliche, der eine Wahrheit verdammte, die Freund und Feind gleichermaßen bekennen, der einzige, der sich gegen das einmĂŒtige Bekenntnis aller Welt stellen wĂŒrde!

Die zweite Gruppe greift das Papsttum und die Taten seiner AnhĂ€nger an, weil ihre Lehren und ihr schlechtes Beispiel die ganze Christenheit sowohl geistlich wie leiblich verstört hat. Das kann niemand leugnen oder ĂŒbersehen wollen. Denn jedermann macht die Erfahrung, und die allgemeine Unzufriedenheit kann es bezeugen, daß pĂ€pstliche Gesetze und Menschenlehren die Gewissen der GlĂ€ubigen aufs jĂ€mmerlichste verstrickt, beschwert und gequĂ€lt haben, daß aber die unglaubliche Tyrannei auch Hab und Gut verschlungen hat und fort und fort auf empörende Weise weiter verschlingt, ganz besonders in unserer hochberĂŒhmten deutschen Nation. Und doch sehen sie in ihren Dekreten selbst vor, wie Distinctio 9 und 25, quaestio 1 und 9, zu lesen steht: PĂ€pstliche Gesetze, die der Lehre des Evangeliums und den SĂ€tzen des Evangeliums und den SĂ€tzen der KirchenvĂ€ter widersprĂ€chen, seien fĂŒr irrig und ungĂŒltig anzusehen. Wollte ich also diese BĂŒcher widerrufen, so wĂŒrde ich die Tyrannei damit geradezu krĂ€ftigen und stĂŒtzen, ich wĂŒrde dieser Gottlosigkeit fĂŒr ihr Zerstörungswerk nicht mehr ein kleines Fenster, sondern TĂŒr und Tor auftun, weiter und bequemer, als sie es bisher je vermocht hat. So wĂŒrde mein Widerruf ihrer grenzenlosen, schamlosen Bosheit zugute kommen, und ihre Herrschaft wĂŒrde das arme Volk noch unertrĂ€glicher bedrĂŒcken, und nun erst recht gesichert und gegrĂŒndet sein, und das um so mehr, als man prahlen wird, ich hĂ€tte das auf Wunsch Eurer allergnĂ€digsten MajestĂ€t getan und des ganzen Römischen Reiches. Guter Gott, wie wĂŒrde ich da aller Bosheit und Tyrannei zur Deckung dienen!

Die dritte Gruppe sind die BĂŒcher, die ich gegen einige sozusagen fĂŒr sich stehende Einzelpersonen geschrieben habe, die den Versuch machten, die römische Tyrannei zu schĂŒtzen und das Christentum, wie ich es lehre, zu erschĂŒttern. Ich bekenne, daß ich gegen diese Leute heftiger vorgegangen bin, als in Sachen des Glaubens und bei meinem Stande schicklich war. Denn ich mache mich nicht zu einem Heiligen und trete hier nicht fĂŒr meinen Lebenswandel ein, sondern fĂŒr die Lehre Christi. Trotzdem wĂ€re mein Widerruf auch fĂŒr diese BĂŒcher nicht statthaft; denn er wĂŒrde wieder die Folge haben, daß sich die gottlose Tyrannei auf mich berufen könnte und das Volk so grausamer beherrschen und mißhandeln wĂŒrde denn je zuvor.

Aber ich bin ein Mensch und nicht Gott. So kann ich meinen Schriften auch nicht anders beistehen, als wie mein Herr Christus selbst seiner Lehre beigestanden hat. Als ihn Hannas nach seiner Lehre fragte und der Diener ihm einen Backenstreich gegeben hatte, sprach er: „Habe ich ĂŒbel geredet, so beweise, daß es böse gewesen sei.“ Der Herr selbst, der doch wußte, daß er nicht irren könnte, hat also nicht verschmĂ€ht, einen Beweis wider seine Lehre anzuhören, dazu noch von einem elenden Knecht. Wieviel mehr muß ich erbĂ€rmlicher Mensch, der nur irren kann, da bereit sein, jedes Zeugnis wider meine Lehre, das sich vorbringen lĂ€ĂŸt, zu erbitten und zu erwarten. Darum bitte ich um der göttlichen Barmherzigkeit willen, Eure allergnĂ€digste MajestĂ€t, durchlauchtigste fĂŒrstliche Gnaden oder wer es sonst vermag, er sei höchsten oder niedersten Standes, möchte mir Beweise vorlegen, mich des Irrtums ĂŒberfĂŒhren und mich durch das Zeugnis der prophetischen oder evangelischen Schriften ĂŒberwinden. Ich werde völlig bereit sein, jeden Irrtum, den man mir nachweisen wird, zu widerrufen, ja, werde der erste sein, der meine Schriften ins Feuer wirft.

Es wird hiernach klar sein, daß ich die Nöte und Gefahren, die Unruhe und Zwietracht, die sich um meiner Lehre willen in aller Welt erhoben haben, und die man mir gestern hier mit Ernst und Nachdruck vorgehalten hat, sorgsam genug bedacht und erwogen habe. FĂŒr mich ist es ein denkbar erfreulicher Anblick, zu sehen, wie um Gottes Wort Unruhe und Zwietracht entsteht. Denn das ist der Lauf, Weg und Erfolg, den Gottes Wort zu nehmen pflegt, wie Christus spricht: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert; denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater usw.“ Darum mĂŒssen wir bedenken, wie Gott wunderbar und schrecklich ist in seinen RatschlĂŒssen, daß nicht am Ende das, was wir ins Werk setzen, um der Unruhe zu steuern, damit anfĂ€ngt, daß wir Gottes Wort verdammen, und so viel mehr einer neuen Sintflut ganz unertrĂ€gliche Leiden zustrebt. Wir mĂŒssen sagen, daß die Regierung unseres jungen, vortrefflichen Kaisers Karl, auf dem nĂ€chst Gott die meisten Hoffnungen ruhen, nicht eine unselige, verhĂ€ngnisvolle Wendung nehme. Ich könnte es hier mit vielen Beispielen aus der Schrift vom Pharao, vom König Babylons und den Königen Israels veranschaulichen, wie sich gerade dann am sichersten zugrunde richteten, wenn sie mit besonders klugen PlĂ€nen darauf ausgingen, Ruhe und Ordnung in ihren Reichen zu behaupten. Denn er, Gott, fĂ€ngt die Schlauen in ihrer Schlauheit und kehret die Berge um, ehe sie es inne waren. Darum ist’s die Furcht Gottes, deren wir bedĂŒrfen. Ich sage das nicht in der Meinung, so hohe HĂ€upter hĂ€tten meine Belehrung oder Ermahnung nötig, sondern weil ich meinem lieben Deutschland den Dienst nicht versagen wollte, den ich ihm schuldig bin. Hiermit will ich mich Euer allergnĂ€digsten kaiserlichen MajestĂ€t und fĂŒrstlichen Gnaden demĂŒtig befohlen und gebeten haben, sie wollten sich von meinen eifrigen Widersachern nicht ohne Grund gegen mich einnehmen lassen. Ich bin zu Ende 


Weil denn Eure allergnĂ€digste MajestĂ€t und fĂŒrstlichen Gnaden eine einfache Antwort verlangen, will ich sie ohne Spitzfindigkeiten und unverfĂ€nglich erteilen, nĂ€mlich so: Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren VernunftgrĂŒnden besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angefĂŒhrt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun.

Gott helfe mir, Amen.

Martin Luther, Verteidigungsrede auf dem Reichstag zu Worms, 18. April 1521

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 28. Oktober 2016 um 16:34 und abgelegt unter Kirche, Theologie.