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Immer noch kein Urteil im Malatya-Prozess

Dienstag 28. Juni 2016 von Martin-Bucer-Seminar


Martin-Bucer-Seminar

Obwohl im Vorfeld ein Urteil gegenĂŒber Hinterbliebenen und Kirchenleitern in Aussicht gestellt wurde, hat das Gericht im osttĂŒrkischen Malatya beim heutigen 114. Verhandlungstag erneut kein Urteil gefĂ€llt. Der nĂ€chste Verhandlungstag ist jetzt fĂŒr den 28. September angesetzt. An diesem soll dann auch das Urteil verkĂŒndet werden. Am 18. April 2007 wurden in den RĂ€umen des christlichen Zirve-Verlages die beiden tĂŒrkischen Christen Necati Aydın und Uğur YĂŒksel sowie der deutsche Theologe Tilmann Geske ermordet. Angeklagt sind neben fĂŒnf jungen MĂ€nnern, die noch am Tatort festgenommen wurden, auch weitere TatverdĂ€chtige, denen UnterstĂŒtzung der Tat und Bildung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird. Unter ihnen sind der frĂŒhere Kommandant der Provinzgendarmerie von Malatya, der Oberst im Ruhestand Mehmet Ülger, der Vorsitzende des Spionageausschusses der Provinzgendarmerie von Malatya, Hauptmann Haydar YeƟil, die Unteroffiziere Murat GöktĂŒrk und Abdullah Atılgan, das Mitglied des Lehrkörpers der theologischen FakultĂ€t von Malatya Ruhi Abat und andere.

Der Anwalt Ali Koç, der die Nebenklage vertritt, Ă€ußerte Medienberichten zufolge, dass man viel zu wenig unternommen habe, um HintergrĂŒnde und mögliche Anstifter zu finden: „Die neun Jahre der Gerichtsverhandlung sind aus der Sicht von Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit eine große Null. Wir erwarten nichts von den Gerichtsorganen, hoffentlich irren wir uns.“ Die AnwĂ€ltin der Nebenklage HĂŒrrem Carolin Çevik ergĂ€nzte: „Diese Mordtat kann nicht von fĂŒnf EinzeltĂ€tern verĂŒbt worden sein. Jemand muss im Hintergrund gewesen sein.“

Susanne Geske, die Witwe des deutschen Mordopfers, die auch dieses Mal wieder mit ihren drei Kindern vor Ort dem Prozess gefolgt ist, wies zunĂ€chst auf den im Gerichtssaal hĂ€ngenden Spruch „Gerechtigkeit ist die Grundlage des Staates“ hin. In einem Interview Ă€ußerte sie: „Am ersten Gerichtstag habe ich an diesen Spruch geglaubt. Aber so vieles hat sich verĂ€ndert. Mein Vertrauen in die Gerechtigkeit ist erschĂŒttert. Ich glaube nur noch an Gottes gerechtes Gericht.“ Sie wĂ€re ĂŒberrascht, wenn es nach neun Jahren zu einem „fairen Urteil“ kommen wĂŒrde.

In der TĂŒrkei lebende Christen sind deshalb erneut enttĂ€uscht und sehr ernĂŒchtert, aber nicht wirklich ĂŒberrascht ĂŒber den Prozessverlauf. Wie BQ gegenĂŒber aus evangelischen Kreisen in Istanbul geĂ€ußert wurde, seien Verzögerungen und Hinhaltetaktiken nicht unĂŒblich. Man mĂŒsse annehmen, dass die wirklichen HintermĂ€nner offenbar nicht herausgefunden und zur Rechenschaft gezogen werden sollten. „Wenn Sachen zu groß werden, hat die UnabhĂ€ngigkeit der Gerichte in den letzten Jahren sehr gelitten.“

Sollte hinter den Morden je der Gedanke gesteckt haben, die kleine evangelische Gemeinde in der TĂŒrkei nachhaltig zu schwĂ€chen, sei dieses Ziel Gott sei Dank nicht erreicht worden. Im Gegenteil habe die Anzahl der evangelischen Christen, auch und gerade aus muslimischem Hintergrund, seit den Morden nachhaltig zugenommen. Die bestehenden Gemeinden seien in den letzten bald zehn Jahren innerlich gefestigt worden und in vielen, auch kleineren StĂ€dten seien neue Gemeinden gegrĂŒndet worden.

Zudem gĂ€be es konkrete Beispiele, dass Menschen durch die Malatya-Morde in ein intensives Nachdenken ĂŒber ihren Glauben gekommen und Christen geworden seien. Als Beispiel könne ein Ă€lterer Mann und erfolgreicher Unternehmer in einem eher konservativen Stadtteil Istanbuls gelten. Er habe sich als frommer Muslim gefragt, ob diese Morde mit dem Islam vereinbar seien. Nach dem Studium von Koran und Hadithen (der Überlieferung der AussprĂŒche und Taten Mohammeds) sei er zu dem Ergebnis gekommen, dass das in gewisser Weise wohl tatsĂ€chlich gerechtfertigt sei. Er habe dieses Ergebnis aber nicht einfach akzeptieren wollen und sich mit dem christlichen Glauben beschĂ€ftigt, fĂŒr den die drei MĂ€nner in Malatya umbebracht worden waren. Nach intensivem Studium der Bibel und vielen GesprĂ€chen mit Christen ist er Christ geworden und gehört heute zu einer örtlichen evangelischen Gemeinde. Er lebt seinen Glauben und bezeugt ihn in seinem Umfeld, auch wenn er dadurch Anfeindungen vielfacher Art in Kauf nehmen muss.

Die Anzahl der protestantischen Christen in der TĂŒrkei ist bezogen auf die Gesamteinwohnerzahl der TĂŒrkei von ca. 80 Millionen immer noch sehr klein. Alles in allem zĂ€hlt man heute in etwa 5000 GlĂ€ubige in den evangelischen Gemeinden. Die Gesamtzahl der Christen betrĂ€gt SchĂ€tzungen zufolge nicht mehr als 120.000, wobei die armenisch-orthodoxen Christen mit ca. 70.000 GlĂ€ubigen die Mehrheit stellen.

Bonner Querschnitte, Nr. 421 vom 28.6.2016

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 28. Juni 2016 um 19:33 und abgelegt unter Christentum weltweit.