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Allgemeines Priestertum, Ordination und Beauftragung – Teil III

Samstag 27. November 2004 von VELKD-Bischofskonferenz


VELKD-Bischofskonferenz

Allgemeines Priestertum, Ordination und Beauftragung
nach evangelischem VerstÀndnis
Teil III

4.6 Ordination zu einem ehrenamtlich wahrgenommenen Dienst

Im Blick auf die sich abzeichnenden Schwierigkeiten der ausreichenden Besetzung von Pfarrstellen bildet die Ordination mit dem Ziel, das Amt ehrenamtlich auszuĂŒben, eine inzwischen weitgehend eingefĂŒhrte, erprobte und bewĂ€hrte Möglichkeit. Wenn ein kirchliches Interesse und ein Dienstauftrag vorliegen, wenn die Voraussetzungen einer abgeschlossenen Ausbildung gegeben sind und die Dienstaufsicht sowie die Einbindung in die Gemeinschaft der Ordinierten geregelt sind und wenn schließlich der Lebensunterhalt der betreffenden Person anderweitig gesichert ist, können Personen ordiniert werden, die ihren Dienst ehrenamtlich wahrnehmen. (53) Dies ergibt sich aus den vorangehenden grundsĂ€tzlichen theologischen ErwĂ€gungen.

Die automatische Verbindung der Ordination mit der Übertragung eines dauerhaften Broterwerbs durch Wahrnehmung des mit der Ordination ĂŒbertragenen Amtes stellt eine geschichtlich bedingte Gestalt dieses Amtes dar, fĂŒr die es gute GrĂŒnde gibt, die aber nicht konstitutiv mit dem reformatorischen AmtsverstĂ€ndnis verbunden ist.

Wo Menschen bereit sind, ihre theologische Kompetenz dauerhaft fĂŒr die mit der Ordination verbundenen Aufgaben zur VerfĂŒgung zu stellen, obwohl sie ihren Lebensunterhalt nicht – oder nur teilweise – auf Grund der ErfĂŒllung dieser Aufgabe, sondern (auch) auf andere Weise erhalten, stellt dies eine Chance dar, die genutzt werden sollte. U. a. bietet es die Möglichkeit, dass theologisch kompetente Personen auf diese Weise in Unternehmen, Organisationen und Institutionen der Gesellschaft prĂ€sent sind, die sich hĂ€ufig in einer großen Distanz zur Kirche und ihrem Auftrag befinden. Dies könnte sich langfristig als ein wichtiger Beitrag zur PrĂ€senz der Kirche im öffentlichen Leben erweisen, der auch Fernstehenden NeuzugĂ€nge zur Kirche eröffnet. Allerdings ist die Vereinbarkeit des Erwerbsberufes mit der Wahrnehmung des ordinationsgebunden Amtes jeweils zu prĂŒfen.

Anders liegt der Fall bei Theologinnen und Theologen, die lediglich das erste Examen abgelegt haben, aber nicht in den kirchlichen Vorbereitungsdienst ĂŒbernommen werden können. Um ihre FĂ€higkeiten fĂŒr die Kirche fruchtbar zu machen, sind ggf. die Möglichkeiten der PrĂ€dikantenordnung (und -ausbildung) zu prĂŒfen. Eine Ordination ist jedoch erst möglich, wenn dafĂŒr als weitere Voraussetzung die abgeschlossene Ausbildung im praktischen Dienst hinzukommt. In manchen Landeskirchen wurde dafĂŒr ein „berufsbegleitendes Vikariat“ eingerichtet.

4.7 Hauptamtlicher, nebenamtlicher und ehrenamtlicher Dienst

Um einer kirchlichen Arbeit willen, die sich den Herausforderungen unserer Lebenswelt stellt, wird es in Zukunft erforderlich sein, neben dem Dual von Hauptamt oder Ehrenamt ĂŒber eine Mehrzahl von unterschiedlichen Verbindungen und „MischungsverhĂ€ltnissen“ nebenamtlicher TĂ€tigkeit im Pfarramt, also Kombinationen von Pfarramt und „weltlichem“ Beruf, der dem Broterwerb dient, nachzudenken, sie zu erproben und – soweit sie sich bewĂ€hren – im Kirchenrecht und in der kirchlichen Praxis umzusetzen.

Dabei darf nicht in Frage gestellt werden, dass es legitim ist, „sich vom Evangelium zu nĂ€hren“ (I Kor 9,14), wie Paulus schreibt, der dieses Recht fĂŒr sich selbst freilich nicht in Anspruch genommen hat. Es darf auch nicht geringgeachtet werden, was fĂŒr ein Gewinn es ist, dass Kirchen ĂŒber eine große Anzahl theologisch qualifizierter Pfarrerinnen und Pfarrer verfĂŒgen, die mit ihrer ganzen Arbeitskraft (oft genug bis an die Grenze des Möglichen) fĂŒr den Auftrag der Kirche zur VerfĂŒgung stehen.

Aber wenn unter Gottes Providenz die geschichtliche Entwicklung es von den Kirchen erfordert, stÀrker als bisher das ordinationsgebundene Amt von Menschen wahrnehmen zu lassen, die ihren Lebensunterhalt nicht (oder nicht zur GÀnze) aus diesem Dienst beziehen, dann können sie sich dieser Herausforderung nicht entziehen.

Sondervotum zu „Allgemeines Priestertum, Ordination
und Beauftragung nach evangelischem VerstĂ€ndnis“

Ich stimme dem Papier in seiner jetzt vorliegenden, ĂŒberarbeiteten Form nicht zu. Die entscheidenden GrĂŒnde dafĂŒr sind:

1. Das Papier widerspricht dem evangelisch-lutherischen Bekenntnis. Konkret, es widerspricht, indem es Artikel 14 der Confessio Augustana nicht nur fĂŒr die Ordination, sondern auch fĂŒr davon terminologisch wie sachlich unterschiedene beschrĂ€nkte Beauftragungen mit Predigt und Sakramentsverwaltung in Anspruch nimmt, dem Sinn eben dieses Artikels.

2. Das Papier widerspricht sich selbst.

3. Das Papier hat zur Folge, daß die gegenwĂ€rtige inkonsistente, fĂŒr evangelische Gemeinden und AmtstrĂ€ger gleichermaßen undurchsichtige und auch ökumenisch unglaubwĂŒrdige Praxis bestehen bleibt. Gerade so es ist nicht geeignet, den VerĂ€nderungen, die auf die evangelischen Kirchen zukommen, in einer theologisch verantwortlichen Weise gerecht zu werden.

Ad 1) Wenn CA 14 den „ordentlichen Beruf“ (rite vocatus) zur Voraussetzung „öffentlicher“ (publice) Lehre oder Predigt und Sakramentsverwaltung erklĂ€rt, meint der Artikel die Ordination. Damit steht er in Übereinstimmung mit den Aussagen Martin Luthers zur Beauftragung mit der öffentlichen VerkĂŒndigung. M.a.W., hier wie dort geht es um die Übertragung des – in Christi eigenem Auftrag begrĂŒndeten – Amtes der VerkĂŒndigung vor der gesamten Gemeinde und im Namen der gesamten Gemeinde, das als solches von dem allen Christen aufgetragenen VerkĂŒndigungsdienst unterschieden ist. Das aber heißt, die Ordination ist nichts anderes als eben diese Übertragung der öffentlichen VerkĂŒndigung des Evangeliums in mĂŒndlichem Wort und Sakrament. Da das Charakteristikum der Öffentlichkeit die Dimensionen des Raumes und der Zeit umfaßt (vgl. u. Ad 2), erfolgt die Berufung zur öffentlichen VerkĂŒndigung ohne zeitliche und örtliche BeschrĂ€nkung.

 Genau so spricht das vorliegende Papier, wenn es als Gegenstand von CA 14 das ordinationsgebundene Amt benennt (Anm. 7) und sich ausfĂŒhrlich mit der hinter CA 14 stehenden reformatorischen Auffassung von allgemeinem Priestertum und ordinationsgebundenem Amt (Kap. 3.2-5, insbesondere 3.4) beschĂ€ftigt. Dann aber macht es einen Sprung und argumentiert plötzlich anders. Und zwar geschieht das unter dem Titel „Das Allgemeine Priestertum und das gemĂ€ĂŸ CA XIV ĂŒbertragene Amt unter gegenwĂ€rtigen Bedingungen“. (54) Jetzt soll die Berufung zur öffentlichen VerkĂŒndigung in Predigt und Sakrament, von der in CA 14 die Rede ist, nicht mehr mit der Ordination identisch, sondern vielmehr eine ĂŒbergeordnete, gattungsĂ€hnliche GrĂ¶ĂŸe sein, die sich in „zwei Grundformen“ entfaltet, von denen die Ordination nur eine ist, neben der eine Gruppe andersartiger Beauftragungen steht. Unterscheiden sollen sich beide „Grundformen“ durch ihre Reichweite: In der ersten, der Ordination, werde der in CA 14 gemeinte Auftrag zu öffentlicher VerkĂŒndigung uneingeschrĂ€nkt erteilt, im zweiten Fall, der die Beauftragung zu so unterschiedlichen Diensten wie dem des Vikars, des Religionslehrers, des KĂŒsters, des PrĂ€dikanten, des Lektors und des Kantors umfaßt, werde derselbe Auftrag eingeschrĂ€nkt erteilt (S. 16,1-15). Mit diesem Argument handelt sich das Papier nicht nur einen eklatanten Selbstwiderspruch ein (s.u.). Schlimmer noch, damit macht es zum Spezifikum des ordinationsgebundenen Amtes etwas anderes, ZusĂ€tzliches gegenĂŒber der öffentlichen VerkĂŒndigung in Wort und Sakrament, die auch anderen Diensten zu ĂŒbertragen sei. So fĂ€llt die grundlegende Einsicht reformatorischer Amtstheologie dahin, daß die Ordination nichts anderes und nicht mehr ist als die Berufung zur öffentlichen VerkĂŒndigung in Wort und Sakrament selbst.

 Wie kommt es zu dem argumentativen Sprung? Den Versuch, die neue Deutung von CA 14 aus dem Artikel selbst herzuleiten, macht das Papier nicht – vermutlich, weil das, nachdem man dessen Sinn so treffend dargestellt hatte, kaum möglich gewesen wĂ€re. (55) Es wird wohl einmal angedeutet, daß es notwendig sei, zwischen „bleibend gĂŒltigen theologischen GrĂŒnden und zeitgeschichtlich bedingten GrĂŒnden fĂŒr die Gestaltung des Amtes zu unterscheiden“ (S. 14,23f.). Um mittels dieser – prinzipiell natĂŒrlich immer richtigen – Maxime dazu zu kommen, durch CA 14 nicht nur die Ordination, sondern auch eingeschrĂ€nkte Beauftragungen mit Predigt und Sakramentsverwaltung zu legitimieren, mĂŒĂŸte als bloß zeitbedingte Eierschale erwiesen werden, daß der Artikel die Übertragung der öffentlichen VerkĂŒndigung in Predigt und Sakramentsverwaltung an die Ordination bindet, daß also die Berufung, von der hier gesprochen wird, mit der Ordination identisch ist. Das zu erweisen aber wird gar nicht erst versucht. Nicht zufĂ€llig. Hat man doch gerade zuvor die Gleichsetzung von Berufung zur öffentlichen VerkĂŒndigung und Ordination, die in CA 14 und der den Artikel bestimmenden reformatorischen Konzeption gegeben ist, als theologisch, nĂ€mlich aus dem Zentrum der reformatorischen Amtstheologie selbst begrĂŒndete dargelegt.

Der Grund fĂŒr die unvermittelt eingefĂŒhrte andersartige Deutung von CA 14 ist kein theologischer, er ist nichts anderes als die faktische heutige Praxis in einem Großteil der evangelischen Landeskirchen Deutschlands. Das Papier sagt denn auch schlicht und einfach: Die evangelische Kirche vollziehe die Berufung zur öffentlichen VerkĂŒndigung in Predigt und Sakramentsverwaltung gemĂ€ĂŸ CA 14 „gegenwĂ€rtig in zwei Grundformen“ (16,1) (56), in den meisten evangelischen Kirchen habe sich diese „Praxis entwickelt“ (20,8). Daran wird deutlich: Die neue, dem eigenen Sinn des Artikels und der reformatorischen Amtstheologie widersprechende Deutung von CA 14 wird aufgebracht mit dem Ziel, die nun einmal in Brauch gekommene Praxis, Predigt und Sakramentsverwaltung nicht mehr an die Ordination zu binden, nachtrĂ€glich theologisch zu legitimieren. Damit wird das VerhĂ€ltnis von Bekenntnis und kirchlicher Praxis, wie es fĂŒr die Kirchen der lutherischen Reformation konstitutiv ist, auf den Kopf gestellt.

Ad 2) „Öffentlichkeit“, das SchlĂŒsselwort von CA 14 wie ĂŒberhaupt der evangelischen Lehre vom ordinationsgebundenen Amt im Unterschied zum Allgemeinen Priestertum, wird von dem Papier mit den Worten erklĂ€rt: „in ĂŒberindividueller Öffentlichkeit, d.h. allgemein zugĂ€nglich, umfassend sowie in rĂ€umlicher oder zeitlicher Hinsicht nicht eingeschrĂ€nkt oder begrenzt“ (S. 10, 32- S.11,1).

Gilt hier also – zu Recht – die UneingeschrĂ€nktheit als Wesenszug der öffentlichen VerkĂŒndigung, so heißt es wenige Seiten spĂ€ter, die – in CA 14 thematisierte – öffentliche VerkĂŒndigung geschehe – im Einklang mit CA 14 – teils auf der Grundlage eines „uneingeschrĂ€nkten“, teils eines „eingeschrĂ€nkten VerkĂŒndigungsauftrages“ (S. 16, 2-5).

M. a. W., die „nicht eingeschrĂ€nkte“ VerkĂŒndigung soll sowohl „uneingeschrĂ€nkt“ als auch „eingeschrĂ€nkt“ sein. Wie sich das denken lĂ€ĂŸt, ist unerfindlich. Doch auf diesem Selbstwiderspruch bauen alle praktischen Konsequenzen, die das Papier zieht, auf.

Ad 3) Die gottesdienstliche Amtspraxis in den evangelischen Landeskirchen ist in hohem Maße inkohĂ€rent und undurchsichtig. Kirchliche VollzĂŒge wie Predigt, Taufe oder Abendmahl werden außer von Ordinierten teils gelegentlich, teils regelmĂ€ĂŸig von Nichtordinierten aus verschiedenen Gruppen durchgefĂŒhrt, und der Kreis wird, mit Unterschieden von Landeskirche zu Landeskirche, immer weiter. Das fĂŒhrt zu Verwirrung in den Gemeinden, denn diesen ist ein Unterschied zwischen einem ordinierten Pfarrer und einem Nichtordinierten, der predigt, tauft, das Abendmahl leitet, zumal wenn er das regelmĂ€ĂŸig tut, kaum plausibel zu machen; der Sinn der Ordination, deren EmpfĂ€nger meist schon vorher getan hat, was er nun als Ordinierter weiterhin tun soll, ist es ebenso wenig. Zu Verwirrung fĂŒhrt die Lage auch bei den Ordinierten selbst, die als Spezifikum ihres Amtes schließlich nicht mehr bestimmte TĂ€tigkeiten, sondern nur noch einen beamtenrechtlichen Status betrachten können (sofern sie ihr Amt nicht ehrenamtlich ausĂŒben, wodurch auch dieses Unterscheidungsmerkmal fĂ€llt). Am Rande sei darauf verwiesen, daß die evangelischen Kirchen durch ihre Praxis an diesem Punkt auch ökumenisch ganz und gar unglaubwĂŒrdig sind; haben sie doch, wie es in dem Papier zu Recht heißt, „in allen ökumenischen Abmachungen mit anderen Kirchen unterstrichen …, daß (in ihnen) Abendmahlsfeiern stets von ordinierten AmtstrĂ€gern geleitet werden“ (Anm.4 5). (57)

Nun lĂ€ĂŸt sich nicht ĂŒbersehen, daß ein Grund fĂŒr diese Fehlentwicklung ein Problem ist, welches zweifellos gelöst werden muß: Die evangelischen Kirchen können heute den Bedarf an öffentlicher VerkĂŒndigung nicht allein mit den Christen, die sie bislang meist ausschließlich ordinieren, nĂ€mlich mit Absolventen eines Theologiestudiums, decken, und sie werden das wohl je lĂ€nger, desto weniger tun können. So sehr sie zu Recht davon ausgehen, daß die Voraussetzung des akademischen Studiums fĂŒr die öffentliche VerkĂŒndigung der Regelfall ist, besteht doch die Notwendigkeit, auch Menschen dazu heranzuziehen, die kein Theologiestudium durchlaufen, doch sich auf anderem Weg fĂŒr diese Aufgabe qualifiziert haben. Weil diese Menschen aber mit ihrer öffentlichen VerkĂŒndigung in Predigt und Sakrament das tun, was nach CA 14 Inhalt des ordinationsgebundenen Amtes ist, muß die Kirche sie auch mit dem Auftrag ausstatten, der allein nach CA 14 zu solcher VerkĂŒndigung berechtigt, der Ordination. Ihnen Predigt und Sakramentsverwaltung zuzutrauen, sie aber nicht fĂŒr ordinationsfĂ€hig zu halten, heißt einerseits, diese höchsten amtlichen VollzĂŒge, die es in der Kirche gibt, abzuwerten, als könne dafĂŒr auch eine mindere Legitimierung genĂŒgen. Es heißt andererseits, die Ordination anders zu bestimmen denn als Auftrag zur öffentlichen VerkĂŒndigung – sei es theologisch als eine höhere BevollmĂ€chtigung, sei es laufbahnrechtlich als Übergang in den Beamtenstatus. Was auf diese Weise entsteht, ist die Abstufung zwischen einem clerus maior und einem clerus minor, die die Einheit des von der Aufgabe der öffentlichen VerkĂŒndigung her definierten Amtes im theologischen Kern auflöst. Zugleich verspielt die Kirche die Möglichkeit, eine AmtstrĂ€gerschaft, die in Zukunft nach Vorbildung, Status, beruflicher und sozialer PrĂ€gung wohl weniger homogen sein wird, als das im deutschen Protestantismus frĂŒher der Fall war, vom theologischen Zentrum ihres gemeinsamen Auftrags her als eine zu sehen; und sie nimmt dieser selbst die Chance, ĂŒber alle Gruppendifferenzen hinweg von der gemeinsamen Ordination her ein gemeinsames theologisches Selbstbewußtsein zu entwickeln.

Die gemeinsame Ordination zur öffentlichen VerkĂŒndigung schließt im ĂŒbrigen nicht aus, hinsichtlich der konkreten DurchfĂŒhrung dieses Auftrags Unterschiede zu machen. Begegnet die mit der Öffentlichkeit gegebene Transzendierung örtlicher und zeitlicher Schranken in der AusĂŒbung des Amtes doch immer eingeschrĂ€nkt. Abgesehen von den Grenzen, die mit der körperlichen Verfaßtheit der Ordinierten gegeben sind, erfolgt, wie das Papier andeutet (Anm. 46), die VerkĂŒndigung des ordinationsgebundenen Amtes tatsĂ€chlich immer im Rahmen von ZustĂ€ndigkeiten, die begrenzt sind – seien das die Verantwortung fĂŒr einzelne Gemeinden, Aufgabenbereiche, Landeskirchen u.a.m. Insofern sprĂ€che, wo es angebracht wĂ€re, nichts dagegen, diese Grenzen je nach Vorbildung der Ordinierten oder anderen Kriterien noch enger zu ziehen. Dabei wĂŒrde es sich aber um nichts anderes handeln als um eine Differenzierung in der AusĂŒbung des einen, durch Ordination zu ĂŒbertragenden Amtes der öffentlichen VerkĂŒndigung selbst.

Anmerkungen

1   Vgl. das Protokoll der Sitzung der Bischofskonferenz am 10.03.1998 Moritzburg, TOP 8 in Verbindung mit dem Schreiben des Lutherischen Kirchenamtes vom 26.01.1998, Tgb.- Nr. 166.VI.612.

2 Zur spezifischen Frage nach einer Ordination von Diakoninnen und Diakonen sei auf den Beitrag der Kammer fĂŒr Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1996, „Der evangelische Diakonat als geordnetes Amt der Kirche“ (EKD-Texte 58), verwiesen. Dort wird auf ĂŒberzeugende Weise herausgearbeitet, dass fĂŒr Diakoninnen und Diakone Eine Beauftragung und Einsegnung fĂŒr ihren diakonischen Dienst, nicht aber eine Ordination vorzusehen ist.

3 Die AusfĂŒhrungen des vorliegenden Textes ĂŒber das Allgemeine Priestertum und sein VerhĂ€ltnis zu ordinationsgebundenen Amt werden auf der Grundlage der lutherischen Tradition entwickelt, weil Martin Luther am grundsĂ€tzlichsten und ausfĂŒhrlichsten darĂŒber geschrieben hat. Sie sind aber auch der reformierten Tradition nicht fremd (vgl. Conf.Helv.Post.XVIII MĂŒller 202,12-19/Niesel 255,23-30/Jacobs 221). Und wenn auch in der klassischen calvinistischen Theologie die Vier-Ämter-Lehre im Vordergrund stand, ist  doch in der gegenwĂ€rtigen reformierten Kirche die Reflexion ĂŒber das Allgemeine Priestertum und sein VerhĂ€ltnis zum ordinationsgebundenen Amt wichtiger geworden; so wird das einzige der vier Ämter, das neben dem Pfarramt tatsĂ€chlich Bedeutung gewonnen hat, das Amt der Ältesten, heute als eine Form der AusĂŒbung des Allgemeinen Priestertums verstanden.

4 Vgl. Luthers Auslegung des 3. Artikels des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus: „ … gleichwie er (sc. der Heilige Geist) die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhĂ€lt im rechten Glauben“.

5 Vgl. De servo arbitrio, WA 18, 652,23: „abscondita est Ecclesia, latent sancti“.

6 Das ist gegenĂŒber den SchwĂ€rmern im 16. Jh. und den Esoterikern heute innerhalb und außerhalb der Kirche zu betonen.

7 Mit dem Begriff „VerkĂŒndigungsamt“ geben wir die AusdrĂŒcke „ministerium“ und „Predigtamt“ wieder, die in der lateinischen und deutschen Fassung von CA V verwendet werden. Die Formulierung „VerkĂŒndigungsamt“ soll deutlich machen, dass es in CA V um den allgemeinen VerkĂŒndigungsauftrag geht und noch nicht um das in CA XIV thematisierte ordinationsgebundene Amt im Besonderen.

8 Vgl. Ex 19,5: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.“

9 Zwar lesen die Übersetzungen an dieser Stelle in der Regel „du sollst ihn heilig halten“ oder: „… als heilig erachten“, aber der hebrĂ€ische Wortlaut besagt eindeutig: „ihn heiligen“ im Sinne von „weihen“.

10 Daher ist es im ökumenischen Dialog eine stĂ€ndige Anfrage an die römisch-katholische Kirche, wie ihr VerstĂ€ndnis des Priesteramtes mit dem biblischen Zeugnis ĂŒbereinstimmt. Der RĂŒckgriff der Alten Kirche auf den Priesterbegriff fĂŒr das kirchliche Amt geschah im 3. und 4. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Deutung des Abendmahls als eines Gott dargebrachten Opfers.

11 So Mk 1,44; 2,26; 8,31; 14,10.47.53ff. jeweils parr; Lk 1,5; 10,31; Joh 1,19; Apg 4,1; 6,7; 14,13; Hebr 5,1; 7,11 u. ö.

12 Hebr 4,14-5,10; 7,1-28; 9,11-15 u. ö.

13 I Petr 2,5 und 9.

14 Apk 1,6; 5,10 und 20,6. – Der metaphorische Gebrauch des Wortes „Priester“ fĂŒr Christus, die christliche Gemeinde und alle Christenmenschen stellt dabei keine AbschwĂ€chung, sondern vielmehr eine Verdichtung und somit Steigerung der Rede vom „Priester“ dar.

15 Vgl. WA 12, 309,24-27.

16 Vgl. ibd. 307, 27-308,7.

17 Vgl. WA 12, 180,1-4, ausgefĂŒhrt ibd. 180-189.

18 Die bei Luther hĂ€ufig zu findende Rede vom priesterlichen oder geistlichen „Stand“ (s. etwa WA 6, 408,29) weckt im Rahmen heutigen Sprachgebrauchs leicht falsche Assoziationen und wird deshalb hier zugunsten des Begriffs „WĂŒrde“ ins zweite Glied gerĂŒckt. Sie macht aber, recht verstanden, besonders gut deutlich, dass es sich beim Allgemeinen Priestertum um eine bestimmte Stellung vor Gott handelt, wie sie mit dem Priestersein von jeher verbunden wird: die – in und durch Christus allen Christen gegebene – Gottunmittelbarkeit: Priester „ist ein solche person und ampt, so eigentlich mit Gott handelt und Gott am nehesten ist“ (WA 41, 153,30f.).

19 WA 12, 178,30 und 317,6-8.

20 So WA 41 ,207,20f., wo es heißt, dass Christus „uns durch sein eigen Priesterthum zu Gott bringet und uns dasselbige auch mitteilet“. Vgl. auch WA 24, 281,6ff. und WA 45, 682f.

21 WA 6, 407,13f.; 370,10f.

22 „… dass wir alle gleichermaßen Priester sind, das heißt, dieselbe Vollmacht in Wort und jedem Sakrament haben.“ WA 6,566,27f., vgl. auch WA 8, 273,12f.; 495,7ff.; 10/3, 395,3ff. sowie WA 15, 720,26ff.

23 Siehe WA 7, 28,6ff.; WA 8, 182ff.; WA 10/3, 308ff.; 394f. sowie WA 12, 318,18ff.

24 Der Ausdruck „Priestertum aller Getauften“ kann sich berufen auf den berĂŒhmten Satz aus der Adelsschrift: „Dan was ausz der tauff krochen ist, das mag sich rumen, das es schon priester, Bischoff und Bapst geweyhet sey…“ (WA 6, 408,11f.).

25 Von diesen in der reformatorischen Theologie gebrauchten Formeln genau zu unterscheiden ist die im römisch-katholischen Bereich gebrauchte Formel vom „gemeinsamen Priestertum“. Einerseits werden nach der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Lumen Gentium 10″ die Getauften zu „einem heiligen Priestertum geweiht“; alle JĂŒnger Christi sollen „sich als lebendige, heilige, Gott wohlgefĂ€llige Opfergabe darbringen …; ĂŒberall auf Erden sollen sie fĂŒr Christus Zeugnis geben“. Andererseits hat – ebenfalls nach Lumen Gentium 10 – das gemeinsame Priestertum sein Profil darin, dass die Getauften (lediglich) mitwirken an dem, was das hierarchische Priestertum tut. Das hat seinen Grund darin, dass nach römisch-katholischer Lehre den Getauften und Glaubenden diejenige geistliche Vollmacht fehlt, die nur dem „Priestertum des Dienstes“ durch das Sakrament der Weihe ĂŒbertragen wird: „Das gemeinsame Priestertum der GlĂ€ubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nĂ€mlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil. Der Amtspriester nĂ€mlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die GlĂ€ubigen hingegen wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und ĂŒben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tĂ€tige Liebe.“ – DemgegenĂŒber ist es eine der entscheidenden Einsichten der reformatorischen Lehre vom Allgemeinen Priestertum, dass jeder Christenmensch durch Taufe und Glauben an der priesterlichen WĂŒrde und dem priesterlichen Dienst uneingeschrĂ€nkt teilhat.

26 Eine SchwĂ€che dieser Formel liegt allenfalls darin, dass sie so verstanden werden könnte, als seien nicht nur alle Menschen dazu bestimmt, Priester (im ĂŒbertragenen Sinn) zu werden, sondern als seien sie es alle faktisch (von Natur aus). Die Allgemeinheit des Priestertums bezieht sich vielmehr darauf, dass alle Christenmenschen Priester sind. – Zur Problematik vgl. etwa: Zur öffentlichen WortverkĂŒndigung in den evangelisch-lutherischen Kirchen. Die Stellungnahmen des Lutherischen Kirchenamtes der VELKD und des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD zum Streit um das Projekt „Reden ĂŒber Gott und die Welt – 52 Sonntagspredigten“ in ThĂŒringen (= Texte aus der VELKD 88/1999), Hannover 1999, S. 2-4, insbes. Ziff. 3.3., S.4.

27 Weil die Feier des Abendmahls ihrem Wesen nach öffentliche VerkĂŒndigung des Evangeliums ist, Ă€ußert sich Luther ablehnend zur hĂ€uslichen Abendmahlsfeier in der Verantwortung des Allgemeinen Priestertums (WATR 5, 621,28 [Nr. 6361]; s. a. WA 12, 171,21f.; WATR 1, 315,1-4 [Nr. 667]; in WABr 6, 508,19 ff. grĂ¶ĂŸte ZurĂŒckhaltung). Diese Ablehnung hat also nichts mit der Vorstellung zu tun, dass ohne einen ordinierten AmtstrĂ€ger keine sakramentale Gegenwart Jesu Christi zustande komme – eine Vorstellung, wie sie bei einem weihepriesterlichen VerstĂ€ndnis des ordinationsgebundenen Amtes gegeben ist. Dasselbe gilt grundsĂ€tzlich auch fĂŒr die Taufe (WA 41,214,28f.). Da sie aber – im Sinne von CA IX – heilsnotwendig ist, kann sie im Notfall auch von einem Nichtordinierten vollzogen werden.

28 Vgl. dazu WA 6, 407,29ff. sowie die bekannte Schrift von 1523, deren Titel in Thesenform bereits den Inhalt zusammenfasst: „Daß eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen …“ (WA 11, 408-416).

29 So die frĂŒhe in der vorigen Anmerkung genannte Schrift (WA 11,412,11ff.) ebenso wie die spĂ€te Predigt zur Einweihung der Schlosskirche in Torgau (1544): „Denn das ich, so wir in der Gemeine zusamen komen, predige, das ist nicht mein wort noch thun, Sondern geschicht umb ewer aller willen und von wegen der gantzen Kirchen, one, das einer mus sein, der da redet und das wort fĂŒret aus befehl und verwilligung der andern, welche sich doch damit, das sie die predigt hören, alle zu dem wort bekennen und also andere auch leren“ (WA 49, 600,11-16).

30 WA 50, 633, 6-8, hier zitiert nach der Insel-Ausgabe V,194; s. a. WA 12, 189,23.: Das gĂ€be ein „schĂ€ndliches Durcheinander“ (turpis confusio).

31 WA 12, 189,18-20.

32 Z. B. WA 38, 228.

33 Z. B. WA 6, 440,21f.; 441,24; 10/I/2, 123,1f.; 50, 633,3-5 (s. nÀchstes Zitat).

34 WA 50,632,36-633,6.

35 Apol. XIII, 9-11/BSLK 293, 35-294,1.

36 WA 12, 189,17-23. Vgl. a. WA 6, 408, 13-17.

37 WA 41, 214,29-31; 52, 569, 11-14.

38 WA 49, 591,11; 53, 258,17ff.

39 Vgl. dazu Abschnitt 3.3.2, Zur AusĂŒbung des Allgemeinen Priestertums.

40 Allerdings ist die Tatsache, dass das in Mittel- und Nordeuropa im Rahmen des Landesherrlichen bzw. stadtrĂ€tlichen Kirchenregiments geschah – bei aller Problematik dieser Institution und allen MissbrĂ€uchen in ihrer Praxis –, auch als eine Wahrnehmung des Allgemeinen Priestertums zu wĂŒrdigen. Dieser Aspekt wird besonders deutlich am Kirchenregiment der stĂ€dtischen Magistrate.

41 Nicht zuletzt dort, wo sie Ordnungen machen, durch die die Gewissen beschwert werden, weil sie fĂŒr nötig zur Seligkeit gehalten werden, und die ohne SĂŒnde nicht gehalten werden können, dort „mussen wir der Apostel Regel folgen, die uns gebeut, wir sollen Gott mehr gehorsam sein denn den Menschen“ (CA XXVIII, 75/BSLK 132,28 mit dem Hinweis auf Apg. 5,29; vgl., auch ebd. 129,34-130,4). – In derselben Weise gilt, dass auch die Entscheidungen von Synoden, die heute einen Teil der episkopalen Funktionen innehaben, immer auf ihre EvangeliumsgemĂ€ĂŸheit hin geprĂŒft werden mĂŒssen.

42 Die Erinnerung an den Kirchenkampf und an die Barmer Synode zeigt, dass dies nicht bloß eine Theorie ist, sondern in einer entscheidenden geschichtlichen Situation auch genau so wahrgenommen wurde.

43 WA 12, 189, 25-27.

44 WA 12, 189,20.

45 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die lutherischen, unierten und reformierten Kirchen Deutschlands in allen ökumenischen Abmachungen mit anderen Kirchen unterstrichen haben, dass in den Evangelischen Kirchen Abendmahlsfeiern stets von ordinierten AmtstrĂ€gern geleitet werden. Dabei verfochten sie keineswegs – wie gelegentlich behauptet wird – eine höhere DignitĂ€t des Abendmahls gegenĂŒber der öffentlichen WortverkĂŒndigung noch eine besondere Weihevoraussetzung fĂŒr seine Feier. Sondern sie gingen sehr wohl davon aus, dass beide gleichermaßen an das Amt gebunden sind und dass diese Bindung in beiden FĂ€llen in der öffentlichen Wahrnehmung einer mit dem Allgemeinen Priestertum gegebenen BefĂ€higung begrĂŒndet ist, nur dass bei der WortverkĂŒndigung – wie bei der Taufe – besondere Lösungen fĂŒr den Notfall eingerĂ€umt werden Die spezifische Weise, in der das Abendmahl auf die Gesamtkirche, den Leib Christi, bezogen ist, legt es auch aus theologischen GrĂŒnden nahe, dass es nur von Inhabern und Inhaberinnen des Amtes der öffentlichen VerkĂŒndigung verwaltet wird.

46 Wenn hier und im Folgenden das Wort „uneingeschrĂ€nkt“ gebraucht wird, so ist dies nicht abstrakt, sondern konkret zu verstehen. D. h. einerseits kann es im Wissen um die Begrenztheit der menschlichen Lebensarbeitszeit sowie der körperlichen und geistigen KrĂ€fte als angemessen erscheinen, generelle Bestimmungen zu treffen, innerhalb derer von einem uneingeschrĂ€nkten Dienstauftrag die Rede ist. Andererseits schließt der uneingeschrĂ€nkte Dienstauftrag, der durch die Ordination ĂŒbertragen wird, natĂŒrlich nicht aus, dass die Installation oder EinfĂŒhrung in das Pfarramt in einer bestimmten Gemeinde oder in einem ĂŒbergemeindlichen Dienst natĂŒrlich mit einer Begrenzung des Aufgaben- und ZustĂ€ndigkeitsbereiches verbunden ist.

47 Bildlich dargestellt ist diese reformatorische Einsicht auf dem von Lukas Cranach d. Ä. gemalten Altarbild in der Stadtkirche zu Wittenberg: Der Prediger steht nur insofern der Gemeinde gegenĂŒber, als es seine Aufgabe ist, auf den ihr und ihm gleichermaßen gegenĂŒberstehenden Christus am Kreuz zu weisen.

48 Zur detaillierten Beschreibung dessen, was unter theologischer Kompetenz zu verstehen ist, vgl. Grundlagen der theologischen Ausbildung und Fortbildung im GesprĂ€ch. Im Auftrag der Gemischten Kommission fĂŒr die Reform des Theologiestudiums, hg. von W. Hassiepen/E. Herms, Stuttgart 1993, S. 20f.

49 Es ist zu begrĂŒĂŸen, dass das 1999 eingefĂŒhrte Evangelische Gottesdienstbuch diese Praxis

fördern und bereichern will. Gerade auch Nicht-Ordinierte sind zum Gebrauch dieses Gottesdienstbuches zu ermutigen.

50 Die Bezeichnungen fĂŒr diese Personengruppen sind innerhalb der Gliedkirchen nicht einheitlich. Eine Vereinheitlichung ist anzustreben.

51 Dass es dann hier und da AmtstrĂ€ger gĂ€be, die nicht ĂŒber das akademische Theologiestudium zur Ordination gekommen sind, wĂ€re in den evangelischen Kirchen nichts völlig Neues, sondern hĂ€tte Entsprechungen in der Reformationszeit und auch noch in der Zeit danach bis weit ins 17. Jahrhundert hinein. Damals gab es neben Pastoren, die ein geregeltes Theologiestudium hinter sich hatten, andere, bei denen das nicht der Fall war. Allerdings machte man einen Unterschied in der Auswahl der Pfarrstellen, die fĂŒr die einen und fĂŒr die anderen in Frage kamen. Auf die Pfarrstellen der StĂ€dte, insbesondere die der Amts-, Residenz- und ReichsstĂ€dte, wurden durchweg studierte Theologen, oft auch Doktoren der Theologie berufen, wobei es auch hier noch einmal Abstufungen unter den stĂ€dtischen Kirchen gab (vgl. die alte Tradition der Hamburger Hauptpastorate). Niemand wird die VerhĂ€ltnisse jener Zeit einfach kopieren wollen; dass das Theologiestudium in unseren Breiten die normale Voraussetzung fĂŒr die Ordination darstellt, ist eine Errungenschaft, deren Bewahrung fĂŒr die evangelischen Kirchen aus theologischen GrĂŒnden geboten ist. In einer Lage aber, in der es nicht mehr möglich ist, alle Gemeinden mit besoldeten Pfarrern auszustatten, die ein Theologiestudium absolviert haben, andererseits aber keine Gemeinde ohne öffentliche VerkĂŒndigung und Sakramente sein soll, kann der Blick auf die Praxis des 16. und 17. Jahrhunderts lehrreich sein. Ebenfalls lehrreich ist die Betrachtung der Praxis in anderen Kirchen, etwa in der anglikanischen, die die strikte Forderung nach der Ordination als Voraussetzung öffentlicher VerkĂŒndigung und Sakramentsverwaltung mit einer Differenzierung zwischen den Gemeinden und Kirchen verbindet, wo die Ordinierten Dienst tun.

52 Damit soll nicht ausgeschlossen werden, dass die Bezeichnung „Ordinierter PrĂ€dikant“ bzw. „Ordinierte PrĂ€dikantin“ selbst den Charakter einer solchen Amtsbezeichnung bekommen könnte.

53 Vgl. VELKD-Richtlinie von 1985 (RV 276); diese Richtlinie ist in den meisten VELKD-Kirchen in geltendes Recht umgesetzt worden. In vielen anderen Landeskirchen gibt es Àhnliche Regelungen.

54 Dabei ist der Hinweis auf CA 14, der in diesem Titel plötzlich erscheint, bereits ein Indiz. Die Formulierung „das gemĂ€ĂŸ CA XIV ĂŒbertragene Amt“ ersetzt die Formulierung „das mit der Ordination ĂŒbertragene Amt“, die hier ursprĂŒnglich stand und den Formulierungen in den Titeln zu den der Reformation gewidmeten Abschnitten in Kapitel 3 (3.4;3,5) entsprach. So entsteht beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses nun der Eindruck, daß man erst jetzt, wo es nicht nur um das ordinationsgebundene Amt, sondern auch um davon unterschiedene eingeschrĂ€nkte Beauftragungen geht, wirklich von CA 14 handelt – wĂ€hrend die Aussagen der Reformation mit ihrer Gleichsetzung von Berufung zur öffentlichen VerkĂŒndigung und Ordination weniger oder gar nichts mit CA 14 zu tun hĂ€tten. Nicht nur die korrekte Bestimmung des Gegenstandes von CA 14 in Anm. 7, sondern auch der Text von Kapitel 3 zeigt aber, auch wenn er vor allem die stĂ€rker argumentativen Aussagen Luthers und weniger die thetischen der Bekenntnisschriften (CA und Apol.) heranzieht, daß es in den AusfĂŒhrungen vor Kap. 4, die vom ordinationsgebundenen Amt und seiner Übertragung sprechen, durchaus um das in CA 14 gemeinte Amt geht.

55 Wie unvermittelt hier vorgegangen wird, zeigt die Einleitung zu dem der Gegenwart gewidmeten vierten Kapitel „Das Allgemeine Priestertum und das gemĂ€ĂŸ CA XIV ĂŒbertragene Amt unter gegenwĂ€rtigen Bedingungen“, in dem die „zwei Grundformen“ dargestellt werden. In dieser Einleitung, in der man die bleibende „TragfĂ€higkeit und Fruchtbarkeit“ (S. 14,16) de reformatorischen Vorgaben auch fĂŒr die Gegenwart betont, ist es bezeichnenderweise durchweg das von der Reformation dargelegte GegenĂŒber von Allgemeinem Priestertum und mit der Ordination ĂŒbertragenem Amt, das unter heutigen Bedingungen zur Geltung gebracht werden soll (S.14, 17f.26f.32f.; s.a. in 4.1 S. 14,41f.). Und auch die AusfĂŒhrungen des vierten Kapitels selbst sind wesentlich von diesem GegenĂŒber her entwickelt, auch wenn immer wieder – merkbar nachtrĂ€glich – der durch Beauftragung verliehene Dienst dazugesellt wird.

56 Hervorhebung von mir, D.W.

57 NatĂŒrlich sind ökumenische Dokumente nicht gegen Fehler und die Notwendigkeit der Korrektur gefeit. Es lĂ€ĂŸt sich nicht ausschließen, daß sie etwa aus RĂŒcksicht auf den Partner Einsichten des eigenen Bekenntnisses verdunkeln. Wie die Fortsetzung der Fußnote zeigt, trĂ€gt jene Feststellung der ökumenischen Abmachungen aber konsequent der in den evangelischen Bekenntnissen selbst enthaltenen Amtstheologie Rechnung.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 27. November 2004 um 13:01 und abgelegt unter Kirche, Theologie.