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„Wir schaffen das!“ Theologische Grundlagen der Zuversicht Angela Merkels

Donnerstag 31. Dezember 2015 von Pfr. Dr. Paul Bernhard Rothen


Pfr. Dr. Paul Bernhard Rothen

Angela Merkel steht wie kaum jemand fĂŒr das, was Europa heute sein will. Im Angesicht der unzĂ€hlig vielen Menschen, die in der europĂ€ischen Gemeinschaft Zukunft und Hoffnung finden möchten, entfuhr ihr der Satz: „Wir schaffen das!“ Es klang wie ein europĂ€isches Echo auf das amerikanische „Yes, we can“.

Ob dieses Vertrauen in Gott grĂŒndet? Oder in dem eigenen guten Willen? So dass es frĂŒher oder spĂ€ter ausmĂŒndet in die verzweifelte Klage: Ich vollbringe nicht, was ich Gutes will, sondern bewirke das Böse, das ich nicht will (Röm. 7, 19)? Als politische VerantwortungstrĂ€gerin kann Angela Merkel nur aus dem schöpfen, was in ihrem Land an gemeinsamem gutem Willen etabliert ist.

Das gilt gerade auch fĂŒr das, was sie glaubend und hoffend vertritt. Sie ist Mitglied der evangelischen Kirche und lebt von dem, was die deutschsprachigen Theologen des letzten Jahrhunderts gelehrt und die letzten Pfarrergenerationen dem Volk mitgegeben haben. Das lĂ€sst sich nachlesen in dem informativen BĂŒchlein, das der Journalist Volker Reising vor zwei Jahren publiziert hat unter dem Titel: „Angela Merkel. Daran glaube ich“. In ihm sind Reden und drei Bibelarbeiten an evangelischen Kirchentagen von ihr zusammengestellt.

CHRISTLICHE STANDPUNKTE – MENSCHENWÜRDE

Wegleitend fĂŒr alle ihre Aussagen ist der Glaube an die menschliche WĂŒrde, die sie begrĂŒndet sieht darin, dass der Mensch erschaffen ist zum Ebenbild Gottes. Dem möchte sie mit einer grundsĂ€tzlich vertrauensvollen Grundhaltung gerecht werden: „Wir haben Grenzen, aber wir haben auch einen Gestaltungsauftrag. Wir haben eigene FĂŒĂŸe und einen weiten Raum, den wir durchmessen dĂŒrfen, aber dieser Raum ist uns nicht zum Greinen, Weinen, Flennen und Lamentieren gegeben, sondern zum verantwortungsvollen Gestalten“, sagt sie am Schluss ihrer Bibelarbeit zu den Geschichten von der Heilung der blutflĂŒssigen Frau und der Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers (Mk. 5, 21-43). Der Glaube soll ermutigen und froh machen! Zwar erwarten wir Christen „das endgĂŒltige Kommen Gottes nicht in dieser irdischen Weltzeit“. Und wir wissen, dass zu ihm auch „das Gericht ĂŒber alles Dunkle, Böse und Gottwidrige“ gehört. Doch „durch den Glauben an Jesus Christus dominiert fĂŒr uns nicht die Vorstellung des schrecklichen Tages, sondern wir leben zunĂ€chst einmal von der frohen Botschaft her“, sagt die Kanzlerkandidatin 2005 in der Bibelarbeit zu Maleachi 2. Damit steht Angela Merkel fĂŒr den breiten Strom der evangelischen Frömmigkeit, wie er sich im 20. Jahrhundert seine Wege gebahnt hat. Auf der Grundlage einer ziemlich guten Bibelkenntnis plĂ€diert sie fĂŒr Toleranz und Gemeinschaftssinn, fĂŒr Freiheit und Verantwortungsbewusstsein, und wĂŒnscht sich ein Europa, das sich seiner geistigen Wurzeln bewusst ist und seine Werte glaubwĂŒrdig vertritt.

VERDRÄNGTE ERKENNTNISSE DER REFORMATOREN

AugenfĂ€llig sind die LeerrĂ€ume, die ziemlich prĂ€zise den Schwachstellen in der modernen evangelischen Theologie entsprechen. Gerade auch in ihrer persönlich stimmigen, zurĂŒckhaltenden, und doch sehr selbstbewussten protestantischen Frömmigkeit vertritt Angela Merkel den evangelischen Glauben der Neuzeit, der Grundlegendes von den Entdeckungen der Reformatoren verdrĂ€ngt und vergessen hat. ZunĂ€chst spricht Angela Merkel kaum je von Gott, sondern eher von dem Woher des Vertrauens und der Einsatzkraft. Und sie redet von Toleranz, ohne zu akzentuieren, dass diese ihre tiefsten Wurzeln hat in der Bereitschaft, Unrecht zu dulden und sich selber zu verleugnen und sein Kreuz zu tragen. SĂŒnde und Schuld sind Wörter, die man in ihren Überlegungen vergeblich sucht. Zwar erinnert sie an SchlĂŒsselstellen eindringlich an den Holocaust: Er markiert den „Zivilisationsabbruch“, „das Ende allen aufklĂ€rerisch-rationalen Fortschrittglaubens, der totale Bruch in der menschlichen Vernunftgeschichte“. Aber er gibt nicht Anlass dazu, darĂŒber nachzudenken, ob womöglich unsere Gottebenbildlichkeit so radikal zerstört sein könnte, wie die Reformatoren meinten. Es ist nichts zu spĂŒren von der Unruhe, dass womöglich gerade unser guter Wille ein dienstbarer Sklave der SĂŒnde sein könnte, wie Luther das wieder entdeckt hatte. Vielmehr wendet sich die Erinnerung an „die schrecklichen Taten“, die von Deutschland ausgegangen sind, in ein umso dankbareres Lob, dass es gelungen ist, Erbfeindschaften zu ĂŒberwinden und die Vision von einem friedlichen Zusammenleben auf der Grundlage der Menschenrechte zu verwirklichen. Dementsprechend beklagt Angela Merkel zwar mit Wolfgang Huber die „SelbstsĂ€kularisierung“ der evangelischen Kirchen, den Zerfall des Sakralen und Kultischen in deren Frömmigkeit. Doch ermutigt sie dann nur dazu, den Bildungsauftrag wieder ernst zu nehmen und die grundlegenden Kenntnisse weiterzugehen. Von einem Leib, der gebrochen, und Blut, das zur Vergebung der SĂŒnden vergossen werden musste, weiß sie nichts zu sagen. Überhaupt ist nicht vom Wort und vom Glauben, sondern es ist von Bild und Bewusstsein, von Werten und Erkenntnissen die Rede. Die Neuzeit ist gnostisch (Oswald Bayer): Sie verspricht Erlösung durch die rechte Erkenntnis, nicht durch den Glauben an das, was Gott zusagt. In einer solchen Perspektive lĂ€sst sich dann relativ leichtherzig konstatieren, auch der Islam gehöre unterdessen zu Europa.

Am Anfang aller Aussagen von Angela Merkel steht zwar das Jesuswort, das die Grundlagen fĂŒr das europĂ€ische Zusammenleben gelegt hat: Die Unterscheidung zwischen der politischen und der geistlichen Macht. „Was ist des Kaisers und was ist Gottes“ (Mk. 12, 17)? Doch diese Unterscheidung bleibt folgenlos. Die Grenzen verschwimmen. Von der Bewahrung der Schöpfung bis zu den weit geöffneten Armen fĂŒr die Notleidenden dieser Welt: FĂŒr das, was nach den Worten der Bibel Gottes Wille und Werk ist, sind wir Menschen mitverantwortlich.

SYNERGISMUS

So geschieht, was die Reformatoren als das unausweichliche Grundproblem der spĂ€tmittelalterlichen, „synergistischen“ Frömmigkeit diagnostiziert haben: Die menschliche Mitbeteiligung am Erlösungswerk wird zum Ansatzpunkt fĂŒr manipulative Übergriffe, schamlose Selbstinszenierungen – und verzweifelte Überforderungen derer, die das Geforderte ernst nehmen. Je weniger ausdrĂŒcklich von Gott die Rede ist, umso mehr erwarten die Menschen von sich selber. Je mehr das Sakrament des Abendmahls zugedeckt wird von weiter ausgreifenden Heilsforderungen, umso realitĂ€tsfremder wird das, was der Sozialstaat versprechen muss.

Der wohl einflussreichste Theologe des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, hat der Taufe ihre sakramentale Wirkung abgesprochen und hat dem Abendmahl keine erkenntnisleitende Bedeutung zugemessen. Er redet von der Glaubenserkenntnis und nicht vom Glauben allein, vom Ereignis, nicht vom Wort. Und er zentriert alle seine Aussagen so sehr auf die Auferstehung Christi, dass in diesem ĂŒberhellen Licht alle Konturen verblassen. Luthers Widerspruch gegen den Antinomismus und die SchwĂ€rmerei war ihm unbegreiflich: Barth konnte nicht verstehen, warum der Reformator daran festhielt, dass man auch das Gesetz verkĂŒndigen mĂŒsse und nicht hier und jetzt schon die Gnade Gottes zum einzig Maßgeblichen erheben dĂŒrfe. In der Folge hat sich die evangelische Frömmigkeit der Erkenntnis der SĂŒnde, die das mosaische Gesetz wirkt, entzogen, und hat sich an die Aufgabe gemacht, das Reich Gottes zu verwirklichen, wenigstens zeichenhaft. Die klaren Unterscheidungen zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, die dem Denken der Reformatoren seine nĂŒchterne, lebenspraktische Kraft verliehen hat, löst sich auf in der Dialektik zwischen dem „Schon“ und dem „Noch-nicht“. Das fördert die Tendenz, einen optimistischen Habitus mit Hoffnung zu verwechseln und Gottesfurcht mit Selbstvertrauen zu ersetzen – und Gefahren zu verharmlosen und Erfolge zu feiern, bevor sie gefestigt sind. Angela Merkel kann nichts anderes vertreten, als was im Schatten von solchen theologischen Lehren gewachsen ist.

EINMAL MEHR: DIE HYBRIS DER MODERNE

„Wir schaffen das!“ – Wer wagt es, den europĂ€ischen Völkern zu sagen, dass das nicht wahr ist? Dass es vielmehr ein Reflex ist auf den Hochmut, mit dem die europĂ€ischen Intellektuellen die Grenzen zwischen dem Göttlichen und Menschlichen verwischt und den unterstellten guten Willen der Menschheit vergötzt und den Völkern die Erlösung durch ihre Ideen versprochen haben? Wer wagt es, den Menschen offen zu sagen, dass die vielen Asylsuchenden unsere europĂ€ischen Sozialstaaten erschĂŒttern und womöglich zu Fall bringen werden – dass daraus aber durch Gottes Gnade auch wieder Gutes werden kann?

Wir schaffen es nicht. Die Reformatoren machen uns Mut, uns zu diesem Unvermögen zu bekennen. Das heißt nicht, dass wir zynisch die Grenzen schließen und die Nöte in anderen LĂ€ndern zu halten versuchen. Es heißt vielmehr, dass wir uns innerlich rĂŒsten und wieder an das erinnern, was Jesus mit Wort und Tat bezeugt hat: Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren. Wer aber sich selber verleugnet, sein Kreuz auf sich nimmt und seinen Leib als ein lebendiges Opfer hingibt, der gewinnt das Leben neu!

Wenn der sozialstaatlich gesicherte Wohlstand ins Wanken gerĂ€t und es uns auferlegt wird, schmerzliche Verluste zu akzeptieren, sind wir neu gefordert, ob wir uns im Hader ĂŒber diese menschlichen EnttĂ€uschungen verstricken, oder ob wir zum Glauben an Gott finden. Zu diesem Glauben gehört aber eine realistische EinschĂ€tzung aller Menschen. Weder wir EuropĂ€er noch die Asylsuchenden, die nun bei uns ihre neue Heimat finden möchten, sind unzerstörte Ebenbilder Gottes, von Natur aus gut und voll guten Willens, einander zu respektieren. Wir sind vielmehr alle SĂŒnder. Und es ist darum entscheidend, dass wir festhalten an dem, was die europĂ€ischen Völker in leidvoll verwirrten KĂ€mpfen gelernt haben: Wir mĂŒssen unterscheiden zwischen dem, was dem Kaiser, und dem, was Gott gehört. Wir sind deshalb nicht bereit, unter uns einem Islam Raum zu geben, der diese Unterscheidung nicht machen will. Wir sind im Gegenteil der Meinung, dass alle, die in der europĂ€ischen Kultur leben möchten, auch zur Kenntnis nehmen und respektieren mĂŒssen, aus welchen geistigen Wurzeln diese Kultur gewachsen ist. Das Kostbarste, das Europa hat, das helle Licht des Bibelwortes, das die Reformatoren neu entdeckt haben, dĂŒrfen wir all denen, die nun hier Zukunft und Hoffnung suchen, nicht vorenthalten.

Paul Bernhard Rothen, *1955, Dr. theol., seit 1984 Gemeindepfarrer in der Schweiz, von 1992 bis 2010 Basler MĂŒnsterpfarrer, seither im Appenzellischen Hundwil.

Quelle: CONFESSIO AUGUSTANA CA IV/2015
Das lutherische Magazin fĂŒr Religion, Gesellschaft und Kultur

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Schriftleitung

 

 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 31. Dezember 2015 um 21:26 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Theologie.