Gemeindenetzwerk

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Wie Gott seine Kirche erhält und erneuert: früher und heute

Donnerstag 28. Mai 2015 von Prof. Dr. Reinhard Slenczka


Prof. Dr. Reinhard Slenczka

Lied 243 EG „Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christliche Schar…“

Vers 5: „Es tut ihn nicht gereuen,/ was er vorlängst gedeut‘, /sein Kirche zu erneuen in dieser fährlichn Zeit. / Er wird herzlich anschauen dein Jammer und Elend, / dich herrlich auferbauen / durch Wort und Sakrament.“

Jammer und Elend der Kirche ist uns ständig vor Augen, und in unseren Kreisen besteht die ernste Gefahr, dass wir ständig von den Missständen reden, die uns unter dem Namen und im Raum der Kirche begegnen. Doch gerade in dieser Situation sollen wir festhalten, was die Bekenntnissynode von Barmen-Gemarke mit einem Luther-Wort auf dem Titelblatt des Synodalberichts den Gemeinden zuruft:

„Wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten, unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen, unsere Nachkommen werden es auch nicht sein, sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird es sein, der da spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Jesus Christus“.

Das ist die Verheißung unseres Herrn für seine Kirche, dass er sie erbauen will und dass selbst die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden (Mat 16, 18).

Die Erfüllung dieser Verheißung haben wir vor Augen, wenn wir nicht blind sind für die Geschichte der Ausbreitung des Christentums seit dem apostolischen Pfingsten. Doch wie und auf welche Weise wird der Glaube an Jesus Christus weltweit ausgebreitet? Wie die Apostelgeschichte zeigt: nicht durch Erfolge, sondern durch Verfolgung geschieht das. Sonst säßen die Apostel noch heute in einem Theologischen Fakultätsinstitut und überlegten, wie und womit man Menschen für den Glauben an Jesus Christus interessieren kann.

Die Reformation ist ein Geschenk Gottes in der Kirche, und davon gibt es viele Geschenke, ja eben Wunder, wenn wir uns nur die Augen öffnen lassen für das, was Gottes Heiliger Geist, den der Sohn Gottes uns sendet, tut. Er ist der Paraklet, das ist der Tröster, der Ermahner, der Beistand, von dem uns der Herr gesagt hat: Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14, 26).

Gegenüber dem Wort und Gebot Gottes gibt es kein „aaber“, sondern nur Vertrauen und Gehorsam. Nur so erkennen wir, was Gott uns durch die Reformation damals, aber ebenso heute in seiner Gnade schenkt.

1. Reformation gegen Deformation in der Kirche

„In nomine domini noster Jesu Christi, Amen.

  • Dominus et magister noster Jesus Christus dicendo: Poenitentiam agite etc. omnem vitam fidelium poenitentiam esse voluit”

„Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Amen.

  • Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße usw.‘ (Mat 4, 17) hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“

So lautet die erste der 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 in der lateinischen Kirchen- und Wissenschaftssprache an der Tür der Wittenberger Schlosskirche anschlug um zu einer akademischen Disputation aufzufordern. Dabei sollte unter denen, die für die Leitung der Kirche verantwortlich sind, besprochen werden, welche Missbräuche und Irrtümer in die Kirche eingedrungen sind, die beseitigt werden müssen. Es geht also um Deformationen, um Entstellungen in der Kirche. Reformation ist also keineswegs ein Fortschritt, etwa vom Mittelalter zur Neuzeit. Reformation bedeutet die Beseitigung von Deformationen in der Kirche – damals wie heute.

Was hier zu tun ist, geschieht im Namen Jesu Christi. Das ist der Name, von dem die Apostel bei ihrem Verhör vor dem Hohen Rat in Jerusalem, der ihnen die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus verbietet, bekennen und bezeugen: Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden“ (Apg 4, 12;).

Es mag sein, dass uns der Name unscheinbar und wirkungslos vorkommt, um mit Goethes Faust zu sprechen: „Schall und Rauch“. Doch mit den Namen Gottes hat es eine besondere Bewandtnis, die leicht auch von Christen übersehen oder unterschätzt wird: „Der Name Gottes ist Gott selbst“, so lehrten es die alten Dogmatiker wie auch Luther. Der Name wird von Gott selbst offenbart (z. B. 2 Mos 3, 13-15), und damit gibt Gott uns die Möglichkeit, ihn anzureden im Gebet und von ihm zu reden im Bekenntnis.

Im Namen Jesu Christi…“, das geschieht in der Vollmacht und unter dem Auftrag, den unser auferstandener Herr seinen Jüngern gegeben hat: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mat 28, 18-20).

Doch der auferstandene Herr, der diesen Auftrag gibt, trägt ihn selbst mit der doppelten Verheißung, dass ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist und dass er bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende. Jesus Christus ist Herr über Raum und Zeit.

Genau aus diesem Grund ist es der Herr selbst, der zu uns spricht: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Oder, wie es Mark 1, 15 heißt: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium“. – Darum geht es in der Kirche Jesu Christi zu allen Zeiten – um nichts anderes.

2. Reformation ist nicht Fortschritt, sondern Umkehr.

In den Bibelsprachen heißt Buße im Hebräischen Umkehr in der Richtung, die man geht, im Griechischen Sinnesänderung, Änderung der Denkrichtung.

Doch wie vollzieht sich unser menschliches Denken? Geht es hier nicht immer um Fortschritt: Immer mehr, immer schneller, immer höher, immer besser…?

Der biblische Grundtext für Reformation findet sich Röm 12, 3: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch (lat.: reformamini) durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ (Röm 12, 3).

Luther erklärt diesen Grundtext für Reformation in seiner Vorlesung über den Römerbrief so: „Hier geht es um Fortschritt (profectus); denn er redet zu denen, die schon begonnen haben Christen zu sein…er meint die Erneuerung des Geistes von Tag zu Tag und mehr und mehr nach jenem Wort 2. Kor 4, 16: ‚Der inwendige Mensch wird von Tag zu Tag erneuert.‘ Eph 4, 23: ‚Erneuert euch aber im Geist eures Gemütes.‘ Kol 3, 10: ‚Zieht den neuen Menschen an, der da erneuert wird‘“[1] .

Reformation ist demnach ein Vorgang von Umkehr und Erneuerung, der sich im einzelnen Menschen und durch die Kirche in dieser Welt vollzieht. Das ist nicht auf ein Ereignis in der Vergangenheit begrenzt; es gehört vielmehr zur Wirkung des Wortes Gottes und der Kirche zu jeder Zeit – auch heute unter uns und in uns.

3. Umkehr zur Taufe und durch die Taufe: Die falsche Frage nach dem gnädigen Gott.

Dies ist der Auftrag des auferstandenen Herrn für seine Jünger, die er in alle Welt und zu allen Völkern aussendet: „Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Dieser Auftrag hat zwei Inhalte: Taufen und Lehren. Hier erscheint wieder der „Name des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Jeder rechte Gottesdienst beginnt nicht mit einer gut gemeinten, jedoch falschen persönlichen Begrüßung, sondern mit der feierlichen Erklärung: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Gott selbst ist hier gegenwärtig; Gott wirkt in seinem Wort der Heiligen Schrift und in den von Christus selbst eingesetzten Sakramenten. Der Pfarrer ist dabei Werkzeug; er ist Diener, ja, wie sich der Apostel Paulus selbst bezeichnet: Sklave Gottes und der Gemeinde. Die Gemeinde aber ist durch die Taufe mit dem Dreieinigen Gott nicht nur nominell, sondern real verbunden. Daher heißt es auch beim Zuspruch der Vergebung nach dem Sündenbekenntnis. „Wer glaubt und getauft wird, der wir selig. Das verleihe Gott uns allen“ (Mark 16, 16). Damit wird also auch zur Taufe aufgerufen. Doch vollständig sagt der Herr in seinem Einsetzungswort für die Taufe: „…wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“.

Solche Drohung hört der alte Adam in uns nicht gerne, obwohl wir alle ohne Ausnahme unter dem Urteil stehen: „Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn“ (Röm 6, 28).

Nun weiß jeder von uns, dass Luthers wichtige Erkenntnis in der sog. „Rechtfertigungslehre“ besteht. Die Frage ist nur, ob wir wissen, was das eigentlich ist. Jedenfalls ist das keine neue Erfindung der Theologieprofessors Martin Luther. Es ist auch keine lutherische Sonderlehre, die uns von anderen Kirchen trennt. Nichts von dem allen. Rechtfertigung allein aus dem Glauben an Jesus Christus ist ganz schlicht und einfach: Rückkehr zu unserer Taufe.

Und fragen wir uns hier ganz einfach: Kennen wir unseren Tauftermin? Kennen wir unseren Taufspruch, so wir einen mitbekommen haben. Erinnern wir unsere Kinder und Patenkinder, für die wir die Erziehung im Glauben bei der Taufe versprochen haben, an ihre Taufe? Wird im Religions- und Konfirmandenunterricht an Wirkung und Bedeutung der Taufe erinnert? Oder haben wir es hier nur mit Verstehensfragen zu tun, die alles in Frage stellen? – Darauf kommen wir später zurück.

Luther selbst hat das seiner Gemeinde in einer Predigt über die Taufe Jesu (Mat 3, 13-17 dies so erklärt: „O, wann willst du einmal fromm werden und genugtun, dass du einen gnädigen Gott kriegst? Und ich bin durch solche Gedanken zur Möncherei getrieben und habe mich gemartert und geplagt mit Fasten, Frieren und strengem Leben, und doch nicht mehr damit ausgerichtet, als dass ich nur die liebe Taufe verloren, ja helfen verleugnen. Darum, auf dass wir nicht durch solche verführt werden, so lasst uns diese Lehre rein halten, wie wir hier sehen und greifen, dass die Taufe nicht unser Werk noch Tun ist, und einen großen und weiten Unterschied behalten zwischen Gottes und unsern Werken…denn nachdem wir sind durch die Sünde gefallen und verdorben, nimmt er uns noch einmal in seine göttlichen Hände, gibt uns sein Wort und die Taufe, wäscht und reinigt uns damit von Sünden…Diese Werke sollte man rühmen, wenn man will von göttlichen Werken reden. Denn er ist der rechte Werkmeister, der mit seinem Finger kann die Sünde tilgen, den Tod erwürgen, den Teufel schlagen, die Hölle zerstören…“[2]

Es geht also beim Glauben nicht um die Fragen, die ein Mensch hat oder nicht mehr hat und mit denen er sich vor dem Anspruch Gottes versteckt, sondern es geht um das, was Gott sagt und tut in Wort und Sakrament.

Die Taufe begründet eine leibliche Gemeinschaft mit Gott in Jesus Christus: Mit Christus sterben, um mit ihm zum ewigen Leben auferstehen, wie Paulus das Röm 6 beschreibt. Durch die Taufe werden wir real Kinder Gottes, und das zeigt sich daran, dass wir in der Kraft des Heiligen Geistes und nach Vorbild und Unterweisung Jesu Christi Gott als Vater anrufen dürfen und sollen. Wie steht es mit unserem regelmäßigen Gebet?

Durch die Taufe geschieht aber nach dem Wort Gottes noch etwas, was leicht übersehen wird: In uns bricht der Gegensatz auf zwischen dem alten Menschen im Fleisch der Sünde und dem neuen Menschen im Geist Gottes (Röm 7). Jeder merkt das, selbst wenn er nicht weiß, woher das kommt: Das ist die Stimme des Gewissens in uns, die oft genug quälend sich melden kann, wenn Gottes guter Wille in seinen Geboten auf unseren Eigenwillen in unseren Trieben stößt. Doch bedenkt hier: Ein schlechtes Gewissen ist ein gutes Gewissen, denn es funktioniert.

4. Katechismus auswendig lernen.

Wir verdanken Luther die bis heute verwendete Übersetzung der Heiligen Schrift in unsere deutsche Sprache. Ja, man muss sagen, dass eine einheitliche deutsche Sprache überhaupt erst durch die Bibelübersetzung entstanden ist. Das lässt sich in manchen anderen Völkern auch nachweisen, wie die Vielzahl gesprochener Dialekte durch die Bibelübersetzung zu einer Literatursprache geworden ist. Und was wäre unsere Literatur wie auch unsere bildende Kunst ohne die vielen Redewendungen und Bilder aus der Bibel? Durch die Bibelübersetzung, verbunden mit der Erfindung des Buchdrucks, gelangt die Heilige Schrift heute in preiswerten Ausgaben in jedes Haus. Menschen werden mündig, d.h. sprachfähig und denkfähig dadurch, dass sie die Bibel lesen können, dass sie Gott und die Welt verstehen und damit auch die Ordnung, in der die Welt erschaffen ist. Mündigkeit besteht also nicht darin, dass wir die Bibel besserwisserisch kritisieren, sondern dass wir sie lesen und lernen, wie es Psalm 119, 105 heißt: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“

Als Mönch kannte Luther alle Psalmen auswendig, da alle 150 Psalmen im Stundengebet jeweils in einer Woche lateinisch gesungen wurden. Die Psalmen leiten uns an, wie wir mit Gott reden sollen und was wir alles vor ihn bringen dürfen, bis hin zu Christi Leidenspsalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne“.

Wie steht es mit unserer Mündigkeit im Gebrauch und durch den Gebrauch der Heiligen Schrift?

Eine weitere Kostbarkeit verdanken wir dem Reformator Martin Luther, nämlich die Katechismen, den Kleinen und den Großen: Wer von Euch hat den Kleinen Katechismus im Religions- und Konfirmandenunterricht auswendig gelernt? Oder müssen wir nicht sogar fragen, was geschieht eigentlich in der reichlich angebotenen Zeit für Konfirmandenunterricht in den Gemeinden und in dem durch die Verfassung garantierten und geförderten Religionsunterricht in unseren Schulen, wenn Bibel und Katechismus hier nicht intensiv mit Freude und Überzeugung eingeübt werden? Aus Theologenproblemen entsteht jedenfalls kein Glaube, der nicht nur im Leben, sondern auch im Sterben uns tragen soll.

Luther ist hier sehr strikt, als er sah, dass die Gemeinden zerfielen und die Jugend verwahrloste, weil die Grundkenntnisse des Glaubens nicht gelehrt und gelernt wurden. Aus diesem Grund hat er die Hauptstücke des Katechismus gepredigt und in wunderbar klarer Sprache formuliert. So sind sie bis heute zugänglich. Dazu gibt er eine klare, nüchterne und strenge Weisungen: Der „Kleine Katechismus für die gemeinen Pfarrherrn und Prediger“ und zugleich als Anleitung, „wie ein Hausvater seinem Gesinde einfältig vorhalten soll“, sowie der „Große Katechismus“ mit der Begründung, „dass leider viele Pfarrherren und Prediger hierin sehr säumig sind und verachten beide ihr Amt und diese Lehre, etliche aus großer hoher Kunst, etliche aber aus lauter Bauchsorge und Faulheit…“.

Die Vorreden zu den beiden Katechismen sind von außerordentlicher Entschiedenheit, und Luther macht darin deutlich, dass Unterricht und Kenntnis der Lehrstücke für Kirche und Gesellschaft unbedingt notwendig sind, und so schreibt er in der Vorrede zum ‚Kleinen Katechismus‘: „Insonderheit treibe auch daselbst die Obrigkeit und Eltern, dass sie wohl regieren und Kinder ziehen zur Schule, mit Anzeigen, wie sie solches zu tun schuldig sind und, so sie es nicht tun, welche ein verflucht Sünde sie tun; denn sie stürzen und verwüsten damit beide Gottes und der Welt Reich als die ärgsten Feinde beide Gottes und der Menschen; und streiche wohl aus, was für greulich Schaden sie tun…“[3] .

Das zu vermitteln und zu erwerben gibt Luther in seiner Einleitung zum „Kleinen Katechismus“ eine wichtige pädagogische Regel: „…wenn sie den Text nun wohl können, so lehre sie denn hernach auch den Verstand, dass sie wissen, was es gesagt…“ Also: Zuerst wird auswendig gelernt, danach wird erklärt.

Auswendig“ heißt in anderen Sprachen „ins Herz aufnehmen“ (by heart, par cœur), „vom Mund sprechen“ (russisch: наизуст) , „aus dem Kopf sprechen“ (lettisch: no galvas). Angehörige der meist schon sehr alten Generation haben einen Schatz von Katechismuswissen, von Bibelstellen und Gesangbuchliedern, die sie einst sicher auch nicht ohne Mühe gelernt haben, doch mit und von dem wir leben bis hin zur Sterbestunde.

Durch Auswendiglernen wird man sprachfähig, und jeder, der eine Fremdsprache sprechen will, weiß, dass man Vokabeln eben lernen muss, ebenso die Formeln in den Naturwissenschaften. Der Einwand „das geht doch heute nicht mehr“ ist nur ein Zeichen von Mutlosigkeit oder auch Faulheit, und es wird nicht bedacht, was heilsnotwendig ist. Theologische und gesellschaftspolitische Probleme und Infragestellungen von Theologen sind es jedenfalls nicht.

Es ist einer sehr ernsten Prüfung wert, ob viele Missstände, die wir in Theologie und Kirchenleitung beklagen, nicht dadurch verursacht werden, dass das Grundwissen des christlichen Glaubens einfach nicht mehr gewusst wird. Die Verpflichtung auf Schrift und Bekenntnis für sämtliche Amtsträger in der Kirche, also auch für Mitglieder von Synoden und Kirchenvorständen, setzt doch wohl die Kenntnis und Anwendung dieser auch in den kirchlichen Grundordnungen festgehaltenen Grundlagen voraus. Andernfalls urteilt man eben nach der jeweils herrschenden Meinung mit entsprechenden Mehrheiten, die lediglich die herrschende öffentliche Meinung widerspiegeln.

Der Neue Bund in Jesus Christus besteht darin, dass der Geist ins Herz gegeben wird und das Gesetz nicht auf steinernen Tafel, sondern in lebendige Herzen eingeschrieben wird; denn „der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3, 3-6; Jer 31, 33; Ez 31, 19; 36, 26). Daher wird auch dem Volk Gottes eingeschärft: Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst“ 5. Mose 6, 5-7). Es geht hier also um das 1. Gebot, in dem uns der wahre Gott von den falschen Göttern zurückruft.

In einer Auslegung im „Großen Katechismus“ nimmt Luther die Frage auf: „Was heißt ein Gott haben oder was ist Gott?“, und er antwortet: „Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Also dass ein Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben, wie ich oft gesagt habe, dass alleine das Trauen und Glauben des Herzens macht beide, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, , so ist auch dein Gott recht, und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist5, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zuhaufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässt, das ist eigentlich dein Gott“.

Es ist also keineswegs eine distanzierte Frage, ob und wie Gott ist, sondern was mein Gott ist. Jeder hat also seinen Gott, jeder glaubt an einen Gott, dem er vertraut oder vor dem er sich fürchtet. Der Gegensatz zum Glauben ist in der Bibel eben nicht das Wissen oder die Wissenschaft, sondern die Furcht.

5. Wo ist die Kirche? „Das blinde, undeutliche Wort Kirche“.

In einer großen Schrift zur Kirchengeschichte „Von den Konziliis und Kirchen“ (1539) behandelt Luther das auch uns gewiss bekannte Problem, was man eigentlich unter Kirche versteht. Luther spricht hier von dem „blinden, undeutlichen Wort“ Kirche, mit dem so Verschiedenes nicht nur bezeichnet, sondern auch beansprucht wird. Es mag sogar oft vorkommen, dass das Wort Kirche abwertend gebraucht wird, weil so vieles im Namen von Kirche geschieht und gesagt wird, was in offenem Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis steht.

Am Schluss dieser Schrift stellt nun Luther sieben Kennzeichen der Kirche zusammen, aus denen ich hier das sechste anführe: „Zum sechsten erkennet man äußerlich das heilige Christliche Volk am Gebet, Gott loben und danken öffentlich. Denn wo du siehest und hörest, dass man das Vaterunser betet und beten lernet, auch Psalmen oder Geistliche Lieder singt nach dem Wort Gottes und rechtem Glauben, Item den Glauben, Zehn Gebot und Katechismum treibet öffentlich, da wisse gewiss, das da ein Heilig Christlich Volk Gottes sei. Denn das Gebet ist auch der teuren Heiltum eins, dadurch alles heilig wird… (1 Tim 4, 5).“

Wo dies alles fehlt, kann es überhaupt keine Kirche geben, ebenso wie auch einem Ackerfeld nach dem Gleichnis unseres Herrn, auf dem keine gute Saat ausgesät wird, nur Unkraut wuchern kann.

Da können alle möglichen und noch mehr unmöglichen Aktionen durchgeführt werden, mit denen man meint, die Leute zu unterhalten und in ihren Irrwegen zu bestätigen. Man kann Kirchentage mit großem Zulauf und öffentlicher Wirkung mit einem Markt der (Un-) Möglichkeiten durchführen. Doch das hat mit Kirche überhaupt nichts zu tun, sondern hier gilt, was der Herr der Gemeinde in Sardes schreibt (Offbg 3,1): Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.“ Wie es Namenschristen gibt, so gibt es auch Namenskirchen.

6. „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1 Kor 3, 11)

Vor allem aber gibt es allen Bezeichnungen zum Trotz keine lutherische Kirche. „So will der Luther selbst nicht lutherisch sein…“[4] Er verstand sich immer als katholisch. So schärft es auch der Apostel Paulus seiner zerstrittenen Gemeinde in Korinth ein: „Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der dritte: Ich zu Kephas, der vierte: Ich zu Christus. Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft?“ (1 Kor 1, 12-13; vgl. 1 Kor 3, 4 ff).

Luther legt diese Stelle so aus: „Man soll Acht haben auf den Bau, welche Lehre sie drauf legen. Es gibt nicht mehr als diesen einzigen Bau und Grund. Christus ist der ewige Sohn Gottes, unser Heiland. Dieweil man diesen Grund legt, ist einer wie der andere; sie alle sind nicht mehr als Diener Christi, seine Ackerleute. Gott, wenn er die Welt fromm machen will, erwählt er Leute, denen legt er seinen Befehl in den Mund, den sollen sie treiben. Neben diesem Predigtamt ist Gott dabei und rührt durch das mündliche Wort heute dies Herz, morgen das Herz. Es sind alle Prediger nicht mehr als die Hand, die den Weg weist. Sie tut nicht mehr; sie steht still und lässt folgen oder nicht folgen den rechten Weg. Also finden alle Prediger nicht mehr, als dass sie das Wort treiben. Wenn nun Gott jemand anrühren will, so tut er das mit dem Wort; es sind nicht die Leute, die jemand fromm machen sollten; Gott tut das allein. Die Person soll man aus den Augen tun, aber die Lehre nicht.“[5]

7. Das Ringen zwischen wahrer und falscher Kirche ist ein Kennzeichen von Kirche.

Luther hat also keine neue Kirche gegründet; er ist auch niemals aus der Kirche ausgetreten, vielmehr wurde er vom Papst im Januar 1521 exkommuniziert und unmittelbar darauf vom Reichstag in Worms mit der Reichsacht belegt, d.h. für vogelfrei erklärt, so dass jeder ihn straflos töten konnte.

Wenn man heute immer wieder der Forderung begegnet, der Papst müsse die Verurteilung Luthers aufheben, dann ist dazu kurz und klar zu sagen: Diese Verurteilung war und bleibt Unrecht; der Papst hat geirrt. Luther ist immer in der Kirche geblieben. Die brennende und ernste Frage heute ist jedoch, ob die sich so bezeichnende und auf ihn berufende lutherische Kirche bei Luther geblieben ist.

Und Luther lehrt uns noch etwas von der Kirche, was wir heute bedenken sollen, wenn wir in der Versuchung und auf der Suche nach einer vollkommenen Kirche sind, die unseren Vorstellungen und Wünschen entspricht. So sagt er seinen Studenten in einer Vorlesung über Psalm 45: „Das Antlitz der Kirche ist also das Antlitz einer Sünderin, die gequält, verlassen, sterbend und zutiefst traurig ist. Denn was auch immer der ganze Satan ist und hat, das muss auch die Kirche leiden“[6]. Und Luther sagt uns auch dies: „Die Kirche ist dann immer am besten gewesen, wenn sie es mit den Schlechtesten zu tun hatte“[7]. Er sagt aber auch dies: „Ein Bischof, der das Wort vernachlässigt, ist, selbst wenn er noch so heilig wäre, ein Wolf und ein Apostel des Satans“[8]

Das müssen wir wissen und festhalten: Das Ringen zwischen wahrer und falscher Kirche vollzieht sich in jeder Kirche, also keineswegs nur zwischen getrennten Kirchen. Das ist ebenso wie sich in jedem Getauften das Ringen zwischen dem Fleisch der Sünde und dem Geist Gottes vollzieht. Das muss man nicht nur wissen, das gilt es zu bestehen, und zwar im Vertrauen darauf, dass unser seine Verheißung für die Kirche erfüllt, dass selbst die Pforten der Hölle sie nicht überwinden sollen (Mat 16, 18).

8. „…dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne…(Eph 3, 17)“

Aber lasst uns auch dies bedenken und festhalten, was Luther immer wieder eingeschärft hat: „Dass Christus durch den Glauben ins uns wohnt“[9] . Er ist bei uns, nicht also als Gegenstand außerhalb von uns. Doch wie ist er bei uns, ja in uns? Das geschieht in der Ansprache durch das Wort Gottes, und das geschieht durch die Gabe der Sakramente: in der Taufe durch die leibliche Verbindung mit und Aufnahme in den Leib Christi (Röm 6); durch das Abendmahl indem wir Leib und Blut Jesu Christi unter dem Brot und Wein und im Vertrauen auf sein Wort empfangen: „..für dich gegeben, vergossen zur Vergebung der Sünden“.

In einer Predigt über die Auferweckung des Jünglings von Nain (Luk 7, 11-16) hat das Luther seiner Gemeinde so erklärt: Wir erinnern uns: Der Trauerzug kommt aus der Stadt: „Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter.“ Und nun hören wir: Glaube geschieht so, wie wenn ein Toter wird auferweckt, wie am Anfang der Welt durch Gottes Wort und Befehl aus Nichts Licht wird: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“ (2 Kor 4, 6).

Und so predigt Luther: „Es muss die Stimme Christi im Herzen dazu kommen, dass wir dem Wort glauben, dass es also sei wie die Predigt lautet. Der Jüngling steht hier nicht so bald auf nach dem Anrühren, sondern da der Herr sprach ‚Jüngling ich sage dir, steh auf‘. Diese Stimme rührte das Herz und machte, dass der Tote lebendig wurde…Wenn aber die Stimme im Herzen nicht inwendig gehört wird, dann bleibt es so, wie es immer schon gewesen ist. Wenn aber die Stimme im Herzen gehört wird, so hebt der, der davor tot war, an zu reden und bekennt den Glauben mit dem Munde, den er im Herzen glaubt und empfindet. Das ist, wenn das Herz glaubt, so folgt das Werk der Liebe hernach, nämlich das du redest, das ist, predigst anderen und dankst Gott für die Wohltat und den Glauben, so er dir erzeigt und mitgeteilt hat.“[10]

9. „Herr, wohin sollen wir gehen?“ (Joh 6, 68)

Dass die Jünger, die doch alles verlassen hatten und die das Reich Gottes brennend erwarten, immer wieder von ihrem Herrn enttäuscht sind, durchzieht das ganze Neue Testament bis hin zur Leidensgeschichte, wo alle Jünger ohne Ausnahme bei der Gefangenahme Jesu fliehen. Judas hatte ihn verraten, Petrus hatte ihn dreimal verleugnet, Paulus hat die Gemeinde verfolgt.

Es ist ja nicht so, dass die Kirche sich entfaltet, indem sie immer mehr öffentliche Zustimmung und Anerkennung findet und indem schließlich die ganze Welt verchristlicht würde. Wenn unser Herr seinen Jüngern sagt: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein“ (Mat 5, 13-14), dann ist das nach den Zahl und Menge winzig und gering; doch nach der Wirkung ist es unersetzlich: Eine Speise ohne Salz ist ungenießbar; ohne Licht stößt man in der Finsternis überall an; eine Stadt auf dem Berge gibt in einer Wüste Orientierung und Zuflucht.

Was aber so Wesen und Wirkung der christlichen Gemeinde in dieser Weltzeit ausmacht, ist nicht der Erfolg, sondern die Verfolgung. Das beginnt mit der Ausgießung des Heiligen Geistes bei dem apostolischen Pfingsten in Jerusalem. Wo sich die Jünger aus Angst vor Verfolgung hinter geschlossene Türen verkriechen, da bekommen sie plötzlich durch die Sendung des Heiligen Geistes den Mut, öffentlich die Botschaft von der Auferstehung ihres gekreuzigten Herrn zu verkündigen. Es ist die andere Wirkung des Heiligen Geistes, dass diese Botschaft in allen Sprachen verstanden wird. Damit beginnt die christliche Kirche und ihre Mission in alle Welt, in alle Völker, in alle Sprachen.

Nun fragen sich viele, wohin sollen wir gehen? Die Antwort ist einfach: Dorthin, wo das Wort Gottes rein gepredigt und die Sakramente nach der Einsetzung Jesu Christi recht verwaltet werden. Denn das sind die Mittel, durch die der Heilige Geist gegeben wir, der den Glauben wirkt, wann und wo es Gott gefällt [11]. Dankt Gott, wenn Ihr Diener findet, die uns nicht nach dem Mund reden, sondern die tun, was ihnen vom Herrn aufgetragen ist. Es gibt diese Diener auch heute!

So fasst das Luther in seinem siebten Kennzeichen für die Kirche zusammen: „Zum siebenten erkennet man äußerlich das heilige christliche Volk bei dem Heiltum des heiligen Kreuzes, dass es muss alles Unglück und Verfolgung, allerlei Anfechtung und Übel (wie das Vaterunser betet) vom Teufel, Welt und Fleisch, inwendig Trauern, blöde sein, erschrecken, auswendig arm, verachtet, krank, schwach sein, leiden, damit es seinem Haupt Christus gleich werde. Und muss die Ursache auch allein diese sein, dass es fest an Christo und Gottes Wort hält, und also um Christi willen leide Matth 5 (11) ‘Selig sind, die so um meinet willen Verfolgung leiden’…“

Herr, stärke und erhalte uns in diesem Glauben. Amen.

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Informationen und Überlegungen zu dem Ruf nach einer Bekenntnissynode[12].

Der Ruf nach einer Bekenntnissynode.

Immer wieder und von verschiedenen Seiten ertönt angesichts bestimmter Vorgänge in Kirchenleitungen der EKD der Ruf nach einer Bekenntnissynode. Das Vorbild ist die 1. Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen-Gemarke vom 29.-31. Mai 1934 mit ihrer „Theologischen Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“.

Wenn ein solcher Ruf nicht nur Ausdruck eines mehr oder minder hilflosen Protests sein soll, muss man sich einige geistliche und geschichtliche Sachverhalte deutlich machen:

1. Eine Synode ist kein Parlament, sondern eine geistliche Veranstaltung der Kirche.

Eine kirchliche Synode ist nach ihrem Wesen, ihrer Zusammensetzung und ihrer Aufgabe nicht ein Parlament, in dem politische Parteien durch Verhandlungen und Abstimmungen mit Mehrheit öffentliche Erklärungen abgeben und Gesetze formulieren (Legislative). Eine kirchliche Synode ist vielmehr nach dem Vorbild von Apg 15 eine Versammlung von Amtsträgern (Apostel, Presbyter) in der Kraft und unter dem Beistand des Heiligen Geistes. Sie behandelt aktuelle Streitfragen und entscheidet nicht nach Mehrheiten, sondern nach der Übereinstimmung mit dem Wort Gottes der Heiligen Schrift. Darin liegt die Autorität der Synodalbeschlüsse: „es gefällt dem heiligen Geist und uns“ (Apg 15, 28). In dieser Weise wird die Kirche „erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist“ (Eph 2, 20), auf diese Weise scheiden sich aber auch immer wieder in Bekenntnis der rechten Lehre und der Verwerfung von falscher Lehre wahre und falsche Kirche in der Kirche.

Genau dies geschah durch die 6 Thesen der Barmer Theologischen Erklärung, erkennbar in der durchgehenden Form: Schriftgrundlage, Bekenntnis der rechten Lehre, Verwerfung der Irrlehre. Dass Lehre und Ordnung zusammengehören, ist selbstverständlich.

2. Die kirchliche Situation damals und heute.

Die praktische Voraussetzung der Barmer Synode war dadurch geben, dass sich eine „Bekennende Kirche“ in den Landeskirchen gebildet hatte, deren lokale Gliederungen kirchliche Amtsträger, und zwar Theologen wie auch Laien, delegierten. Damals gab es „intakte“ Landeskirchen, gespaltene sowie völlig von den Deutschen Christen beherrschte. Die mit einer neuen Kirchenverfassung vom 14. Juli 1933 gebildete „Deutsche Evangelische Kirche“ war völlig in der Hand der Deutschen Christen und versuchte ihre Macht unter dem Prinzip „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, und daher auch eine Kirche, mit Gewalt durchzusetzen. Die hier gebildete Gemeinschaft von Kirchen folgte den politischen Forderungen; es gab jedoch keine gemeinsame Bekenntnisgrundlage.

Im Unterschied zur damaligen Situation haben wir heute weder in den Landeskirchen noch in der EKD eine Kirchenleitung, die man als „intakt“ bezeichnen könnte. Durch Abstimmungsmehrheiten und durch Zwang haben wir heute eine gesellschaftspolitisch gleichgeschaltete Einheitskirche. Im Unterschied zur damaligen Situation haben wir aber auch keine Organisation, die als „Bekennende Kirche“ auf der Grundlage von Schrift und Bekenntnis angesprochen werden könnte. Wir haben vielmehr viele und unterschiedliche Gruppen, die z. T. auch in sich keine feste und verbindende Grundlage, es sei denn die Opposition zur Kirchenverwaltung, zu haben scheinen.

3. Die Aufgaben einer Bekenntnissynode.

Eine rechte Synode ist ein Organ und Teil des geistlichen Amtes in der Kirche; sie hat daher kirchenleitende Funktion und ist damit auch an die Grundlagen und Kriterien des geistlichen Amtes, nämlich Wort Gottes der Heiligen Schrift und Bekenntnis der Kirche gebunden. In aller Regel werden die Synodalen wie alle Amtsträger auch darauf verpflichtet (leider nicht in der EKD-Synode). Bei allen kirchlichen Amtsträgern wird nicht nur die genaue Kenntnis von Schrift und Bekenntnis vorausgesetzt, sondern vor allem die Anwendung auf Erklärungen und Entscheidungen. Beschlüsse, die Schrift und Bekenntnis widersprechen, sind daher ungültig, selbst wenn sie mit 100- %ger Mehrheit angenommen werden.

Dass den Grundlagen der Kirche widersprechende Beschlüsse für Lehre und Leitung der Kirche die Einheit der Kirche zerstören, ist der entscheidende Vorwurf der Barmer Synode in der Präambel zur Theologischen Erklärung: „Bei deren Geltung hört die Kirche nach allen bei uns in Kraft stehenden Bekenntnissen auf, Kirche zu sein.“ Die Barmer Synode war ausdrücklich kein politischer Protest oder Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern sie wendete sich gegen das massive Eindringen einer politischen Religiosität und damit verbundener gesellschaftspolitischer Forderungen in Lehre und Leitung der Kirche.

Die 1. Bekenntnissynode war sich bewusst, dass sie mit ihrer „Theologischen Erklärung“ Verantwortung für die Kirchenleitung übernimmt. Daher wurden in Barmen auch die folgenden Themen verhandelt und entsprechende Aufträge an Ausschüsse erteilt: Klärung der Rechtslage der Bekenntnissynode und einer Kirchenverfassung, „Dienst zur geistlichen Erneuerung des Pfarrerstandes“ (Ausbildung, Seelsorge an Seelsorgern), „Aufbau der Bekennenden Gemeinde“.

In der Folgezeit fanden noch 11 weitere Bekenntnissynoden statt, die letzte in Breslau vom 16.-17. Oktober 1943, von denen in vorbildlicher Weise aktuelle Fragen kirchlicher Lehre und Leitung entschieden wurden (z.B. „Ordnung brüderliches Zucht für die Amtsträger (Prediger und Älteste) der Bekennenden Kirche…“; Bußtagswort mit Ruf zur Einhaltung der Gebote Gottes: Gegen die Übertretung des 5. Gebots: „Vernichtung von Menschen,lediglich weil sie Angehörige eines Verbrechers, alt oder geisteskrank sind, oder einer fremden Rasse angehören“, und des 6.Gebots angesichts der um sich greifenden Auflösung der Ehe, auch unter Mitarbeitern der Gemeinde: Pfarrer oder Ältester kann jemand, der sich hat scheiden lassen, nicht sein)[13].

4. Aufgaben für heute.

Verantwortung für Lehre und Leitung der Kirche darf sich nicht auf Protest beschränken. Protest aber im rechten geistlichen Verständnis ist das Bekenntnis des Glaubens an Jesus Christus. Dazu ist aufzurufen, gewiss auch zurückzurufen, wo dieses Bekenntnis verleugnet wird.

Ich sehe aber auch ganz konkrete Aufgaben, die im Dienst für die Kirche und an den Gemeinden wahrzunehmen wären und die durchaus auch von Gemeindegliedern wahrgenommen werden können:

  1. Seelsorge an Seelsorgern.

Unsere Pfarrer, gleich welcher Richtung, sind weithin allein gelassen, zumal wenn die falsche Meinung besteht, dass Dienstaufsicht Seelsorge ausschließt[14]. Seelsorge für Seelsorger aber besteht darin, dass auch die Pfarrer von dem leben und getragen werden, was ihnen mit der Verwaltung der Gnadenmittel von Wort und Sakrament aufgetragen ist. Supervision und andere Fortbildungsmaßnahmen können nicht ersetzen, was durch die Wirkung des Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium sowie der Sakramente für Umkehr und Heiligung bewirken.

Leider wird dies alles jedoch durch die Art eines historisierenden Theologiestudiums und einer psychologisierenden Seelsorgeausbildung bes. in den Predigerseminaren, nicht nur versäumt, sondern verdrängt. Man betreibt „Technologie, nicht Theologie“, wie die Kirchenväter sagten.

  1. Kirchliche Unterweisung: Kindergarten, Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, Religionsunterricht.

Wir haben heute optimale und sogar durch die Verfassung garantierte Möglichkeiten für kirchliche Unterweisung „nach den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ (GG Art. 7, a).

Zu prüfen ist, ob sich der Unterricht nicht mit großer Problemfülle nach dem ausrichtet, was der heutige Mensch nach herrschender Theologenmeinung nicht mehr wissen kann (oder will!), sondern dass das weitergegeben wird, was ein Mensch zu seinem Leben und Sterben wissen darf und muss, nämlich Grund und Inhalt des Glaubens. Um das ins Herz aufzunehmen und zu verwurzeln, muss es auch ins Herz aufgenommen, d. h auswendig gelernt werden. Warum soll das, was für alle anderen Fächer mit Selbstverständlichkeit gilt, nicht auch für Glauben und Religionsunterweisung gelten? Der Einwand: „Das geht heute nicht mehr“, ist ein Zeichen entweder von Furcht oder von Faulheit.

  1. Rückruf zur Taufe; Tauferinnerung, Taufermahnung.

Die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist die vom Herrn eingesetzte sakramentale Gabe, die uns nach seinem Befehl und seiner Verheißung mit seinem Tod und seiner Auferstehung verbindet (Röm 6) und in seinen Leib, die Kirche, als Glieder aufnimmt. Die spürbare Folge der Taufe ist das Ringen zwischen dem alten Menschen im vergehenden Fleisch der Sünde und dem neuen Menschen im Geist Gottes (Röm 7-8).

Für die christliche Ehe und ein christliches Familienleben sind die Gnadenmittel von Wort und Sakrament gerade auch in den Anfechtungen und Verführungen unserer Zeit eine tragende, verbindende und heilende Grundlage, woran auch in der seelsorgerlichen Begleitung von der Geburt bis zum Tod zu erinnern ist.

Der Dienst der Kirche besteht im Ruf zur Taufe, in der lebenslangen Erinnerung und Rückkehr zur Taufe sowie zur Ermutigung und Hilfe für Eltern und Paten, ihre Zusage zur christlichen Erziehung der ihnen anvertrauten Täuflinge Sorge zu tragen: „…lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Mat 28, 20). Die Taufe ist deshalb verbindlich, weil sie mit Christus verbindet. Wo das versäumt oder gar verachtet wird, geht der Grund, auf dem das Leben der Gemeinde und eines jeden Christen aufgebaut ist, verloren. Fremde Elemente und Ziele besetzen dann den Platz und füllen Herz und Sinne.

Wir müssen uns heute ernsthaft fragen, ob die Verachtung der Taufe und die Verleugnung ihrer geistlichen Wirkung, wenn auch unter verschiedenen Voraussetzungen, sämtlichen Richtungen in der Kirche gemeinsam ist: Die Einen praktizieren sie als Schwellenritus und Lebensverzierung, die anderen halten sie für unwirksam, indem sie den Glauben als Werk des Menschen und Entscheidungsfähigkeit verstehen. Wenn die Taufe nicht als Gebot und Verheißung des auferstandenen Herrn erkannt, verwaltet und gelebt wird, ist die Grundlage, aus der die Kirche als Leib Christi erwächst, zerstört. Daraus folgen die zahlreichen Schäden, die wir im Leben unserer Kirche beklagen.

Eine Frage zum Schluss: Warum sind für unseren Herrn die Kinder Vorbild für den Glauben? (Mat 18, 3; Luk 18, 17): Kinder wissen von Natur, dass sie in den Bedürfnissen ihres Lebens und in ihrem Verhalten völlig auf die Fürsorge der Eltern angewiesen und davon abhängig sind. Sie wissen auch, dass sie darauf einen Anspruch haben, den sie durchaus auch durchzusetzen wissen. So also steht es mit dem Kind Gottes, zu dem wir durch die Taufe angenommen sind (Röm 8, 15; Gal 4, 6; Eph 1, 5; 1 Joh 3, 1). Auf keinen Fall darf man Wesen und Wirkung der Taufe nach ihrer Einsetzung durch den Herrn verwechseln mit dem, wie Menschen die Taufe brauchen oder leider weithin missbrauchen und verachten. Die Briefe im Neuen Testament sind durchgehend Rückruf zu dem, was wir durch die Taufe sind und Abweisung von dem, was mit dem Leben in Christus unvereinbar ist (z. B. 1 Kor 6)

Prof. Dr. Reinhard Slenczka, März 2015

Vortrag beim Kongress des Gemeindehilfsbundes am 28. März 2015 in Bad Teinach-Zavelstein. Alle Vorträge und Seminare der Kongresse in Krelingen vom 20.-22.3. und in Zavelstein vom 27.-29.3. werden in einer Dokumentation veröffentlicht. Diese kostet 5,00 € zzgl. Versand und kann in der Geschäftsstelle des Gemeindehilfsbundes vorbestellt werden (info@gemeindehilfsbund.de).

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[1] WA 56, 441, ff. (WA = Weimarer Ausgabe der Werke Martin Luthers)

[2] WA 37, 661, 23 ff.

[3] Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. 505, 19 ff.

[4] WA Br 4, 375, 3.

[5] WA 45, 390, 1-14.

[6] WA 40, II, 560, 34-36)

[7] WA 2, 605, 6f.

[8] WA 8, 49, 31 f.

[9] „…in ipsa fide Christus adest“ WA 40, I, 228, 18 ff zu Gal 2, 20; vgl. Eph 3, 17.

[10] WA 10, I, 390.

[11] Augsburgisches Bekenntnis Artikel 7 und 8.

[12] Beitrag zum Gespräch – Wurde in dem an den Vortrag anschließenden Gespräch in Kurzfassung vorgetragen

[13] Dokumentation: Um Verkündigung und Ordnung der Kirche. Die Bekenntnissynoden der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union 1934-1943. Hg. von Wilhelm Niesel, Bielefeld 1949. Kirchliches Jahrbuch 1933-1944, hg. Von Joachim Beckmann. Gütersloh 1948.

[14] Im Wort des Herrn Mat 18, 15-17 findet sich dazu eine klare Anleitung, die in allen drei Schritten eingehalten werden sollte. Der letzte Schritt ist mit dem Ausschluss der disziplinarische Akt, der dann auch vor der Öffentlichkeit der Gemeinde vollzogen wird.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 28. Mai 2015 um 17:00 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Theologie.