Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Ein neues Lehramt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf Abwegen.

Freitag 20. Februar 2015 von Prof. Dr. Gerhard MĂĽller DD


Prof. Dr. Gerhard MĂĽller DD

Lernen, Lehren, Lernen

Wir sind vom Anfang unseres Lebens an auf Lernen angewiesen. Zuerst nehmen wir mit den Ohren wahr, dann mit den Augen. Wir lernen Worte. Wir erkennen Bilder. Bevor wir andere belehren wollen, tun wir gut, umfassend zu lernen. Auch wer lehrt, muss am Lernen bleiben. Er oder sie lernen häufig auch von denen, die sie eigentlich unterrichten. Sie versuchen zugleich, auf dem Laufenden zu bleiben: Was andere erkannt haben, gilt es kritisch zu rezipieren oder auch zu korrigieren. Der Stand der Forschung ändert sich ständig.

Was allgemein gilt, das gilt auch für die Christenheit. Von Anfang an hat sie von den sie umgebenden Kulturen gelernt. Sie wollte andere verstehen und auch in der Lage sein, die frohe Botschaft Jesu verständlich zu Gehör zu bringen. Im deutschen Protestantismus, der „Kirche der Freiheit“ – früher sprach man von der Kirche Jesu Christi –, gibt es an vielen Orten und bei vielen Gelegenheiten Lehre. Trotz Selbstbewusstsein, trotz Klugheit und trotz Unsicherheit müssen alle, die in der Kirche lehren, sich stets fragen: Was habe ich eigentlich zu lehren? Wir handeln dann richtig, wenn wir Lernende bleiben und nachschauen, was andere neben und vor uns gesagt haben. Die Reformatoren haben sogar „reine Lehre“ gefordert, also nichts Unreines, nichts Falsches darf vorgetragen werden. Denn von dieser Lehre hängt ab, ob wir in Herz und Gewissen getroffen werden und uns auf den schmalen Weg begeben, der zum Leben führt, wie Jesus das von uns in seiner Bergpredigt gefordert hat.

Das Dilemma

Wer bestimmt, was „reine Lehre“ ist? Für die orthodoxen Kirchen ist es klar: „Wir halten uns an die Beschlüsse der alten orthodoxen Konzilien. Dem Entgegenstehendes kann und darf es nicht geben.“ So sagen sie. Aber die orthodoxen Kirchen haben unterschiedlich viele altkirchliche Konzilien und deren Entscheidungen angenommen. Deswegen ist ihre Lehre nicht identisch, auch wenn wir davon wenig oder gar nichts merken, weil uns ihre Sprachen fremd und die meisten orthodoxen Kirchen kaum bekannt sind.

Einfacher ist das, so meinen wir, bei der römisch-katholischen Kirche. Seit 1870 gibt es das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Wenn er „ex cathedra“ spricht über den Glauben und die Sitten, dann ist das von ihm Festgelegte für alle Gläubigen verbindlich. Dieses Dogma ist bisher nur einmal angewandt worden: Papst Pius XII. hat 1950 die leibliche Himmelfahrt Marias, der Mutter Jesu, zu geltendem Glaubensgut erklärt. Die römisch-katholische Kirche war also sparsam mit der Anwendung des Dogmas von 1870. Die „normalen“ Äußerungen des Papstes gehören aber auch zu seinem Lehramt. Jedoch haben sie nicht das Gewicht wie die feierlich festgelegten (ex cathedra-) Dogmen. Sind sich nun die römisch-katholischen Christen immer ganz einig? Aus unseren Gesprächen und Diskussionen mit ihnen wissen wir, dass es auch bei ihnen ganz unterschiedliche Auffassungen und Meinungen gibt. Manche haben gesagt, viele umstrittene theologische Lehren seien in dieser Kirche in die Mönchs- und Nonnenorden verlegt und dadurch ausgegrenzt beziehungsweise „eingehegt“ worden. Von dieser Kirche wurde im Mittelalter mit dem Staat gestritten, wer von ihnen wichtiger sei. Während dieses Kampfes um die Macht wurde den Gegnern von Reichtum und Macht, den Franziskanern, erlaubt, total arm zu leben. Sie wurden anerkannt und doch gleichzeitig in Klöstern gebändigt. Faktisch hat also auch die römisch-katholische Kirche Probleme, die reine Lehre festzulegen oder gar durchzusetzen. Das hat immer auch mit der Theologie zu tun, genauer gesagt: mit der Vielzahl von Theologien.

Nun die protestantischen Kirchen. Die Bibel ist alleiniger Maßstab der Lehre. Das klingt in unseren Ohren gut und überzeugend. Aber es gibt unterschiedliche Aussagen in der Heiligen Schrift. Manche sagten in der Reformationszeit im 16. Jahrhundert: „Ich schwöre nicht. Meine Rede ist ja oder nein.“ So hatte Jesus es vorgeschrieben. Und das nun in deutschen Städten, in denen für alle möglichen Bagatellen Eide gefordert wurden. Andere erklärten: „Wer glaubt und getauft wird, wird selig. Deswegen lasse ich mich noch einmal taufen, nachdem ich meinen Glauben öffentlich bekannt habe.“ Und das in einem Reich, in dem dessen Kaiser die Taufe von Säuglingen christlicher Eltern verfügt hatte. Dann gab es Streit über das heilige Abendmahl. Luther erklärte seinem Kontrahenten Ulrich Zwingli aus Zürich: „Ihr habt einen anderen Geist.“ Das Tischtuch war dadurch zerschnitten. Denn es gibt nur einen Heiligen Geist. Wenn wir einander den absprechen, dann verbindet uns nichts mehr. Es führt also kein Weg um die Aufgabe herum, sich klar zu machen, worauf es wirklich ankommt und wo und wie wir aufeinander zugehen und miteinander arbeiten können. Das Lehramt kann auch bei uns nur mit der Bibel und unserem sachlichen Denken ausgeübt werden. Für Macht ist hier kein Platz. Sollte man denken.

Ein ganz gewöhnlicher Vorgang

Am 3. Dezember 2012 wurde in der Wittenberger Schlosskirche die Prachtausgabe einer neuen Bibelausgabe, die „Jerusalem“ auf dem Titelblatt trägt, gemeinsam von Bild-Zeitung, der EKD und der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche vorgestellt. In ihr wurde die Übersetzung Martin Luthers in der Revision von 1984 verwendet. Bei der Präsentation lobte Vizepräsident Thies Gundlach von der EKD Luthers Übersetzung und sprach sich für deren Verwendung aus. Der emeritierte Bischof der „Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche“ Jobst Schöne rühmte den niedrigen Preis dieser Prachtausgabe (€ 49,99) und verglich ihn mit dem einer Bibel im 16. Jahrhundert: Damals habe man dafür den Wert eines zentnerschweren Schweins auf den Tisch legen müssen. Der Quadriga-Verlag hatte sich diese Publikation also etwas kosten lassen. Das kann im Internet nachgelesen werden. Nun aber zur Vorgeschichte dieser Festveranstaltung.

Das Lehramt der EKD

Der Quadriga-Verlag plante diese Ausgabe. Für die Übersetzung der Luther-Bibel in der Fassung von 1984, die heute gebräuchlich ist, besitzt die EKD die Verlagsrechte. Der Verlag plante Geleitworte, unter anderem eines von Bischof Younan, dem Präsident des Lutherischen Weltbundes, wohnhaft in Jerusalem, und eine Einführung „Wie man sich in die Heilige Schrift einlesen kann“ von Bischof em. Jobst Schöne. Die EKD forderte, dass auch Präses i. R. Nikolaus Schneider, damals Vorsitzender des Rates der EKD, ein Vorwort schreiben müsse („das erklärte die EKD ‚für unerlässlich und im Grunde für ausreichend’“). Dem fiel ein anderes Geleitwort, das ebenfalls geplant und bereits verfasst war (nämlich von Bischof Hans-Jörg Voigt) auf Veranlassung der EKD zum Opfer.

Nun hatte sich Jobst Schöne offenbar daran erinnert, dass Martin Luther gesagt hatte, in der Bibel sei unbedingt wichtig, was Jesus Christus betrifft, „was Christum treibet“. Was macht man dann mit dem Alten Testament, der Bibel Jesu? Luther sagte: Die Psalmen sind für mich Gebete Jesu – bekanntlich hat Jesus einen davon am Kreuz gebetet. Der „Juden Sachsenspiegel“, also die alttestamentlichen Gesetze, interessierten ihn dagegen gar nicht. Er hielt sie für alle Christen für überholt und unwichtig. Aber das Christuszeugnis des Alten Testamentes war ihm wichtig: die prophetischen Weissagungen auf Christus, „der mit den Wolken kommen wird“, der leidende Gerechte von Jesaja 53 und anderes mehr. Über das erste Buch der Bibel 1. Mose hat er jahrelang bis zu seinem Tod Vorlesungen gehalten und den Studenten die Weisheit Gottes auf Grund dieses Textes nahe bringen wollen. Für alle christlichen Kirchen sind das Alte und das Neue Testament zusammengehörig, eine Einheit. Nicht immer muss man diese Einheit wie Luther deuten. Wir werden heute den historischen Sinn der biblischen Schriften kritischer als der Reformator berücksichtigen. Wir Christinnen und Christen werden aber nicht das Alte Testament ohne die Auslegung des Neuen lesen wollen. Das sieht dann immer noch unterschiedlich genug unter uns aus. Das kann bei unserer begrenzten Einsichtsfähigkeit auch kaum anders sein. Das kann sogar sehr gut sein, damit wir besser ins Gespräch kommen und nicht nur die Heilige Schrift besser verstehen lernen, sondern auch unsere unterschiedlichen Ausgangs- und Ansatzpunkte.

Die EKD aber – ich entnehme das einer „Klarstellung“ in einem Gemeindebrief – schrieb: „Es ist in der EKD Konsens, dass das AT ein Eigenrecht hat und nicht nur und nicht zuerst als Christuszeugnis gelesen werden kann [Indikativ!] und sollte.“ Jobst Schöne hatte geschrieben: „nach christlichem Verständnis läuft in diesen Schriften [des Alten Testaments] alles auf den einen zu, der sich als der Sohn Gottes offenbart hat: Jesus Christus… Vom Neuen Testament her lesen und verstehen Christen auch das Alte Testament.“ Ich weiß, dass das in unseren protestantischen Kirchen nicht (mehr) alle so reden und glauben. Für seine Meinung kann das Kirchenamt natürlich Zeugen benennen. Aber auch sein Satz bedarf der Interpretation – wie auch der von Jobst Schöne. Seine Aussage wird jedoch vom Großteil der weltweiten Christenheit geteilt. Die EKD missbilligte diesen Satz jedoch mit den Worten: „Es würde in unseren Reihen erhebliche Irritationen auslösen, wenn diese Sätze unverändert abgedruckt würden.“ Hat das Kirchenamt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Reih und Glied antreten und abstimmen lassen? Wohl nicht. Eher versteht man sich dort als Sprachrohr der Kirchen, die ihr angehören, also eines großen Teils des deutschen Protestantismus. Über die schwierigen Fragen des Verstehens der Heiligen Schrift gibt es viele Arbeiten mit unterschiedlichen, ernst zu nehmenden Argumenten. Außerdem hört bekanntlich das Denken nicht auf – oder sollte es jedenfalls nicht.

Darf das Kirchenamt der EKD sich als das neue Lehramt verstehen? Eine einzige Lehre wird gebilligt, andere nicht. Wo liegt dafür die theologische Begründung, von der juristischen ganz zu schweigen? Nun hat Jobst Schöne seine Einführung namentlich unterzeichnet und dadurch ausgedrückt, welche Meinung er persönlich vertritt. Die kann der Leser annehmen oder ablehnen. Die EKD aber verfügte, dass der Text geändert werden muss. Das nannte man früher Zensur. Übrigens auch heute noch.

Manche besonders heiße Lutherverehrer wollen ihn zum Vater der heutigen Meinungsfreiheit machen. Das war er aber – leider – nicht. Zensur gab es bis zum 19. Jahrhundert in deutschen Kirchen. Danach hat der Staat eingegriffen, wenn ihm Äußerungen aus Kirchen bedenklich erschienen. In Deutschland ist dies in großem Maß während der Jahre 1933 bis 1945 geschehen. Noch stärker hat die Deutsche Demokratische Republik es verstanden zu verhindern, dass irgendetwas gedruckt wurde, was dem Staat missliebig war. Was an Büchern und Zeitschriften erschien, musste vorher geprüft worden sein. Das ist noch gar nicht so lange her.

Anstatt zu sagen, jeder Autor ist für seine Klug- oder/und Dummheiten selbst verantwortlich, wird verlangt, einen dem Kirchenamt der EKD genehmen Text zu formulieren. Hier scheint mir das Abgehobensein dieses Amtes von aller Wirklichkeit greifbar. Wir leben in einem multireligiösen und multikulturellen Land. Aber nicht die Vielfalt theologischer Deutungen gilt, sondern nur die fest geschlossenen „Reihen“ der Vertreter einer einzigen Meinung. Damit kehrt die Zensur im Zeitalter des Internets in die deutsche evangelische Christenheit zurück. Meinungsfreiheit wird nicht einmal einem Autor zugebilligt, der gar nicht Glied der EKD ist. Aber allen Gliedern der Mitgliedskirchen der EKD wird unterstellt, sie teilten die von der EKD verfügte Auffassung. Diese Glieder zu fragen, wird unterlassen. Weiß man allein in diesem Kirchenamt, was wahr ist?

Wer in einem Lehramt steht oder gestanden hat, sei es in einem akademischen oder in einem kirchlichen, der weiß, dass er Menschen die Vielfalt möglicher Auffassungen nahe bringen muss, wenn er sie denn „lehren“ und nicht mit seinen persönlichen Grenzen oktroyieren will. Er oder sie kann sich im Lehramt nicht als einsamer Hort der Wahrheit hinstellen, sondern er und sie müssen versuchen, die unterschiedlichen Meinungen möglichst zusammen zu halten. Das ist schwer genug. Aber Verfügungen gegenüber einem kleineren Partner zeigen nur, dass die christliche Maxime eines anständigen Umgangs miteinander hier verletzt wurde. Wo nur das Große beachtet wird, die Millionen etwa (andere sagen: der Zeitgeist etwa), da kann man leicht in solches Verhalten geraten. Dagegen gilt: „Im Reich Gottes wird nicht gezählt, sondern gewogen“ (Wolfgang Trillhaas).

Martin Luther war Hochschullehrer. Er hatte sich eidlich verpflichtet, nichts als die Wahrheit zu lehren. Eine andere Autorität besaß er nicht. Er war ziemlich allein. Aber viele gesellten sich dazu. Heute sind die Austrittsziffern aus unseren Kirchen erheblich. Wer von solch angemaßter Autorität eines eigenen Lehramtes lebt und diese durch Zensur verwirklicht, ist auf einem Abweg. Er braucht sich über Entscheidungen anderer nicht zu wundern, die diese Abwege nicht mitgehen.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 20. Februar 2015 um 19:26 und abgelegt unter Allgemein.