- Gemeindenetzwerk - https://www.gemeindenetzwerk.de -

Das Gericht und der Richter

Predigt über Matthäus 25,31-45 am 2. Sonntag im Advent

Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in Seiner Herrlichkeit, und alle heiligen Engel mit Ihm, dann wird Er sitzen auf dem Stuhl Seiner Herrlichkeit; und werden vor Ihm alle Völker versammelt werden. Und Er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet; und wird die Schafe zu Seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu Denen zu Seiner Rechten: kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seyd zu mir gekommen.

Dann werden Ihm die Gerechten antworten, und sagen: HErr, wann haben wir Dich hungrig gesehen, und haben Dich gespeiset? Oder durstig, und haben Dich getränket? Wann haben wir Dich einen Gast gesehen und beherberget? Oder nackend, und haben Dich bekleidet? Wann haben wir Dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu Dir gekommen? Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir gethan. Dann wird Er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset. ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besuchet. Da werden sie Ihm auch antworten: HErr, wann haben wir Dich gesehen hungrig, oder durstig, oder einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und haben Dir nicht gedienet? Dann wird Er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht gethan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt ihr Mir auch nicht gethan. Und sie werden in die ewige Pein gehen; aber die Gerechten in das ewige Leben.

Daß ein Gericht, eine göttliche Entscheidung unseres ewigen Schicksals, die durch unser inneres und äußeres Verhalten in dieser Welt bestimmt wird, auf uns warte, wovon unser Evangelium ausführlichen Bescheid gibt: das braucht man den Menschen nicht zu beweisen. Eine tiefe Ahnung dieses zukünftigen Gerichtes ist dem Menschen in das Herz geschrieben. Auch die Heiden, die noch nichts vom Gesetze wissen, haben diese Ahnung. Denn ihre Gedanken, die sich in ihrem Herzen unter einander entschuldigen und verklagen, zielen auf einen Tag hinaus, an welchem Gott das Verborgene der Menschen richten wird durch JEsum Christum (Röm. 2,16.16.). Jede inwendige Bestrafung unseres Gewissens ist eine Anzeige davon, daß ein Gerichtstag bevorstehe. Die Lehre vom jüngsten Gericht gehört darum auch unter die Lehren, welche die Menschen leicht glauben. Ein natürlicher Mensch kann sie glauben; es gehört eben keine Erleuchtung des Heiligen Geistes dazu. Das Gewissen des natürlichen Menschen ist Zeugniß genug für die Wahrheit dieser Lehre.

Aber die Menschen sind Lügner; auch die natürlichen, schon durch Vernunft und Gewissen begründeten Wahrheiten würden nach und nach unter ihren unreinen Händen entstellt, durch Betrug der Sünde verdunkelt, durch die Bosheit und Täuscherey der finstern Kräfte verkehrt, oder ganz in Vergessenheit gebracht werden, wenn nicht Gott diesem Unheil von jeher vorgebeugt hätte. Wie weit es die menschliche Verkehrtheit in dieser Hinsicht treiben könne: davon haben wir ein wichtiges Beispiel an dem Wege aller Heiden. Leset das erste Kapitel des Briefes an die Römer, und erkennet daraus, wie durch den Unverstand die Finsterniß und die Bosheit der Menschen die Offenbarung, die Gott von Seiner ewigen Kraft und Gottheit in der Schöpfung gegeben hat, in Lüge und Thorheit verwandelt worden ist. Und wahrlich! auch unsere Zeit ist auf dem Punkte, durch die überhandnehmende Ungerechtigkeit und Lüge unter dem Schein der Weisheit sogar das, was man natürlicher Weise durch das Gewissen, die Vernunft und den gesunden Menschen-Verstand wissen kann, zu verkehren und zu verdrehen.

Weil nun der himmlische Vater gesehen hat, daß wir Menschen verkehrten Herzens, und von dem Geist der Lügen durchdrungen sind; weil Er gesehen hat, daß auch die Lehre von einem künftigen Gerichte, welche doch tief in des Menschen Herz eingeschrieben ist, nach und nach durch Ungehorsam gegen die Wahrheit würde verdunkelt oder gar verdrängt werden, so hat Er es den Menschen von jeher sagen lassen, daß ein Gericht auf sie warte. So hat schon Henoch, der Siebente von Adam, vom zukünftigen Gerichte geweissagt (Jud. 14.15); so finden wir diese Lehre von einem zukünftigen Tag des HErrn häufig im Alten Testamente ausgesprochen, z.B. Pred. 12,14. Dan. 7,10.26. – und im Neuen Testamente haben der Heiland und Seine Apostel nicht bloß in der Stelle unseres Evangeliums, sondern auch sonst an vielen Orten ausführliche Zeugnisse davon niedergelegt. Doch eines der ausführlichsten Zeugnisse gibt unser heutiges Evangelium an die Hand. Wir wollen deßhalb dasselbe genau betrachten, und ich will euch mit Gottes Hülfe vorstellen: das zukünftige letzte Gericht.

Wir wollen hierbey in’s Auge fassen,

I. den Richter und die, welche gerichtet werden;

II. den Maßstab, nach welchem gerichtet werden wird;

III. den Ausspruch oder das Urtheil des Richters.

O JEsus, Du Richter alles Fleisches, hilf uns, daß wir uns von Deinem Worte und Geiste hier schon richten lassen, damit wir nicht dem unerträglichen Zorne Gottes anheimfallen! Amen.

I. Der Richter und die, welche gerichtet werden

Liebe Zuhörer! Gegenwärtig ist es noch nicht so in der Welt, wie es seyn wird, wenn unser heutiges Evangelium einmal in Erfüllung geht. Gegenwärtig ist noch Alles untereinander, Gute und Böse, Glaubige und Unglaubige, Kinder Gottes und Kinder der Welt, Schafe und Böcke. Alles läuft in bunter Mischung durch einander. Des Menschen Sohn, der nach unserem Evangelium in der Herrlichkeit kommen wird, ist gegenwärtig noch von Einigen geachtet, von Andern verachtet; Einige glauben an Ihn, Andere glauben nicht an Ihn; Vielen ist Er der gleichgültigste Mann. Die Gesegneten des Vaters, welche das Reich ererben sollen, das ihnen bereitet ist von Anbeginn der Welt, sind noch verborgen; man kennet sie nicht; man mißkennet sie häufig; man schätzt sie gering; sie sind verachtete Lichtlein; sie sind Brüder und Schwestern Dessen, der auch einst durch die Welt gieng, und die Welt kannte Ihn nicht, ob Er wohl der Eingeborne des Vaters war. Die Verfluchten, die dann in das ewige Feuer gehen müssen als Theilnehmer der Strafe des Teufels, sehen jetzt noch gar nicht solchen Verfluchten gleich; sie sind oft im äußeren Ansehen; sie sind oft im äußeren Wohlstande; sie lassen es sich oft wohl seyn in dieser Welt; sie sind oft als die rechtschaffensten, ehrlichsten, klügsten, sogar menschenfreundlichsten Leute geachtet; ja, sie stehen oft im Geruche der Frömmigkeit; sie können oft über die Maaßen gut vom Christenthum und vom Heiland reden; sie können oft recht schön beten; man hält sie oft für Schafe, ob sie gleich nichts sind denn Böcke. So geht Alles dahin in dieser Weltzeit; der Böse ist immerhin böse, und der Unreine ist immerhin unrein; der Fromme aber ist immerhin fromm, und der Heilige ist immerhin heilig; es geht Alles in Einem Zuge fort; man sieht es dem Betragen der Menschen nicht an, daß es auf eine so ernstliche Entscheidung hinausziele; man sieht es dieser Weltzeit nicht an, daß sie eine Saatzeit ist, auf welche eine so ernsthafte, eine so feierliche Ernte folgen werde. Der Tag der Offenbarung, des Gerichts, der Scheidung und der Entscheidung ist noch nicht gekommen.

Aber dieser Tag wird kommen. So gewiß wir ein Gewissen in uns haben, und Gedanken, die sich unter einander verklagen und entschuldigen; so gewiß JEsus das erste Mal in Seiner Niedrigkeit erschienen; so gewiß Er von den Todten auferstanden und zum Vater gegangen ist; so gewiß von Seinen Worten bis jetzt keines gefehlt hat: so gewiß wird auch dieses Wort nicht fehlen; der Tag wird kommen, der Tag, der brennen soll wie ein Ofen, an welchem die Gottlosen und Verächter werden Stroh seyn, der Tag, an welchem der Schlangensame und der Weibessame wird auseinander gelesen, und diesem die ewige Freude, jenem aber die ewige Pein wird zugewiesen werden. Des Menschen Sohn wird kommen in Seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit Ihm; und Er wird sitzen auf dem Stuhle Seiner Herrlichkeit, und werden vor Ihm alle Völker versammelt werden; und Er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.

Wie ganz anders wird es dann seyn, als es vor 1800 Jahren war, und als es jetzt noch ist. Vor 1800 Jahren kam JEsus als ein armer Mensch; als Er zu den Thoren von Jerusalem einritt, konnte ein Welt-Auge von Seiner Herrlichkeit wenig oder nichts sehen. Bald darauf übergab Er Sich in die Hände Seiner Feinde, die den Muthwillen und die Bosheit ihres finstern Herzens an Ihm verüben durften; Er starb am Kreuze, wie ein Missethäter stirbt – nackend, in der alleräußersten Verachtung hieng Er da am Kreuz zum Spott und Hohn Seiner Feinde, und starb. Aber auch jetzt noch siehet ein Welt-Auge nichts oder wenig von Seiner Herrlichkeit; Er hat Sich verborgen in Gott; Sein Reich ist ein Kreuzreich; Sein Leben ist allenthalben unter der Schwachheit des Fleisches versteckt, durch die Niedrigkeiten des Kreuzes verächtlich gemacht vor den Augen der stolzen Welt. – Die Welt mit ihrer Lust, mit ihrer vergänglichen Pracht und Hoheit, ja, das glänzt in den Augen, das brüstet sich: – aber die Herrlichkeit des Reiches Jesu zu sehen, dazu gehören schon andere Augen, als die Vernunft hat; es muß geoffenbaret seyn vom Vater; denn diese Herrlichkeit ist verborgen, ist inwendig, ist eine Herrlichkeit des Glaubens; und was man glaubet, das siehet man nicht.

Aber es wird anders werden an jenem Tage. Des Menschen Sohn wird kommen in Seiner Herrlichkeit. In der Herrlichkeit, die Er hatte, ehe die Welt war; die Er nun wieder angenommen hat, seit Er sich gesetzt hat zur Rechten der Kraft; mit dieser Herrlichkeit wird Er aus Seiner Verborgenheit herausbrechen, und es wird Ihn sehen alles Auge. Der Mann, welcher in Bethlehem geboren wurde; der schon in Seiner Kindheit vor Herodes fliehen mußte; der Mann, welcher in Nazareth mit Seinem Pflegvater auf dem Handwerke arbeitete; der Mann, welchen Sein Volk von sich stieß; der Mann, den sie in’s Angesicht schlagen durften und sprechen: „weissage uns, Christe, wer ist es, der Dich schlug?“ – der sich unter allen diesen Mißhandlungen und Bosheiten als das sanftmüthigste Lamm bewies; der unbekannte Mann, den ich euch immerwährend predige, der aber allen weltlich-gesinnten Menschen unbekannt ist und bleibt, und mit dem Hereindringen des Geistes dieser Zeit immer mehr wird: – dieser JEsus von Nazareth wird wieder kommen in Seiner Herrlichkeit. Er wird wieder kommen in dem Leibe, den Er auf Erden an Sich getragen hat; in dem Leibe, der die Gestalt des sündlichen Fleisches hatte; als Menschen-Sohn wird Er wieder kommen; an Seinen fünf Wunden, die Er noch an Sich trägt, die Er in die Unvergänglichkeit Seines Wesens aufgenommen hat, als ewige Zeugnisse dafür, daß Er der Hohepriester der Menschheit ist – an Seinen fünf Wunden wird man ihn erkennen. Aber sie werden nicht mehr von Blut triefen wie auf Golgatha, sondern sie werden mit unendlicher Gottes-Majestät und Herrlichkeit allen Menschen in die Augen leuchten; den Gläubigen zwar zu unbeschreiblicher Freude, den Ungläubigen aber zu schreckensvoller Pein. – „Diese“ – heißt es – „werden sehen, in wen sie gestochen haben, und werden heulen; ja heulen werden alle Geschlechter der Erde“ (Offenb. 1,7.).

So wird Er kommen vom Himmel mit einem Feldgeschrey, mit der Posaune Gottes und mit der Stimme des Erzengels; alle heiligen Engel werden mit Ihm seyn. Diese, Seine Diener, deren Dienst Er verläugnet hatte, da Er in der Niedrigkeit des Fleisches wandelte; die Engel, die gleich bey Seiner Geburt ihre Loblieder sangen, die Ihn, da Er auffuhr zum Vater, mit Jauchzen empfiengen (Psalm 47,6.); diese Tausendmaltausend, die um Seinen Thron stehen, und Ihm die Ehre geben – diese werden Ihn begleiten. Und dann wird Er sitzen auf dem Stuhl Seiner Herrlichkeit als der Richter.

Da werden dann vor Ihm versammelt werden alle Völker, beyde, Kleine und Große; Knechte und Freie, Reiche und Arme; Gläubige und Ungläubige; Alles, was Mensch heißt von Adam an bis auf den Letzten, der vor Seiner Zukunft geboren wird, wird vor Ihm stehen und Ihn sehen müssen. O meine lieben Zuhörer, da werden wir auch dabey seyn: auch uns wird Seine Herrlichkeit in die Augen strahlen. Wird man da auch noch zweifeln können? Wird man da auch noch läugnen können? Wird man da auch noch die Nase rümpfen können über den Glauben an Sein Wort, wie man es hier gethan, und die Kraft Seines Wortes mit einem hochmüthigen, selbstweisen Lächeln von sich abgewiesen hat? Oder wird man fliehen können, wie man etwa jetzt flieht vor der scharfen Zucht Seines Geistes, und mag nicht in die wüsten Abgründe seines Herzens und Lebens, und dem treuen Heiland nicht in die Augen sehen? Wird man da auch noch heucheln oder sich schminken können? Wird man da auch noch seine Blöße decken können mit ein Paar eiteln Trostgründen, womit man sich selbst getröstet hat, mit seiner selbstgemachten und selbstzusammengetragenen und zusammengeflickten Religion? Nein! – Sehen werden wir Ihn müssen; in Sein feuerflammendes, in Sein königliches, in Sein richterliches, sonnenhelles Auge werden wir hineinsehen müssen. Siehe, wenn du dich dann krümmst wie ein Wurm an der Sonnenhitze, wenn sie am Mittag brennt; hier mußt du stehen; hier mußt du aushalten; hier kannst du nicht von der Stelle weichen; hier mußt du in’s Licht, und mußt dich vom Lichte richten und durchscheinen lassen; wie JEsus sich dann offenbaren wird, so mußt auch du offenbar werden.

O liebe Zuhörer, jetzt kann noch ein Mancher die Schande seiner Blöße verbergen, und sich und Andere mit Heuchelschein betrügen. Es befindet sich gegenwärtig noch Mancher unter den Schafen, der eigentlich seinem Herzensgrunde nach ein Bock ist; ja Mancher steht selbst in dem Wahne, als ob er zur Heerde Christi gehöre, ob er gleich nicht dazu gehört; durch langgetriebenen Ungehorsam gegen die Zucht des Geistes kann man es endlich bis zu diesem Selbstbetruge bringen. Es ereignet sich auch zuweilen in dieser Welt, daß ein Bock vor einer Heerde Schafe einhergehet in Schafskleidern, und leitet sie und führt sie an, und ist doch ein Bock. Aber wann JEsus kommen wird in Seiner Herrlichkeit, dann wird es nicht mehr so seyn. Er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Der Anblick des Königs wird Jedem sein Urtheil zum Voraus sprechen; Seine Sonnenaugen, die unsichtbare Gottesgewalt, die Ihn umgibt, wird Jedem seine Stelle anweisen; mit unwiderstehlicher Macht wird Jeder hingetrieben werden zur Rechten oder zur Linken. Da werden die Larven herunterfallen; die Larve der bürgerlichen Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit, die Larve der sogenannten Bildung, die Larve des vergänglichen Reichthums oder des höheren Standes, die eigenliebige selbstgesponnene Tugendlarve, Alles wird weichen; – nur die Kleider der Gerechtigkeit Christi werden den Flammenblick des Richters ertragen; wer aber diese nicht wird aufweisen können, der wird dastehen in der Schande seiner Blöße, da sind wir Alle, wie wir sind, und werden um kein Haar besser aussehen, als wir sind. Deine Gedanken, deine Anschläge, deine verborgenen Herzensgedanken und Begierden, Alles, was die Finsterniß bedeckt, oder dein Mund als dein tiefstes Geheimniß verschwiegen hatte, dein ganzer inwendiger Mensch sammt allen seinen Werken und Früchten wird äußerlich – wird offenbar, bist du in der Wahrheit ein Schaf gewesen in dieser Welt, so wirst du unter den Schafen stehen: bist du ein Bock gewesen, so wirst du auf die linke Seite gehen müssen, du magst wollen oder nicht; denn bey Gott ist kein Ansehen der Person.

„Wir müssen offenbar werden vor dem Richterstuhle Christi“, sagt Paulus. O das ist ein schreckliches, Mark und Bein durchschneidendes Wort. Es kommt eine Zeit, wo das Scheinen aufhört. Wer bedenkt das recht? Was meinest du – wenn nur das, was in deinem Herzen seit gestern Abend bis diesen Morgen vorgegangen ist, was du gedacht, gefühlt, in deiner Einbildungskraft aufgenommen hast in dieser kurzen Zeit, ich sage, wenn nur dieses Stück deines innern Lebens vor dieser ganzen Versammlung herausgesagt, allen diesen Menschen Preis gegeben würde – wie Viele sind unter uns, die, wenn ihnen solches geschähe, sich nicht entsetzen, nicht zittern, nicht in den Boden sinken müßten vor Scham! An jenem Tage aber wirst du mit deinem ganzen Leben, mit der wahren Gestalt deines Herzens offenbar werden, du selbst mit deinem ganzen Wesen wirst offenbar werden. Was ist eine zeitliche Schande, welcher doch die Menschen, auch die groben Sünder und Uebelthäter, so eifrig zu entgehen suchen, in Vergleichung mit der großen Schande jenes Tages? – Was ist eine zeitliche Ehre, welche doch die Menschen so eifrig suchen, in Vergleichung mit der Ehre jenes Tages? –

II. Der Maßstab, nach welchem gerichtet werden wird

Wenn nun die Böcke von den Schafen geschieden seyn werden, dann wird der Richter anheben zu richten. Aber nach welchem Maaßstabe wird Er es thun?

Wird Er nach unserem guten Namen fragen, den wir unter den Menschen gehabt haben? Oder wird Er darnach fragen, ob du ein guter Haushalter oder Haushälterin gewesen seyest? Oder wie oft du zur Kirche und zum heiligen Abendmahl gegangen seyest? Oder ob du dich zu den sogenannten Frommen gehalten habest? Liebe Zuhörer, diese Dinge sind alle gut, aber darnach wird der Richter doch nicht hauptsächlich fragen. Was meinet ihr? Meinet ihr, es werde sich darum handeln, ob wir das Christenthum und den Glauben an den Heiland gut im Kopfe gehabt haben? Oder meinet ihr, der Richter alles Fleisches werde Schule halten an Seinem großen Tage, und uns über die Sprüche abhören, die wir auswendig können? Oder meinet ihr, das werde den Ausschlag geben, wenn wir von dem Christenthum gut reden oder schwatzen konnten? Ja, es wird einen Ausschlag geben in der Wage des Richters, einen mächtigen Ausschlag, wenn wir aus seiner Heilslehre, aus Seinem Evangelium ein Geschwätz gemacht haben, ein saft- und kraftloses Geschwätz, wenn wir die Gottseligkeit für ein Gewerbe gehalten, und handwerksmäßig getrieben haben; – aber der Ausschlag wird nicht zu unserem Vortheile ausfallen, sondern zum ewigen Schaden.

Wornach wird denn der König vornehmlich fragen? Antwort: Zu Denen zu Seiner Rechten wird Er sagen: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset; Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket; Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherberget; Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet: Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuchet; Ich bin gefangen gewesen, und ihr seyd zu mir gekommen. Denn, was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan. Zu Denen zu Seiner Linken wird Er aber sagen: Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset; Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränket; Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherberget, Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet; Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besuchet. Denn, was ihr nicht gethan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan.“ Wie sollen wir dieß verstehen?

Es hat in unsern Tagen Leute gegeben und gibt noch solche, die das ganze Christenthum in diese guten Werke, welche der Heiland hier anführt, in ein menschenfreundliches, artiges, gefälliges, mit Werken der Liebe gegen den Nächsten verbundenes Betragen gesetzt haben und noch setzen. Sie sagen: „auf das Glauben kommt es eben nicht an, sondern auf das Thun; glaube, was du willst, thue, was du kannst.“ Sie berufen sich, um ihrem Irrthum einen rechten Anstrich zu geben, eben auf solche Stellen der heiligen Schrift, wie die ist, die wir heute betrachten, und wollen behaupten, man sehe es ja hier gar zu deutlich, daß der Heiland auch Alles auf Liebeswerke setze. Liebe Zuhörer, es ist hier der Ort nicht, diesen groben Irrthum zu widerlegen; es ist auch nicht der Mühe werth. Das wissen wir doch Alle, daß einem hungrigen Menschen ein Stück Brod reichen, oder einem Durstigen einen Trunk Wassers, oder hin und wieder einen Kranken besuchen, oder überhaupt seinem Nächsten Gefälligkeiten erweisen – das wissen wir, sage ich, daß dieß Alles noch keinen Christen macht. Dieß Alles wird und muß ein wahrer Christ thun, ja noch mehr als dieses, geizig und hart gegen den Nächsten seyn und ein Christ seyn, das taugt nimmermehr zusammen. Aber wenn auch ein Mensch nicht geizig ist, so ist er doch darum noch kein wahrer Christ. Wie viele Leute gibt es in der Welt, die gutherzig und wohlthätig sind gegen Arme und Elende, und Barmherzigkeit üben, ja, die für Menschenfreunde gelten, und sind doch Kinder der Hölle, zweifältig mehr denn andere. Merket also wohl; so dürfet ihr die Worte unseres Evangeliums nicht verstehen, als ob der Heiland am jüngsten Tage nach etlichen äußerlichen Werken richten werde. Das sey ferne von Ihm, der doch der gerechte Richter alles Fleisches ist. Würde Er darnach richten, so wüßte ich nicht, warum überhaupt Menschen zu Seiner Linken stehen sollten. Denn es ist wohl kein Mensch in der Welt, der nicht hin und wieder einen Hungrigen gespeist, oder einen Durstigen getränkt, oder einen Kranken besucht hätte. Nein! der Heiland wird an Seinem Tage ein viel tieferes, ein viel einschneidenderes Gericht richten.

Er wird sagen: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket u.s.w. Was ihr gethan habt oder nicht gethan habt Einem unter meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan oder nicht gethan.“ Auf die Worte: „ich, mich, mir, mein“ müssen wir merken. Der Heiland wird also richten nach dem Sinne, den wir für Ihn und die Seinigen in dieser Welt gehabt haben. Und das ist ein Gericht, wodurch nicht die Oberfläche, sondern der Grund des Herzens gerichtet wird.

„Wer euch aufnimmt“ – sagt der Heiland zu Seinen Jüngern – „der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt Den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen (darum, daß er ein Prophet ist), der wird eines Propheten Lohn empfahen. Wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen (darum, daß er ein Gerechter ist), der wird eines Gerechten Lohn empfahen. Und wer dieser Geringsten Einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränket in eines Jüngers Namen (darum, weil er ein Jünger ist), wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben“ (Matth. 10,40-42).

O meine lieben Zuhörer! bedenket dieses schwere, dieses nicht fleischliche, sondern geistliche, Herz und Nieren prüfende Gericht. Nicht die Größe oder äußere Gestalt unserer Handlungen gibt ihnen ihren Werth oder Unwerth, sondern der Sinn, der darunter liegt; der Trieb, aus dem sie hervorgegangen sind, bestimmt ihr Gewicht. „Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe“ – sagt der Apostel – „und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.“ Man kann Vieles thun aus Rücksicht auf das Urtheil Anderer, oder auch um den Forderungen, die man an sich selber stellt, Genüge zu leisten; man kann sich im Dienste Gottes und des Nächsten verzehren aus Eigenliebe und Eigengerechtigkeit, während man aus lauterer Liebe zum Heiland, aus einfältigem Gehorsam gegen Ihn keinen Strohhalm vom Boden aufzuheben im Stande ist. Wie ganz anders wird darum dieses Gericht ausfallen, als es sich der Weltsinn einbildet“ Da wird mancher pharisäische Mensch, der Unzähligen geholfen, und als Menschenfreund in ganzen Ländern bekannt war, zur Linken stehen müssen, und dem Feuer zugewiesen werden, während der Heiland auf der andern Seite einen Becher kalten Wassers, den man um Seinetwillen gereicht hat, ein Bekenntniß zu Ihm und Seinen geringsten Brüdern, das vielleicht nur in einem Blicke oder Worte bestand, nicht unbelohnt lassen wird. Wen die Vernunft oft fromm und selig preiset, den hat Er längst aus Seinem Buch gethan; was aber nicht in die Augen fiel, was übersehen wurde, was wohl gar verächtlich angesehen wurde vom hochmüthigen Weltgeiste, was aus der Demuth und dem lautern Liebestriebe gegen den Heiland floß; das ist aufgezeichnet in die Bücher Gottes; das wird jener Tag offenbaren, und der König aus Gnaden belohnen.

Wer ist denn nun tüchtig, solche Liebeswerke zu thun, die am Tage der Offenbarung bestehen mögen? Antwort: Nur Die, welche durch lebendigem Glauben Christo einverleibt sind. Wenn ein Mensch Jesum Christum wahrhaftig im Glauben ergriffen hat, so hänget er auch mit ganzem Herzen an Jesu; alle seine Gedanken fließen auf JEsum zusammen, auf den treuen Heiland, der ihn vom ewigen Tode freigemacht und unverdient zur Seligkeit gebracht. In dieser herzlichen Liebe thut der Mensch Alles um Jesu willen; er liebt JEsum in seinen, wenn auch geringen und vor der Welt unansehnlichen Brüdern; er schämt sich dieser Glieder seines Heilandes mitten unter einem unschlachtigen und verkehrten Geschlechte nicht; er überwindet und zerbricht seine liebste Lust, um dem Heilande zu gefallen; er überwindet um Jesu willen Geiz, Bequemlichkeitsliebe, Menschenfurcht, Menschengefälligkeit und alle die tiefen und verborgenen, oft vom Weltgeiste als Weisheit gerühmten Stricke, die der Liebe gegen die Brüder und dem Bekenntnisse zu der oft so unscheinbaren Sache des Heilandes im Wege stehen. So wird um JEsu willen der Hungrige gespeist, der Nackende gekleidet, der Durstige getränkt, der Kranke und Gefangene besucht; so werden noch viele andere Werke gethan; man thut es um des Heilandes willen; meint nicht, daß man etwas Sonderliches gethan habe; vergißt es auch bald wieder.

Sehet, das ist der Sinn, den wir haben müssen, wenn wir wollen vom Richter unter die Gesegneten Seines Vaters gezählt werden. Seine Reichssache muß unsere Herzenssache seyn. Das Geschwätz vom Christenthum macht’s nicht aus; auch das macht’s nicht aus, daß man aus Gewohnheit oder aus stinkender Eigenliebe dieß und das Gute thue; – ein Gewächs der Gerechtigkeit, ein Gewächs des Glaubens, der in Liebe thätig ist, ein Gewächs der Wiedergeburt muß in unsern Herzens seyn, das die Prüfung Dessen, der Augen hat wie Feuerflammen, aushalten kann. Wenn dieses nicht in uns erfunden wird an jenem Tage, so werden wir dem Feuer anheimfallen.

Und nun prüfe sich doch ein Jegliches, ob es in diesem Sinne stehe. Täusche sich doch ja Keines mit leeren Einbildungen! Siehe, wenn du nicht durch wahre Buße zum Glauben gekommen bist, wenn du nicht in der Gemeinschaft Jesu stehest, wenn du dich nicht täglich von Ihm im Geiste erneuern lässest, wenn du nicht unter der Zucht Seines Geistes stehest, und durch tägliche ernstliche Buße und Vergebung deiner Sünden gehest – siehe! so hast du diesen Sinn nicht; und wenn du diesen Sinn nicht hast, so bist du ein Kind des Verderbens, du seyest im Uebrigen, wer du seyest. Nun prüfe dich doch; nun gehe auch einmal in einen Ernst ein in deinem Christenthum; nun laß es dir auch einmal ein rechtes Anliegen seyn, daß du die Kraft JEsu Christi erfahren möchtest; komme als ein armer Bettler zu Ihm, bis Er sich dir zu erkennen gibt: siehe, es handelt sich um deine ewige Seligkeit; es ist wohl des Bittens und Anhaltens werth.

III. Der Ausspruch oder das Urteil des Richters

Denn was wird der König sagen zu Denen zu Seiner Rechten? „Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ O liebe Zuhörer, was wird das seyn, wenn man aus dem Munde des Königes diese Worte wird hören dürfen! Wenn Er uns „Gesegnete Seines Vaters“ heißet“ – Leute, auf welchen der Fluch des Gesetzes gelastet hatte, dessen sie aber losgeworden sind durch den Glauben an Christum, auf welchem nun das wohlgefällige Auge des Vaters ruht. Was wird es seyn, wenn man den Segen, wenn man das Reich ererben darf, das der Vater in Christo dem Menschen bereitet hat; wenn das Wort des Königes in Erfüllung geht, das Er noch in den Tagen Seines Fleisches dem Vater in das Herz gesagt hatte: „Vater, Ich will, daß, wo ich bin, auch die bey mir seyen, die Du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen, die Du mir gegeben hast.“ Was wird das seyn! Eingehen dürfen zur ewigen Ruhe, in die Stadt, wo kein Verbanntes, wo keine Sünde mehr ist, wo das Lamm ist, und Seine Knechte, die Ihm dienen und Sein Angesicht sehen, und nicht mehr hinausgehen müssen; ewig geborgen, ewig aufgehoben, aus aller Fährlichkeit von Innen und Außen gerettet seyn im ewigen Königreiche unsers Gottes – was wird das seyn!

Da wird man Freudengarben bringen,
Denn uns’re Thränensaat ist aus.
Welch‘ heller Jubel wird erklingen
Und süßer Ton im Vaterhaus!
Schmerz, Seufzen, Leid, Tod und dergleichen
Wird müssen flieh’n und von uns weichen;
Wir werden unsern König seh’n,
Er wird bey’m Brunnen uns erfrischen,
Die Thränen von dem Auge wischen,
Wer weiß, was sonst noch wird gescheh’n!
 

Aber wie schrecklich ist auch der andre Ausspruch aus dem Munde des Königes: „Gehet hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.“ Verfluchte nennt Er sie; in das ewige Feuer weist Er sie, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, nicht ihnen, denn Gott hatte sie nicht zum Zorn gesetzt, sondern die Seligkeit zu besitzen durch JEsum Christum; aber das hatten sie nicht gewollt. O es ist ein schrecklicher Ausspruch des Königes; es ist eine ganze Ewigkeit voll Zorns darin, und kein Tröpflein Gnade darunter.

Liebe Zuhörer, dieß ist das Endurtheils; bey diesem Urtheile hat es sein ewiges Verbleiben; über wen dieses Urtheil gefället ist, über den fällt der Richter fernerhin kein Urtheil mehr; wir lesen von keiner künftigen Abänderung oder Milderung in der Bibel. O, lasset uns das wohl bedenken! Jetzt leben wir noch in der Gnadenzeit, in der Bußzeit, in der Zeit der Aussaat. Wenn ein Mensch bis heute auf verkehrtem Sinn gewesen wäre, und er würde heute umkehren und Gott ernstlich suchen: so kann er noch Gnade finden, und noch sein Plätzchen zur Rechten erhalten. Dann aber, wann der Tag des HErrn erscheint, ist solches vorbey, auf ewig vorbey, dann ist die Gnadenzeit verscherzt; dann hat der Mensch sich selbst verloren, auf ewig verloren. Bedenket, was das heiße: sich selbst, nicht sein Geld oder Gut, nicht seinen Leib, sondern sich selbst auf ewig, unwiederherstellbar verloren haben.

Ich weiß nicht, was uns nüchtern machen soll, zu bedenken, was zu unserem Frieden dienet, wenn’s diese zentnerschwere Wahrheit nicht thut. Darum besinne sich, wer sich besinnen kann! Amen.

Ludwig Hofacker am 2. Sonntag im Advent

Quelle: www.glaubensstimme.de [1]