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Muslime distanzieren sich von Gewalt und Terror

Freitag 24. Oktober 2014 von Evangelische Zentralstelle fĂŒr Weltanschauungsfragen (EZW)


Evangelische Zentralstelle fĂŒr Weltanschauungsfragen (EZW)

Muslime in aller Welt haben den Terror und die brutale Gewalt des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) aufs SchĂ€rfste verurteilt und sich von der Ausrufung eines „Kalifats“ durch die Terrormiliz distanziert. In einem „Offenen Brief“ wandten sich im September 2014 mehr als 120 islamische Gelehrte direkt an „Dr. Ibrahim Awwad Al-Badri“ alias Abu Bakr al-Baghdadi, den AnfĂŒhrer des „Islamischen Staates“. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderen der Ă€gyptische Großmufti, hohe Vertreter der Azhar-UniversitĂ€t in Kairo, der jordanische Prinz Ghazi bin Muhammad sowie der frĂŒhere Großmufti von Bosnien-Herzegowina Mustafa Ceric und ein weiteres Dutzend europĂ€ischer Vertreter, aber auch viele Geistliche aus Nordafrika, Asien und den USA.

Schon zuvor gab es deutliche Reaktionen. So hatte sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland mehrfach eindeutig und mit einem klaren Bekenntnis zum Existenzrecht der Christen und der anderen Minderheiten in den Krisengebieten geĂ€ußert. Im Juli hatte die Organisation fĂŒr Islamische Zusammenarbeit (OIC) die Praktiken des IS fĂŒr unertrĂ€gliche Verbrechen erklĂ€rt, die mit dem Islam nichts zu tun hĂ€tten. Ähnliches war zu hören von Gelehrten aus Ägypten, Indonesien, von fĂŒhrenden britischen Organisationen und 100 britischen Imamen, von den Großmuftis Ägyptens und Saudi-Arabiens und vielen anderen. Anfang September haben sich sechs deutsche Wissenschaftler der universitĂ€ren islamisch-theologischen Zentren in Deutschland und eine große Zahl Mitunterzeichner in aller Deutlichkeit gegen die Perversion des Islam durch Extremismus und Gewalt ausgesprochen.

Der – im Original arabische – Offene Brief an al-Baghdadi hat in der englischen Version 17 Seiten und beinhaltet neben einer Zusammenfassung eine grĂŒndliche islamisch-theologische ZurĂŒckweisung des IS-Dschihads, die Punkt fĂŒr Punkt die als relevant erachteten religionsgesetzlichen Aspekte durchgeht und die IS-Ideologie mit einer FĂŒlle von Zitaten aus Koran und Sunna zu widerlegen sucht. Schon die Überschrift macht indes klar, dass es sich um eine Ermahnung zur Wahrheit unter GlaubensbrĂŒdern handelt, wie das erste Zitat Sure 103,1-3 belegt. Denn dies ist neben der ausfĂŒhrlichen Darlegung der recht verstandenen Regeln des Dschihad ein zentraler Aspekt des Briefes: Ohne spezifische GrĂŒnde, die zu etablieren hohe AnsprĂŒche stellt, könne einem Muslim (der sich selbst als solcher bezeichnet) das Muslimsein nicht abgesprochen werden (takfir). Den IS-KĂ€mpfern wird daher jegliche Legitimation etwa zur Ermordung von Muslimen bestritten, ihr Muslimsein jedoch – in Einklang mit der sunnitisch-murdschi’itischen Mainstreamtheologie – zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt. In Ă€hnlicher Weise werden auch das Töten von Unschuldigen, von EmissĂ€ren (was auf Journalisten angewandt wird) und von Yeziden (die aufgrund von Sure 22,17 zu den Dhimmis gerechnet werden), die Versklavung und unrechtmĂ€ĂŸige DemĂŒtigung von Frauen, die falsche Anwendung der („fraglos verpflichtenden“) Hudud-Strafen (Todesstrafe fĂŒr Apostasie und Ehebruch u. a.), Folter und VerstĂŒmmelung sowie weitere andere Verbrechen verurteilt. Das Kalifat – das als grundsĂ€tzliche Verpflichtung fĂŒr die Muslime betrachtet wird – könne nicht von einer einzelnen Gruppe ohne AutoritĂ€t ausgerufen werden. Der IS habe eine „verdrehte Theologie“, fasste einer der Mitunterzeichner zusammen, die den Islam missverstehe und falsch interpretiere. Denn der Prophet sei „als Barmherzigkeit fĂŒr die Welt“ gekommen (Sure 21,107), so auch der Islam insgesamt. Am Ende werden die IS-KĂ€mpfer aufgefordert, Buße zu tun und zur Religion der Barmherzigkeit zurĂŒckzukehren.

Der Brief ist keine offizielle Verlautbarung – die es in der Form, wie sie christlicherseits von kirchenleitenden Gremien bekannt ist, gar nicht gibt. Es handelt sich auch nicht um eine Fatwa, was man sich als religionsgesetzlich verbindliche(re) Äußerung hĂ€tte vorstellen können. Im Grunde wird hier eine – wohlbegrĂŒndete und fachkundig vorgetragene – Meinung formuliert. Der gesamte Duktus zeigt, dass diese Meinung im Prinzip die Augenhöhe mit dem Gegner sucht und auch so geĂ€ußert wird. Es wird kaum etwas grundsĂ€tzlich infrage gestellt, sondern die eigene, orthodox verstandene Auslegung der Auslegung in den Reihen des IS entgegengestellt. Der (gemeinsame!) Rahmen traditioneller Schariaregelungen wird indessen nicht tangiert, sondern durchgehend bekrĂ€ftigt. Das Denkmuster ist hier wie dort dasselbe.

Der Brief bestĂ€tigt mit hoher islamischer AutoritĂ€t zumindest eines: Der durchgehende Tenor praktisch aller distanzierenden Äußerungen auch hierzulande, der IS-Terror habe mit „dem Islam“ nichts zu tun, ist haltlos. Hier die „friedliche Religion des Islam“, dort die „Extremisten“ kann deshalb kaum ein erfolgversprechender Ansatz zur Verhinderung weiterer Radikalisierungsbiografien sein, weil die dringend notwendige innerislamische Auseinandersetzung ĂŒber den Geltungsbereich und die Geltungsweise des traditionellen Schariarahmens damit geradezu unterbunden wird.

Die Reaktionen und Distanzierungen vieler Musliminnen und Muslime sind zu begrĂŒĂŸen und enorm wichtige Signale. Sie mĂŒssen auch von der Gesellschaft ernsthafter wahrgenommen werden. Wirklich hoffnungsvoll stimmt die weithin verfolgte Strategie jedoch nicht, solange Tötungen von UnglĂ€ubigen eben nur auf die richtige Weise geschehen und den Frauen „ihre Rechte“ mit den bekannten EinschrĂ€nkungen der islamischen Tradition „nicht vorenthalten“ werden sollen.

Dr. Friedmann Eißler

Quelle: Newsletter der Evang. Zentralstelle fĂŒr Weltanschauungsfragen der Evang. Kirche in Deutschland (10/2014)

Offener Brief an al-Baghdadi vom 19.9.2014

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 24. Oktober 2014 um 16:16 und abgelegt unter Weltreligionen.