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Mord, Pogrom, Kreuzigung

Dienstag 30. September 2014 von Dr. Heinz Gstrein


Dr. Heinz Gstrein

Die Massaker in der Stadt Kessab und die Vertreibung der Christen erinnern an die Pogrome von 1860. Endet in unseren Tagen die Geschichte der syrischen Christenheit?

Baschar al-Assad ist seit Anfang Juni zum dritten Mal Staatsoberhaupt der seit 2011 vom BĂĽrgerkrieg geschĂĽttelten Arabischen Republik Syrien. Diesmal sogar nach angeblich freien Wahlen, bei denen immerhin erstmals Gegenkandidaten auftreten durften. Gewiss fĂĽr ihn gestimmt haben die meisten syrischen Christen.

Vor die Wahl zwischen den immer brutaleren politislamischen Aufständischen und dem zumindest in Sachen Religion toleranten Despoten von Damaskus gestellt, war Assad für sie das kleinere Übel. Dies umso mehr, als kaum mehr Aussichten auf seinen absehbaren Sturz oder wenigstens seine Ablösung bestehen, wie das zu Beginn des Bürgerkriegs noch angenommen werden konnte.

Der Konflikt um Krim und Ukraine hat den syrischen Bürgerkrieg aus dem internationalen Blickfeld gedrängt. Gleichzeitig führte der neue Kalte Krieg in Osteuropa zum Ende des amerikanisch-russischen Zusammenspiels im Syrien-Konflikt. Nicht einmal die Achse zwischen Washington und Moskau zur Vernichtung von Präsident Assads chemischen Kampfstoffen funktioniert mehr. In unmittelbarer Nähe von Damaskus ist wieder Giftgas eingesetzt worden. Ausserdem hat das Ende der Verhandlungen über einen Waffenstillstand zwischen dem Regime von Damaskus und den eher weltlich orientierten Kräften der oppositionellen «Syrischen Nationalallianz» auch zu deren Radikalisierung geführt.

Bei den Gesprächen in Montreux und Genf vom Januar und Februar war die Nationalallianz auch durch christliche Politiker vertreten. Nun wurden aber diese, mit dem profilierten Michel Kiloan der Spitze, aus dem Vorstand der Allianz entfernt. Deklarierte Politmuslime traten an ihre Stelle. Kein Wunder, dass Syriens Christen jetzt gar keine andere Chance mehr haben, als auf den Schutz des Assad-Regimes zu hoffen – beziehungsweise sich in dessen verbliebenen Herrschaftsbereich zu flüchten.

Der melkitische Patriarch Gregor III. Lahham, Oberhirte von Syriens stärkster christlicher Gemeinschaft, hatte eine solche Entwicklung schon zu Beginn des Bürgerkrieges erwartet und war dafür vor allem im westlichen Auslandheftig kritisiert worden. Man warf ihm vor, es mit den Machthabern und nicht mit dem «zukunftsweisenden» Aufstand zu halten. Die neuesten Entwicklungen haben ihm aber recht gegeben.

Bezeichnend dafür ist die österliche Rückkehr des neuen syrisch-orthodoxen Patriarchen ins umkämpfte Damaskus. Nach der regelrechten Flucht seines im März verstorbenen Vorgängers in den Libanon, weiter nach Arth am Zugersee in der Schweiz und zuletzt nach Deutschland hat Ignatius Aphrem II. Karim ostentativ wieder das Patriarchat am Thomastor (Bab Touma) der syrischen Hauptstadt bezogen. Dort hatten die Oberhirten der aramäischen (westsyrischen oder syrianischen) Christen nach einem Zwischenhalt in Homs 1927 aus der Türkei Atatürks in der Altstadt Zuflucht gesucht. Sowohl unter den Franzosen, die Syrien – und den Libanon – bis in den Zweiten Weltkrieg hinein als «Mandat» des Völkerbundes verwalteten, wie unter den folgenden nationalarabisch-säkularen Regimen bis hin zu Vater Assad und dessen Sohn hatten sich diese Syrisch-Orthodoxen mehr oder weniger grosser Ruhe erfreut.

Als aber, seit 2011, zunächst Homs zur «Hauptstadt des Arabischen Frühlings» in Syrien wurde, musste der inzwischen verstorbene Patriarch Ignatius Zaka I. Iwas erst einmal sein nahe gelegenes Kirchenzentrum Maaret räumen. Bald zwangen ihn Vorstösse der politislamischen Rebellen aber auch dazu, das Patriarchat in Damaskus mit dem libanesischen Atschaneh und später mit einem Wanderexil im deutschsprachigen Raum zu vertauschen. Wenn jetzt sein Nachfolger nach Damaskus heimkehrt, gibt das jenen recht, die von der syrischen Rebellion wenig Gutes erwartet hatten.

Diese nun völlig politislamisch ausgerichteten Rebellen tun sich neuestens durch gezielte Angriffe auf Christen hervor. Die europäischen Christen wirken fast gleichgültig angesichts der Not ihrer Glaubensgeschwister in Syrien. Der Einsatzbereitschaft der europäischen Muslimdiaspora stehen sie jedenfalls nach, deren Jugend es immer stärker nach Syrien zieht – allerdings nicht, um zu helfen, sondern um zu kämpfen. Die Islamisten werden von Dschihad-Freiwilligen aus Europa unterstützt. So reisten kurz vor Ostern sogar Mädchen bosnischer Herkunft aus Österreich nach Syrien, um sich den Kämpfern anzuschliessen.

Wie steht es mit unseren Kirchenfrauen und -männern, die sehr wohl Reisen in den christlichen Orient unternahmen, solang dort noch alles ruhiger war, um dann festzustellen, dass es keinen Grund zur Besorgnis gebe? Warum steigt nicht ein Einziger von ihnen spontan ins Flugzeug und fliegt in eine syrische Frontgemeinde, nach Maalula oder Kessab, um dort den Glaubensgeschwistern zu zeigen: Da bin ich, bei euch. Ihr seid nicht vergessen!

Das letzte grosse Fanal gegen die Christen war die Erstürmung der Kleinstadt Kessab an der türkischen Grenze, wo bis in dieses Frühjahr hinein noch rund 6000 Armenier lebten. Fast alle wurden vertrieben, die Kirchen geschändet, Hab und Gut geplündert. Damit fand eine christliche Präsenz ihr Ende, die bis weit ins Mittelalter zurückreicht. Kessab gehörte bis 1375 zum Königreich Kleinarmenien, einem Lehensstaat des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Dann kam es zunächst unter die Herrschaft der ägyptischen Mamelucken und später der osmanischen Türken. Im 18. Jahrhundert trat ein Teil seiner Bewohner von der orthodoxen «apostolisch-gregorianischen» zur armenisch-katholischen Kirche über. In den 1850er-Jahren wurde Kessab auch ein Zentrum für die evangelische Orientmission von Amerikanern, Deutschen und Schweizern.

Bis die Armenier 1915 durch die rassistischen Jungtürken auf Todesmärsche und in die Hungerwüste von Deirez-Zor am Euphrat gezwungen wurden, gab es in Kessab nicht weniger als 20 christliche Schulen der verschiedenen Konfessionen. Diese konnten zum Teil wieder aufblühen, als die Stadt ab 1920 von den Franzosen verwaltet wurde. Wie diese 1938 die ganze Umgebung samt der altchristlichen Metropole Antiochia an die Türkei zurückgaben, blieben wenigstens die Armenier von Kessab ausgespart. Europäische Christen haben sich damals in Paris erfolgreich für sie eingesetzt. Damit wurde die Vertreibung der evangelischen, katholischen und orthodoxen Armenier von Kessab aber nur bis zu diesem Ostern 2014 verzögert.

Dieselben Kämpfer für ein islamistisches Syrien haben in Homs die Ermordung des letzten Pfarrers dieser vielgeprüften Stadt auf dem Gewissen: Der 75-jährige Jesuit Frans van der Lugt hatte als Einziger auch nach der Evakuierung vom letzten Februar bei dennoch verbliebenen Christen ausgeharrt: Gelähmten, Schwerstkranken, Dementen und ihren engsten Angehörigen. Der «Engel von Homs» wurde er genannt. Am 7. April misshandelten Schergen der mit Al-Qaida verbündeten Nusra-Front ihn fast bis zum Tod und liquidierten ihn schliesslich mit zwei Kopfschüssen. Seit 1980 hatte sich van der Lugt mit geistig behinderten Jugendlichen besonders Hilfsbedürftiger angenommen, ohne Ansehen der Religionszugehörigkeit.

Schon Ostern 2013 gab es in Homs fast keine Christen mehr. Der Jesuit feierte die Auferstehung von Jesus Christus mit einigen noch in Homs verbliebenen evangelischen und orthodoxen Christen.

Derartige Untaten wie seine Ermordung oder die Kreuzigung von Christen und sogar Christinnen hatte es bisher weder in diesem syrischen noch im bekannt grausamen libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 gegeben. Da müssen wir in das Syrien des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Der Märtyrertod von Frans van der Lugt erinnert an den Franziskaner Engelbert Kolland, der vor 154 Jahren in Damaskus niedergemetzelt wurde. Der Tiroler aus einer ursprünglich evangelischen Familie leitete dort das katholische Waisenhaus.

Es war überfüllt, nachdem schon im Juni 1860 Christenmorde die libanesischen Bergstädte Deir al-Kammar und Zahle, die Küstenstadt Saida und Hasbaije am Hermon heimgesucht hatten. In Damaskus rief am 9. Juli der Muezzin um die Mittagsstunde zum Gebet, als sich bewaffnete Muslime auf die Christenviertel stürzten. Türkische Freischärler, die Baschi-Bosuks (Tolle Köpfe) standen an der Spitze und liessen niedersten Instinkten freien Lauf. Jeder Mann und jeder Junge wurde erschlagen, mit den Frauen und Mädchen geschah Schreckliches, die Überlebenden wurden zum Sklavenmarkt getrieben. Pater Engelbert, der noch versuchte, die ihm anvertrauten Waisenknaben in Frauenkleidern zu retten, wurde niedergemacht und zu Tode gequält. Der osmanische Statthalter Ahmet Pascha sah alledem ruhig zu.

22 Tage dauerte das Wüten. Kirchen, Klöster und 2000 Häuser von Christen sanken in Schutt und Asche. Den noch Überlebenden erstand in letzter Stunde ein Retter in dem algerischen Freiheitskämpfer Abdel Kader. Er hatte mit seiner Leibgarde vor den Franzosen in Damaskus Zuflucht gesucht. Von Christen hatte er bisher nichts Gutes erlebt. Jetzt sprengte er aber mit seinen Reitern mitten unter die Mordbuben, brachte mehr als 10 000 christliche Frauen und Kinder auf der von ihm gehaltenen Zitadelle in Sicherheit. Für diese Waisen aus Damaskus wurde damals in Jerusalem durch Johann Ludwig Schneller (1820–1896) von der Pilgermission St. Chrischona das «Syrische Waisenhaus» geschaffen. Unter dem Namen «SchnellerSchulen» hat sein Werk bis heute Bestand.

Nach seinem Zeitgenossen, dem Christenretter Abdel Kader, schien es jetzt eine fast geschichtliche Fügung zu sein, dass es heute wieder ein Algerier war, der sich wie kein anderer um Frieden für Syrien bemüht hat: der UN Beauftragte Lahdar Brahimi. Dieser Architekt der gescheiterten Verhandlungen am Genfersee arbeitete gegen jede Hoffnung unermüdlich weiter an Entspannungsschritten wie jenem zur Evakuierung der Zivilisten von Homs. Als er dann aber mit keiner Unterstützung aus Moskau und Washington mehr rechnen durfte, musste auch er das Handtuch werfen. Syrien ist ein Land der frühesten Christenheit. Es ist nicht auszuschliessen, dass in unseren Tagen die 2000-jährige Geschichte der syrischen Christen zum Ende kommt.

Dr. Heinz Gstrein

Quelle: factum, Ausgabe 5/2014

Factum erscheint 9 x im Jahr und kann über abo@schwengeler.ch abonniert werden.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 30. September 2014 um 17:12 und abgelegt unter Christentum weltweit, Weltreligionen.