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Intolerante Toleranz?

Freitag 4. Juli 2014 von Prof. Dr. Rainer Mayer


Prof. Dr. Rainer Mayer

Grundlegendes zum Problem und zur Situation

In den westlichen Gesellschaften gilt die Toleranzforderung weitgehend als selbst­verstĂ€ndlich, oft wird sie aber in oberflĂ€chlicher Weise erhoben. Toleranz wird dabei erstens verwechselt mit Indifferenz, also mit GleichgĂŒltigkeit und Mangel an eigener Überzeugung. Verantwortliches Engagement kann auf diese Weise nicht entstehen. Ein Defizit wird als Toleranz bezeichnet und zur Tugend gemacht.

Eine weitere Wurzel oberflĂ€chlicher Toleranzforderung geht auf die fortschreitende Individualisierung der LebensverhĂ€ltnisse zurĂŒck. Jeder soll tun und lassen können, was er will. Individuelle Entfaltung ist aber nur möglich auf der Grundlage eines Sets an Ge­meinsamkeiten, die nicht zur Disposition stehen. Wo jeder tun und lassen kann, was ihm beliebt, ist die Gemeinschaft gestört. Der StĂ€rkere wird sich auf Kosten des SchwĂ€cheren durchsetzen. Toleranz dieser Art fĂŒhrt auf Dauer zum Anarchismus. Wieder wird ein Defizit zur Tugend erklĂ€rt.

Eine dritte oberflĂ€chliche Form von Toleranzforderung begnĂŒgt sich mit dem Formalismus einer abstrakten Idee. Das Motto heißt dann: Was im Einzelnen geglaubt wird, ist nicht entscheidend, Hauptsache, daß ein Mensch sich fĂŒr etwas einsetzt. Verallgemeinerungen im Sinne dieses Formalismus lauten etwa: „Wir glauben ja doch alle an denselben Gott!“ oder: „Der gute Wille ist ausschlaggebend!“ Eine Kommunikation ĂŒber das, was wahr, gĂŒltig und gerecht ist, fĂ€llt aus. Auch hier wird somit ein Defizit als Tugend ausgegeben.

Der Toleranzbegriff als solcher ist im Abendland so positiv besetzt, daß selbst die drei genannten defizitĂ€ren, „billigen“ ToleranzverstĂ€ndnisse positiv eingeschĂ€tzt werden. Man meint, oberflĂ€chliche Toleranz sei besser als keine Toleranz. Dabei wird jedoch ĂŒbersehen, daß oberflĂ€chliche Toleranz der Intoleranz den Weg bereitet. Man trifft hĂ€ufig auf dieses PhÀ­nomen. Beispielsweise werden in Gremien alle Meinungen „tolerant“ angehört, dann aber wird die Entscheidung im Sinne derer getroffen, die die Macht haben. Das tolerante Anhörungsverfahren diente mithin nur zur Verschleierung dieser MachtverhĂ€ltnisse.

Ein anderes probates Mittel, Intoleranz als „Toleranz“ zu kaschieren, besteht darin, bestimmten Begriffen das Kennzeichen der „Intoleranz“ umzuhĂ€ngen. Diese Begriffe werden als Schlagwörter benutzt und Vertretern mißliebiger Meinung angehĂ€ngt. So geschieht es gegenwĂ€rtig mit dem Sammelbegriff Fundamentalismus. Wer eine klare Haltung einnimmt, egal welchen Inhalts, wird als „Fundamentalist“ bezeichnet und somit als intolerant abge­lehnt.

Fazit: Im Namen der Toleranz wird hĂ€ufig Intoleranz ausgeĂŒbt. Dieser Prozeß ist in der Öffentlichkeit bedenklich weit fortgeschritten! GleichgĂŒltigkeit, fehlende Verantwortung fĂŒr die Gemeinschaft, mangelnde Zivilcourage bei rĂŒcksichtslosem Durchsetzen der eigenen Interessen (Ellenbogengesellschaft) sind die Kennzeichen. Denkverbote werden aufgerichtet, Wahrheiten dĂŒrfen nicht ausgesprochen werden, weil das als „intolerant“ gilt; das alles ge­schieht im Namen der „Toleranz“! Wer den Begriff hat, hat aber noch nicht die Sache. Daher kann ein defizitĂ€res ToleranzverstĂ€ndnis keineswegs hingenommen oder gar als positiv bewertet werden. Es ist nötig, Toleranz in ihrer Tiefe und FĂŒlle von ihren Wurzeln her wiederzugewinnen.

Herkunft und Wurzeln der Toleranz

Die abendlĂ€ndische Toleranzidee geht auf das Menschenbild des antiken Humanismus und auf das Christentum zurĂŒck. WĂ€hrend ursprĂŒnglich die antiken Großreiche den unterworfenen Völkern ihre Sieger-Götter aufzwangen, fĂŒhrte spĂ€ter der Einfluß der griechischen Philosophie, vor allem der Stoa, dazu, daß die abhĂ€ngigen Völker mit ihren Göttern toleriert wurden (Alexander-Reich; Röm. Reich). Es handelte sich jedoch nur um eine relative Toleranz, denn es wurden die jeweiligen Völker mit ihren Göttern, nicht aber individuelle Bekenntnisse toleriert. Da die Christen nicht bloß Volksgötter verkĂŒndeten, son­dern den einen Gott und Erlöser aller Völker und Menschen, gerieten sie in Konflikt mit der synkretistischen Toleranz des Römischen Reiches, was bis zum Toleranzedikt von 313 zu periodisch auftretenden Christenverfolgungen fĂŒhrte.

Nachdem die Kirche Reichskirche geworden war, ging sie selbst zu einer intoleranten Religionspolitik ĂŒber. Der Gedanke der Einheit von politischem Reich und Kirche war dabei leitend. Strengster Verfolgung unterlagen die AbtrĂŒnnigen vom eigenen Glauben (Inquisition seit dem 12. Jh.), wĂ€hrend Nicht-Christen in engen Grenzen toleriert wurden (vgl. Thomas v. Aquin).

Erst die Reformation brachte den Durchbruch fĂŒr die Freiheit des individuellen Bekenntnisses und Gewissens. Sie bezog sich auf das biblische GlaubensverstĂ€ndnis und knĂŒpfte an Erkenntnisse an, die schon Tertullian (um 200) formuliert hatte: Da der Glaube Werk Gottes am Menschen und Geschenk des Heiligen Geistes ist, kann niemand zum Glauben gezwungen werden! Hand in Hand mit der Reformation ging der Humanismus der Renaissance, der das antike Menschenbild mit dem christlichen verschmolz. VerstĂ€rkt wurde die Tendenz zur Tolerierung des individuellen Bekenntnisses durch spiritualistische Bewegungen (Betonung des „inneren Lichts“).

Politisch setzte sich die Toleranz jedoch erst nach den Glaubenskriegen und unter dem Geist der AufklĂ€rung durch. Neue Differenzierungen und zugleich Verallgemeinerungen trugen dazu bei: Unterschieden wurden zwischen fundamentalen, also allgemeinen, und nicht-fun­damentalen, also speziellen (konfessionellen), Glaubenswahrheiten; verallgemeinert wurde der Religionsbegriff im Sinne des Rekurses auf ein natĂŒrliches GottesverstĂ€ndnis und eine angeborene Vernunftsmoral. Politische Folge war die Trennung von Kirche und Staat. Rechtlich wurde die Religions- und Meinungsfreiheit kodifiziert.

Selbst diese sehr geraffte Darstellung lĂ€ĂŸt die Wurzeln des abendlĂ€ndischen Tole­ranzverstĂ€ndnisses sichtbar werden. Diese beruhen auf spezifischen Unterscheidungen bei gleichzeitigem Festhalten an grundlegenden Gemeinsamkeiten. Zu den fĂŒr ein positives, gefĂŒlltes ToleranzverstĂ€ndnis notwendigen Unterscheidungen gehören die Differenzierungen zwischen Gott und Mensch (= nur Gott selbst ist absolut, alles Menschliche ist relativ) und zwischen Staat und Kirche (= die politische Gemeinschaft ist keine Glaubensgemeinschaft; die Glaubensgemeinschaft darf nicht politischen Charakter annehmen; vgl. Luthers Zwei-Regimenten-Lehre und Dietrich Bonhoeffers Mandaten-Lehre).

Zu den grundlegenden Gemeinsamkeiten gehören zum einen (in Umkehrung des AufklĂ€rungsoptimismus) die biblische Sicht, daß alle Menschen in gleicher Weise SĂŒnder vor Gott sind und keiner sich selbst rechtfertigen kann (vgl. Röm 3,23), zum anderen, daß der Heilswille Gottes allen Menschen ohne Unterschied in gleicher Weise gilt (vgl. 1.Tim 2,4).

Ganz offensichtlich setzt das gefĂŒllte ToleranzverstĂ€ndnis diese fundamentalen Lehren ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Gott, Welt und Mensch voraus. Wo diese Einsichten verloren gehen, wird Toleranz auf Dauer gefĂ€hrdet. Es entsteht die eingangs dargestellte oberflĂ€chliche Toleranz, die schließlich verfĂ€llt und in Intoleranz umschlagen kann.

Interreligiöser Vergleich

Manchmal kann man die Ansicht hören, andere Religionen seien toleranter als das Christentum. Solche Behauptungen sind schon deshalb problematisch, weil sie mit einem ungeklĂ€rten Toleranzbegriff arbeiten. Wie wir sahen, ist das moderne ToleranzverstĂ€ndnis auf dem Boden der christlich-abendlĂ€ndischen Kultur und Tradition gewachsen. Wenn man es aus seinem Zusammenhang reißt und in völlig andere Kontexte ĂŒbertrĂ€gt, besteht die Gefahr, daß sich denkerische KurzschlĂŒsse ergeben.

Der Religionswissenschaftler G. Mensching hat zwischen formaler und inhaltlicher Toleranz unterschieden. Formale Toleranz lĂ€ĂŸt nur die Position des anderen unangetastet, wĂ€hrend inhaltliche Toleranz deren WertschĂ€tzung ausdrĂŒckt. Obwohl auch diese Begrifflichkeit nicht ausreicht, um die Toleranzfrage zu fassen, soll sie uns hier als Hilfsmittel dienen, um einen Religionsvergleich durchzufĂŒhren.

Der Islam kennt die Duldung der „Schriftbesitzer“ (Juden und Christen). Formale Toleranz wird unter der Voraussetzung geĂŒbt, daß die „Schriftbesitzer“ sich der islamischen Oberhoheit unterstellen, „Kopfsteuer“ zahlen und dem Islam in keiner Weise schaden, was immer das heißen mag. Mission unter Moslems ist nicht erlaubt. Auf Abfall vom Islam steht die Todesstrafe.

GegenĂŒber den Nicht-Schriftbesitzern gilt die formale und inhaltliche Intoleranz; das heißt, die „Götzenanbeter“ sind zu bekĂ€mpfen. Im Übrigen gibt es verschiedene Rechtsschulen. Das Religionsgesetz (Scharia) regelt das Verhalten genauer. Bei fortschrittlichen Moslems kann der Kampf auch geistig interpretiert werden. Besonders problematisch ist, daß der Islam Religionsgebiet und Staatsgebiet nicht unterscheidet. Islamische Toleranz kann somit im besten Fall als „Duldung“ AndersglĂ€ubiger umschrieben werden.

Der Hinduismus gilt als besonders tolerant, da er keine Dogmatik kennt. Im Hinduismus selbst gibt es in der Tat eine große Vielfalt von Lehren und Göttern. Angehörige anderer Religionen können aufgefordert werden, den Weg ihres je eigenen Glaubens eifrig zu beschreiten. Also kennt der Hinduismus bezĂŒglich der Lehren eine inhaltliche Toleranz. Meist wird aber verschwiegen, daß der AnhĂ€nger einer anderen Religion fĂŒr den Hindu niedriger steht als die unterste Hindu-Kaste. Er ist damit per definitionem outcast.

Das hat immense religiöse Bedeutung, denn nur die Angehörigen der beiden oberen Kasten können die Erlösung erreichen. In der religiösen und sozialen Kastenordnung drĂŒckt sich also eine inhaltliche Intoleranz aus. Nur im Laufe vieler Inkarnationen hat ein Angehöriger anderer Religionen die Chance, in einer höheren Hindu-Kaste wiederverkörpert zu werden. Hindu-Toleranz kann somit im besten Fall als „Absorption“ AndersglĂ€ubiger umschrieben werden.

Vergleichbares gilt fĂŒr den Buddhismus. Dieser kennt kein Kastenwesen. Umso mehr betont er, daß der Buddha-Weg der einzige Weg zur Erlösung sei. In buddhistisch geprĂ€gten Staaten wie Bhutan, Nepal, Thailand, Kambodscha ist die Religionsfreiheit eingeschrĂ€nkt. Buddhistische Toleranz kann im besten Fall umschrieben werden als Haltung zwischen „Duldung“ und „Absorption“.

Die Freiheit des Evangeliums

Eine Patentlösung fĂŒr Toleranz gibt es nicht. Auch ein Christ muß sich die Kraft zur Toleranz immer wieder von Gott schenken lassen. Denn das Herz des unverwandelten, „natĂŒrlichen“ Menschen neigt zur Selbstdurchsetzung und damit zur Intoleranz. Theologisch-systematisch und auch kulturgeschichtlich gilt jedoch, daß die Grundlagen der gefĂŒllten Toleranz, wie oben dargestellt, gegeben sind durch die Unterscheidungen zwischen Gott und Mensch, Staat und Kirche; durch die Gemeinsamkeiten aller Menschen vor Gott im Blick auf die SĂŒnde und die Berufung zum Heil.

Die Unterscheidung zwischen SĂŒnder und SĂŒnde, das heißt zwischen Person und Werk, ermöglicht es, das Zeugnis der Wahrheit, daß nĂ€mlich Jesus Christus der einzige Mittler des ewigen Lebens ist (Joh 14,6; Apg 4,12), mit der Liebe zu verbinden. Gott ist absolut, der Christ als Person und alle irdischen Verwirklichungsgestalten christlichen Glaubens hingegen sind fehlbar. Ecclesia semper reformanda (Die Kirche ist stets zu reformieren). Deshalb gibt es wohl einen Absolutheitsanspruch Jesu Christi, aber keinen Absolutheitsanspruch der Kirche und der Christen. Das endgĂŒltige Urteil ĂŒber einen Menschen bleibt Gott ĂŒberlassen.

Glaube, Hoffnung und Liebe bilden deshalb die Wurzel christlicher Toleranz Von diesem Ursprung her wird christliche Toleranz, wo sie echt ist, als herausfordernde Liebe Gestalt annehmen. Es ist eine Liebe, die auch vor Kreuz und Leid nicht zurĂŒckschreckt.

Die staatliche Toleranz des Rechtes und Gesetzes muß freilich von der Toleranz des Glaubens unterschieden werden. WĂ€hrend die Toleranz des Glaubens die Leidens­bereitschaft einschließt, ist es Aufgabe des Staates, gegen aggressive Intoleranz notfalls auch mit staatlichen Gewaltmitteln vorzugehen. Der liberale Rechtsstaat, der Gewissensfreiheit garantiert, ist eine Errungenschaft, die nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte, auch nicht im Zeichen „billiger“ Toleranz.

Obwohl also die staatliche Toleranz des Rechtes und Gesetzes und die Toleranz des Glaubens nicht verwechselt werden dĂŒrfen, gibt es doch auch eine Verbindung zwischen beiden. Die in Glaube, Hoffnung, Liebe und Leidensbereitschaft grĂŒndende Toleranz der Nachfolge Jesu Christi wird auf die sĂ€kulare Toleranz ausstrahlen und diese, ohne daß sie davon wissen muß, an ihren Wurzelgrund zurĂŒckbinden. Dadurch wird verhindert, daß sĂ€kulare Toleranz sich verabsolutiert und in Intoleranz umschlĂ€gt.

Jesus Christus als den einzigen Heilsweg fĂŒr alle Menschen zu bezeugen, ist folglich alles andere als intolerant, vielmehr Urgrund und Quelle der Erneuerung der Toleranz.

Dr. theol. Rainer Mayer war Professor fĂŒr Evangelische Theologie mit den Schwerpunkten Systematische Theologie (Sozialethik) und ReligionspĂ€dagogik an der UniversitĂ€t Mannheim.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 4. Juli 2014 um 10:32 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Weltreligionen.