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Gleiche Argumente, gleiche Vorteile: Folgt auf die gleichgeschlechtliche Partnerschaft nun die Polyamorie?

Dienstag 15. April 2014 von Michael Cook BA


Michael Cook BA

Als das US-Verfassungsgericht im Juni 2013 Artikel 3 des Gesetzes zum Schutz der Ehe (Defense of Marriage Act – DOMA) im Fall Vereinigte Staaten gegen Windsor fĂŒr nichtig erklĂ€rte, profitierte davon nicht nur die gleichgeschlechtliche Ehe. Dieses Urteil scheint auch der Polyamorie neuen Auftrieb gegeben zu haben. Eine Tatsache, die die AnhĂ€nger der gleichgeschlechtlichen Ehe nicht unbedingt begrĂŒĂŸen. Sie betrachten legalisierte Polyamorie als gefĂ€hrlichen Gegner, da durch sie die Botschaft ihres eigenen Kampfes schwieriger zu vermitteln ist. “Die Ehe sollte auf die Menschen ausgeweitet werden, die gar nicht heiraten können, nicht auf die, die nicht sechs Menschen gleichzeitig heiraten dĂŒrfen,” sagt Jonathan Rauch, Autor von Gay Marriage: Why It is Good for Gays, Good for Straights, and Good for America. Anita Wagner Illig, eine langjĂ€hrige Polyamoriesprecherin, hingegen bezeichnete das Verfassungsgerichtsurteil gegenĂŒber Newsweek als große Hilfe: „Ein glĂŒcklicher Ausgang fĂŒr die gleichgeschlechtliche Ehe ist auch ein glĂŒcklicher Ausgang fĂŒr die Mehr-Partner-Ehe, denn die Gegenseite kann nicht behaupten, es gĂ€be keinen PrĂ€zedenzfall fĂŒr die Legalisierung anderer, nicht traditioneller Beziehungsformen.” Das Gericht befand es fĂŒr verfassungswidrig, „Ehegatte“ und „Ehe“ ausschließlich als Begriffe fĂŒr Beziehungen zwischen Mann und Frau auszulegen.

FĂŒr Polygamisten und Polyamoristen stellt sich die Frage, ob es zulĂ€ssig sein kann, aufgrund der Anzahl der Ehegatten einen Unterschied zu machen. Polyamorie gibt es in den verschiedensten Variationen. Üblicherweise ist es eine mĂ©nage Ă  trois, eine Frau, die mit zwei MĂ€nnern lebt, aber es können auch zwei Paare sein, die zusammen leben – oder nahezu jede andere Konstellation. Allerdings besteht die AnhĂ€ngerschaft der Polyamorie auf dem Unterschied zur Polygamie. Diese ist in der Regel patriarchalisch und religiös. Polyamore Beziehungen hingegen sind von sĂ€kularer Natur, wobei die Frau oft im Mittelpunkt steht. Laut den Polyamoristen leben in den USA 500.000 Familien offen in polyamoren Beziehungen. Eine aktuelle Befragung des Loving More magazine ergab, dass fast zwei Drittel dieser Familien eine rechtliche Anerkennung anstreben wĂŒrden, wenn dies möglich wĂ€re. Mehr als 90 Prozent waren der Ansicht, dass ihre Beziehungen dieselben Rechte, Privilegien und Pflichten haben sollten wie die traditionelle Ehe. Politisch aktive Polyamoristen beklagen ihre Benachteiligung im Hinblick auf Wohnraum, BeschĂ€ftigung und das Sorgerecht fĂŒr Kinder.

“Es wĂ€re schön…, Haushalte zu haben, in denen unsere Partner vor dem Gesetz gleich sind und sogar noch einen Schritt weiter im Hinblick auf Rente, Erbrecht und Vermögensteilung,“ sagt Zoe Duff, die Vorsitzende der Canadian Polyamory Advocacy Association. Zur Zeit sind Mehrfachbeziehungen allerdings genauso (un-)beliebt wie homosexuelle Beziehungen vor zwanzig Jahren. Sie gelten als anrĂŒchig. Laut einer Meinungsumfrage, betrachten 59 Prozent der Amerikaner HomosexualitĂ€t als moralisch vertretbar, wĂ€hrend nur 14 Prozent Polygamie und sechs Prozent Ehebruch gutheißen. Es wĂ€re fĂŒr einen in einer öffentlich polyamoren Beziehung lebenden Politiker undenkbar, gewĂ€hlt zu werden. Aber werden die Amerikaner in zwanzig Jahren offener sein? Das ist nicht unwahrscheinlich. Polyamoristen haben aus dem jahrzehntelangen Kampf fĂŒr die gleichgeschlechtliche Ehe gelernt. Die bewĂ€hrten Strategien der Schwulenaktivisten werden nun zu den Strategien der Polyamoriebewegung.

Positive Darstellung in den Medien

Die Medienberichterstattung zum Beispiel ist provokativ aber positiv. Showtime, ein Kabel-Fernsehsender von CBS, hat eine Reality Serie namens “Polyamory: Married and Dating” aufgesetzt, die in SĂŒdkalifornien spielt und in der die Charaktere Mehrfachbeziehungen fĂŒhren. Die zweite Staffel beginnt am 15. August. Infolge des Urteils des Verfassungsgerichts haben Zeitschriften wie Washingtonian, Slate und Salon Berichte ĂŒber die NormalitĂ€t der Polyamorie veröffentlicht. Sie stellen diese Art von Beziehung als Herausforderung, aber auch als Bereicherung dar. Eine Dame in einem Salon-Artikel sagte: “Wie in jeder anderen Beziehung auch [brauchen wir]: Kommunikation, Ehrlichkeit, Vertrauen und Respekt. KompromissfĂ€higkeit kann auch ganz hilfreich sein. Aber vor allem zelebrieren wir die IndividualitĂ€t jedes einzelnen und versuchen nie einander zu unterdrĂŒcken oder zu kontrollieren. Unser Leben ist angenehm und friedlich… Wenn meine Tochter ĂŒber gleichgeschlechtliche Ehe oder polyamore Beziehungen spricht, schaut sie immer ganz fassungslos und sagt, „Ich verstehe nicht, wie jemand etwas gegen Menschen haben kann, die einander lieben und niemandem etwas zuleide tun.“ Und ich wĂŒnsche mir eine Welt, in der jeder in der Lage ist, es so simpel zu sehen wie sie.”

So geboren

Der Homo sapiens sei nicht von Natur aus monogam, wenn es nach den BefĂŒrwortern der Polyamorie geht, und Treue nahezu unmöglich in der heutigen Gesellschaft. Die Autorin Meghan Laslocky behauptete kĂŒrzlich auf CNN, dass gerade einmal drei bis fĂŒnf Prozent der SĂ€ugetierarten monogam lebten. Eine genauere Betrachtung der Liebesbeziehungen bei Vögeln zeige, dass monogame Arten wie die Unzertrennlichen (Agapornis) und Pinguine außereheliche AffĂ€ren eingehen. Wissenschaftler behaupten ein “Untreue-Gen” entdeckt zu haben. “Ob jemand es schafft, monogam zu leben, hĂ€ngt sowohl von der Biologie als auch von der Umwelt ab,” sagt Laslocky. Es gewinnt die Ansicht an Boden dafĂŒr, dass die Vorliebe fĂŒr Mehrfachbeziehungen keine Frage des Lebensstils, sondern vielmehr genetisch bedingt sei. Dies ist eines der gewichtigsten Argumente fĂŒr die Neudefinition von Ehe im Sinne von Homosexuellen. Wenn sie nichts fĂŒr ihre Neigung können, ist es folglich diskriminierend, ihnen das Recht auf Eheschließung zu verweigern. Dasselbe Argument gilt fĂŒr Polyamoristen.

Die polyamore Lebensweise wird als heilsame, aufopferungsvolle Art der Liebe dargestellt. Die meisten Polyamoristen haben damit zu kĂ€mpfen, nicht eifersĂŒchtig zu werden, wenn ein Partner eine neue Liebesbeziehung eingeht. Diese ExklusivitĂ€t wird jedoch als egoistisch und dagegen anzukĂ€mpfen als Beweis dafĂŒr erachtet, dass Polyamorie weit mehr als nur sexuelle FreizĂŒgigkeit bedeutet. Theoretiker behaupten, sie fuße auf einer erhabenen, ethischen Vision bestehend aus „fĂŒnf Prinzipien: Selbsterkenntnis, radikale Ehrlichkeit, Konsens, Selbstbeherrschung und der Vorrang von Liebe und Sex vor anderen Emotionen wie zum Beispiel der Eifersucht.“ Wenn gleichgeschlechtliche Ehe rechtsgĂŒltig wird, kann man sich gut vorstellen wie verlockend diese Rhetorik werden könnte.

Einen Rechtsfall konstruieren

Ebenso wie der Fall der gleichgeschlechtlichen Ehe auf der Ablehnung diskriminierender Gesinnungen basiert, argumentieren die polyamoren Rechtswissenschaftler, gestĂŒtzt auf eine Reihe wissenschaftlicher Forschung zur HomosexualitĂ€t, dass Satzungen geĂ€ndert werden mĂŒssen, um eine grĂ¶ĂŸere Bandbreite an sexuellen Vorlieben abzudecken. Ann E. Tweedy, von der Hamline University School of Law, argumentiert in University of Cincinatti Law Review, dass Polyamorie eine Art sexuelle Orientierung sei: “Schutz vor Diskriminierung fĂŒr Polyamoristen ist berechtigt, denn Polyamorie scheint zumindest auf moderate Weise in die IdentitĂ€t mit einzufließen, Polyamoristen sind erheblicher Diskriminierung ausgesetzt und nicht-monogame Lebensweise ist ein Grund fĂŒr Ungleichbehandlung in der amerikanischen Kultur. Außerdem hat Polyamorie die wichtigsten Eigenschaften mit einer sexuellen Orientierung im herkömmlichen Sinne gemein, so dass es durchaus Sinn macht, Polyamorie als Teil dieser zu betrachten.” DarĂŒber hinaus betont Tweedy, dass Polyamoristen und deren Kinder aufgrund ihres Lebensstils oft gemobbt, stigmatisiert und beleidigt wĂŒrden. Eine rechtliche Anerkennung ihrer Beziehungen wĂŒrde helfen, dies zu Ă€ndern.

Kinder sind optional

Kinder werden nahezu gar nicht in der Literatur ĂŒber Polyamorie erwĂ€hnt. Die polyamore Lebensweise ist ganz der LiebesaffĂ€re, der Annehmlichkeit und der sexuellen Befriedigung gewidmet. Die Kinder, die in Medienberichten flĂŒchtig erwĂ€hnt werden, stammen meist aus der ersten Ehe. Die Argumentation zu Gunsten der Polyamorie bezieht sich nur auf die Zufriedenheit der Erwachsenen, nicht aber auf den Anspruch nach einer sicheren und fĂŒrsorglichen Umgebung fĂŒr Kinder. AnwĂ€lte können daher glaubhaft argumentieren, dass die rechtliche Anerkennung niemandem schaden wĂŒrde, vor allem da polyamore Beziehungen bei erfolgreichen GeschĂ€ftsleuten, die sich die UmstĂ€nde einer glĂŒcklichen Kindheit leisten können, zu florieren scheinen.

Schliddern wir also geradewegs auf die rechtlich anerkannte Polyamorie zu? Alles hĂ€ngt vom Erfolg der Kampagne fĂŒr die gleichgeschlechtliche Ehe ab. Viele Leute in polyamoren Konstellationen sowie viele, wenn nicht die meisten, homosexuellen Paare sind gegen die polyamore Ehe. Sie glauben das wĂ€re zu restriktiv. FĂŒr diejenigen jedoch, die sich nach sozialer Anerkennung und Respekt sehnen, ist die Ehe eine politische Notwendigkeit. Wie ein Poly Blogger es ausdrĂŒckte: “Wenn man das Rahmenwerk von Grundrechten und sozialer Akzeptanz als rutschigen Abhang betrachtet, hat man die Debatte bereits verloren, sobald man den Mund aufmacht. Kein Wunder also, dass man nicht verstanden wird. Auf einem eisigen Abhang auszurutschen, ist schmerzhaft und fĂŒhrt unwiderruflich nach unten. Stattdessen sollte man das Bild der aufsteigenden Treppe verwenden. Jeder Schritt ist ein bewusster, aufwĂ€ndiger, sorgsam gewĂ€hlter Fortschritt in Richtung einer menschlicheren, gerechten und aufgeklĂ€rten Welt.”

Zuerst erschienen am 6. August 2013 in:
http://www.mercatornet.com/articles/view/will_polyamory_follow_same_sex_marriage

Quelle: IDAF Aufsatz des Monats April 2014

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 15. April 2014 um 11:48 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik, Sexualethik.