Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Martin Luther und die Juden

Montag 17. MĂ€rz 2014 von Prof. Dr. Dorothea Wendebourg


Prof. Dr. Dorothea Wendebourg

Frankreich ist glĂŒcklich zu preisen,  weil es anders als Deutschland nicht von den Juden „infiziert“ ist! Denn das Judentum ist eine „Pest, wie sie feindseliger und gehĂ€ssiger gegenĂŒber der Lehre Christi nicht zu finden ist“. Diese SĂ€tze lesen wir bei dem HumanistenfĂŒrsten Erasmus von Rotterdam. Sie zeigen uns zweierlei: Die Verbreitung der Judenfeindschaft quer durch alle religiösen und weltanschaulichen Gruppen der frĂŒhen Neuzeit. Und die ungleiche Verteilung der Juden in Europa. Nicht nur in Frankreich gab es um 1500 lĂ€ngst keine Juden mehr, auch aus England waren sie seit ĂŒber 200 Jahren vertrieben, Spanien und Portugal hatten sich ihrer Juden gegen Ende des 15. Jahrhunderts entledigt. Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation hingegen sah es zu Erasmus’ Bedauern anders aus, hier lebten Juden. Allerdings nicht ĂŒberall. Die dezentrale Struktur des Reiches, die seine politische Landkarte zu einem Fleckenteppich weitgehend selbstĂ€ndiger Territorien und ReichsstĂ€dte machte, wirkte sich auch auf die Verbreitung der Juden aus. Etliche Reichsterritorien hatten die Juden vertrieben. Unter den ReichsstĂ€dten hatten sogar die meisten ihre Juden verjagt. In anderen Gebieten und einigen StĂ€dten dagegen gab es jĂŒdische Gemeinden. Hier und dort durften Juden zwar nicht innerhalb der Stadtmauern wohnen, aber auf dem Land siedeln und tagsĂŒber hereinkommen, um Handel zu treiben. Die Lage konnte sich auch von einem Tag zum anderen Ă€ndern – heute vertrieb man die Juden, morgen ließ man sie wieder zu, wofĂŒr im einen wie im anderen Fall meist wirtschaftliche GrĂŒnde maßgeblich waren. Kaum etwas beschĂ€ftigte die AnfĂŒhrer der deutschen Juden so sehr wie das BemĂŒhen um Siedlungs- und Aufenthaltsrechte.

So befremdet, ja empört wir vielleicht fragen, wie solches Verhalten der damaligen Mehrheitsgesellschaft gegenĂŒber den Juden möglich war – in der Perspektive jener Zeit stellte sich die Frage umgekehrt: Wie war es ĂŒberhaupt möglich, daß Juden in christlichen LĂ€ndern leben durften? Hegten die Zeitgenossen doch eigentlich die feste Überzeugung, daß es in einem christlichen Staat nur einen, nur den rechten Glauben geben dĂŒrfe. Ketzer aller Art bekamen das blutig zu spĂŒren; kaum regte sich eine hĂ€retische Abweichung, schlug das Ketzerrecht zu, drohte der Feuertod. Die Frage nach dem Existenzrecht von Menschen falschen Glaubens in christlichen Gebieten war alt. Seit das Christentum im alten Imperium Romanum die Oberhand gewann und schließlich Staatsreligion wurde, setzte sich mehr und mehr die Ansicht durch, daß nun auch das Reichsganze christlich, und zwar rechtglĂ€ubig christlich zu sein hatte und daß der Kaiser verantwortlich war, auch mit seinen Mitteln dafĂŒr zu sorgen. Bereits Kaiser Konstantin, der die Hinwendung des Römischen Reiches zum Christentum einleitete, griff in die innerkirchlichen KĂ€mpfe um die rechte Lehre ein; bereits Ende des 4. Jahrhunderts wurden Abweichungen vom rechten Glauben durch Staatsgesetz verboten. Bald darauf wurde jede Form des Heidentums untersagt. Mußte man also nicht auch gegen die Juden vorgehen? Waren sie nicht jedenfalls noch schlimmer als die Ketzer, da sie den christlichen Glauben nicht nur falsch lehrten und lebten, sondern ĂŒberhaupt ablehnten? Wie in vielen Fragen war es auch an diesem Punkt der Kirchenvater Augustin, der die Weichen fĂŒr die Zukunft stellte. In seinem großen Werk De civitate Dei schreibt der nordafrikanische Theologe: „Die Juden, die Jesus dem Tod ĂŒberliefert haben und nicht an ihn glauben wollten, dienen uns durch ihre Schriften zum Zeugnis, daß wir Christen die Weissagungen ĂŒber Christus nicht erfunden haben. 
 Gott hat also der Kirche in ihren Feinden, den Juden, die Gnade seines Erbarmens erwiesen.“ Deshalb hat er sie nicht vernichtet und geboten, sie nicht zu vernichten, ja mehr noch, deshalb hat er auch befohlen, sie ĂŒber die ganze Welt zu zerstreuen; „denn wĂ€ren sie mit ihrem Schriftzeugnis nur in ihrem eigenen Land und nicht ĂŒberall anzutreffen, so könnte die Kirche, die ĂŒberall ist, sie nicht bei allen Völkern als Zeugen fĂŒr die Weissagungen zur VerfĂŒgung haben, die ĂŒber Christus vorausgeschickt worden sind.“

Ich habe Augustin hier so ausgiebig angefĂŒhrt, weil seine Argumente weit ĂŒber das folgende Jahrtausend hinaus die vorherrschende BegrĂŒndung dafĂŒr abgaben, daß Juden, anders als Ketzer, unter Christen leben durften. Es ist eine BegrĂŒndung, die zwei Voraussetzungen macht: Zum einen geht sie selbstverstĂ€ndlich davon aus, daß die Juden als Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben, religiös im Irrtum sind und das Heil verspielt haben – es sei denn, sie bekehren sich zu Christus, womit sie aufhören, Juden zu sein; die Definition des Jude- oder Nichtjudeseins ist also rein religiös, nicht rassisch. Zum anderen setzt Augustin voraus, daß die Heilige Schrift der Juden, das Alte Testament, in ihren Weissagungen Jesus Christus bereits eindeutig bezeugt, daß deren Leser also, wenn sie denkfĂ€hig und gutwillig sind, Christus auch darin erkennen können. Darum ist die jĂŒdische ZurĂŒckweisung Christi ganz unverstĂ€ndlich und kann nur als Ausdruck von Starrsinn betrachtet werden. Indem sie an dem bereits Christus bezeugenden Alten Testament festhalten, legen die Juden also wider Willen, damit aber umso objektiver, Zeugnis fĂŒr den ab, den sie ablehnen. Ihrer doppelgesichtigen Rolle gegenĂŒber dem Christentum entspricht die Reaktion Gottes auf ihr Verhalten: FĂŒr ihren Starrsinn hat sie Gott mit der Zerstreuung ĂŒber die ganze Welt bestraft. Zugleich aber hat er mit dieser Zerstreuung einen guten Zweck verbunden: Dadurch ist auch das Alte Testament ĂŒberall auf der Welt prĂ€sent, kann die Kirche ĂŒberall auf dieses Zeugnis verweisen, das ihr sogar von denen geleistet wird, die sie und ihre VerkĂŒndigung ablehnen. Aus alledem folgt: Die Christen mĂŒssen den Juden, als einziger Gruppe ohne den rechten Glauben, gestatten, unter ihnen zu leben.

An dieser Generallinie hielt die lateinische Kirche fest, das Papsttum und viele Bischöfe schĂ€rften sie einmal stĂ€rker, einmal schwĂ€cher, doch grundsĂ€tzlich immer wieder ein. Ungetauft und das Bekenntnis zu Christus wie zur göttlichen Dreieinigikeit ablehnend, konnten Juden zwar nur BĂŒrger zweiter Klasse mit eingeschrĂ€nkten Rechten sein; es war legitim, ihnen das Leben mit allen möglichen EinschrĂ€nkungen bezĂŒglich des Wohnorts, der Berufswahl, der Kleidung schwer zu machen und sie mit finanziellen Sonderlasten zu beladen. Doch existieren durften sie, und zwar als Juden existieren: mit ihrem eigenen Kultus, ihren Synagogen, Schulen und Friedhöfen. Auch die Kaiser bekrĂ€ftigten ihr Lebensrecht. Sie nahmen sie als ihre „Kammerknechte“ unter ihren besonderen Schutz, der freilich nicht selten auch mit besonderer finanzieller Ausbeutung verbunden war.

Die pĂ€pstlichen und kaiserlichen Mahnungen waren umso notwendiger, als die Argumentation Augustins nicht ĂŒberall geteilt und den Juden ihr Lebensrecht unter Christen je lĂ€nger desto stĂ€rker in Wort und Tat bestritten wurde. Der Vorwurf, daß die Juden Christus ablehnten und ihn sogar getötet, sich dabei als wahrhaftige Gottesmörder erwiesen hĂ€tten, fĂŒhrte namentlich seit den KreuzzĂŒgen immer wieder zu Pogromen. Im SpĂ€tmittelalter kamen neue Anklagen hinzu, die, oft von Mönchspredigern verbreitet, landauf, landab fanatisierte Massen zu Mord und Todschlag anstachelten: Hostiendiebstahl zur SchĂ€ndung des sakramentalen Leibes Christi, Ritualmord an christlichen Kindern zur Gewinnung von Blut fĂŒr magische Praktiken, Brunnenvergiftung zur Auslösung des Schwarzen Todes, dazu immer wieder der Vorwurf des Wuchers, der finanziellen Übervorteilung von Christen. Gleichzeitig liefen die großen Vertreibungen in Westeuropa ab sowie die regionalen im Heiligen Römischen Reich. Wenn es pĂ€pstlichen oder kaiserlichen Einspruch gab, drang der bestenfalls in EinzelfĂ€llen durch.

Martin Luther war BĂŒrger des Heiligen Römischen Reiches, in dem es Juden gab. Er wußte ĂŒber ihre bedrĂŒckenden LebensumstĂ€nde Bescheid. Doch zu seinem persönlichen Umfeld gehörten sie nicht. Die Orte seiner bewußten Kindheit und Jugend, Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, waren StĂ€dte ohne Juden, aus Erfurt, dem Ort seines Studiums, seiner Klosterzeit und seiner ersten Jahre als Professor, waren Juden in der Mitte des 15. Jahrhunderts vertrieben worden, dasselbe Schicksal hatten sie in Wittenberg erlitten, wo Luther die zweite HĂ€lfte seines Lebens verbrachte. Aus Kursachsen wurden sie seit dem 15. Jahrhundert ĂŒberhaupt nach und nach verjagt – wir werden darauf zurĂŒckkommen. Die einzige Stadt mit jĂŒdischen Bewohnern, in der Luther sich lĂ€ngere Zeit aufhielt, war Eisleben – auch das wird uns noch beschĂ€ftigen. Zur Begegnung mit Juden kam es nur einige wenige Male, vielleicht sogar nur ein einziges Mal, nĂ€mlich als Luther in Wittenberg Besuch von durchreisenden Juden erhielt. Das Judentum war fĂŒr ihn zeitlebens eine zentrale theologische GrĂ¶ĂŸe – als Ausleger der Heiligen Schrift, der er ja hauptberuflich war, hatte er am Schreibtisch, am Katheder und auf der Kanzel sozusagen tagtĂ€glich mit ihnen zu tun. Doch zeitgenössische Juden aus Fleisch und Blut hat er kaum je, Juden in ihrer eigenen Lebenswelt hat er niemals gesehen.

Umso erstaunlicher ist es, daß er in der FrĂŒhzeit der Reformation mit einem Paukenschlag zum VerhĂ€ltnis von Christen und Juden Stellung nahm, der von den Zeitgenossen als geradezu revolutionĂ€r empfunden wurde, mit der kleinen Schrift „Daß Jesus ein geborener Jude sei“, verfaßt im FrĂŒhjahr 1523. Es war die Aufbruchszeit der Reformation. Luther war seit einem Jahr wieder in Wittenberg, nachdem er, exkommuniziert und geĂ€chtet, neun Monate versteckt auf der Wartburg verbracht hatte. Zusammen mit seinen Wittenberger Kollegen ging er an die Aufbauarbeit. Die evangelische Predigt hatte ungeheuren Erfolg, landauf, landab fielen ihr die Menschen in Massen zu. Was nun dringend geschehen mußte, war die Umgestaltung des christlichen Lebens und der kirchlichen Strukturen nach evangelischen GrundsĂ€tzen. Das Fundament hatte Luther von der Wartburg mitgebracht, das ins Deutsche ĂŒbersetzte Neue Testament. Jetzt waren die Konsequenzen der nun allgemein zugĂ€nglichen biblischen Botschaft auszuformulieren und umzusetzen. Im Jahr 1523 legte Luther Schlag auf Schlag eine Reihe grundlegender Schriften zur evangelischen Neuordnung der verschiedensten Lebensbereiche vor: Gemeindeaufbau, Gottesdienst, Diakonie, Politik – das alles wurde neu durchdacht, zu allem wurden VorschlĂ€ge fĂŒr eine neue Praxis gemacht. Und mittendrin der Aufruf zu einer radikalen Erneuerung auch im Verhalten gegenĂŒber den Juden. „Sie haben mit den Juden gehandelt, als wĂ€ren es Hunde und nicht Menschen.“ „Wenn ich ein Jude gewesen wĂ€re, 
 so wĂ€re ich eher eine Sau geworden denn ein Christ.“ Dabei sind „die Juden von dem GeblĂŒt Christi; wir sind SchwĂ€ger und Fremdlinge, sie sind Blutsverwandte, VĂ€ter und BrĂŒder unseres Herrn. Wenn man sich also des Fleisches und Blutes rĂŒhmen sollte, dann gehören die Juden ja nĂ€her zu Christus als wir, wie auch Paulus im Römerbrief, Kapitel 9 sagt. Auch hat Gott es mit der Tat bewiesen, denn solch große Ehre wie den Juden hat er niemals einem heidnischen Volk getan. Denn es ist nie ein Patriarch, ein Apostel, ein Prophet aus den Heiden erhoben worden, dazu auch gar wenige rechte Christen. Und wenngleich das Evangelium aller Welt kundgetan ist, so hat Gott doch keinem anderen Volk die Heilige Schrift, d.h. das Gesetz und die Propheten, anbefohlen als den Juden.“ Doch wir „behandeln sie nur mit Gewalt und gehen mit LĂŒgengeschwĂ€tz um, werfen ihnen vor, daß sie Christenblut haben mĂŒssen, damit sie nicht stinken, und wer weiß, was es sonst noch an nĂ€rrischem Unsinn gibt, daß man sie geradezu fĂŒr Hunde hĂ€lt
 Ebenso, daß man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, Handel zu treiben und andere menschliche Gemeinschaft mit uns zu haben, womit man sie zum Wuchern treibt. Wie sollte sie das bessern?“

In der Tat ein Paukenschlag: Der Wittenberger gab die Schuld an allem, was zwischen Juden und Christen schlecht lief, den Christen. Er nannte todbringende VorwĂŒrfe wie die Ritualmordanklage reine LĂŒgenmĂ€rchen und fĂŒhrte jĂŒdischen Wucher auf die Ausgrenzung vom normalen Wirtschaftsleben zurĂŒck, die die Juden von den Christen erfuhren. Er hob am VerhĂ€ltnis der Juden zu Christus nicht hervor, daß sie ihn getötet hĂ€tten, sondern daß sie seine Blutsverwandten seien – daß Jesus Christus eben selbst ein geborener Jude sei, wie schon der Titel der Schrift programmatisch sagt. Und er forderte, daß verĂ€chtliche Schikanen und Gewalt gegen sie ebenso ein Ende haben mĂŒĂŸten wie Berufsverbote und Segregation; es mĂŒsse den Juden erlaubt sein, unter den Christen zu  siedeln und normaler Arbeit nachzugehen, ja sogar, Christen zu heiraten.

Solcher Neuanfang im Verhalten der Christen zu den Juden folgt nach Luther aus der Reformation. Wie die reformatorische Neuentdeckung des Evangeliums auf allen möglichen innerkirchlichen Feldern grundlegenden Wandel gebracht hat, so soll es auch an dieser Stelle sein. Denn es ist die Papstkirche, die die Juden so unsĂ€glich ĂŒbel behandelt hat und noch behandelt. So wie sie das Evangelium verdunkelt hat, so auch die Konsequenzen, die sich daraus fĂŒr das Handeln der Christen ergeben: „unsere Narren, die PĂ€pste, Bischöfe, scholastischen Theologen und Mönche, die groben Eselsköpfe, sind bisher so mit den Juden verfahren, daß, wer ein guter Christ gewesen ist, wohl ein Jude hĂ€tte werden mögen. Und wenn ich ein Jude gewesen wĂ€re und hĂ€tte gesehen, wie solche Tölpel und plumpen Gesellen den christlichen Glauben regieren, wĂ€re ich eher eine Sau geworden denn ein Christ.“ Damit aber ist es vorbei. Wo das Evangelium herrscht, da „muß man nicht des Papstes Gesetz, sondern das Gesetz der christlichen Liebe an ihnen ĂŒben und sie freundlich behandeln.“

Luther ist ĂŒberzeugt, daß solch ein verĂ€ndertes Verhalten der Christen gegenĂŒber den Juden auch eine andere Einstellung der Juden zum Christentum zur Folge haben wird: Zumindest einige von ihnen werden sich dem Evangelium, das sie jetzt erstmals richtig kennenlernen, zuwenden. Wie all seine Zeitgenossen geht der Reformator davon aus, daß das Heil auch fĂŒr die Juden im Glauben an Jesus Christus liegt. Und ebenso teilt er mit der ĂŒberlieferten und zeitgenössischen Theologie die Überzeugung, daß von Christus bereits in der Heiligen Schrift der Juden selbst, im Alten Testament, die Rede sei. Die Juden mĂŒĂŸten sich also gar keinem anderen Glauben zuwenden, sondern nur „zum Glauben ihrer VĂ€ter, der Propheten und Patriarchen treten“, wie es die ja ebenfalls jĂŒdischen Apostel getan hĂ€tten. Wenn man ihnen das klar und geduldig darlege, dann „möchten einige herbeikommen“. Ja, wenn man sie einfach anstĂ€ndig und liebevoll behandele, mit ihnen ohne UnterdrĂŒckung und Ausgrenzung zusammenlebe, so daß sie „unsere christliche Lehre und Leben hören und sehen“ könnten, dann werde das solcherart erfahrene wahre Christentum ganz von selbst ausstrahlen.

Ist Martin Luthers PlĂ€doyer fĂŒr einen anderen Umgang mit den Juden also schlicht ein Wechsel der Missionsmethode, weil der bisherige Umgang mit den Juden sein Ziel, deren Christianisierung, nicht erreicht, ja geradewegs verhindert hat? In der Tat will Luther zeigen, wie man es richtig machen muß, wenn man Juden fĂŒr den christlichen Glauben gewinnen will, im Gegensatz zur Papstkirche, die auch auf diesem Feld versagt und darum erfolglos bleiben muß. Doch erklĂ€rt dieses Motiv nicht alles. AuffĂ€llig ist nĂ€mlich, wie er den „Erfolg“ beschreibt, den der richtige, wirklich christliche Umgang mit den Juden haben wĂŒrde: Er tut es mit Ă€ußerster ZurĂŒckhaltung. Luthers bevorzugtes Wort in diesem Zusammenhang ist „einige“ (ettliche) – wenn die Christen anders mit den Juden sprĂ€chen und handelten, dann wĂŒrden „vielleicht einige der Juden“ zum Glauben gereizt, dann „möchten wir einige bekehren“, „möchten einige von ihnen herbeikommen“. Die Erwartung eines großen, vielleicht auch propagandistisch auszuwertenden Erfolges sĂ€he anders aus. Nein, es ist die Logik des nun wiederentdeckten Evangeliums, die ĂŒberall, auch gegenĂŒber den Juden andere Worte und Taten fordert. Und wie dieses Evangelium niemals „leer zurĂŒckkommt“ ( Jes. 55,11), so wird es auch bei den Juden sein. Luther und die anderen Reformatoren machen in jenen Jahren die Erfahrung, welch ungeheures Echo die evangelische Botschaft hat, wie sie ĂŒberall die Menschen in ihren Bann zieht, ohne obrigkeitlichen oder kirchlichen Druck, schlicht mit innerer Überzeugungskraft. Er kann gar nicht umhin anzunehmen, daß sie auch bei Juden Widerhall finden wird. Ob bei vielen oder bei wenigen? Das bleibt offen, Luther rechnet eher nur mit „einigen“.

Und das Erstaunliche ist: Diese Perspektive bekĂŒmmert ihn nicht. Daß es auch jetzt wohl nur einige Juden sein werden, ist zwar unverstĂ€ndlich, insofern ihnen der Glaube, der doch schon der ihrer alttestamentlichen VĂ€ter ist, in seiner nun unverstellten Form eigentlich gar nicht nicht einleuchten kann; die kleine Zahl lĂ€ĂŸt sich folglich nur mit dem Beharren auf dem alten Starrsinn erklĂ€ren. Doch Luther fĂŒgt hinzu: „Was liegt daran? “ Es sei doch auch bei den Christen nicht anders. So viele getaufte Christen es gebe, so viele sich nun auch der Reformation zuwendeten – „gute Christen“, solche, die „mit Ernst Christ sein wollen“, seien sie doch lĂ€ngst nicht alle. Der christliche Glaube ist kein MassenphĂ€nomen, keine volkskirchliche GrĂ¶ĂŸe, vielmehr ist „ein Christ ein seltener Vogel“, wie Luther zwei Jahre spĂ€ter schreiben wird. Wie sollte nicht auch ein Christ gewordener Jude selten sein? Es ist ein Ton des Optimismus und der Gelassenheit, der die Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ durchzieht.

Die kleine Schrift schlug ein. Umgehend war sie ausverkauft, wurde mehrfach nachgedruckt, in deutscher Sprache wie in lateinischer Übersetzung. Auch auf jĂŒdischer Seite hielt man den Atem an. Von Beginn hatte man die Reformation mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt, bis Jerusalem hin wurden Nachrichten ĂŒber die religiöse UmwĂ€lzung in Deutschland in jĂŒdischen Kreisen verbreitet. Der Weg des kleinen Augustinermönchs, der es mit der mĂ€chtigen Institution Kirche aufnahm, wurde mit unverhohlener Sympathie verfolgt. Und nun auch noch diese Schrift. Ganz neue Töne aus dem Mund eines Christen – Widerspruch gegen die GreuelmĂ€rchen, Kritik an Ghettosierung und Berufsverbot, Aufforderung zu Liebe und Freundlichkeit. Und tatsĂ€chlich, so vermeldeten jĂŒdische Beobachter, ließ sich ein verĂ€ndertes Verhalten von Christen gegenĂŒber Juden feststellen, neuerdings erlebte man wirklich Freundlichkeit. Und Wallfahrtsorte, die sich an der StĂ€tte behaupteter Judenfrevel gebildet hatten und etwa eine angeblich geschĂ€ndete Hostie zeigten – so z.B. im mecklenburgischen Sternberg –, starben in evangelisch werdenden Gebieten ab. Es schienen neue Zeiten im VerhĂ€ltnis von Christen und Juden heraufzuziehen.

Das war 1523. 1543, zwanzig Jahre spĂ€ter, kamen gĂ€nzlich andere Töne aus Wittenberg, die sich schon im Titel einer weiteren Schrift zum Thema „Juden“ andeuten: „Von den Juden und ihren LĂŒgen“. Hier heißt es: Ich rate, „daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht brennen will, mit Erde ĂŒberhĂ€ufe und beschĂŒtte, so daß niemals mehr ein Mensch davon einen Stein oder Schlacke sehen kann. Daß man auch ihre HĂ€user ebenso zerbreche und zerstöre. Daß man ihnen ihre GebetbĂŒcher und Talmudisten wegnehme. Daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, weiterhin zu lehren. Daß man fĂŒr die Juden Geleit und Durchzugsrecht ganz und gar aufhebe. Daß man ihnen den Wucher verbiete und alle Barschaft und Kleinodien aus Gold und Silber wegnehme. Daß man den jungen, starken Juden und JĂŒdinnen Dreschflegel, Axt, Harke, Spaten, Spinnrocken und Spindel gebe und sie ihr Brot verdienen lasse im Schweiße ihres Angesichts, wie es Adams Kindern auferlegt ist.“ Pfarrer und Prediger sollen ihre Gemeindeglieder warnen, „daß sie sich vor den Juden hĂŒten und sie meiden, wo sie können, allerdings ohne sie viel zu verfluchen oder ihnen  persönlich Gewalt anzutun.“ Die Obrigkeiten aber, die Juden unter sich haben, sollen so vorgehen, wie zuvor aufgezĂ€hlt. Und wenn das alles nicht helfen will, so sollen sie „allgemeiner Klugheit der anderen Nationen wie Frankreich, Spanien, Böhmen usw.“ folgen: Sie sollen die Juden „wie die tollen Hunde hinausjagen.“ Kurz, Luther endet mit dem Ratschlag, zu verfahren wie die LĂ€nder ringsum: die Juden flĂ€chendeckend auszuweisen. Dann werde man endlich „der unleidlichen, teuflischen Last der Juden entledigt“ sein.

Wie ist es zu dieser radikalen Kehre gekommen? Luther selbst gibt als Grund fĂŒr die Abkehr von seiner in der Schrift von 1523 vorgebrachten Sicht vor allem zwei Sachverhalte an, die er damals noch nicht gekannt habe: Zum einen habe er erfahren, daß Juden versuchten, unter Christen Proselyten zu machen, sie zur Einhaltung des Sabbats und zur Beschneidung zu bringen; offenbar fĂŒhlten sie sich durch seine, Luthers, freundliche Worte und RatschlĂ€ge geradezu ermutigt, nun ihrerseits aufzutrumpfen und unter den Christen zu wildern. Was der reale Hintergrund fĂŒr die Annahme jĂŒdischer Proselytenmacherei ist, lĂ€ĂŸt sich nicht mit Sicherheit rekonstruieren. Vereinzelt oder in kleinen Gruppen hat es dergleichen offenbar gegeben, von einer grĂ¶ĂŸeren Bedrohung aber konnte keine Rede sein, auch fĂŒr eine entsprechende ermunternde Wirkung von Luthers erster Judenschrift gibt es keinen Beleg. Zum anderen, so Luther, habe er erfahren, daß die Juden Christus nicht nur ablehnten, was ja allgemein bekannt war und er 1523 auch voraussetzte. Vielmehr tĂ€ten sie darĂŒber hinaus etwas, was er damals nicht wußte: Sie fĂŒhrten LĂ€sterreden, „LĂŒgen“ gegen den Heiland, den dreieinigen Gott und die Gottesmutter Maria. Die erste einschlĂ€gige Erfahrung habe er bereits wenige Jahre nach „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ gemacht. AnlĂ€ĂŸlich einer Begegnung mit drei durchreisenden Rabbinern stellten diese fest, sie wollten mit dem „Gehenkten“ (Thola), also Jesus, nichts zu tun haben. Offensichtlich schockierte diese SchmĂ€hung des Gekreuzigten Luther zutiefst, so daß er immer wieder, bis in die Schrift „Von den Juden und ihren LĂŒgen“ hinein, auf die Episode zurĂŒckkam. GerĂŒchte und judenkritische Literatur, die er mittlerweile gelesen hatte, fĂŒhrten zu weiteren AufschlĂŒssen derselben Art: Die Juden machten mit dem Namen Jesus, „Heiland“, verunglimpfende Wortspiele, sie bezeichneten Maria als Hure und nennten sie „Dreckhaufen“, sie lĂ€sterten die Dreieinigkeit und bezeichneten die TrinitĂ€tslehre als Vielgötterei. Und sie verfluchten die Christen, wĂŒrfen ihnen erfundene Untaten vor und hofften, ihr Messias werde sie eines Tages vernichten.

Ob diese VorwĂŒrfe im einzelnen zu Recht erhoben wurden, kann dahingestellt bleiben. Daß die Juden gegen christliche Zentrallehren polemisierten, ist hingegen aus jĂŒdischen Quellen zu belegen, und es ist, wie ein jĂŒdischer Historiker (Alex Bein) schreibt, auch selbstverstĂ€ndlich. Denn mit der Bestreitung der MessianitĂ€t Jesu, der christologischen und trinitĂ€tstheologischen Dogmen war unweigerlich ein VerstĂ€ndnis Christi, Gottes, Mariens gegeben, das diese in den Augen der Christen herabsetzte – wie polemisch oder sachlich das auch formuliert sein mochte. Umgekehrt galt ja dasselbe. Eine solche Situation war – und ist – mit dem Nebeneinander einander widersprechender Religionen zwangslĂ€ufig gegeben, und Luther hĂ€tte sich das schon 1523 vergegenwĂ€rtigen können. Nun stand es ihm jedenfalls vor Augen, und er erklĂ€rte diese Situation fĂŒr unertrĂ€glich: GotteslĂ€sterung in ihrer Mitte, einen offenen Verstoß gegen das Erste Gebot könnten die Christen unmöglich dulden. Werde doch in der Heiligen Schrift ausdrĂŒcklich geboten, jede GotteslĂ€sterung zu beseitigen. WĂŒrden die Christen das nicht tun, machten sie sich mitschuldig an dieser schlimmsten aller SĂŒnden und widersprĂ€chen dem Pauluswort 1. Tim.: „Mache dich nicht teilhaftig fremder SĂŒnden!“ (1. Tim. 5,22). Kurz, daß die Juden „nicht glauben wie wir, dafĂŒr können wir nichts, man kann niemanden zum Glauben zwingen.“ „Aber öffentlich frei daher, in Kirchen und vor unseren Nasen, Augen und Ohren solchen Unglauben fĂŒr recht zu rĂŒhmen und den rechten Glauben zu lĂ€stern und zu fluchen, das ist etwas anderes. Da ist unser Zusehen und Stillschweigen eben so viel, als tĂ€ten wir es selbst.“ D.h., wenn die Christen das zulassen, belasten die Juden sie „mit ihren teuflischen, lĂ€sterlichen, grĂ€mlichen SĂŒnden“ in ihrem eigenen, christlichen Land.

Aus dieser Diagnose folgt das oben skizzierte Rezept: Es geht nicht darum, die Juden zu Christen zu machen – zum Glauben kann man niemanden zwingen. Sondern es geht darum, sie an der GotteslĂ€sterung inmitten der Christen zu hindern. Deshalb mĂŒssen ihre Synagogen und festen HĂ€user als Orte solcher öffentlichen LĂ€sterung zerstört werden. Aus demselben Grund sind Talmude und jĂŒdische GebetbĂŒcher zu zerstören und ist jĂŒdischer religiöser Unterricht zu unterbinden. DafĂŒr zu sorgen, ist geradezu die Plicht der FĂŒrsten. Denn „solches, vor unseren Ohren in öffentlichen Synagogen, BĂŒchern und GebĂ€rden tĂ€glich geĂŒbt, können wir Christen in unserem eigenen Land, HĂ€usern und Regiment keineswegs ertragen, oder wir mĂŒssen Gott den Vater mit seinem lieben Sohn mit den Juden und um der Juden willen verlieren und ewiglich verloren sein. Da sei Gott vor.“

Wenn Luthers Rezept lautet, die Juden zwar persönlich glauben zu lassen, was sie wollen, ihnen aber alle Orte und Mittel öffentlicher ReligionsausĂŒbung zu nehmen, sieht er bald, daß auch diese radikale Maßnahme das von ihm skizzierte Dilemma der Christen nicht löst: Selbst wenn man die Synagogen zerstört und allen öffentlichen Gottesdienst verbietet, „werden sie es doch heimlich nicht lassen. Und weil wir wissen, daß sie es heimlich tun, so ist es ebensoviel, als tĂ€ten sie es öffentlich. Denn was man weiß, was heimlich geschieht und geduldet wird, das heißt doch nicht heimlich, und wird gleichwohl unser Gewissen vor Gott damit beschwert“. Kurz, auch so werden die Christen als zulassende Mitwisser von GotteslĂ€sterung der fremden SĂŒnde teilhaftig. In dieser Sicht ist es konsequent, daß Luther schließlich die Ausweisung als einzige wirkliche Lösung empfiehlt: „Die Juden mĂŒssen gedenken in ihr Vaterland. Das ist der nĂ€chstliegende und beste Rat, der beide Part in solchem Falle sichert.“

So schwer die beiden „Entdeckungen“ wiegen, die Luther als GrĂŒnde fĂŒr die in „Von den Juden und ihren LĂŒgen“ geforderte Behandlung der Juden nennt, Proselytismus und GotteslĂ€sterung, gibt es doch noch ein – mit beiden verbundenes – drittes Motiv: das unbeirrte Festhalten der Juden an ihrer nichtchristlichen Deutung es Alten Testaments. Diese Tatsache ist Luther offenbar je lĂ€nger desto Ă€rgerlicher geworden. Er, der als Bibelprofessor weit mehr alttestamentliche als neutestamentliche Schriften auslegte, verbrachte die letzten zehn Jahre seines Lebens am Katheder ausschließlich mit dem ersten Buch der Bibel, dem 1.Buch Mose (Genesis). Durch die LektĂŒre wissenschaftlicher Literatur wurde er tagtĂ€glich darauf gestoßen, daß bei den Juden eine Auslegungstradition lebendig war, die das Fundament des christlichen Glaubens und der evangelischen VerkĂŒndigung infrage stellte. Sein Ă€lterer Zeitgenosse Erasmus, der das auch wußte, zog die Konsequenz, der Kirche zu empfehlen, sie möge das Alte Testament als jĂŒdisches Buch beiseite lassen. Luther, fĂŒr den das Alte Testament als erster Teil der Bibel der Christen nicht zur Debatte stand, reagierte mit immer nachdrĂŒcklicher Betonung der christlichen Auslegung, wonach das Alte Testament nachweisbar auf Christus hinauslief. So ist auch der grĂ¶ĂŸte Teil der Schrift „Von den Juden und ihren LĂŒgen“ dem Nachweis gewidmet, daß der Messias, von dem das Alte Testament rede, eindeutig Jesus Christus sei und jeder, der das bestreite, dumm oder verstockt sein mĂŒsse. Um das zu zeigen, legte Luther im selben Jahr noch zwei weitere Schriften gegen die jĂŒdische Interpretation des Alten Testamentes vor. Mit dem Kampf gegen die öffentliche Rede der Juden oder gegen ihr Aufenthaltsrecht kĂ€mpfte Luther zugleich gegen die PrĂ€senz ihrer falschen Schriftauslegung und die Gefahr, die von ihr fĂŒr das Heil der Christen ausgehe. Auch, vielleicht vor allem deshalb mußten die Juden verschwinden.

FĂŒrwahr, ein ganz und gar anderer Ton als zwanzig Jahre zuvor. Nicht daß Luther die jĂŒdische Schriftauslegung erst jetzt verfehlt erschienen wĂ€re, nicht daß er das Judentum erst jetzt fĂŒr einen zutiefst falschen religiösen Weg gehalten hĂ€tte. Doch 1523 konnte Luther damit leben – wenn es Juden gibt, die sich nicht bekehren, „was liegt daran? Sind wir doch auch nicht alle gute Christen.“ Diese Gelassenheit ist dahin. Die ganze Stimmung des Aufbruchs ist dahin, als das Evangelium wundergleich wirkte, sich immer mehr ausbreitete und diese Erfahrung der Eigenmacht des Wortes Gottes es erĂŒbrigte, mit rechnendem Blick auf die Adressatenseite zu sehen. Diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile hat man die Reformation organisiert. Und man hat sie eingepaßt in den territorial-volkskirchlichen Rahmen, der vom Mittelalter her gelĂ€ufig war: den Rahmen der christianitas, der christlichen Gesamtgesellschaft, die von Kirche und weltlicher Obrigkeit bei rechter Glaubenslehre und -praxis gehalten und vor falscher Lehre und Praxis geschĂŒtzt wurde. Seit Mitte der 1520er Jahre fand Luther seine Aufgabe zunehmend als fĂŒhrende AutoritĂ€t in dem Prozeß, der die rechte christianitas nun innerhalb der protestantischen Gebiete verwirklichen sollte und der aus den evangelischen Gemeinden evangelische Landeskirchen werden ließ. Ziel blieb die Gemeinschaft der GlĂ€ubigen, die nur eine Gemeinschaft glĂ€ubiger Einzelner sein konnte. Doch sie sollte nun abgesichert werden, eingebettet und geschĂŒtzt in einer Gesellschaft, die als ganze das Vorzeichen der wahren Lehre und rechten kirchlichen Praxis trug. Da konnte fĂŒr eine Gruppe, die das Christentum so fundamental infrage stellte wie die Juden und das christliche Ganze durch gotteslĂ€sterlichen Kult religiös kompromittierte, kein Platz mehr sein, nicht einmal mehr im Rahmen der alten auf Augustin gestĂŒtzten Duldung als BĂŒrger zweiter Klasse. So nutzte der alte Luther seine AutoritĂ€t als Mitgestalter der neuen evangelischen Landeskirchen dafĂŒr, daß die evangelischen Territorien judenfrei wurden, sich dabei ohne Skrupel auch einst von ihm zurĂŒckgewiesener antijĂŒdischer Greuelgeschichten bedienend. Er bestĂ€tigte und ermutigte seine kursĂ€chsischen Herren in ihrem Kurs der Judenvertreibung. Und er setzte noch auf seiner letzten Reise, die ihn nach Eisleben fĂŒhrte, wo es Juden gab, seine schwindenden KrĂ€fte fĂŒr dasselbe Anliegen ein: Am Schluß seiner letzten Predigt am 15. Februar 1546 hier in der Eislebener Andreaskirche, die er nicht mehr zuende zu fĂŒhren vermochte, beschwor Luther die Gemeinde, sich nicht durch Duldung der Christus lĂ€sternden Juden ihrer SĂŒnde teilhaftig zu machen; die Juden mĂŒĂŸten mit der LĂ€sterung aufhören und sich zum Christentum bekehren – „wo aber nicht, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden noch leiden.“ Drei Tage spĂ€ter war der Reformator tot.

Als Menschen an der dritten Jahrtausendwende können wir die SĂ€tze des Ă€lteren Luther ĂŒber die Juden nicht ohne tiefe Beklommenheit lesen. Nicht nur, weil knapp 400 Jahre spĂ€ter in bis dahin unvorstellbarer Zahl Synagogen zerstört und Juden ihrer HĂ€user beraubt, um Hab und Gut gebracht und schließlich ermordet wurden, sondern weil die Entrechtung der Juden im Dritten Reich auch mit Berufung auf Martin Luthers spĂ€te Judenschriften legitimiert wurde: Manche Nationalsozialisten, vor allem aber ihre innerkirchlichen BannertrĂ€ger, die Deutschen Christen, fĂŒhrten den Reformator als Kronzeugen an, der die RechtmĂ€ĂŸigkeit ihres Vorgehens bestĂ€tige. Freilich verbanden sie ihre Berufung auf Luther mit einem Vorwurf gegen die evangelische Kirche: Diese habe Luthers antijĂŒdische Schriften seit Jahr und Tag verschwiegen und immer nur die frĂŒhe Schrift von 1523 erwĂ€hnt – was auf jĂŒdische Machenschaften zurĂŒckgehe. So tendenziös dieser Vorwurf ist, verweist er doch auf einen bemerkenswerten Sachverhalt: In der Tat spielten Luthers spĂ€te Judenschriften jahrhundertelang in der evangelischen Theologie und Kirche nur eine marginale oder gar keine Rolle, waren sie, lange Zeit nicht mehr nachgedruckt, den meisten auch gar nicht mehr bekannt – selbst ein Dietrich Bonhoeffer, der 1933 zugunsten der Juden schrieb und sich dafĂŒr auf Luther berief, kannte offensichtlich nur die Lutherschrift von 1523. Und nicht wenige Juden des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts waren begeisterte Lutherverehrer. Eine kontinuierliche Rezeptionsgeschichte der Schrift „Von den Juden und ihren LĂŒgen“ vom 16. ins 20. Jahrhundert gibt es also nicht. Hitler, Göbbels usw. kamen nicht durch deren LektĂŒre auf ihre antisemitischen Ideen. Auch darf man die Differenzen zwischen diesen Ideen und Luthers judenfeindlichen Aussagen nicht ĂŒbersehen. Seine Endlösung war die Massenvertreibung, nicht der Massenmord. Und sein beherrschendes Motiv war religiöser, nicht rassebiologischer Art. Das ist das eine. Auf der anderen Seite ist mit keinem Argument die Tatsache beiseitezuschieben, daß die Aussagen Luthers sich der nationalsozialistischen Propaganda dienstbar machen ließen. Denn auch seine Vision war schließlich ein Land ohne Juden, zu erreichen mit Macht und Gewalt. Der Berliner Professor Ernst Wilhelm Hengstenberg, einer der wenigen Theologen, die im 19. Jahrhundert Luthers spĂ€te Judenschriften zur Kenntnis nahmen, schrieb dazu: Diese Schriften seien geeignet, uns den Unterschied klarzumachen, der bei allen bleibenden Verdiensten des Reformators gleichwohl „zwischen ihm und den Aposteln besteht, und zu zeigen, wie zweifelhaft es wĂ€re, solch einem Meister unbedingt und ohne PrĂŒfung durch die Schrift zu folgen.“ Martin Luther hĂ€tte dieser EinschĂ€tzung seiner Person wohl kaum widersprochen.

Prof. Dr. Dorothea Wendebourg ist Theologin und Kirchenhistorikerin an der Humboldt-UniversitÀt zu Berlin   

Vortrag gehalten auf einer Tagung der EKD fĂŒr Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des EuropĂ€ischen Parlaments in Eisleben am 7. Juni 2013

Quelle: Evangelische Verantwortung – Das Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Ausgabe 9-10/2013

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 17. MĂ€rz 2014 um 13:13 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Theologie.