Gemeindenetzwerk

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Ich vergab dem Mörder meiner Tochter.

Montag 17. Februar 2014 von Ursula Link


Ursula Link

Seit meiner Scheidung 1992 bin ich, Ursula Link, allein erziehende Mutter von zwei MĂ€dchen. Sie waren damals noch relativ jung, Nadine war sechs und Steffi acht Jahre alt. Ich war Teilzeit berufstĂ€tig, doch als Ausgleich hatten wir einen kleinen Stall auf einer gepachteten Wiese und jede von uns hatte ein Pony, bzw. Kleinpferd. Dort verlebten wir viele schöne Stunden, hatten sehr viel Freude und hielten wie ein Kleeblatt alle drei immer fest zusammen. Steffi als die Ältere hat sich immer schon sehr liebevoll um Nadine gekĂŒmmert, die Zwei waren fast unzertrennlich. Ich genoss jeden Moment des Zusammenseins mit meinen Kindern. Es war nicht immer leicht, es gab viele Tiefen, aber auch Höhen, oft Sorgen und Nöte, besonders auch finanziell, aber auch sehr viele schöne Zeiten, fĂŒr die ich heute besonders dankbar bin.

Von Gott hatte ich mich seit meiner Jugendzeit getrennt. Meine Großeltern waren evangelisch, und sie haben mir viel von Jesus erzĂ€hlt, mich gelehrt zu beten und mir Geschichten aus der Bibel nahe gebracht. Als sie nicht mehr lebten kam ich zu der Meinung, dass Gott nicht existiert, wenn er so viel Leid und Probleme ĂŒberall und besonders in meinem Leben zulĂ€ĂŸt.

Als Steffi in das Alter kam, um konfirmiert zu werden, meldete ich sie zum Konfirmandenunterricht an. Wir lebten damals in Bad Krozingen. Der Pfarrer sagte zu uns Eltern, wir sollten die Kinder zum Gottesdienst begleiten, damit wir evtl. mit ihnen darĂŒber reden können. Der Sonntag war eigentlich der einzige Tag, an dem ich mal lĂ€nger schlafen konnte, doch ich ging, Steffi zuliebe, mit ihr in die Gottesdienste. Doch wie erstaunt war ich, als ich merkte, dass da etwas mit mir passierte: Oft schon nach 10 Minuten fing ich an, oft vom Alltag und aller Verantwortung sehr erschöpft, durchzuatmen, konnte ich mich gerade hinsetzen, spĂŒrte, dass ich neue Kraft bekam und empfand, dass die Predigten voll in mein Leben hineinsprachen. So freute ich mich mehr und mehr auf den nĂ€chsten Sonntag, spĂŒrte, dass ich dort fĂŒr die ganze Woche Kraft empfing. Nach Steffis Konfirmation 1998 ging ich weiterhin sonntags zum Gottesdienst, meistens alleine.

In der Neujahrsnacht 2000 geschah dann das Unfaßbare, von dem ich nie gedacht hĂ€tte, dass es in meinem Leben geschehen könnte, ich dachte immer, so etwas geschieht nur im Fernsehen oder in Romanen: Steffi kam von der Silvesterfeier in Freiburg, auf der sie mit Freundinnen war, nicht mehr nach Hause. Sie wurde in dieser Nacht sehr grausam und sehr brutal ermordet.

FĂŒr Nadine und mich brach damals unsere Welt zusammen. Der Schmerz ĂŒber den Tod von Steffi und besonders auch ĂŒber die Grausamkeit der Tat, ließ uns vollkommen zusammenbrechen. Wir sahen auf einmal keinen Sinn mehr in unserem Leben, konnten und wollten uns nicht mehr freuen, wussten nicht, wie wir den Alltag, der ĂŒber kurz oder lang wieder weitergehen sollte, bewĂ€ltigen sollten, da wir zu dem Schmerz auch noch besonders stark durch AlptrĂ€ume gequĂ€lt wurden. Wir wagten gar nicht mehr, schlafen zu gehen. Wir konnten keine Menschen um uns herum ertragen, auch war es unertrĂ€glich zu sehen, wie fĂŒr sie der Alltag weiterging, wĂ€hrend unser Leben zerstört war, es gab fĂŒr uns keinen Alltag mehr, nur einen riesengroßen Schmerz. Probleme holten uns mehr und mehr ein, Nadine in der Schule, sie wurde zur Außenseiterin, weil ihre Freunde und Freundinnen nicht wussten, wie sie ihr begegnen sollten, fĂŒr mich bei der Arbeit, weil ich keine Kraft mehr hatte, oft in hemmungsloses Weinen ausbrach, und deshalb gar nicht unter Menschen sein wollte. Finanzielle Sorgen kamen noch zusĂ€tzlich erschwerend hinzu. Kurz: Wir gingen durch die Hölle. Es gab keine Perspektive mehr fĂŒr unser Leben. Es war auch kein Trost, dass der TĂ€ter bald von der Kriminalpolizei gefaßt und verurteilt wurde. Viele Freunde versuchten uns zu helfen. Auch ein Ehepaar vom Weißen Ring, mit dem uns bald eine sehr gute Freundschaft verband. Wir erhielten eine wirklich sehr gute UnterstĂŒtzung und Begleitung durch Beamte der Kriminalpolizei, aber keiner konnte wirklich verstehen, wie es in uns aussah.

Etwa zwei Jahre nach der Tat unternahm Nadine einen Selbstmordversuch, weil sie dieses Leben nicht mehr ertragen konnte. Ich dachte auch immer wieder darĂŒber nach, wie ich es am schmerzlosesten durchfĂŒhren könnte, aber ich wollte doch noch fĂŒr Nadine da sein, dachte, ich kann sie doch nicht allein lassen. Nadine wurde gerettet, kam nach dem Krankenhausaufenthalt in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Freiburg, verbrachte dort einige Wochen und im Laufe des Jahres nahmen wir dort beide an einer Verhaltenstherapie teil. Doch auch das half wenig, genauso wie eine Therapie, die ich begonnen hatte, sie jedoch wieder abgebrochen habe, da ich sie nur als ein Salz-in-die-Wunde-streuen empfunden habe. Nadine empfand kurzfristige Erleichterung ihrer seelischen Not, wenn sie sich ritzte, und das Blut floss. Die Ärzte sagten, das ist auch eine Form von Selbstmord, aber auf Raten.

Irgendwann in dieser Zeit dachte ich daran, wie gut es mir in Bad Krozingen in der Kirche ergangen war. So begann ich wieder, sonntags in die Gottesdienste zu gehen. Jedoch kam ich immer erst etwas spĂ€ter, da der Pfarrer einen am Eingang begrĂŒĂŸte. Setzte mich dann in die allerletzte Reihe in die Ecke, in der Hoffnung, dass sich niemand neben mich setzt, da ich das nicht ertragen hĂ€tte, und ging dann auch wieder frĂŒher. Ich spĂŒrte wieder, es tat mir gut, da zu sein, und so ging ich regelmĂ€ĂŸig, bis ich eines Tages, wĂ€hrend der Predigt, eine Vision von Steffi bekam: Es war, als wĂŒrde im Gottesdienstraum eine große Filmleinwand erscheinen, und da war Steffi! Ich sah nur ihr Gesicht. Sie redete nicht, strahlte nur, sah wunderschön aus und in ihrem Blick war ein tiefer, tiefer Frieden. Nie werde ich dieses Bild vergessen!

Ich dankte Gott fĂŒr dieses Erlebnis, ich dachte, so kann nur jemand aussehen, der ganz nah bei Gott ist! Es machte mir Mut, weiter zu leben, und es gab mir eine neue Hoffnung. Doch der Alltag war weiterhin ĂŒberfordernd. Sehr große finanzielle Probleme kamen erschwerend zu allem anderen hinzu. Es kam ein Punkt, an dem Nadine und ich nicht mehr weiterwussten. Wir dachten, wir gehen jetzt noch zu einer Freundin von uns (d. h. der Mutter ihrer Freundin), sie hatte uns einmal Hilfe, auch finanziell, angeboten. Es war uns beiden sehr peinlich, aber wir dachten, das ist unsere letzte Chance. Diese Freundin sagte uns, dass sie uns im Moment auch nicht weiterhelfen könnte. Eigentlich gibt es nur noch einen, der euch in eurer Situation helfen kann, und das ist Jesus. Wenn ihr bereit seid, ihm eurer Leben anzuvertrauen, wird er euch helfen! Wenn ihr möchtet, bete ich mit euch!

Kein Mensch konnte uns bis hierher helfen. Also, was soll’s, dachten wir, es ist sowieso vorbei, wir haben nichts zu verlieren. Warum sollen wir es nicht versuchen (ich dachte immer, ich habe doch meinen Glauben an Gott, er hilft mir doch schon, und mehr geht einfach nicht). Am 24. Oktober 2002, an diesem Abend, betete unsere Freundin mit uns, und Nadine und ich ĂŒbergaben beide unser Leben in die HĂ€nde von Jesus. Wir nahmen IHN als unseren HERRN und Erlöser an und wollten IHM von nun an vertrauen, dass ER fĂŒr uns sorgt!

TatsĂ€chlich gingen wir mit neuer Hoffnung in unseren Herzen nach Hause. In den nĂ€chsten Tagen und Wochen gingen wir sehr regelmĂ€ĂŸig zusammen zu unserer Freundin, sie betete mit uns, wir lasen gemeinsam in der Bibel, sie beantwortete uns Fragen und zeigte uns, wie man lebt, wenn man Jesus vertraut, an IHN glaubt. Ich begann auch abends, vor dem Einschlafen, in der Bibel zu lesen („Hoffnung fĂŒr alle“ – hatte mir mal jemand geschenkt), und danach konnte ich schlafen ohne AlptrĂ€ume und fĂŒhlte mich am nĂ€chsten Morgen so fit, dass ich zur Arbeit gehen konnte. Ich dachte, dass das ein Zufall war, so probierte ich es am nĂ€chsten Tag wieder, und es geschah wieder so. Von da an las ich regelmĂ€ĂŸig selber in der Bibel, wollte Jesus kennen lernen, und konnte gar nicht genug von IHM hören, lesen, und IHN erfahren. ER heilte uns. Langsam, Schritt fĂŒr Schritt, kam Heilung in uns, Depressionen verschwanden, AlptrĂ€ume wurden zuerst weniger, dann hörten sie auf. Nadine schnitt sich nicht mehr und sogar ihre schlimmen Narben waren eines Tages einfach weg. Nicht nur meine Seele war bis dahin ein einziger Schmerz, auch mein Körper. Ich litt an vielen, schmerzhaften Erkrankungen. Jesus heilte mich, immer wieder ein StĂŒckchen mehr. Und ich wurde so hungrig danach, IHN kennen zu lernen. Eine Zeit lang ging ich noch in die evangelische Kirche, doch irgendwann ‘wagte’ ich es, mit Nadine in die Freikirche unserer Freundin zu gehen, eine Pfingstgemeinde. Anfangs Ă€hnlich wie oben beschrieben: Ich kam zu spĂ€t und ging viel frĂŒher, um mit niemandem reden zu mĂŒssen, ich hatte immer wieder Angst, dabei in TrĂ€nen auszubrechen, stand immer ganz hinten in einer Ecke. Da stand dann beim nĂ€chsten mal ein Stuhl fĂŒr mich. Als an einem Sonntag das Abendmahl gefeiert wurde, kam jemand auf mich zu und bot mir Brot und Wein an. Von da ab wurde ich sicherer, und bald gehörte ich zu der Gemeinde dazu, bekam neue Freunde, eine neue Familie, Nadine und ich fĂŒhlten uns dort sehr wohl. Wir beide waren lichterloh fĂŒr Jesus entbrannt. Es tat so gut, sich von IHM helfen zu lassen! Unser Leben war von diesem besagten Abend an voll auf IHN ausgerichtet.

Etwa ein halbes Jahr spĂ€ter hatte ich den dringenden Wunsch, mich taufen zu lassen. In der Taufvorbereitungszeit kam bei mir mehr und mehr die Frage auf: Was ist denn mit Steffi? Nadine und ich hatten unser Leben Jesus anvertraut und hatten ein vollkommen neues Leben geschenkt bekommen. Doch beim Lesen in der Bibel erfuhr ich immer wieder: Nur wer sich bekehrt hat das Ewige Leben, nur wer den Sohn annimmt wird beim Vater sein, und Jesus sagt: Ihr mĂŒsst von neuem geboren werden
. Das bewegte mich sehr. Ich hatte doch die Vision von ihr, dachte, sie ist ganz nah bei Gott, doch war das wirklich so?

Kurz vor meiner Taufe ĂŒberfielen mich diesbezĂŒglich nochmals Depressionen. Ich schrie innerlich und im Gebet zu Jesus: Was ist mit Steffi? Da fĂŒhlte ich mich wie von einer Kraft gefĂŒhrt, vom Sofa aufzustehen und zu meinem Wohnzimmerschrank zu gehen. Dann nahm ich eine kleine Bibel in die Hand, die ich beim AufrĂ€umen in ihrem Zimmer gefunden hatte. Ich wollte sie schon wegwerfen, weil ich dachte, die Kinder haben zur Einschulung und Konfirmation Bibeln bekommen, wir haben genug, dieser kleine grĂŒne Kunststoffeinband, gefiel mir nicht so sehr. Doch ich warf sie nicht weg, sondern legte sie in meinen Schrank. Also, ich hatte sie schon öfter in der Hand gehabt, aber als ich mich so dahin gezogen fĂŒhlte und sie nahm, schlug ich sie auf. Ich schlug genau die Seite auf, auf der Steffi in dieser Gideonbibel auf der letzten Seite das Übergabegebet unterschrieben hatte, im Alter von 11 Jahren! Meine Worte reichen hier an dieser Stelle nicht aus, meine Freude zu beschreiben, mein GlĂŒck, meine Dankbarkeit an Jesus, der mir in diesem Augenblick alle Zweifel damit wegwischte und zu mir sagte: „Schau hier, es ist alles in Ordnung. Steffi ist wirklich bei mir, es geht ihr sehr gut!” Jesus zeigte mir schwarz auf weiß, dass ER fĂŒr alles gesorgt hat! Welch eine Freude war in mir, ich dachte, ich ertrage es kaum noch. In dieser Freude ließ ich mich taufen und folge IHM, der so wunderbar und voller Liebe fĂŒr mich ist, ich wollte und möchte mein ganzes Leben nur noch fĂŒr diesen Einen wunderbaren Jesus leben – in SEINER Liebe, in SEINER Gegenwart, in tiefer und inniger Liebesbeziehung zu IHM.

Es kam der Zeitpunkt, an dem ich diese Liebe nicht mehr fĂŒr mich behalten wollte. Ich wĂŒnschte mir, dass alle Menschen diese einzigartige Liebe genauso wie ich erfahren sollten. Und Jesus gab mir einen Auftrag: Sage ihnen, dass ich sie liebe. Wie gerne wollte ich das doch tun. Jede Gelegenheit nahm und nehme ich dazu wahr.

Auf meiner Reise Jesus immer mehr und besser zu kennen und von IHM zu hören, war ich im Jahr 2005 in Imst bei einer Frauenkonferenz, als ein messianischer Jude predigte, von seinem Leben erzĂ€hlte, das in einem Konzentrationslager in Polen begann, in dem grausame Versuche an Frauen und Kindern durchgefĂŒhrt wurden. Er hat ĂŒberlebt, berichtete von seiner Leidensgeschichte, und wie er Jesus kennen lernte. Ich dachte, ich kann es kaum ertragen, das zu hören, blieb aber dabei. Jesus hat auch ihn geheilt und ihn dann von Amerika nach Deutschland geschickt, um zu vergeben, und um besonders auch zu Frauen von Vergebung zu predigen. Bis dahin hatte ich dem Mörder von Steffi wegen meiner Liebe zu Jesus aus reinem Gehorsam vergeben, ich wusste, ich sollte es tun, konnte es aber nicht aus vollem Herzen. Doch nach dieser Predigt stand ich auf, streckte meine Arme zu Jesus hoch und sagte IHM: Jetzt bin ich bereit, ich vergebe aus vollem und ganzem Herzen! Wie erleichtert war ich danach, noch viel glĂŒcklicher, noch viel freier, noch heiler, und ich empfand meine Beziehung zu Jesus als noch tiefer. Danke, HERR!

Circa zwei Jahre spĂ€ter wurde ich vom HERRN in eine andere Gemeinde gefĂŒhrt (in die auch Nadine gefunden hat). Bald erfuhr ich, dass der Pastor und einige Mitglieder ehrenamtliche Mitarbeiter im MĂ€nnergefĂ€ngnis in Freiburg sind, und zum Schwarzen Kreuz – Christliche Gefangenenhilfe – gehören. Da dachte ich, ob Jesus mich vielleicht in diese Gemeinde gefĂŒhrt hat, weil ER da einen Dienst fĂŒr mich vorgesehen hat? Das kam nicht unerwartet, hatte ich doch im Gebet immer mal wieder die Bibelstelle von Jesaja 63 bekommen: Gefangene, in die Freiheit zu fĂŒhren. Geistlich Gefangene ja, warum also auch nicht physisch Gefangene, die geistlich gefangen sind? Ich dachte: Jesus hat da bestimmt einen Plan, und ich teilte das eines Tages meinem Pastor mit. Der sagte dazu: „Dann geh doch mit uns”. Er brachte mich mit dem Leiter des Schwarzen Kreuzes zusammen, der, anfangs skeptisch, dass ich als ‘Opfer’ mich da vielleicht auf etwas Unmögliches einlasse, dann aber doch bald ĂŒberzeugt war, dass ich von allem, was uns geschehen ist, geheilt und frei bin, und mich gleich als Mitarbeiter zum nĂ€chsten Gebetstreffen eingeladen hat. Er hat dann auch die Zulassung fĂŒr mich als ‘Ehrenamtliche’ beantragt, doch die ließ etwas auf sich warten.

Jesus benutzte diese Wartezeit, mich auf das vorzubereiten, was mich erwartete: Von der ersten Begegnung mit dem Leiter an, wurde mir bewusst, dass ich eines Tages dem Mörder Steffis begegnen werde. Mein Vertrauen in Jesus ist so groß, dass ich dachte, es ist gut, wenn das geschieht. NatĂŒrlich war ich auch aufgeregt, weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, was auf mich zukommt, was mich erwartet, und wie ich damit wohl umgehen werde. So besuchte ich die monatlichen Gebetstreffen, lernte meine Geschwister vom Schwarzen Kreuz kennen, sie lernten mich kennen, wir haben eine wunderbare Einheit, deren Haupt und Zentrum Jesus ist, und ich erfuhr, wie es im GefĂ€ngnis, in der ‘Gruppe’ zugeht.

Meine Anmeldung war zwischenzeitlich im bĂŒrokratischen Dschungel der Verwaltung verloren gegangen, mein Leiter hat sie neu eingereicht. Dann kam die Freizeit vom Schwarzen Kreuz, wie jedes Jahr, und ich freute mich, dabei sein zu dĂŒrfen. Dort kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit ehemaligen BankrĂ€ubern, DrogentĂ€tern, einem Neonazi und – Mördern. Und ich durfte erleben und sehen, wie es ist, wenn man Jesus sein Leben anvertraut und ein neues Leben geschenkt bekommt (das habe ich an mir selber ja auch erlebt). Diese MĂ€nner waren wirklich verĂ€ndert. Nichts erinnerte mehr an ihre Vergangenheit, es sind lauter wunderbare Menschen, die Jesus lieben und dankbar fĂŒr das sind, was ER aus ihrem Leben gemacht hat. Ich bemerkte zum ersten Mal, dass ich die Liebe spĂŒrte, die Jesus fĂŒr sie alle hat, und die ER fĂŒr jeden hat. Eine wunderbare Erfahrung fĂŒr mich! Ich wurde gebeten, mein Zeugnis vor ihnen zu erzĂ€hlen, und wurde danach fĂŒr meinen neuen Dienst gesegnet. SpĂ€ter fand ich einen der MĂ€nner, trĂ€nenĂŒberströmt und berĂŒhrt von meinem Zeugnis. Er erzĂ€hlte mir seine Geschichte und fragte mich dann, ob er den Namen des Mörders meiner Tochter erfahren dĂŒrfte. Ich sagte ihn – und er antwortete: Mit dem war ich in einer Zelle!

Da habe ich doch erst mal geschluckt. Dann habe ich mit dem Mann noch gebetet. SpĂ€ter habe ich dann mit Jesus darĂŒber gesprochen. Was wollte ER mir damit sagen? Mir wurde klar, Jesus bereitet mich vor, lĂ€sst mich nicht ins Ungewisse gehen. Wieder kam es: Ich werde und soll ihm begegnen. So konnte ich mich darauf einstellen und fand wieder den Frieden ĂŒber alles, was in meinem Leben geschieht. Ich darf immer wieder erfahren, dass Jesus mein Leben in SEINER Hand hĂ€lt.

Zwei Wochen nach dieser Freizeit war der Weg offen, ich durfte zum ersten Mal mit meinen Geschwistern ins GefĂ€ngnis gehen. Es war mir schon etwas mulmig, weil ich nicht wusste, wie es wohl ist, selber eingesperrt zu werden, und wie die MĂ€nner mir wohl begegnen. Aber ich hatte die feste Gewissheit, Jesus geht mit mir, es ist alles gut. Ich war sehr ĂŒberrascht, wie freundlich ich aufgenommen wurde, wie gesegnet die Zeit der Gemeinschaft war, und wie reich gesegnet ich das GefĂ€ngnis wieder verlassen habe, mit großer Freude auf die kommende Woche, die nĂ€chsten Begegnungen, gemeinsames Leben und Erleben durch unseren Heiland und Erlöser Jesus Christus. Auch hier wieder: wunderbare VerĂ€nderungen der Menschen, die sich fĂŒr Jesus entschieden haben, große Freude fĂŒr die, die sich neu entscheiden, sie auf ihrem Weg begleiten zu dĂŒrfen und ihn ein StĂŒck weit gemeinsam zu gehen, Hoffnung und beten fĂŒr die, die sich mit dieser Entscheidung so schwer tun.

Dann durfte ich zum ersten Mal Mitarbeiterin im Alphakurs im GefĂ€ngnis sein. Zusammen mit einem wunderbaren Team, das Jesus in wunderbarer Einheit geleitet hat, konnte ich die Erfahrungen einbringen, die ich bereits bei Alphakursen in meiner ersten Gemeinde sammeln konnte. Doch der eine Mann, den ich eigentlich immer erwartet habe, kam nicht. Es sprach sich in der Gruppe herum, dass wir in einer besonderen Verbindung zueinander standen. Die MĂ€nner meinten fĂŒrsorglich, es wĂ€re doch besser , wenn ich ihm nicht begegnen wĂŒrde, doch ich bat sie immer wieder, ihn doch in unsere Gruppe oder in den Alphakurs einzuladen, ich wollte ihm begegnen, war darauf vorbereitet. Dann erfuhr ich, dass er sehr schwer krank war, und wohl nicht mehr lange zu leben hat. Nach der Operation eines Gehirntumors hat er wohl auch sein GedĂ€chtnis weitgehend verloren und konnte nicht mehr besonders gut sprechen. Weihnachten 2008 schrieb ich ihm einen Brief, weil ich das GefĂŒhl hatte, dass nicht mehr viel Zeit ist. Diesen Brief schickte ich einem sehr lieben Bruder unserer Gruppe und bat ihn, den Mann auf der Krankenstation zu besuchen und meinen Brief vorzulesen. Mein Bruder stellte 3 AntrĂ€ge, auf die Krankenstation gelassen zu werden, sie wurden abgelehnt. Da sagte ich zu Jesus: Ich bin gespannt, wie es geschehen wird, dass ich dem Mann noch vor seinem Tod begegne. Ich wusste immer noch ganz fest, dass es geschehen wird. Doch wie? Anfang Januar bat mich mein Pastor, mein Zeugnis im Gottesdienst der Gemeinde zu erzĂ€hlen, er wollte danach ĂŒber Vergebung predigen. Ein Ältester einer anderen Christengemeinde war an diesem Sonntag zu Besuch bei uns, erstaunlich, als Ältester ist er doch sonntags in seiner Gemeinde. Am Ende des Gottesdienstes sprachen wir kurz miteinander. Wir kannten uns bis dahin nur vom Sehen.

Mitte Januar erhielt ich einen Anruf von meinem Bekannten, der damals unser Betreuer vom Weißen Ring war. Unser Anwalt habe eine Anfrage vom Oberstaatsanwalt erhalten. Dieser wollte von mir wissen, ob ich mich bereit erklĂ€ren könnte, dass der Mörder meiner Tochter, der Krebs im Endstadium hat, zum Sterben nach Hause entlassen werden darf. Dem stimmte ich zu. Dass man mich in dieser Weise mit einbezog fand ich sehr fair. Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, begann es in meinem Kopf zu arbeiten, und zwar die Frage: Wenn ich ihm nicht im GefĂ€ngnis begegne, warum dann nicht, sobald er zu Hause ist? Die Vorstellung, dadurch seine Familie einzubeziehen, stellte ich mir schwierig vor, wenn ich an die Gerichtsverhandlung zurĂŒckdachte, aber dann dachte ich, ich probier’s. Zuerst ließ ich mir von meinem Anwalt die Telefonnummer des Oberstaatsanwaltes geben. Dann rief ich gleich hinterher den Oberstaatsanwalt an und trug ihm meine Bitte vor, mir die Adresse des TĂ€ters mitzuteilen. Er war ĂŒber diesen Wunsch sehr ĂŒberrascht und sagte, dass er sich das erst gut ĂŒberlegen mĂŒsse, das wĂ€re ja doch sehr ungewöhnlich. Er wĂŒrde sich in ein paar Tagen noch mal melden. SpĂ€ter erfuhr ich dann, dass er nach diesem Telefonat völlig aufgelöst in die TeekĂŒche ging, wo er normalerweise nie hingeht. Dort saß ein anderer Staatsanwalt und dem erzĂ€hlte er von meinem ungewöhnlichen Anruf. Dieser Staatsanwalt war der Älteste, der zwei Wochen vorher mein Zeugnis gehört und mich kennen gelernt hatte. So konnte er den Oberstaatsanwalt beruhigen, indem er ihm sagte: Die Frau meint es ehrlich und hat keine racheartigen Gedanken, ganz im Gegenteil, er kennt mich und kann dem nur zustimmen. Ein paar Tage spĂ€ter kam die Frau des TĂ€ters zu dem Oberstaatsanwalt um ĂŒber die Entlassung ihres Mannes, zu dem sie die ganzen Jahre ĂŒber gehalten hat, zu sprechen. Der Oberstaatsanwalt trug ihr meine Bitte vor, und die Frau war einverstanden, dass er mir ihre Handynummer geben durfte.

Dann rief er mich wieder an und sagte, dass ich den Mann besuchen könnte, ich sollte es mit seiner Frau absprechen und gab mir ihre Nummer. Ich rief sie sofort an. Sie war sehr unsicher und wusste nicht, wie sie mit mir reden sollte, es war ihr sehr unangenehm. Das war an einem Donnerstag. Ich machte ihr den Vorschlag, mich mit ihr und ihrem Mann am Montag in dem Krankenhaus zu treffen, in das er gebracht worden war. Ich wĂŒrde sie Sonntagabend noch mal anrufen, was ich dann auch tat. Sie fragte mich, ob wir uns erst in Gegenwart einer Sozialarbeiterin des GefĂ€ngnisses treffen könnten, die sie seit der Tat betreut, da sie Angst hat, mir zu begegnen. Also machten wir den Treffpunkt aus.

An dem gleichen Donnerstagabend rief mich mein Leiter vom Schwarzen Kreuz an: Ein anderer Ältester seiner Gemeinde, ein Krankenpfleger, hatte einen Mann im Endstadium mit Krebs, der aus dem GefĂ€ngnis kam und unter dauernder Beamtenaufsicht war, auf seiner Station. Mein Leiter wusste natĂŒrlich sofort, um wen es sich handelte, und wollte mir mitteilen, dass ich doch den Mann dort gleich besuchen könnte, falls er wieder verlegt wird oder stirbt, was jederzeit geschehen könnte. Doch ich sagte ihm, dass bereits alles SEINEN offiziellen Weg geht, und dass ich den Montag abwarten werde. Der Krankenpfleger nutzte die Gelegenheiten, dem Mann und seiner Frau von Jesus und dem Geschenk des Ewigen Lebens zu erzĂ€hlen, wenn er bei ihnen im Zimmer war. Viele beteten fĂŒr mich und die bevorstehende Begegnung, die doch so wunderbar und detailliert von Jesus vorbereitet war, ER hatte alle TĂŒren geöffnet, alles war bestens vorbereitet, es lag nur noch an mir, zu gehen.

Dann kam der Montag. Es war der 9. Februar 2009, Nadines 23. Geburtstag, ich hatte Urlaub genommen. Nadine wusste von dem Treffen, wollte aber nicht einbezogen werden. Es war aber fĂŒr sie in Ordnung, dass ich ging, sie spĂŒrte, dass ich das wirklich wollte. Vormittags traf ich mich mit den beiden Frauen zu einem GesprĂ€ch, in dem ich schon mal erzĂ€hlen konnte, wie Jesus mir nach einer sehr leidvollen Zeit neues Leben schenkte und uns geheilt hat. Danach gingen wir ins Krankenhaus, wo bereits ein GefĂ€ngnisseelsorger bei dem Mann war und ihn auf das Treffen vorbereitete. Die GefĂ€ngnisleitung bestand auf seiner Teilnahme an dem Treffen, man hatte wohl immer noch Bedenken, ich könnte dem Mann etwas antun, um mich zu rĂ€chen.

Als ich in das Krankenzimmer kam, lag der Mann im Bett, streckte mir seine Hand entgegen, die ich nahm und festhielt, und er sagte mir: Ich habe viel Mist gebaut in meinem Leben, es tut mir leid! Meine Antwort war: Ich bin hier um Ihnen zu sagen, dass ich Ihnen vergeben habe, und dass es noch jemanden gibt, der Ihnen auch vergeben möchte, das ist Jesus Christus. Leider konnte ich nicht alles verstehen, was er mir antwortete, er stand unter starkem Einfluss von Morphium. Doch er bat mich, auf meine Frage hin, mit ihm zu beten, bzw. fĂŒr ihn, da er nicht wusste, wie er beten sollte. Ich sprach das LebensĂŒbergabegebet vor. Da liefen TrĂ€nen ĂŒber sein Gesicht, und er war bereit, „Ja” zu Jesus zu sagen, auch in seinem Herzen, das konnte man spĂŒren. Danach betete ich weiter fĂŒr ihn, legte sein Leben in die HĂ€nde Jesu, der auch fĂŒr ihn am Kreuz gestorben war, und ein tiefer Frieden, die fast greifbare Gegenwart und Herrlichkeit Gottes erfĂŒllte das Krankenzimmer – es war wunderschön!

Als ich mich wieder umdrehte zu den drei Menschen, die hinter mir standen, sah ich, dass sie von der starken, heiligen AtmosphĂ€re der Gegenwart Gottes genauso erfasst und berĂŒhrt waren. Die Sozialarbeiterin sagte: Ich hĂ€tte es nie fĂŒr möglich gehalten, dass es so etwas gibt. Der Seelsorger erklĂ€rte, dass hier ein ‘Wunder Gottes’ geschehen sei. Er strahlte aus seinen Augen, dass ich dachte, in ihnen erkenne ich Jesus. Auf meine Frage hin sagten die Frau und die Sozialarbeiterin auch ’Ja’ zu dem Gebet, und wurden dadurch zu Gotteskindern. Dann stellten wir uns alle um das Bett herum, hielten uns an den HĂ€nden und beteten das ‘Vaterunser’.

Kurze Zeit spĂ€ter verließ ich das Krankenzimmer, zutiefst berĂŒhrt und dankbar fĂŒr diese Begegnung und alles, was geschehen war. ErfĂŒllt von der Liebe Jesu sang und dankte ich unserem herrlichen Schöpfer dafĂŒr, dass ich das erleben durfte! Zwei Wochen spĂ€ter starb der Mann – als ein begnadeter SĂŒnder.


Ursula Link, 23.3.2013

Persönliches Zeugnis vom Kongress des Gemeindehilfsbundes “Die Kraft der Vergebung – Persönlicher und gesellschaftlicher Frieden durch den christlichen Glauben” in Bad Teinach-Zavelstein am 23.3.2013. Alle BeitrĂ€ge der beiden Kongresse des Gemeindehilfsbundes in Bad Gandersheim (15.3-17.3.2013) und in Bad Teinach-Zavelstein (22.3.-24.3.2013) sind in einem Dokumentationsband fĂŒr 7,60 Euro erhĂ€ltlich, der in GeschĂ€ftsstelle des Gemeindehilfsbundes bestellt werden kann.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 17. Februar 2014 um 10:51 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe.