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Die große Entfremdung

Donnerstag 13. Februar 2014 von WĂŒstenstrom e.V.


WĂŒstenstrom e.V.

Der Verlust der SexualitÀt

Interessiert uns noch der Mensch? Haben wir noch den Anspruch, ihn zu verstehen und ihm zu seiner eigenen Tiefe und zu seinem eigenen Menschsein zu helfen? – Immer öfter höre ich bei Besuchen in Gemeinden etwas anderes. So in der Frage, mit der ich mich wĂ€hrend eines Vortrags konfrontiert sehe: Warum lassen wir die Menschen nicht einfach so, wie sie sind? Warum haben wir als Christen immer etwas zu Ă€ndern? Aus einer anderen Gemeinde höre ich, dass dort seit neustem das Wort Notstandstheologie die Runde macht. Sie wird begrĂŒndet mit der Beobachtung, dass Gott sich auf viele Kompromisse eingelassen habe. Er habe ursprĂŒnglich keinen König in Israel gewollt, keine Scheidung und keine HomosexualitĂ€t. Aber all diese Dinge gebe es, Gott könne sich damit arrangieren und darum mĂŒsse man nicht nach GrĂŒnden fĂŒr das eine oder andere Verhalten fragen. Vielmehr mĂŒsse man mit der Situation leben lernen. Die Frage der Stunde lautet daher nicht: Wie können wir den Menschen und seine SexualitĂ€t verstehen? Die Frage der Stunde lautet: Wie können wir die verschiedenen sexuellen Lebensformen in die Gemeinden integrieren?

Der Mensch bleibt auf der Strecke

Auch wenn das auf den ersten Blick wie eine freundliche Politik der Integration erscheinen mag: der Mensch bleibt dabei tatsĂ€chlich auf der Strecke. „Ihn“ treffe ich oft nach den Veranstaltungen und VortrĂ€gen. Er bekennt, dass er sich im Klima der OberflĂ€chlichkeit nicht getraut habe, eine Frage zu stellen. Ob ich noch Zeit hĂ€tte? Was ich dann höre, sind Geschichten von Menschen, die in der Sucht nach Pornografie festhĂ€ngen. In der Gemeinde können sie darĂŒber mit niemandem sprechen. Ein Ehepaar spricht stockend ĂŒber die SexualitĂ€t, die ihnen nicht gelingen will. Sie stehen allein damit. In der gemeindlichen Seelsorge sehen sie derzeit keine Möglichkeit, das Problem anzusprechen. Eine Frau kommt auf mich zu und erzĂ€hlt, dass sie sich von ihrem Mann bedrĂ€ngt fĂŒhle. Er unterstelle ihr, dass sie prĂŒde sei. Der Pastor, mit dem sie versucht habe darĂŒber zu reden, hat sie auf Paulus verwiesen und den Satz, dass man sich einander nicht sexuell entziehen dĂŒrfe. Sie fĂŒhle sich schuldig, wenn sie ihrem Mann sexuell nicht zur VerfĂŒgung stehe, sei mit ihren KrĂ€ften jetzt aber auch am Ende. Nun traut sich auch der junge Mann auf mich zuzukommen, der mich seit dem Ende der Veranstaltung nicht mehr aus den Augen gelassen hat. Mit gesenktem Blick erzĂ€hlt er, dass er sich in meiner Geschichte wieder erkannt habe. Auch er empfinde fĂŒr das gleiche Geschlecht. Er habe heute Abend erst verstanden, dass das mit seiner inneren Angst vor anderen MĂ€nnern zusammenhĂ€nge. Er gehe oft auf der Suche nach anonymen Sexualkontakte in die Schwulensauna. Dort sei das Problem fĂŒr einen Moment wie weg geblasen. Aber im Alltag sei dann alles wieder da. Er fĂŒhle sich leicht gekrĂ€nkt, könne sich mit seiner MĂ€nnlichkeit kaum aushalten und denke, dass andere ihn auch unangenehm und peinlich finden. Das mache ihm so viel Stress, dass er immer wieder in die durch Illusion aufgeladene AtmosphĂ€re der Gay-Sauna fliehen mĂŒsse. Der Sex ermögliche ihm NĂ€he und gleichzeitige Überwindung seines inneren Glaubens, fĂŒr andere peinlich zu sein. Er wisse nun nicht, wohin er mit dem, was er verstanden hat, gehen soll. Hier in der Gemeinde hĂ€tte er niemanden, mit dem er reden könnte.

All diese Geschichten, die sich leicht um weitere Themen, Fragen und SĂŒchte erweitern ließen, haben eines gemeinsam: Die Menschen, die eine Not mit ihrer SexualitĂ€t haben, sind allein und treffen in ihrem Umfeld auf eine große Sprachlosigkeit in Sachen SexualitĂ€t. Mein Eindruck dabei ist: Man hat sich in den Gemeinden mit dieser Sprachlosigkeit abgefunden. Wurden wir frĂŒher in Gemeinden eingeladen, so bestand ein reges Interesse daran, die SexualitĂ€t des Menschen in ihren emotionalen, psychologischen, genetischen ZusammenhĂ€ngen zu begreifen. Das Interesse war getragen von dem Wunsch, die Fragen von SexualitĂ€t, Begehren, Ehe, Treue, Sucht, sexueller Verwirrung in den Kontext des biblischen Zeugnisses einzuordnen. Gleichzeitig war damit der Wunsch verbunden, Menschen mit ihren Fragen im Bereich der SexualitĂ€t zu verstehen. Letztlich wollte man helfen. DemgegenĂŒber muss ich mir heute die Frage stellen: Warum geht es in unseren kirchlichen Gremien und Gemeinden heute fast nur noch um die Frage, wie man bestimmte Lebensweisen in den Alltag der Gemeinde integrieren kann? – FĂŒr mich liegt der Grund in einer Geschichte der sukzessiven Entfremdung von SexualitĂ€t. Ich möchte dieser Annahme in drei Punkten nachgehen:

Entfremdung – erster Teil: Die Technisierung der SexualitĂ€t

Ist die Stellung, die wir heute zum Thema SexualitĂ€t haben, nicht wesentlich begrĂŒndet in einer Haltung, die sich mit der Möglichkeit zur kĂŒnstlichen EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung entwickelt hat? Begann der Verlust des Verstehens von SexualitĂ€t nicht dort, wo man in den 1960er Jahren die SexualitĂ€t technisiert und der kĂŒnstlichen VerhĂŒtung zugestimmt hat? Die Evangelische Kirche tat dies 1951 und 1958 und die BefĂŒrworter der Pille propagierten: Die Liebe kann jetzt spontan und ohne Folgen gelebt werden (vgl. G. BĂŒhrer-Dinkel). Die Aussage fĂŒhrt vor Augen: SexualitĂ€t wird damit zum Moment des GlĂŒcks, den sich zwei verschaffen. Die Liebe wird aber nicht mehr vernetzt, in Bezug auf das Paar, auf die Dauer von Beziehung, auf die Frucht einer Liebesgemeinschaft und auf das Leben verstanden. SexualitĂ€t wird allein auf den Moment spontan erlebten GlĂŒcks und der körperlichen Befriedigung reduziert.

Entfremdung wirkt sich aus

Ich weiß nicht ob ich ĂŒbertreibe? Beginnt aber hier nicht die Geschichte der Entfremdung des Menschen von seiner SexualitĂ€t? Wenn SexualitĂ€t einfachhin verfĂŒgbar ist: welche Notwendigkeit besteht dann noch, sie in ihren Tiefen und ihrer Verwobenheit mit der menschlichen Seele zu verstehen? Stirbt mit der VerfĂŒgbarkeit von SexualitĂ€t nicht auch das emotionale Wissen und damit die Sprache, mit der SexualitĂ€t im Austausch des Paares reflektiert werden könnte? Die Forschung um kĂŒnstliche VerhĂŒtung und Schwangerschaftsabbruch liefert dazu Stichworte wie „VerfĂŒgbarkeit und VerfĂŒhrbarkeit“, Libidoverlust, Ausbeutung der Frau, Verlust an WertschĂ€tzung fĂŒr die Geschlechtlichkeit von Mann und Frau, Verlust der WertschĂ€tzung fĂŒr das Kind und das Leben (vgl. Elmar Fischer). Gleichzeitig steigt der Glaube, dass SexualitĂ€t etwas ist, das jeder kann, das fĂŒr jeden irgendwie geht und gehen muss und was man sich ja jetzt auch leicht außerhalb von verbindlichen Beziehungen besorgen kann. Wenn man die Lust am Ehepartner verloren hat, braucht man nicht mehr miteinander zu kommunizieren. Man wechselt einfach den Partner. Immerhin lĂ€sst die Eheschließungs- und Scheidungsstatistik zwischen 1960 und 2012 eine solche Vermutung zu: So wurden in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1960 689.028 Ehen geschlossen. Ihnen standen 73.418 Scheidungen gegenĂŒber. Im Jahr 2012 ist die Zahl der geschlossenen Ehen auf 387.423 gesunken und die Scheidungen auf die absolute Zahl von 179.147 gestiegen. D.h., man kann schließen, dass derzeit 47 % aller Ehen geschieden werden.

Und warum? Weil man sich seit der Ermöglichung von Pille und Abtreibung von der Verantwortung entbinden kann, die SexualitĂ€t mit sich bringt? Vielleicht, weil man sich durch die steigenden Möglichkeiten sexueller Wahlfreiheit nicht mehr vor die Verantwortung gestellt sieht, seine SexualitĂ€t zu reflektieren, sie in Sprache zu fassen, damit der Partner meine BedĂŒrfnisse oder meine Not versteht? Oder weil die Sprachlosigkeit in Sachen Liebe und SexualitĂ€t den Dialog in den Ehen zum Erliegen gebracht hat? – Sicher wĂ€re es vermessen, die sexuelle Selbstentfremdung des Menschen zur alleinigen Ursache fĂŒr das Schwinden von Verbindlichkeit in Paarbeziehungen zu erklĂ€ren. Sexualwissenschaftler wie Gunter Schmidt sehen aber in der VerfĂŒgbarkeit von SexualitĂ€t auch den Grund dafĂŒr, dass SexualitĂ€t langweilig geworden ist, weshalb man stĂ€ndig nach neuen Reizen Ausschau halten mĂŒsse (vgl. Gunter Schmidt, Sexuelle VerhĂ€ltnisse – Das Schwinden der Sexualmoral, 1998). Man spricht demnach in den Ehe- und Paarbeziehungen nicht mehr ĂŒber SexualitĂ€t, sondern fĂŒllt die Sprachlosigkeit durch einen neuen Reiz. Der Soziologe und Sexualskeptiker Sven Hillenkamp kommt sogar zu dem Schluss, dass sich in der unendlichen Freiheit von Sexualmöglichkeiten und Reizen das Ende der Liebe ankĂŒndigt und bereits vollzieht (vgl. Sven Hillenkamp, Das Ende der Liebe, 2009). Verbindet man das Nachdenken ĂŒber die genannten Daten und Fakten mit einer SelbstprĂŒfung, so kann man zum Schluss kommen: Wir leben in einer Zeit, in der es nicht mehr notwendig ist, SexualitĂ€t zu verstehen oder sie in reflektierte Sprache zu bringen. Denn wenn der namenlose Druck von SexualitĂ€t in uns steigt, dann sind wir so frei zu nehmen, was wir zu brauchen meinen.

Entfremdung Teil zwei – Die RĂŒckkehr zum Essentialismus

Neben dem genannten Sprachverlust in Sachen SexualitĂ€t steht eine zweite Strömung: die RĂŒckkehr zum Essentialismus. Bezogen auf die SexualitĂ€t besagt er: SexualitĂ€t, sexuelle Orientierung ist angeboren. Auch diese Grundannahme hat zur Verflachung des Begreifens von SexualitĂ€t beigetragen. Sie hĂ€ngt, wie Bernhard Strauß nachweist, eng mit dem Auswandern der SexualitĂ€t aus der Psychologie in Richtung Sozialwissenschaften zusammen (B. Strauß et al, Bindung, SexualitĂ€t und Persönlichkeitsentwicklung, 2007). Allein innerhalb der Psychiatrie, die sich der Erforschung von Sexualstraften annahm, fragte man noch nach den inneren Motiven, der Verwobenheit von SexualitĂ€t und Psyche und der Sprache von Angst und Sehnsucht, die ein StraftĂ€ter in seiner SexualitĂ€t Ă€ußert. Die Erforschung und Diagnose von SexualitĂ€ten, so der Sexualwissenschaftler Robert Stoller, sollte aber dann aufgegeben werden, wenn man niemand verletze, benachteilige oder gegen irgendwelche Gesetze verstoße (vgl. R. Stoller, Perversion, 2001, S. 243ff.). SelbstverstĂ€ndlich sei, so Stoller, klar, dass „uns allen eine Diagnose auferlegt werden kann“ (ebd. S. 252). Solange wir aber nicht straffĂ€llig werden, sind wir vom Nachdenken und Begreifen der eigenen SexualitĂ€t suspendiert.

Mit solchen und Ă€hnlichen Argumenten wird innerhalb der psychiatrischen und psychologischen Wissenschaft der Forschungsgegenstand „menschliche SexualitĂ€t“ auf ein Abstellgleis geschoben. Der Mensch entledigt sich der Arbeit, sich und seine „normale“ SexualitĂ€t zu verstehen. Damit wird der Mensch, der an seiner SexualitĂ€t leiden könnte, abgeschafft. Von nun an mĂŒssen sich nur noch diejenigen ihrer SexualitĂ€t verstehend zuwenden, die durch sexuelle Entgleisung straffĂ€llig geworden sind. Der grĂ¶ĂŸere, verbleibende Rest der Menschen, muss sich nur noch soziologisch, jenseits aller Psychologie, in Gruppen und Kategorien einteilen lassen, die durch verschiedene Formen von SexualitĂ€t etikettiert werden. Ziel der Kategorisierung sei die Frage, wie sie aus ihrem RandstĂ€ndigen Dasein, das allein Leiden schafft, befreit und in die Gesellschaft integriert werden können.

Innerkirchliche Entwicklungen

In den 90ger Jahren fĂŒhrt dies innerkirchlich verstĂ€rkt zur Auseinandersetzung mit Gruppen von homosexuell lebenden Menschen, die mit ihrer Form SexualitĂ€t zu leben, anerkannt werden wollen. Liest man die kirchlichen Verlautbarungen von damals, so fĂ€llt auf, dass die psychische Entleerung der SexualitĂ€t nun eine Fortsetzung findet und die SexualitĂ€t in das Prinzip „angeboren“ und damit „unverĂ€nderbar“ ĂŒberfĂŒhrt wird. Dokumentiert wird diese Bewegung u.a. im Arbeitspapier fĂŒr rheinische Gemeinden und Kirchenkreise, „Homosexuelle Liebe“ mit dem Satz: „VerĂ€ndert hat sich die Ausgangshaltung (zur HomosexualitĂ€t) 
 durch die Begegnung mit homosexuell lebenden Menschen. Wir haben Zeugnisse homosexuell lebender Menschen gehört, die uns ihre Lebenssituation nĂ€her gebracht haben“ (ebd. 1992). Gleichzeitig, heißt es in der Verlautbarung weiter, ĂŒbernahm man auch eine bestimmte wissenschaftliche Auffassung von HomosexualitĂ€t. Ab jetzt sprach man von der „anlagebedingten HomosexualitĂ€t“ (ebd. S. 45). Konkret schloss man sich damit einer essentialistischen Auffassung von HomosexualitĂ€t an, die im gleichgeschlechtlichen Begehren eine Schöpfungsvariante sah. Eine solche Auffassung wurde in der Geschichte der Sexualwissenschaft von homosexuellen Forschern wie Karl Maria Kertbeny (1825 − 1882), Karl Heinrich Ulrichs (1825 − 1895) und von Magnus Hirschfeld (1868 − 1935) in die Diskussion um HomosexualitĂ€t eingefĂŒhrt. Dass eine solche Auffassung von dem Sexualwissenschaftler Rolf Gindorf oder Erwin Haeberle als ideologisch und unwissenschaftlich gebrandmarkt wurde, interessierte niemanden (vgl. R. Gindorf, Sexualwissenschaftliche Sexualforschung 2, 1989, E. Haeberle, Die SexualitĂ€t des Menschen, 2000). Vielmehr wurde durch die Sprachfigur „anlagebedingte HomosexualitĂ€t“ das Terrain abgesteckt, innerhalb dessen das Thema HomosexualitĂ€t in kirchlicher Seelsorge kĂŒnftig zu denken sei. Als Begrenzungspfosten diente dabei der Glaube an eine angeborene, unverĂ€nderliche HomosexualitĂ€t; dem folgte die Überzeugung, dass Menschen, die ihre HomosexualitĂ€t nicht leben dĂŒrfen leiden; was zur Konzeption einer Seelsorge fĂŒhrte, die den Homosexuellen und seine HomosexualitĂ€t unhinterfragbar bestĂ€tigte und sich nur noch mit der Frage nach einer möglichen Integration homosexuellen Lebens in die Gemeinde beschĂ€ftigte; was ergĂ€nzt wurde durch die hartnĂ€ckige Diskussion um die Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften.

Ausschluss von anderen Sichtweisen

Dass es Menschen geben könnte, die an ihrer HomosexualitĂ€t leiden, weil sie diese als nicht zu sich gehörend empfindet oder dass es eine „nicht-angeborene“ HomosexualitĂ€t geben könnte, wurde aus der Diskussion völlig ausgeklammert. Denn mit der Essentialisierung der SexualitĂ€t war klar: SexualitĂ€t muss man gar nicht verstehen. Sie ist Schöpfungsvariante, was den Menschen von jeglichem Nachdenken ĂŒber seine SexualitĂ€t entbindet. Zementiert wurde die so aufgestellte Denkregel, in dem man die Gruppen, die anderes vertreten, gekonnt aus dem kirchlichen Leben ausschloss. Sie wurden als „Umpoler“ und „Menschenverachter“ gebrandmarkt und radikalisiert. Denn wer Menschen im Nachdenken ĂŒber SexualitĂ€t begleitet, schafft Leiden, was inhuman ist. Zu keinem Moment wird – ĂŒbrigens bis heute – daran gedacht, dass sich diese Menschen vielleicht nur zum Sprachrohr derjenigen machen, die in ihrer SexualitĂ€t nichts Angeborenes sehen konnten, sondern in ihr das wahrnahmen, was Robert Stoller bei aller Neigung die Diagnose HomosexualitĂ€t zu eliminieren, so beschrieb: „Auf der Suche nach den vielfĂ€ltigen Ursachen homosexuellen Verhaltens können sich Befunde ergeben, die nachweisen, dass sich bei vielen Homosexuellen die bevorzugte Objektwahl und wesentliche gewohnheitsmĂ€ĂŸige nicht-erotische Verhaltensweisen aus Trauma und Versagung in der Kindheit entwickeln.“ (R. Stoller, Perversion 2001, S. 252). Letztlich durfte es und darf es aber solche Menschen nicht geben, was sich an Bestrebungen zeigt, die Therapie von HomosexualitĂ€t bei Jugendlichen zu verbieten. Einen entsprechenden Gesetzentwurf wurde am Ende der letzten Legislaturperiode von BĂŒndnis 90/DIE GRÜNEN unter der FederfĂŒhrung des Abgeordneten Volker Beck in den Bundestag eingebracht und an die AusschĂŒsse verwiesen.

Das Nachdenken ĂŒber SexualitĂ€t soll nun also von Staatswegen verboten werden. Wer jungen Menschen, mit ihren sexuellen Nöten kĂŒnftig zuhört, wird mit einer Geldstrafe von mindestens 500 Euro belegt. Ein Effekt auf die Fragen, die Erwachsene Menschen bezĂŒglich ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung haben, ist, so Volker Beck in einem Interview des hessischen Rundfunks, ausdrĂŒcklich erwĂŒnscht.

Der Weg fĂŒr eine differenzierte, dem Menschen und seiner SexualitĂ€t gerecht werdenden Begleitung, wird damit zunehmend erschwert. Und selbst, wenn ein solches Verbot derzeit politisch nicht durchsetzbar ist, die Tatsache, dass solche Gesetze politikfĂ€hig und um wissenschaftlichen Dienst des Bundestages durchgewunken werden, wirft auch ein Licht auf das gesamtgesellschaftliche Klima, in dem wir uns befinden.

Die dritte Welle der Entfremdung: „ZeitgemĂ€ĂŸe Vielfalt“

Die Geschichte der Entfremdung des Menschen von seiner SexualitĂ€t ist damit aber noch nicht zu Ende erzĂ€hlt. So hat man sich in der innerkirchlichen Diskussion der letzten zwanzig Jahren nicht nur konsequent einer wissenschaftlich fundierten Diskussion um das PhĂ€nomen SexualitĂ€t verweigert, sondern entzieht sich ihr neuerdings durch das Stichwort „zeitgemĂ€ĂŸâ€œ.

ZeitgemĂ€ĂŸ bedeutet, dass SexualitĂ€t nicht mehr nur in HeterosexualitĂ€t und HomosexualitĂ€t gedacht werden soll. ZeitgemĂ€ĂŸ heißt, SexualitĂ€t ist heute, nach dem sie jenseits aller Psychodynamik im Wesenskern oder der vermeintlichen „Geschlechts-IdentitĂ€t“ des Menschen Platz genommen hat, endlich zur vielfĂ€ltigen Möglichkeit unterschiedlicher LebensentwĂŒrfe geworden. Wer glaubt, das sei eine Übertreibung oder den Analen einer bloßen sexuellen Befreiung entstiegen, der tĂ€uscht sich. In einem neu ĂŒberarbeiten Handbuch mit dem Titel „SexualpĂ€dagogik der Vielfalt“ (2012) werden Jugendliche aufgefordert, ein modernes Bordell einzurichten. Dabei sollen sie sich mit der sexuellen Vielfalt, wie sie in unserem Land gelebt wird, auseinandersetzen und dabei folgende Fragen beantworten: Welche Personengruppen, mit welchen sexuellen Vorlieben, mĂŒssen in diesem Bordell bedient werden können? Welche Personen mit welchen FĂ€higkeiten mĂŒssen dort angestellt werden, damit „alle möglichen Menschen 
 zufrieden gestellt werden können?“ (ebd. S. 75). Die Vielfalt folgt neosexuellen Revolution, wie sie der Arzt und Soziologe Volkmar Sigusch fĂŒr unsere Zeit diagnostiziert (vgl. V. Sigusch, NeosexualitĂ€ten 2005). In seinen Schriften ruft der ehemalige Lehrstuhlinhaber fĂŒr Sexualforschung an der UniversitĂ€t Frankfurt den Menschen auf, endlich den Glauben an eine festgefĂŒgte, anlagebedingte Hetero- und HomosexualitĂ€t zu ĂŒberwinden. ZeitgemĂ€ĂŸ sei, dass der Mensch endlich die SexualitĂ€ten leben lerne, die pervers oder normal in ihm schlummern. Denn dem Menschen sei die freie und perverse Gestaltbarkeit seiner SexualitĂ€t möglich, weil er in sich zugleich Romantiker, aber auch Fetischist, Voyirist, Exhibitonist oder Sadist (etc.) sei. FĂŒr ihn ist die SexualitĂ€t des Menschen neben Vielem vor allem eines: polymorph-pervers (vielgestaltig und verdreht) (vgl. V. Sigusch, SexualitĂ€ten 2013, S. 230).

Innerkirchlich wird der zeitgemĂ€ĂŸen Sicht auf SexualitĂ€t bereits gefolgt. So verweist man innerhalb der jĂŒngst veröffentlichen Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“, besser bekannt unter dem Titel „Familienpapier“, darauf, dass die Bibel kein eindeutiges PlĂ€doyer zur Ehe enthalte.

Denn wenn man die Bibel sozialgeschichtlich liest, dann wird deutlich, dass die Vielehe des Abraham und Jakob, neben einer gleichgeschlechtliche Beziehung steht, wie sie von Rut, Orpa und Noomi gefĂŒhrt wurde. Selbst die Beziehung, die Jesus zwischen Maria und Johannes gestiftet hat, ist innerhalb der Orientierungshilfe ein Beleg dafĂŒr, dass die Bibel den Menschen zur Freiheit ermutigen will, weshalb sie verschiedene Lebensformen, neben die Ehe stelle (vgl. ebd. 44).

Hier findet nun die Entfremdung des Menschen von seiner SexualitĂ€t seinen einstweiligen Höhepunkt. Denn wenn alles möglich ist und man nur mit der Zeit zu gehen habe, dann muss eigentlich nur noch die Frage geklĂ€rt werden, wie man alle möglichen Formen von SexualitĂ€t ethisch legitimieren. Dabei geht es lĂ€ngst nicht mehr allein um die Frage, wie man gelebte HomosexualitĂ€t mit der christlichen Ethik vereinbaren kann, sondern auch um die Frage, ob nicht die sexuelle Beziehung zu mehreren Partner moralisch vertretbar gemacht werden kann. Eine Tagung der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. und der MĂ€nnerarbeit der EKD hat sich zu diesem Thema im Juni diesen Jahres in Kassel Gedanken gemacht. „Das Ziel der Fachkonferenz“ so der Einladungsprospekt „ist, Menschen fĂŒr die Vielfalt von LebensentwĂŒrfen zu sensibilisieren bzw. ihren Blick zu weiten und damit auch Prozesse anzuregen, um neue kirchliche Angebote fĂŒr Menschen in ihrer heutigen Lebens-, Arbeits- und Beziehungssituation zu entwickeln. Die Fachkonferenz will somit zu einem Klima beitragen, in dem es möglich wird, das gemeinschaftliche Leben in Beziehungen verschiedener Art dankbar als gute Gabe Gottes zu verstehen, anzunehmen und zu leben“. Dass zur BegrĂŒndung der sexuellen Vielfalt einmal die „anlagebedingte HomosexualitĂ€t“ ins Feld fĂŒhrt und sich im nĂ€chsten Satz an der Sprache der NeosexualitĂ€t berauscht, in der dem Menschen die Überwindung von „hetero- und homonormativen VerkĂŒrzungen“ von SexualitĂ€t möglich ist, scheint dabei niemand zu stören. Da es im Ganzen eh nicht um das wirkliche Verstehen und Durchdringen von SexualitĂ€t geht, kann man diese wissenschaftliche Ungenauigkeit billigend in Kauf nehmen.

Entfremdung und Lieblosigkeit

An diesem Punkt kehre ich an den Anfang zurĂŒck: Die Geschichte um die Auseinandersetzung mit SexualitĂ€t zeigt, SexualitĂ€t wird nicht psychologisch und im Rahmen menschlichen Lebens verstanden, vielmehr wird sie konsequent nach außen verlagert. So degradiert kĂŒnstliche VerhĂŒtung SexualitĂ€t zur bloßen VerfĂŒgungsmasse. Im Word Wide Web wird SexualitĂ€t gar zur Massenware. In der wissenschaftlichen Forschung wird sie in Soziologie  abgedrĂ€ngt und verkĂŒmmert zur sozialen Kategorie, wo sie als gesellschaftlich, kulturelle Erscheinungsformen statistisch aufgezeichnet werden. So ans Ende gekommen muss man ĂŒber eine SexualitĂ€t in sich nicht mehr nachdenken. Schon einige Zeit ist sie nur noch das politische Statement fĂŒr einzelne Gruppen, die um Anerkennung und soziale Integration ihrer Lebensformen ringen, sei sie homosexuell, bisexuell, pĂ€dosexuell, transsexuell, fetischistisch oder polyamor. SexualitĂ€t ist damit nichts, dem der Mensch zwischen GefĂŒhl und Seele achtsam nachspĂŒren soll und durch Sprache einholen kann. Denn von jeder fĂŒhl- und sprachmĂ€chtigen Durchdringung hat sich der Mensch schon lange verabschiedet.

Laut höre ich aus dieser Summe die Eingangs erwĂ€hnte Aufforderung: Lasst sie doch so! Die Konfrontation wird mir von einer christlich engagierten Frau entgegengehalten. Sie rechnet sich selbst dem evangelikalen Spektrum zu. Wenn wir bis hier her den Gedanken der schrittweisen Entfremdung von der SexualitĂ€t gefolgt sind, können wir ihren Einwurf verstehen. Denn wie soll sie, sprachlos in einer sexuell sprachlos gewordenen Gesellschaft, hinter der Geschichte, mit der sie ihre Konfrontation rechtfertigt, etwas anders verstehen als eine „angeborene HomosexualitĂ€t“ oder die Forderung doch endlich die sexuelle Vielfalt des Menschen zuzulassen?

Die Geschichte, die sie ihren Worten beistellt, lÀsst eine junge Frau erscheinen, die heute in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt. Sie sei schon immer eher burschikos gewesen und habe mit Jungs gespielt. Mit ihrem MÀdchen- und Frausein, sei sie nie zurecht gekommen. Das wisse sie von der Mutter, die mit dem MÀdchen nichts rechtes anfangen konnte. Solchen Menschen könne man doch nicht sagen, dass sie sich verÀndern sollen.

Sicher, kein Mensch hat das Recht einem Menschen zu sagen, dass er sich verĂ€ndern soll. Dass ist ein Entschluss, den der Mensch immer alleine und in Verantwortung vor sich selbst zu treffen hat. Aber Zuhören und Verstehen, kann man einem Menschen schon. WĂŒrde man das, so mĂŒsste man an die Geschichte der Frau manche Fragen stellen. Zum Beispiel die einfach Frage, wie sich das MĂ€dchen wohl gefĂŒhlt hat, als die Mutter sie nicht verstand? Oder wie es ihr mit der Tatsache gegangen ist, dass sie sich nicht in die Gruppe der MĂ€dchen integrieren konnte? Man könnte dann fragen, warum sich das MĂ€dchen burschikos verhalten haben? Sei es wirklich nur Veranlagung gewesen oder hatte das burschikose Verhalten im Leben des MĂ€dchens eine regulierende Funktion? Etwa die, sich von einer Mutter, die sie nicht verstehen konnte, zu distanzieren oder die von der Mutter ausgehende BeziehungskĂ€lte abzuwehren? Vielleicht hat das ganze Verhalten des MĂ€dchens aber auch etwas mit dem Vater zu tun. Hat er in dem MĂ€dchen unbedingt einen Jungen sehen wollen und hat das MĂ€dchen ihr burschikoses Verhalten entwickelt, um wenigstens vom Vater NĂ€he zu bekommen, wo ihr schon die Mutter distanziert gegenĂŒber stand? Im dem Moment wo ich mit der Frage der Frau konfrontiert werde, sehe ich viele anderen Frauen mit Ă€hnlichen Verhalten vor mir und höre die Not, die sie mir in ihrer Geschichte nahe gebracht haben. Das MĂ€dchen hat niemand, der ihr zuhört. Die Geschichte des MĂ€dchens bleibt uns begraben unter dem Satz, „Lasst sie doch so“, verborgen! Wird hier die Entfremdung vom inneren Wissen um SexualitĂ€t zur Lieblosigkeit? LĂ€sst die Sprachlosigkeit in Sachen SexualitĂ€t, den Menschen, der an seiner SexualitĂ€t leidet, nicht einfach im Stich? Vielleicht wird ja mit der vierten Welle der Entfremdung, auch die Tatsache abgeschafft, dass ein Mensch an seiner sexuellen Orientierung leiden kann? Sind wir nicht schon mitten darin?

Und was nun? Gott beauftragt uns, den nĂ€chsten zu lieben. Ich weiß nicht ob sie mir zustimmen: Die Entfremdung von SexualitĂ€t hat unsere Gesellschaft zwar liberaler gemacht, sie befördert aber auch eine Lieblosigkeit und KĂ€lte, die an der Not von Menschen einfach vorbei geht.

Ich denke, das widerspricht sowohl der WĂŒrde des Menschen, mit der wir aufgefordert sind, dem Menschen alles an die Hand zu geben, damit er sich verstehen kann. Sie widerspricht aber auch dem Grundsatz Jesu, der sich verstehend und erbarmend auf den Menschen und seine innere Wirklichkeit einlĂ€sst. Wollen wir den Menschen und seiner SexualitĂ€t aber gerecht werden, dann mĂŒssen wir beginnen, die Entfremdung zu ĂŒberwinden. Das aber kann nur gelingen, wenn wir bei uns und dem Verstehen unserer SexualitĂ€t beginnen.

Markus S. Hoffmann

Quelle: WĂŒstenstrom, Die Liebe wĂ€chst trotzdem, 6.12.2013 (www.wuestenstrom.de)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 13. Februar 2014 um 12:01 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Sexualethik.