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Wahres Glück – Neujahrs-Predigt über Ps 73,28a

Glücksjunkies

wir sind „Glücksjunkies“, so schreibt der Berliner Pfarrer Alexander Garth in seinem Buch „Warum ich kein Atheist bin!“ über uns Menschen. Ganz allgemein – über Sie und über mich. Was halten Sie davon? Es könnte sein, dass Sie sagen: Ein Junkie – ich doch nicht? Von einem Junkie haben wir ein klares Bild – „das ist einer, der jeden Tag Drogen nimmt“. Aber wir müssen das Bild gar nicht in dort lassen. Seriöse Seminare werden angeboten, wie ich ein noch besserer Junkie werde – oder genauer gesagt, wie ich ein „Glücksjunkie“ werde: „Lerne, Dein Leben auf Glücklichsein einzustellen, indem Du Selbstvertrauen aufbaust, Grenzen und Blockaden erkennst und wie ein Magnet für Wunder wirst“, heißt es da zum Beispiel in einer Anzeige. Das klingt gut, und natürlich ist hier niemand gemeint der sich mit Drogen putscht, sondern jemand, der das Glück sucht und lernt anzuziehen.

Glücklich leben – das wollen wir gern. Viele Menschen würden das als Lebensziel definieren. Deswegen stieß auch die Themenwoche der ARD zum Thema Glück im vergangenen November auf so große Resonanz. Fragen Sie sich doch bitte einmal Folgendes: Wenn Sie ein Kind haben – vielleicht auch ein Patenkind oder eines was Ihnen sehr ans Herz gewachsen ist – was wünschen Sie sich für das Kind? Natürlich, dass es glücklich wird – aber was bedeutet das für Sie? Wir stellen die Frage natürlich, weil wir so viel Enttäuschung und Schmerz und Unerfülltheit in dieser Welt erleben. Und meistens sind es dann eben die anderen, die glücklich, zumindest glücklicher als ich sind. Sie haben mehr, sie wirken ausgeglichener, sie sind nicht allein, sie sind schöner, sie haben Freunde, die ich auch gern hätte.

Liedschreiber für das neue Jahr

Darf ich Ihnen Asaf vorstellen!? Viel wissen wir nicht von ihm, nur, dass er ein berühmter Sänger sein Zeit war. König David hatte ihn im Jerusalemer Heiligtum als solchen eingesetzt. Und einige seiner besten Songs lesen wir in der Bibel. Und Sie wissen ja, die besten Lieder sind die, die aus der Mitte des Lebens erzählen. Im 1. Chronikbuch lesen wir darüber hinaus, dass Asaf ein prophetischer Mann ist, das heißt, dass Gott durch ihn gesprochen hat. Von Asaf stammt Psalm 73 – der Psalm, aus dem in Vers 28 die Losung für dieses Jahr entnommen ist, ein Wort, das herausgesucht wird, um den Christen im deutschsprachigen Raum eine biblische Orientierung zu geben, die sie in diesem Jahr begleitet.

„Gott nahe zu sein“, schreibt er dort, „ist mein Glück“. Manchen von Ihnen ist vielleicht die Übersetzung von Martin Luther vertrauter: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte“. Ein Mensch auf der Suche nach Glück. Vielleicht wie wir: Neues Jahr, neues Glück – mal sehen was rauskommt. Dabei meinen wir oft so etwas wie: Mal sehen, wie es das Schicksal mit uns meint. Weil ich vielleicht auch schon ahne, dass manches nicht prickelnd sein wird. Asaf sagt diese Worte: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“, nicht als einen schönen Spruch. Er sagt sie, nachdem er eine nicht leicht zu verdauende Erfahrung machte: Er hat dauernd Probleme – aber als einer, der sein Vertrauen auf Gott setzt. Anderen, die Gott links liegen lassen, geht es extrem gut. Er erlebt sie als wohlhabend, einflussreich, angesehen. Sie sind gottlos glücklich. Psalm 73 zeugt von diesem Ringen. Asaf sagt dort zum Beispiel:

Ps 73:4 Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund … ist ihr Leib.

Ps 73:5 Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt.

Ps 73:7 Sie … tun, was ihnen einfällt.

Ps 73:8 Sie reden und lästern hoch her.

Ps 73:11 … Sie sprechen: … Wie sollte der Höchste etwas merken?

Ps 73:12 Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.

Asaf ist ein Autor biblischer Worte. Das heißt, seine Worte sind von Gott inspiriert. Und trotzdem ist er, der sich auf Gott verlässt, voller Zweifel. Das zeigt uns nur eins, auch am Anfang des neuen Jahres, wenn wir manches hoffen und wünschen: Dass jeder Mensch sie hat – Zweifel. Sie werden geprägt durch unsere Lebenserfahrungen.

Asaf sagt von sich:

Ps 73:2 Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt wäre beinahe geglitten.

Oder auch

Ps 73:13 Soll es denn umsonst sein, dass ich mein Herz rein hielt …?

Ps 73:14 Ich bin doch täglich geplagt.

Wir wissen nicht genau, was Asafs Not ist – vielleicht ein gesundheitliches Problem – vor allem hat er in seinem Problem ein Problem mit Gott: Er zweifelt an ihm. Er ist kurz davor, ihm abzusagen. Er erlebt nicht seine Nähe.

Das Glück der anderen

Vielleicht sagen Sie: Andere haben nicht so viele Schönheitsmakel, ihnen gelingen ihre Pläne, sie erreichen ihre Ziele, sie können an tollere Urlaubsorte fahren, sie werden nicht von Leuten von oben herab betrachtet, weil sie Christen sind. Da kannst Du schon dran verzweifeln. Oder noch ganz anders: Sie sind heute morgen in tiefer Trauer, weil Sie einen geliebten Menschen verloren haben, Sie tief verletzt wurden, Sie allein sind, Sie all die anderen sehen, die eben dann gerade in den Armen liegend durch den Park spazieren. Auch wenn wir wissen: Natürlich haben alle Menschen in diesem Leben Hartes zu bewältigen und erfahren Leid, ist die Frage für viele dennoch naheliegend: Warum die, die sich auf Gott verlassen?

Die Bibel geht mit Zweifeln auf unterschiedliche Art und Weise um. Jesus scheut sich nicht, sie Unglauben zu nennen – und wer ein Leben lang nicht vom Zweifel zum Glauben findet, für den trifft das sicher zu. Es ist nur konsequent und ehrlich, das zu sagen. Aber Zweifel können beides tun, sie können uns auch in die Arme Gottes treiben. Weil ein Mensch anfängt, sich auf die Suche nach Gott zu machen. Es kann heilsame Unruhe entstehen. Deswegen: Wenn Sie an Gott zweifeln, vielleicht weil Sie nicht mit dem klarkommen, was in dieser Welt und in Ihrem Leben passiert – hören Sie nicht auf mit Ihrer Suche nach Gott, sondern suchen Sie umso stärker! Uns hilft eben doch nicht der Schutzengel, den wir uns wünschen, sondern – und das macht dieser Psalm deutlich – uns hilft nur der lebendige Gott. Der, an dem Asaf zweifelt. Denn es gäbe diesen Psalm nicht, wenn sich Asafs Leben nicht verändert hätte.

Einmal um die eigene Achse – im Gottesdienst

Und wie kam es dazu: Der Psalm geht weiter:

Ps 73:16 So sann ich nach, ob ich’s begreifen könnte, aber es war mir zu schwer,

Ps 73:17 bis ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende.

Asaf braucht kein Motivationstraining und auch kein Mitleid. Was er braucht ist die Gegenwart Gottes. In diese geht er. Auf deutsch: Er ging in den Gottesdienst. Hier wird konkret gesagt: In den Tempel und damit an den Ort, an dem Gott im Alten Testament zu finden ist. Und liebe Gemeinde, das war für ihn auch nichts Neues. Aber genau dort ist Gott ihm begegnet. Er geht, macht sich auf, um Gott anzubeten. Er geht, macht sich auf, um Gottes Wort und Orientierung aus ihm zu hören. Das machen wir heute – auch am Radio. Wir bringen unser Herz zu Gott. Und plötzlich erlebt er das, was Gottes Wort zu uns bringt: Das Wort, was wir uns nicht selbst sagen können und nicht in uns tragen. Er erlebt die Kraft des Wortes Gottes. Die Bibel ist Botschaft von Gott, und ihr Wort wirkt, indem es Leben verändert. Und dabei eben oft nicht unsere Umstände, aber unsere Blickrichtung und uns SELBST.

Der Blick voraus

Asaf merkt vor allem eines: Er sieht, dass das Leben ohne Gott keinen festeren Grund bietet als das Leben mit ihm, vor allem weil er das Ende der Gottlosen sieht. Im Buch des Propheten Maleachi lesen wir:

Mal 3:18 Ihr werdet am Ende doch sehen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.

Wir sehen, dass sich Leben mit Gott auszahlt. Spätestens am Ende. Der Boden, auf dem ich ohne Gott stehe, ist wackelig:

Psalm 73:

Ps 73:18 Ja, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund und stürzt sie zu Boden.

Ps 73:19 Wie werden sie so plötzlich zunichte! Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.

Wir haben uns in unserem Leben und am Ende unseres Lebens vor Gott zu verantworten – und da zählt etwas anderes. Da zählt: ER! Asaf beginnt das zu verstehen. Gottes Ziel für unser Leben liegt nicht zuerst darin, uns ein nach den Maßstäben dieser Welt glückliches Leben zu schenken, sondern uns zu zeigen, dass ER unser ganzes Glück ist. Und dass seine Nähe, ihm nahe zu sein, das ist, was im Leben entscheidend zählt. Und was sehr tiefgehend froh und glücklich macht. Der Psalm findet zu steilen Aussagen:

Ps 73:25 Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

Ps 73:26 Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Nicht Glück haben, sondern Gott selbst

Wissen Sie: Manchmal wird uns etwas anderes gesagt: Nämlich, dass es Dir gut geht, wenn Du an Gott glaubst. Es wird gesagt: Gott wirkt ganzheitlich. Deine Pläne gelingen. Wir glauben das. Und wenn nicht, dann wackelt unser Gottesbild. Weil dieser Glaube dadurch gekennzeichnet ist, dass Gott unser Leben unterstützt – aber so wie wir das wollen. Die Welt dreht sich um uns, und Gott sitzt am Rand. Er hat meine Vorstellung vom Leben, vom Lebensglück zu tragen und zu festigen – ich mache was ich will was meinen Beruf angeht, meine Partnerwahl. Mein Körper gehört mir, Sexualität lebe ich, damit ich glücklich werde, so wie ich es will. Das Evangelium ist keine Botschaft, mit dem gelingt, was Sie geplant haben, wenn Sie daran glauben, mit der es Ihnen körperlich oder materiell besser geht oder gehen muss. Das Evangelium setzt Gott in das Zentrum unseres Lebens. Die Bibel sagt: Wenn unser Leben hart ist – dann ist es so entscheidend, dass Sie in der Nähe Gottes sind und seinen Frieden im Herzen haben, wie wir das an unzähligen verfolgten Christen sehen. Sie werden in vielen Ländern dieser Erde gefangen, getötet und dürfen sich nicht frei versammeln – aber sie weichen nicht und finden Ruhe und Frieden in ihrem Herrn. Und er sorgt auch für die, die alles haben und sich glücklich wissen – weil alles Gute Segen von ihm ist. In armen Ländern fällt es Menschen oft leichter, das zu sehen, als uns in Westeuropa.

Umkehren zu einem großen Gott

Dieser Wechsel der Blickrichtung passiert nur dann, wenn wir das tun, was Asaf tut: Wenn wir umkehren. Asaf erkennt, dass er in seiner Not trotzdem gottlos wurde. Äußeres wurde so wichtig, dass er Gott klein macht. Der Autor Thomas Kotulla schreibt in seinem Buch: „Die Begründung der Welt“ von dem starken Versuch von Menschen, ihr Leben durch einen Liebespartner zu definieren – ein gottgleiches Wesen. Der dennoch, und das ist dabei unsere große Not, sichtbar die Spuren von Verfall und Unvollkommenheit an sich trägt. Und wenig später beschreibt er, wie jede Form von wirtschaftlichem Aufschwung uns sofort dazu bringt, uns selbst bestätigt zu fühlen und uns grenzenloser zu wissen. Obwohl uns dieser, genau wie unsere Gesundheit und andere Menschen, so enttäuschen kann. Wo wir Mensch und Materie zu groß machen, wird Gott klein gemacht. Doch wir, wir brauchen nichts dringender als einen großen Gott, dem wir vertrauen können und den wir nicht so behandeln, als sei er uns etwas schuldig. Asaf sagt: „Ich war ein Narr und wusste nichts, ich war wie ein Tier vor Dir“ (Vers 22). Wie konnte ich nur so denken?

Wofür leben Sie?

Wir werden die Nähe Gottes nur erleben, hier und in der Ewigkeit, wenn wir ihm das Eigentumsrecht über unserem Leben zugestehen als dem, der uns gemacht hat. Wofür leben Sie, das will ich Sie am Ende fragen? Wofür werden Sie im neuen Jahr leben? Sie werden tiefes Glück erfahren, und das will Gott für Sie, wenn Sie Gott lieben und darin Ihr Glück finden, und nicht ihn als Glücksfaktor nehmen, um nach Ihren Vorstellungen glücklich zu werden. Das trägt in Zweifel und Anfechtung und rettet durch den Tod. Deswegen: Bitten Sie Gott um seine Nähe – und das heißt: Um Vergebung dafür, dass wir ihn klein gemacht haben. Bitten Sie um Jesus, in dem Gott uns nahe gekommen ist.

Gott nahe sein – für immer und ewig durch Jesus

Denn was am Ende trägt ist der Gott, der selbst ins größte Unglück unserer Welt hineingekommen ist. Jesus, das sagt die Bibel, ist nicht einfach ein religiöser Lehrer gewesen. In ihm ist Gott auf die Erde gekommen. Und er hing nach einem Leben ohne Schuld am Kreuz und betete: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“. Warum hast Du mir Deine Nähe entzogen? Das betete der, der bekommen hat, was wir verdienen, und trägt, was wir nicht tragen können, damit alle, die an ihn glauben, Gottes Nähe erleben und mit Gott verbunden und versöhnt sind. Für immer und ewig, weil Jesus auferstanden ist und lebt. Das ist unser Glück und unsere Freude. Glauben Sie das? Wenn nicht – fangen Sie damit an! Gott ist ein Gebet weit entfernt und sehnt sich nach Ihnen. Und wenn das so ist, dann sagen Sie das weiter, denn wir Menschen hungern nach Glück, warten darauf und brauchen diesen großen Gott, der zu uns gekommen ist.

Amen

Pfr. Christian Heurich
Evang.-Luth. Kirchengemeinde Stolpener Land
Der Gottesdienst wurde am 1.1.2014 vom MDR und DLF übertragen