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In der Gemeinde bleiben

Predigt im Advent über Hebr 10,19-25

Liebe Zuhörer, ein Pferd und ein Esel streiten sich über ihre Bedeutsamkeit. Das Pferd sagt: „Ich bin größer als du, ich bin stärker, ich bin schneller.“ Der Esel überlegt und erklärt dann feierlich: „Pferde werden in Zukunft von der Technik überholt werden, Esel aber wird es immer geben.“

Liegt es an der Zukunftsbedeutsamkeit des Esels, dass Jesus auf dem Grautier nach Jerusalem hineinritt? Nein, Jesus drückte Bescheidenheit aus. Erniedrigung. Und Erfüllung des Prophetenwortes von dem Erlöserkönig, der auf einem Jungesel dahertraben wird. Das verstanden längst nicht alle von denen, die vor der Stadt zusammenströmten und dem Reitersmann zujubelten wie das Stadion dem Fußballstar. Doch die es damals verstanden und die es später begriffen, wer er ist: sie bilden die wahre Kirche und Gemeinde des Herrn. Christliche Gemeinde: sie versammelt sich. Sie lobt Jesus, den Erlöserkönig. Sie zieht mit ihm durchs offene Tor Richtung Heiligtum.

Aufs neue geschieht das an jenem zukünftigen Adventstag, wenn der Sohn Gottes auf den Wolken des Himmels daherkommt. „Werdet ihr dann als Gemeinde versammelt sein?“, fragt der Hebräerbriefschreiber, nach Überzeugung der frühen Kirche niemand anderes als der Apostel Paulus. „Werdet ihr als Gemeinde im Jesuslob geübt sein, wenn er kommt? Werdet ihr als treue Gemeinde mithineinziehen ins himmlische Heiligtum? Oder werden einige von euch unangenehm überrascht werden, weil sie davongelaufen sind? Werden einige von euch nicht bereitstehen zum Jubeln, weil sie zwar einmal dabei waren bei dem christlichen Haufen, dann aber abgehängt haben – Ach, keine Zeit! Ach, ob er wirklich erlöst? Ach, sein Königtum, doch nur ein schönes Märchen!?“

Die Hebräergemeinde, wohl wegen ihrer Nähe zum Judentum so benannt, zeigt Ermüdungserscheinungen. Und Auflösungserscheinungen. Der Apostel warnt eindringlich. Wer dort nicht dabei ist, wo Jesus als König und Erlöser gegrüßt wird, der landet am Ende sozusagen auf der andern Seite von Jerusalem: das westliche Hinnom-Tal, wo früher den Baalsgöttern Kinder als Opfer verbrannt wurden, liefert dem Neuen Testament den Begriff Gehenna, das heißt: Hölle, Gottestrennung. „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“: zu diesem Warnruf sieht sich der Apostel genötigt in Hebräer Kapitel 10. Mit allem Ernst und mit aller Freude an dem menschenfreundlichen Gottessohn mahnt der Apostel dazu, dranzubleiben am Glauben. Dabei zu bleiben bei dem Haufen, der über Jesus jubelt. Drinzubleiben in der Gemeinde. Der Aufruf von Hebräer 10 lautet:

 1. Bleibt drin in der Gemeinde, die vertrauensvoll beichtet!

Wahrscheinlich ritt Jesus auf dem Transporter mit Vierbeinantrieb durchs Goldene Tor nach Jerusalem hinein, das direkt zum Tempelberg führt. Bis zum heutigen Tag ist dieses Tor zugemauert. Die Osmanen hätten verhindern wollen, dass der Messias eines Tages wieder herrlich einzieht, heißt es.

Viel wichtiger als dieser alte Zugang zur Stadt ist dem Apostel der „Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang“. Das Tempelhaus hat der Seelsorger der Hebräergemeinde vor Augen, das keineswegs für jedermann zugänglich ist, sondern mehrfach abgeschrankte, heilige Zone. In den Tempelraum kommt nur der diensthabende Priester hinein, in das Allerheiligste hinter dem großen, blau-roten Vorhang nur der Hohepriester an einem einzigen Hochfeiertag im Jahr. Und das nur nach sorgfältigen Waschungen und mit vorgeschriebenen Opferdarbringungen. Vorsicht, der Heilige! – so lernt es jeder Jude von Kindesbeinen an. Vorsicht, seine Gegenwart! Vorsicht, seine Unverträglichkeit mit der geringsten Sünde! Vorsicht, die unbedingt erforderlichen Tieropfer! Das alte Zugang zu Gott: ganz schön schwierig.

Aber jetzt, so freut sich der Apostel, haben wir ja einen neuen Zugang zu Gott: ganz schön leicht. Obwohl es für Jesus nicht leicht war, diesen Zugang zu schaffen. Als Menschenopfer hat er sich auf den Altar gelegt. Den großen Vorhang hat er von oben her durchgerissen. Als endgültiger Hohepriester hat er kein Tempelhaus aus Stein und Gold betreten, sondern das Heiligtum im Himmel. Durch einen andauernden, ständig wirksamen Priesterdienst stellt Jesus Verbindung her zwischen dem Allerheiligsten und uns so gottesbedürftigen Menschen.

Einem Hindupriester in Indien ging auf, dass das etwas ganz anderes ist als seine Religion. Er hatte an bestimmten Festtagen bis zu 100 Ziegen zu schlachten, sühnende Opfer. Doch die Rituale ließen ihn leer. Der Priester sah bei einer öffentlichen Vorführung das verfilmte Leben von Jesus nach dem Lukasevangelium. Er begriff, dass das entscheidende, vollkommene Opfer gebracht ist. Er meldete sich bei den Veranstaltern und wurde Christ, begeistert von dem herrlich freien Zugang zu Gott.

Der Apostel ist genauso begeistert: „So lasst uns hinzutreten!“ Lasst uns den herrlich freien Zugang nutzen! Lasst uns die Nähe Gottes suchen, aus der uns Segen entgegenströmt! Diese segensreiche Annäherung ist immer mit der Reinigung des Sünders verbunden, unterstreicht der Briefschreiber. Er spielt auf das Taufwasser an, das nur äußerlich den Körper berührt und doch innerlich das Gewissen reinwäscht. Zu der Reinheit der Taufe kehrt die Hebräergemeinde jedes Mal zurück, wenn sie Gottesdienst feiert und das Beichtgebet spricht: ehrlich, in aufrichtiger Reue, aber auch mit vollem Vertrauen auf den Hohenpriester Jesus, der alles sühnt, vergibt und die gequälten Gewissen befreit.

Ein tüchtiger Stadtkämmerer erfuhr das persönlich, der völlig ausgebrannt in eine psychosomatische Klinik eingeliefert wurde. Er erzählte von einem Verkehrsunfall seiner Jungen-Erwachsenen-Zeit, den er verursacht und dabei einen guten Freund und Mitfahrer getötet hatte. Damit ist er nie fertiggeworden. Bei einer ProChrist-Veranstaltung hörte er, dass Jesus Christus von jeder Schuldenlast befreit. Er trat nach vorne unters Kreuz und wurde Christ. Jetzt spricht er von einer neuen Lebensqualität.

Das Gebet in der Gemeinde hilft uns, den herrlich freien Zugang zu Gott zu nutzen. Das Beichtgebet lädt uns ein, nichts zu verstecken, sondern alles rückhaltlos offenzulegen. Das Gebet in vollem Vertrauen auf den großen Hohenpriester macht unser Gewissen frei und unsere Seele heil. Deshalb: „Lasst uns hinzutreten!“ Lasst uns Christen werden, bei denen alles, alles bereinigt ist! Lasst uns drinbleiben in der Gemeinde, die vertrauensvoll beichtet.

 2. Lasst uns drinbleiben in der Gemeinde, die hoffnungsvoll bekennt.

„Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn“, schrieen sie Jesus am Stadttor von Jerusalem entgegen. Ein Bekenntnis zum Erlöserkönig, zum Messias. Viele verstanden nicht, was sie da eigentlich hinausposaunten. Die, die es verstehen und ganz bewusst bekanntmachen, bilden die wahre Kirche und Gemeinde des Herrn.

„‘Jesus ist der erwartete Messias‘, so bekennt ihr es doch, wenn ihr im Gespräch mit Juden seid“; der Apostel weiß, wie es zugeht in der urchristlichen Hebräergemeinde. „‘Jesus ist der Herr, der Schöpfer der Welt, womit sich die Römer- und Griechenreligion erledigt‘, so vertretet ihr’s doch selbst gegenüber Priestern vom Jupiter- und Athene-Tempel.“ Nun, dann: „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken!“ Der Bekenntniseifer der Hebräer scheint in letzter Zeit ziemlich nachgelassen zu haben. Sonst würde der Apostel nicht so pochen auf das gemeinsame, offene Wort von Jesus. Dass die Mitchristen deutlich zurückhaltender geworden sind, könnte mit schlechten Erfahrungen zusammenhängen. Von bissigem Spott spricht dasselbe Kapitel, von Raub in Christenhäusern, also: von einem Kampf gegen die neue Sekte. Da wird man doch vorsichtig. Da hält man lieber den Mund. Da überlegt man sich, ob es nicht besser wäre, nicht dazuzugehören. Denen, die sich auf leisen Sohlen davonschleichen wollen, gebietet der Hebräerbrief Einhalt. Das wäre die Verleugnung und der Verrat, mit dem das Heil verlorengeht. Wenn das Jesuswort wahr ist: „Wer mich nun bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Wer Jesus verleugnet und verschweigt, den verschweigt er auch am Ende bei der Aufrufung der erlösten Namen.

Deshalb üben wir uns darin, klar und offen zu ihm zu stehen. Etwa dadurch, dass wir im Gottesdienst das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen. Diese Sätze aus der frühen Kirche halten fest, was denn so besonders ist an dem gekreuzigten Mann, der wieder lebt, und was denn so einzigartig ist an der heiligen christlichen Kirche, die der Geist Gottes immer neu belebt. Wir reihen uns ein in den langen Zug der Bekenner, die uns vorausgingen.

Wir halten das Wissen um den lebendigen Gott wach in unserer Zeit, in der ganz andere Bekenntnisse wichtig sind. Das lautstarke Bekenntnis der Fußballfans zu ihrem Verein sieht man im Fernsehen. Unter Computernutzern kennt man bekennende Apple-Kunden: nur Apple, sonst nichts. Das allgegenwärtige Glaubens-Bekenntnis, Homosexualität sei normal und jede ablehnende Meinung dazu sei unmoralisch, ja fast eine Art von krimineller Handlung, taucht jetzt sogar auf einer Internetseite der Bundesliga auf. Pfarrer Hermann Traub, der kürzlich verstorben ist, aber noch eine Predigtvorbereitung für den ersten Advent veröffentlicht hat, erklärt: Worauf unsere Gesellschaft zur Zeit mit aller Medienmacht eingeschworen wird, ist die Toleranzgemeinschaft der Gutwilligen, die kantigen christlichen Aussagen immer weniger Raum lässt. Traub sagt: „In dieser gesellschaftlichen Bedrohung, die sich zum Schluss zur Gemeinschaft der Unbarmherzigen entwickeln wird, die alle nicht Gleichgeschalteten ausmustert, halten wir fest am Bekenntnis der Hoffnung.“

Das Ganze des christlichen Glaubens wird mit dem Wort „Hoffnung“ charakterisiert. Der Blick geht nach vorne. Dorthin, wo der Erlöserkönig erscheinen wird. Um uns zu erlösen aus aller Aushöhlung und Verdrängung des Christentums.

Heute schon zieht dieser Gottesbevollmächtigte in seine Gemeinde ein. Um dem Krebskranken beizustehen, der gerade nicht glauben kann; dem Ehepartner, der denkt, in seiner Ehe werde nichts mehr besser; dem Lehrer, der die Hoffnung für seine Klasse aufgegeben hat; dem Gemeindeglied, das sich nur noch negativ über seine Gemeinde äußert.

„Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung!“ Lasst uns auf den Herrn setzen, der alles ändern und bessern kann! Lasst uns offen zu ihm stehen, auch wenn sich eine ganze Kultur gegen ihn stellt! Lasst uns drinbleiben in der Gemeinde, die hoffnungsvoll bekennt.

3. Lasst uns drinbleiben in der Gemeinde, die liebevoll begleitet.

Gerade so, wie am Stadttor vor Jerusalem die Leute zusammenliefen, um Jesus zu feiern, so sind die Christen in der Gründungszeit der Hebräergemeinde zusammengelaufen: gepackt von dem Erlöser, dem König, dem Gott auf Erden. Jetzt aber, vermutlich nur wenige Jahre später, laufen manche davon. Sie bleiben den Gottesdiensten fern, dann auch den Liebesdiensten an Witwen und Waisen, dann auch den Gemeindeessen. Wie enttäuschend für die andern, die treu dabei sind! So geht das Gemeindeleben den Bach hinunter, das ist klar! Der Apostel setzt ein Stoppzeichen und startet ein Rückrufaktion: „Lasst uns nicht verlassen unsere Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen.“

Die Ermahnung wird ans dritte Gebot erinnern, das nicht nur ein Ruhegebot, sondern auch ein Versammlungsgebot ist: „Sechs Tage sollst du arbeiten; der siebente Tag aber ist feierlicher Sabbat, heilige Versammlung.“ Die Ermahnung wird das Jesuswort groß machen: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Die Ermahnung wird auf die geistliche Erfahrung hinweisen: Wer vom Weg in die Gemeinde abkommt, der kommt auch vom Glaubensweg ab.

Eine Ermahnung, wie eben frisch geschrieben für unsere Zeit der 1000 Wochenendaktivitäten, der ausgebluteten Gottesdienste und der geleerten, schließlich auch verkauften Kirchengebäude. Wissen die, die wegbleiben, dass es bei diesem Schwundproblem nicht um die Wahrung des kirchlichen Mitgliederstandes oder nur um die Enttäuschung der Restgemeinde geht, sondern um ihr geistliches Leben? Die Gemeinde des Herrn soll der Kindergarten, die Schule und das Erwachsenenbildungszentrum für den Glauben sein. Sie soll eine Gemeinschaft sein, in der einer auf den andern achtet: „Wie geht es Ihnen?“ „Ich habe dir ein Ermutigungswort für deine Krankheitszeit!“ „Frau Schmidt habe ich schon lange nicht mehr hier gesehen, ich werde Sie mal anrufen.“

„Lasst uns aufeinander achthaben und anreizen zur Liebe und zu guten Werken.“ Den besten Anreiz schafft wohl überzeugendes Christenleben. Ein alter Gemeinschaftsmann fällt mir ein, ein stiller, lieber Mensch, der noch auf dem Hof mithalf, zu Fuß weite Wege zu Krankenbesuchen ging und bei der Bibelauslegung treffende Wegweisungen mitzuteilen wusste.

Solche Wegbegleiter brauchen wir! Wir finden sie in der Gemeinde. Ich will drinbleiben in der Gemeinde, die vertrauensvoll beichtet, die hoffnungsvoll bekennt und die liebevoll begleitet. Ich will keinesfalls dort fehlen, wo man den ankommenden Erlöserkönig grüßt. Amen.

Pfr. Tobias Eißler, Predigt zum 1. Advent am 1. Dezember 2013